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Geschichte/Historik

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914

(Veröffentlicht in GralsWelt 83/2014)

„Jetzt gehen in Europa die Lichter aus, und niemand von den Lebenden wird sie mehr leuchten sehen.“
So empfand der britische Außenminister Sir Edward Grey (1862–1933), der Mann, der nach Historiker Golo Mann „den Krieg hätte verhindern können“, den Ausbruch des 1. Weltkrieges im August 1914.
Tatsächlich legte dieser Krieg das Fundament für eine Reihe tragischer Entwicklungen bis hinein in die heutige Zeit.

Zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sahen sich die Staaten Europas auf einem guten Weg. Wirtschaft und Technik hatten sich in einem noch nie dagewesenen Tempo entwickelt. Die europäische Wissenschaft und die europäische Kultur waren führend in der Welt. Sie wurden, wie auch das Christentum als größte Weltreligion, in die Kolonien getragen; nach allgemeiner Überzeugung zu deren Wohl.
Die Weltpolitik bestimmten vor allem europäischen Staaten, einschließlich Russlands, und das von inneren Krisen erschütterte, schwächelnde osmanische Reich. Die USA spielten in der Weltpolitik noch keine bedeutende Rolle.

Durch das schnelle wirtschaftliche Wachstum waren in den Industriegesellschaften zwar tiefgreifende soziale Spannungen entstanden; doch diese würde der stetig steigende Wohlstand nach und nach entschärfen, und alle – Arme wie Reiche – könnten besser leben als je zuvor. Die Grausamkeiten der Kriege wollte man mildern durch humanitäre Verträge wie die Genfer Konvention von 1864, die Kongoakte von 1885 und die Haager Landkriegsordnung von 1899.

Der Niedergang des Abendlandes?

Der erste Krieg mit modernen technischen Mitteln war der amerikanische Bürgerkrieg (1861–65, vgl. „Kurz, knapp, kurios“ Seite 446 „Die Sklaverei endete, der Rassismus blieb“) mit unglaublich vielen Toten und Verwundeten. Doch dieser grausame Krieg und seine Schrecken wurden in Europa zu wenig wahrgenommen.
Die europäischen Strategen hatten mehr den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Blick, in dem Kavallerieattacken Schlachten entscheiden konnten.

Außerdem glaubte – trotz aller Rüstung – kaum einer an den ganz großen Krieg in Europa. Während man deren Brisanz ignorierte, schaukelten sich die vielfachen politischen und wirtschaftlichen Rivalitäten zwischen den europäischen Mächten auf, und zahlreiche innenpolitische Schwierigkeiten verschärften die Spannungen, bis diese in die große Katastrophe führten.
So trieben Politik und Militär auf eine gigantische kriegerische Auseinandersetzung zu, deren Gewalt und Dynamik und vor allem deren Konsequenzen alle beteiligten Staaten weit unterschätzten.

Ein gigantisches Ringen
„Der Erste Weltkrieg war eine Tragödie fürchterlichen Ausmaßes gewesen. 65 Millionen Männer waren mobilisiert worden – um viele Millionen mehr, als je zuvor an einer militärischen Auseinandersetzung teilgenommen hatten –, um einen Krieg auszufechten, bei dem es, wie man ihnen erzählt hatte, um Gerechtigkeit und Ehre, um nationalen Stolz und hehre Ideale ging; einen Krieg, der allen Kriegen ein Ende bereiten und eine ganz neue, weltweite Ordnung des Friedens und der Gerechtigkeit begründen werde …
Bis zum 11. November 1918, als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde und der Krieg zu Ende ging, waren acht Millionen Soldaten gefallen; weitere zwanzig Millionen waren verwundet oder verstümmelt, siechten an Krankheiten dahin oder spuckten als Folge von Gasangriffen Blut. Die Zahl der Zivilisten, die im Zuge dieses gigantischen Ringens ihr Leben ließen, wird auf den zweistelligen Millionenbereich beziffert.“ (1, S. 7).

