Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Mehr, immer mehr, noch mehr…

Der falsche Ansatz unserer Wirtschaft

(Veröffentlicht in GralsWelt Themenheft 3/1999)

 Das grenzenlose Wachstum (nicht nur) der Wirtschaft wird heute als unumgänglich angesehen. Dabei ist das Streben nach „Mehr, immer mehr, noch mehr“ zum Selbstzweck geworden, kaum jemand fragt noch nach dem Sinn dieses – im Hinblick auf die Beschränktheit unseres Ökosystems eigentlich fragwürdigen – Gedankens. Wir beleuchten die Hintergründe dieser folgenschweren Utopie des 20. Jahrhunderts.

 

Das heute als unumgänglich angesehene Wachstum der Wirtschaft ist eine relativ junge Erscheinung. Viele Jahrtausende lang nahm die Bevölkerung nur langsam zu, und die Basis des Lebens blieb ziemlich gleich. Der Großvater konnte seine Erfahrungen dem Enkel weitergeben, und sein Wissen war für seine Enkel noch genauso wertvoll, wie es vordem für ihn selbst gewesen war. Handwerkliche Fähigkeiten oder die Kenntnis der Geographie konnte man über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg mit gleichem Gewinn von Generation zu Generation weitervermitteln wie zeitlose menschliche Erfahrungen. So begegneten auch frühere Kulturen den alten Menschen mit Achtung; verkörperten diese doch einen Erfahrungsschatz, auf den man bei Bedarf zurückgreifen konnte.

Noch gilt das Wachstum der jährlich produzierten Warenmenge als das wichtigste Kriterium für eine gesunde Wirtschaft. Aber es könnte in naher Zukunft der Zeitpunkt kommen, zu dem eine Abnahme dieser Warenmenge dem Wohl der Menschheit dienlicher wäre als die Zunahme und zu dem man sorgfältig wird unterscheiden müssen zwischen den Waren, die unbedingt notwendig sind, und den anderen, die man auch gut entbehren kann.

Werner Heisenberg

Warum Wachstum?

Ganz anders in unseren Tagen, wo Alte den Augen der Jugend als lästige Figuren erscheinen, die in Heime abgeschoben werden. Alte Menschen können sich oft kaum noch dem Straßenverkehr anpassen und tragen zum Produktionsprozess nichts bei. Die „fortschrittliche“ Entwicklung geht über Menschen hinweg, die gerade noch mit Telefon und Fernsehen umzugehen gelernt haben, aber vor den Geheimnissen der Computer zurückschrecken. Wir leben eben in einer Zeit sich beschleunigender Entwicklungen. Laufend erscheinen neure Ideen und neue Produkte auf dem Markt, und wer nicht zurückbleiben, aus dem Rennen geworfen werden will, muss sich anpassen und auch im Verhalten mit Neuerungen Schritt halten.

Ob der Mensch dabei glücklicher wird, ob die Erfindungen ihm zum Segen gereichen, diese Frage stellt sich in dem Rennen aller gegen alle nicht: es ist eben, wie es ist, und Fortschritt muss sein…

Müssen technischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum wirklich sein? Moderne Wissenschaftstheorien, Unternehmer, Politiker sagen eindeutig ja. Die Begründungen für dieses Ja sind vielschichtig.

„Das ökonomische Wachstum ist ein Mittel zur Erreichung unterschiedlicher Ziele. Ein primitiver Grund, das Wachstum zu wünschen, ist der allgemeine Lebensstandard der Bevölkerung. Ein Land, dessen Output pro Kopf jedes Jahr um 3% wächst, verdoppelt seinen Lebensstandard alle 24 Jahre“[i].

Die Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums ist zu einem regelrechten Glaubenssatz geworden, der mit dogmatischer Kompromisslosigkeit vertreten wird: „Jede Maßnahme, jede Handlung, die die Versorgung mit immer mehr und immer besseren Gütern stört oder vielleicht stören könnte, wird mit dem gleichen instinktiven Abscheu zurückgewiesen, mit dem der Gläubige die Gotteslästerung oder der kriegerisch Gesinnte den Pazifismus verwirft“[ii].