Im August 1914 begann der Kollaps des „Alten Europa“. Die „Mittelmächte“ (Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich) kämpften gegen die „Entente“ (franz. für Einverständnis, Bündnis). Diese bestand aus Frankreich, Großbritannien und Russland sowie seit Kriegsbeginn noch aus Belgien und Serbien, außerdem ab 1915 Italien. 1917 griffen dann die USA kriegsentscheidend ein. Bis zum Kriegsende waren zudem China, Griechenland, Japan, Montenegro, Portugal, Rumänien und Siam im Krieg gegen die Mittelmächte.

In mörderischer Selbstzerfleischung ruinierten sich die Staaten Europas in einem Vernichtungskrieg von noch nie gekanntem Ausmaß, dem „großen Bürgerkrieg des Westens“ (1). Maschinengewehre, Luftschiffe, Fesselballone, Flugzeuge, weitreichende Kanonen schwersten Kalibers, Panzerschiffe, Unterseeboote, Flammenwerfer, Minen, Giftgas und Panzerwagen bewiesen in grausamen Materialschlachten das Zerstörungspotential eines modernen Krieges mit Millionen Toten, Verwundeten, körperlich oder seelisch Verstümmelten.

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Europa des 19. Jahrhunderts untergegangen, die Welt irreversibel verändert. Die Vormachtstellung Europas in der Welt war gebrochen, das Ende des Kolonialismus und des Britischen Weltreiches kaum mehr aufzuhalten. Russland war nun bolschewistisch, und der expandierende Kommunismus war zu einer weltweit gefürchteten, revolutionären Ideologie geworden. Der Aufstieg der USA zur führenden Weltmacht war eingeleitet.

Die misslungene Friedensordnung

Schon die Napoleonischen Kriege kann man im Grunde als Weltkrieg bezeichnen. Es wurde nicht nur in den meisten Ländern Europas gekämpft – von Spanien bis Russland, von Italien bis Dänemark –, sondern auch in Ägypten, in der Karibik, in Südafrika, im Atlantik, im Mittelmeer und im Indischen Ozean.

Doch nach diesen zähen Kriegen voller Hass und Grausamkeit gelang den Kabinetten der Monarchen eine relativ stabile Friedensordnung, die immerhin bis zum Ersten Weltkrieg – schlecht und recht – ein knappes Jahrhundert einigermaßen gehalten und den ganz großen Krieg verhindert hat.

Dagegen gab es nach dem Ersten Weltkrieg und der Kapitulation Deutschlands am 11. November 1918 keine Friedensordnungen, sondern Kapitulationsbedingungen. Die siegreichen Demokratien ließen dem Vergeltungsgedanken gegenüber den gestürzten Monarchien freien Lauf. Die im Krieg gebrachten Opfer waren für alle Beteiligten hart, für die am schwersten Betroffenen katastrophal. Nun sollte besonders Deutschland, der verhasste Feind, der von den Siegern für alle Leiden und Zerstörungen verantwortlich gemacht wurde, ganz entschieden zur Rechenschaft gezogen werden[1].

Winston Churchill (1874–1965) muss es geahnt haben, als er im Jahr 1901 in einer Parlamentsdebatte fast prophetisch sprach:
„Ein Krieg in Europa kann nur mit dem Ruin der Besiegten und der kaum weniger schwer wiegenden wirtschaftlichen Verelendung und der physischen Erschöpfung des Siegers enden. Die Demokratie ist rachsüchtiger als die Kabinettspolitik, die Kriege der Nationen sind schrecklicher als die der Könige.“
(6, S. 37).
Doch im August 1914 begrüßte Churchill den ausbrechenden Krieg! (1, S. 36).

Im Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 wurde Deutschland die alleinige Schuld am „Weltkrieg“ zudiktiert. Das Deutsche Reich musste einen Teil seines Territoriums abtreten und verlor seine Kolonien[2]. Durch den aufgezwungenen Friedensvertrag wurde es schwer gedemütigt und durch untragbare Reparationsforderungen überlastet.

Unter diesen schwierigen, fast hoffnungslosen Startbedingungen litt die erste deutsche Demokratie und scheiterte. Somit wurde der Zweite Weltkrieg – wie Historiker immer deutlicher erkennen – eine Fortsetzung des Ersten! Beispielsweise sagte der englische Premier David Lloyd George (1863–1945) nach der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles: „Jetzt haben wir ein schriftliches Dokument, das uns Krieg in zwanzig Jahren garantiert.“ (2, S. 58).

Wer trug die Verantwortung?

Lange konzentrierte sich die Kriegsschuldfrage auf den fragwürdigen Artikel 231 des Vertrags von Versailles, der die Alleinschuld Deutschlands politisch festschrieb. Es gab danach unzählige Für und Wider. Langsam setzte sich die Meinung durch, dass vom Tagesgeschehen weitgehend absorbierte Politiker, nach dem Krieg noch voller Hass, wenig geeignet sind, historische Sachverhalte festzulegen.

Europas Abgang von der Weltbühne
„Die Anzeichen dafür, dass der Westen in einen langsamen Todeskampf eingetreten ist, lassen sich längst nicht mehr übersehen. In einem einzigen Jahrhundert sind alle großen Königshäuser des europäischen Kontinents zugrunde gegangen. Sämtliche Reiche, die einst über die Welt herrschten, gehören der Vergangenheit an. Vom islamischen Albanien abgesehen, weist keine einzige europäische Nation mehr eine Geburtenrate auf, die es ihr ermöglichen würde, ihren bevölkerungsmäßigen Bestand bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu wahren. Seit drei Generationen schrumpft der Anteil der europäischstämmigen Völker an der Weltbevölkerung unerbittlich. Infolge der Dritte-Welt-Invasion, gegen die sich kein Widerstand mehr regt, verändert sich der ethnische Charakter sämtlicher westlicher Nationen unwiderruflich. Wir sind drauf und dran, allmählich von der Erdoberfläche zu verschwinden.
Nachdem der Westen den Willen zum Herrschen verloren hat, scheint er mittlerweile auch den Willen zur Bewahrung seiner einzigartigen Kulturen zu verlieren. Er gibt sich hemmungslos den Freuden der Spaßgesellschaft hin; wer die Erde, über die er einst regierte, als Erbe übernehmen wird, ist ihm allem Anschein nach völlig gleichgültig.“ (1, S. 6).

Heute sind die meisten Historiker der Ansicht, dass man die Verantwortlichkeit nicht allein am Deutschen Kaiser Wilhelm II., seinem Kabinett und seinen Generalen festmachen kann. Denn so gut wie alle maßgeblichen Politiker hatten versagt. Sie schlitterten schlafwandlerisch in einen Krieg, den niemand wollte und den niemand verhinderte. David Lloyd George schrieb in seinen Erinnerungen:
„Wir alle sind in den Krieg hineingestolpert.“ (1, S. 13).

Nach den Verantwortlichen für die ungerechten Friedensverträge braucht man nicht lange zu suchen. Russland scheidet aus, denn es hatte nach seiner Oktoberrevolution von 1917 einen Sonderfrieden mit dem Deutschen Reich geschlossen. Nach der Kapitulation Deutschlands aber ließen die italienische und die englische Regierung und besonders der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau ihrem Hass gegen Deutschland freien Lauf, den die gemäßigteren USA nicht bremsen konnten. (Mitunterzeichner des Versailler Friedensvertrages waren die Staaten Belgien, Bolivien, Brasilien, China, Ecuador, Griechenland, Guatemala, Haiti, Hedschas, Honduras, Japan, Kuba, Liberia, Nicaragua, Panama, Peru, Polen, Portugal, Rumänien, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Siam, die Tschechoslowakei und Uruguay!) Enttäuscht zogen sich die Vereinigten Staaten aus der europäischen Politik zurück und wurden nicht einmal mehr Mitglied in dem Völkerbund, dessen Gründung besonders ihrer Initiative zu verdanken gewesen war.