Die Frage nach Sinn und Zweck explosionsartig voranschreitender wirtschaftlicher Expansion ist so gut wie verboten; denn Wachstum ist zum Selbstzweck geworden: „Die ‚Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? Bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? Die Schärfe diese Konfliktes versuchte man durch die These zu verschleiern, dass alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere. Dieses Konstrukt wurde durch eine Hilfskonstruktion abgestützt, wonach genau jene menschlichen Qualitäten, die das System benötigt – Egoismus, Selbstsucht, Habgier – dem Menschen angeboren seien; sie sind somit nicht dem System, sondern der menschlichen Natur anzulasten. Gesellschaften, in denen Egoismus, Selbstsucht und Habgier nicht existieren, wurden als ‚primitiv’, ihre Mitglieder als ‚kindlich’ abqualifiziert. Man weigerte sich zuzugeben, dass diese Merkmale nicht natürliche Triebe sind, die von der Industriegesellschaft benötigt werden, sondern das Produkt gesellschaftlicher Bedingungen.

Von Bedeutung ist nicht zuletzt ein weiterer Faktor: Das Verhältnis des Menschen zur Natur wurde zutiefst feindselig. Als ‚Missgeburt’ der Natur – zwar aufgrund unserer Existenzbedingungen Teil der Natur, aber dank unserer Vernunft diese transzendierend – haben wird unser existenzielles Problem zu lösen versucht, indem wir die messianische Vision der Harmonie zwischen Menschheit und Natur aufgaben und uns diese untertan machten, bzw. für unsere eigenen Zwecke umgestalteten, bis aus der Unterjochung der Natur mehr und mehr deren Zerstörung geworden war. Unser Eroberungsdrang und unsere Feindseligkeit haben uns blind gemacht für die Tatsache, dass die Naturschätze begrenzt sind und eines Tages zur Neige gehen können, und dass sich die Natur gegen den Raubbau des Menschen zur Wehr setzt“[iii].

Fragt man nach Ursachen der verbreiteten Wachstums-Ideologie, so erfährt man, dass es unsere Wünsche sind; wir scheinen ausschließlich Konsum und Vergnügen zu wollen: „Die primären Antriebskräfte de wirtschaftlichen Wachstums sind auf Seite der Nachfrage zu suchen; es ist das ständig wirksame Streben, mehr und mehr Bedürfnisse oder verfeinerte Bedürfnisse zu befriedigen. Zum Teil handelt es sich darum dass für die Bedürfnisse des Zuwachses an Bevölkerung Sorge getragen werden muss. Aber abgesehen davon, zeigt die Nachfrage sehr starke Tendenzen zur Expansion, denn die Bedürfnisse sind bei den meisten Menschen praktisch uferlos“[iv].

Wachsende Bevölkerung und steigende Forderungen der Verbraucher wären also die wichtigsten Antreibe. Doch das ist nicht alles. Die wirtschaftliche Expansion ist auch sehr angenehm. So kommen die Verantwortlichen auch gegen besseres Wissen in Versuchung, die Produktion unbeschränkt voranzutreiben. Diese Meinung vertritt z. B. John Kenneth Galbraith: „Wenn das Wirtschaftssystem als Ganzes wächst, werden auch die Firmen im allgemeinen expandieren. Zu den Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Firma kommen zusätzliche Chancen in anderen Firmen. Da so viele einflussreiche Leute im Wachstum der Firmen und in dem damit verbundenen Wachstum der Wirtschaft ihren Vorteil sehen, wäre es überraschend, wenn sie nicht eine positive Einstellung zum Wirtschaftswachstum hätten. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass Wirtschaftswachstum zu einem gesellschaftlichen Ziel von so hohem Rang geworden ist. Was zum Wachstum der Wirtschaft beiträgt und damit zum pekuniären Wohlstand der Technostruktur, wird somit immer wieder als gemeinschaftsbezogene Tugend bei allen öffentlichen Gelegenheiten gepriesen“[v].

Kein Wunder, dass Politiker diese Ansicht übernahmen und meinten, sie in praktische Politik umsetzen zu sollen; entsprechen sie doch damit dem Wählerwillen wie der von Experten vertretenen Lehrmeinung. So hat z. B. die Regierung der Bundesrepublik Deutschland es fertiggebracht, sich einer naturgesetzlichen Unmöglichkeit zu verpflichten: „Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem, hohen Beschäftigungsgrad und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“ (§ 1 des „Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ vom Mai 1967).

„Stetiges „ (?) und „angemessenes“ (?) Wirtschaftswachstum ist in den Augen von Politikern und Unternehmern unverzichtbar, wenn nicht Wirtschaft und Politik – die man häufig mit dem Leben schlechthin verwechselt – aus den Fugen geraten sollen.