Die zweite Großkatastrophe und danach

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die überzogenen Wiedergutmachungsforderungen den Boden für die zweite Großkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Europa fast zwangsläufig bereitet.

Der Zweite Weltkrieg, der wie vorhergesagt fast genau 20 Jahre später, am 1. September 1939, ausbrach, forderte noch weit mehr Opfer, brachte noch viel größere Zerstörungen, erzeugte ungeheuerliche Verbrechen und veränderte die Weltkarte mehr als jeder Großkonflikt zuvor. Die Kriegsschuld für den zweiten europäischen Großkrieg wird dieses Mal einhellig dem „Führer des Großdeutschen Reiches“ zugeschrieben. Dieser hat sein verblendetes Volk in die totale militärische Niederlage und den schlimmsten moralischen Tiefpunkt seiner Geschichte geführt. Gegenüber dem warnenden Ruf Abd-ru-shins in seinem Vortrag „Der Schrei nach dem Helfer“ – erschienen vor 1931 – waren die Deutschen taub geblieben.

Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 spaltete sich Europa in zwei geteilte Lager. Ein „Eiserner Vorhang“ trennte den kommunistischen Ostblock vom demokratischen Westen. Zwei ideologisch verfeindete, hochgerüstete Lager standen sich nervös und misstrauisch gegenüber. Ein Irrtum oder eine Zufälligkeit konnte in den Jahren des „Kalten Krieges“ einen Atomkrieg auslösen.

Der Westen des Europäischen Kontinents konnte mit amerikanischer Hilfe zügig wieder aufgebaut werden. Vor allem die USA waren an einem florierenden Europa interessiert. Westdeutschland wurde dieses Mal keine untragbaren Reparationen aufgezwungen, so dass sich an seiner wirtschaftlichen Entwicklung die Überlegenheit einer freiheitlichen Demokratie gegenüber sozialistischen Diktaturen beispielhaft zeigen ließ.

Auch gelang es, durch tatsächlichen Friedenswillen die alten Feindschaften aufzulösen und speziell die „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland zu beenden. An die alte Konfrontation der Nationalstaaten tritt seither die Kooperation in der Europäischen Union. Diese hat vieles erreicht, doch sie hat Demokratie-Defizite, und die neue europäische Bürokratie in Brüssel hat einigen Nachholbedarf, um die Bevölkerung aller Mitgliedsländer zu überzeugen. Der Nationalegoismus ist noch nicht überwunden. In Krisenzeiten sind Rückfälle in Nationalismus und Rassismus nicht auszuschließen. Die dringend erforderliche politische Union Europas liegt noch in weiter Ferne.

Mitteleuropa genoss in den sieben Jahrzehnten nach 1945 die längste kriegsfreie Zeit seit der Epoche der „pax romana“[3]. Trotz der Spannungen im Ost-West-Konflikt gab es keinen großen Krieg; nicht zuletzt, weil das Risiko eines Kernwaffeneinsatzes zu hoch ist. Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhanges scheinen gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den größeren europäischen Mächten unwahrscheinlich. Doch blutige kleinere Kriege und hasserfüllte Bürgerkriege blieben dem im 20. Jahrhundert in zwei großen Kriegen gebeuteltem Kontinent auch nach dem Zeiten Weltkrieg nicht erspart.

Das Ende einer einheitlichen Welt

Im fernen Osten dauerte der Krieg nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 noch Monate an. Erst der Einmarsch russischer Truppen in die Mandschurei und die Vernichtung von zwei japanischen Städten durch Kernwaffen zwang Japan zur Kapitulation am 8. August 1945. Auch dieses Land wurde von US-Truppen besetzt.

Vier Jahre später wurde China kommunistisch und damit zum Feind des Westens. Zur Eindämmung des Kommunismus führten die USA verlustreiche Kriege in Korea und in Vietnam; zur Bekämpfung des Terrorismus kämpfen US- und internationale Truppen in Afghanistan. Der Koreakrieg endete mit einem Patt, die anderen Kriege der USA in Asien waren bzw. sind so gut wie verloren[4] . (Der bekannte Ausspruch „never fight a land war in Asia“ wird Dwight Eisenhower zugeschrieben).

Im Nahen Osten ist die von engstirnigen Kolonialisten nach dem Ersten Weltkrieg diktierte Aufteilung der einst osmanischen Länder für die bis heute anhaltenden Instabilitäten mit verantwortlich. In den meisten Staaten des Nahen Ostens gab es Volksaufstände, Bürgerkriege oder Kriege; zum Beispiel in Palästina und am Persischen Golf. Die US-Truppen hinterließen nach zwei kostspieligen Kriegen gegen den Irak dort ein Desaster. In Syrien zerfleischen sich derzeit unnachgiebige, hasserfüllte Gruppen und zerstören ihr eigenes Land.

In Afrika sind nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie alle Kolonien selbständig geworden; doch die daraus entstandenen Staaten – nördlich oder südlich der Sahara – sind noch längst nicht alle im stabilen Gleichgewicht. Kaum ein Jahr vergeht ohne ernste Krisen, religiös begründeten Terror, Volksaufstände, Völkermord und Bürgerkriege.

Südamerika blieb von den beiden Weltkriegen verschont. Doch nicht von sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Krisen und Bürgerkriegen, deren Ursachen nicht zuletzt auch Einflüssen von außen zuzuschreiben sind.

Aus der vergleichsweise einheitlichen Welt des 19. Jahrhunderts wurde nach zwei ebenso unnötigen[5] wie verderblichen Weltkriegen die multipolare Welt des 21. Jahrhunderts. Um 1900 gab es weltweit 55 souveräne Staaten (Wikipedia). Heute haben die Vereinten Nationen 193 Staaten als Mitglieder. Kolonien gibt es so gut wie keine mehr, doch die ersehnte Selbständigkeit brachte oft weder Frieden und Freiheit noch Demokratie und Wohlstand. Vom Demokratieversagen in vielen Ländern einmal abgesehen.

In fast allen Ländern der Welt gibt es größere oder kleinere Konflikte: Finanzchaos, Fremdenfeindlichkeit, Migrationsdruck, ökonomische und ökologische Probleme, politische oder religiöse Spannungen, Radikalismus, Rassismus, Überschuldung …

Neue Spieler im Weltgeschehen

Wenn man den heutigen Stand betrachtet, kann man durchaus Parallelen zu ähnlichen Situationen und Ereignissen der Vergangenheit finden und darauf Schlussfolgerungen aufbauen:

Die Welt verändert sich rasend schnell, weit schneller als je zuvor, und macht es den Verantwortlichen schwer, die kaum noch steuerbaren Entwicklungen zu kontrollieren.

Das politisch uneinige Europa hat keine Weltgeltung mehr. Die einst weltweit maßgebliche europäische Kultur ist längst nicht mehr führend. Wenn sich der kleine Kontinent nicht bald aufrafft, zusammensteht, gemeinsam für seine Interessen eintritt, wird er unter den „global playern“ nur eine Nebenrolle spielen.

Diese nötige Gemeinsamkeit der Europäer hat in der Euro-Krise sehr gelitten. Mit einer unüberlegt eingeführten Gemeinschaftswährung wollte man eine Klammer schaffen, die Europa zusammenzwingt; doch die Ökonomie widerlegt die Politik! Die Völker haben ihr Vertrauen zu Brüssel zum großen Teil verloren. In Nationen, die unter wirtschaftlichen Repressalien leiden, die nicht das Volk verschuldet hat, könnte es zu ernsthaften politischen Schwierigkeiten kommen bis hin zum Volksaufstand.

Die USA sind – ähnlich dem Britischen Weltreich im 19. Jahrhundert – wirtschaftlich, politisch, militärisch überfordert. Bei dem folgendem Zitat könnte man meinen, es spräche von den Ambitionen der USA seit 1950:

„Ich bin der festen Überzeugung, dass die öffentliche Meinung dieses Landes dem gefährlichen Irrtum verfallen könnte […], es sei unsere Aufgabe, alle erdenklichen Verpflichtungen auf uns zu nehmen, gegen jedermann zu kämpfen und jede Meinungsverschiedenheit zu einem Streit ausarten zu lassen. Dies scheint mir eine sehr riskante Auffassung, nicht nur, weil sie andere Nationen gegen uns aufbringen könnte […], sondern weil sie eine noch ernsthaftere Gefahr in sich birgt, nämlich dass wir unsere Stärke überschätzen. Wie stark ein Mensch oder ein Land auch sein mögen, es gibt einen Punkt, über den ihre Kraft nicht hinausreicht. Leichtfertig darüber hinauszugehen ist Wahnsinn und beschwört unweigerlich eine Katastrophe herauf.“ (1, S. 5).
Dies sagte der englische Premierminister, Lord Salisbury (1830–1903), in einer Thronrede des Jahres 1897!

Und Politiker Patrick Buchanan schrieb 2009:
„Das Britische Empire hat kaum einen Fehler begangen, den wir – die USA – nicht nachgeäfft hätten.“ (1, S. 315).

Durch ihre oft kurzsichtige, arrogante, kriegerische Politik trieben uneinsichtige amerikanische Regierungen ihr Land in eine finanzielle Krise und machten es zum Feindbild der farbigen Völker der Welt! Es wird den Vereinigten Staaten von Amerika schwer fallen, weiterhin die erste Geige zu spielen. Seine Bevölkerung – in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts mit einer farbigen Mehrheit[6] – wird nicht einsehen wollen, dass die Vormachtstellung der einst unangefochten führenden Weltmacht zu Ende geht. Dabei besteht für uns Europäer wenig Grund, schadenfroh zu sein. Weltpolitisch sind wir derzeit nicht viel mehr als ein Beiboot der USA, das leicht zusammen mit diesen untergehen kann!

Aufstrebende Mächte – Brasilien, China, Indien – wollen die Welt nach ihren Vorstellungen mitgestalten. Ein derzeit unwahrscheinlich scheinender Zusammenschluss der islamischen Nationen könnte einen weiteren Schwerpunkt bilden im Weltgeschehen; von der schwer einzuschätzenden Bedeutung des islamischen Terrorismus einmal abgesehen[7].

Wie geht es weiter?

Nach fünf Jahrhunderten der Dominanz des vom Christentum geprägten Raumes um den Atlantik[8] – Europa und Amerika – formiert die Welt sich neu. Neue Mitspieler, neue Schwerpunkte, neue Herausforderungen! Das 19. Jahrhundert wurde von Europa dominiert, besonders von England. Im 20. Jahrhundert wurden die USA zur maßgeblichen Weltmacht.

Nun verlagern sich die wirtschaftlichen Zentren vom atlantischen in den pazifischen Raum. Damit hat im 21. Jahrhundert ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte begonnen. Dieses „postindustrielle Zeitalter“ könnte den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) gehören; allen voran China! Sofern nicht ökologische Probleme und die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit dieser derzeit noch volkreichsten Diktatur Grenzen setzt.

Die Staatslenker von heute haben es wieder schwer, den Überblick zu behalten – ähnlich wie 1914! Die globalisierte Großindustrie und die Hochfinanz agieren weitgehend unabhängig von staatlichen Vorgaben, und im Bereich der Staatsfinanzen haben die meisten Demokratien – von den USA über Europa bis Japan – die Kontrolle schon so gut wie verloren. Sie sind überschuldet und wissen nicht, wie sie den finanziellen und den damit verbundenen wirtschaftlichen Kollaps vermeiden können. Hoffentlich schlittern sie nicht noch in einen größeren Krieg um Rohstoffe!

Die demokratische Entscheidungsfindung ist ein langsamer Prozess, der sich in einer sich immer schneller verändernden Welt bewähren muss. Die alten Rezepte der zerstrittenen, in ihrer Partei-Dogmatik befangenen Demokraten haben die Weltprobleme nicht gelöst. Ihre hilflosen Appelle für Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz beeindrucken autoritäre Regierungen, korrupte Politiker und Wahlbetrüger wenig. Schon gar nicht, wenn die demokratischen Vorbilder in den Konkurs schlittern und sozialen Krisen entgegen gehen.

Aber es gibt auch Hoffnung, dass die Friedenssehnsucht der Menschen und die Fähigkeit zur Vernunft sich als stärker erweisen werden als die Phalanx uneinsichtiger, manchmal sogar verbrecherischer Kapitalisten – Banker, Börsenspekulanten, Industrielle, korrupte Politiker. Die Hoffnung, dass sich zuletzt Menschlichkeit und Gerechtigkeit durchsetzen werden gegen alle zerstörerischen Impulse. Hoffentlich ohne Revolutionen oder Bürgerkriege in vielen Staaten und ohne zivilisationsgefährdende Kriege zwischen Großmächten!

Lesen Sie dazu auch „Licht aus dem Osten“ unter Buchbesprechungen.

Literatur:
(1) Buchanan Patrik J., Churchill, Hitler und der unnötige Krieg. Wie Großbritannien sein Empire und der Westen die Welt verspielte, Pour le Mérite, D-24236 Selent, 2009.
(2) Carmin E. R., Guru Hitler, SV International/Schweizer Verlagshaus, Zürich, 1985.
(3) Clark Christopher, The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914, Penguin, London, 2012.
(4) Der Spiegel, 39/2012.
(5) Hagl Siegfried, Der okkulte Kanzler, Eigenverlag, Gräfelfing, 2000.
(6) Huges Emrys, Churchill 2. Auflage, Arndt, Kiel, 1986.
(7) Mann Golo, Deutsche Geschichte, Fischer, Frankfurt, 1962.
(8) Sethe Paul, Deutsche Geschichte, Heinrich Scheffler, Frankfurt, 1960.
Endnoten:
[1] Auch Österreich-Ungarn und die Türkei mussten harte Friedensbedingungen hinnehmen. Diese beiden Großreiche zerbrachen in kleinere Staaten.
[2] Das Deutsche Kaiserreich war nach England und Frankreich drittgrößte Kolonialmacht. Allerdings kosteten die deutschen Kolonien stets mehr als sie einbrachten.
[3] Pax romana (römischer Friede) ist gleichbedeutend mit dem Augusteischen Frieden, in dem trotz äußerer Feinde das Römische Reich im Inneren kulturell und wirtschaftlich blühte.
[4] Diese Aussage ist nicht nachträglich eingefügt, sondern wurde im Juli 2014 gedruckt. Warum konnten unsere Politiker das nicht sehen?
[5] Die Bezeichnung „unnötiger Krieg“ für den Zweiten Weltkrieg stammt von Winston Churchill (1, S. 13).
[6] Aus chinesischen, mexikanischen, schwarzafrikanischen, westindischen und weiteren Bevölkerungsgruppen.
[7] Die Atommacht Pakistan ist derzeit fast schon ein zusammenbrechender Staat, in dem Islamisten die Regierung übernehmen könnten.
[8] In der Antike und im Mittelalter spielte sich die „Welt-“ Geschichte aus europäischer Sicht vorwiegend um das Mittelmeer herum ab (von den Weiten Asiens und der Bedeutung Chinas war wenig bekannt). In der Neuzeit dann vorwiegend im Atlantischen Raum.