In dieser allgemeinen Überzeugung von der Notwendigkeit des Wachstums gehen die mahnenden Stimmen unter, und Versuche, die Wachstums-Ökonomie durch eine Umwelt-Ökonomie zu ersetzen, bleiben bestenfalls Sandkastenspiele für fortschrittliche Universitäten.

Man kann sogar hören, dass jemand, der sich gegen Wachstum um jeden Preis ausspreche, kein Demokrat sei. Das wird damit begründet, dass Demokratien zusammenbrechen müssten, wenn die gewohnte Wachstum der Wirtschaft nicht länger durchzuhalten sei. Ob sie die Prediger solcher Gedanken darüber im klaren sind, dass sie damit die Demokratie als Verstoß gegen Naturgesetze ausweisen?

Denn unausweichliche Gegebenheiten lassen wirtschaftliche Expansion nur für begrenzte Zeiträume zu, und wer die Demokratie an das Wirtschaftswachstum koppelt, stempelt demokratische Regierungsformen zu Eintagsfliegen für Schönwetter-Perioden.

Im Gegensatz zu dieser verbreiteten Meinung ist aus meiner Sicht noch nicht bewiesen, dass die Mehrheit so uneinsichtig bleiben muss, Unmöglichen zu fordern. Es wird allerdings Zeit, der Öffentlichkeit auch von verantwortlicher Seite zu sagen, das es Grenzen des Wachstums gibt und dass wir eine Gleichgewichtswirtschaft anstreben müssen, welche auf die natürlichen Kreisläufe einer begrenzten Erde und ihre nicht unendlich große Regenerationsfähigkeit Rücksicht nimmt.

Stoppt uns ein Naturgesetz?

Zahlreiche Veröffentlichungen versuchen seit Jahrzehnten, darauf aufmerksam zu machen, dass die Erwartung eines grenzenlosen Wachstums unrealistisch ist. In den meisten Fällen wird zu Recht darauf hingewiesen, dass unsere Welt, das „Raumschiff Erde“, begrenzt sei, dass es auch nicht über unendliche Ressourcen (=Rohstoffquellen) verfüge, und wir dementsprechend haushalten müssen. Auch die erneuerbaren Energie- und Rohstoffquellen der Natur, wie das Pflanzenwachstum, stehen uns nur so lange zur Verfügung, wie wir die Regenerationsfähigkeit ihrer Kreisläufe nicht nachhaltig schädigen. Die nicht-erneuerbaren Bodenschätze müssen sogar für alle Menschen und alle vorstellbare Zeit reichen. Sie bilden sich – wenn überhaupt – nur in geologischen Zeiträumen neu.

So ist nicht schwer zu beweisen, dass exponentielles Wachstum[vi] – das als Grundlage unseres Wohlstandes gilt – nur vorübergehend möglich ist. Denn fortlaufendes Wachstum tendiert dazu, über alle Grenzen hinauszuschießen und zuletzt in ein Chaos zu münden. Das veranschaulicht schon das alte Seerosen-Gleichnis: In einem Gartenteich wächst eine Seerose, die ihre Größe jeden Tag verdoppelt. Noch 29 Tagen bedeckt sie erst die Hälfte des Teiches. Wie lange dauert es, bis sie den ganzen Teich überwuchert hat?“

Mit dieser Fang-Frage will man Kinder zu der falschen Antwort verleiten, dass es noch weitere 29 Tage dauern werden, bis der ganze Teich bedeckt sei. Und so denken wir auch oft genug. Gefühlsmäßig kennen wir nämlich nur lineares Wachstum, und es bedarf einiger Übung, die Eigenschaften der Exponentialfunktion lebendig in unser Vorstellungsvermögen zu rufen; z. B. dass die Seerose zwar lange 29 Tage braucht, um nur die Hälfte des Teiches zu bedecken, aber nach einem weiteren Tag das ganze Gewässer erobert haben wird!

In dieser kleinen Geschichte liegt auch das Wissen von den Grenzen des Wachstums: Wenn der ganze Teich erst überwuchert ist, muss die weitere Zunahme zwangsläufig aufhören; aber jeder weiß, dass durch das Zuwachsen auch des Gleichgewicht des Lebensraumes Teich nachhaltig gestört ist. Es muss zu drastischen Veränderungen kommen, die jedes Lebewesen in diesem Ökosystem (=Lebensgemeinschaft) tangieren. Nicht viel anders ist es derzeit auf unserer Erde, die von einer Menschenlawine überflutet wird.

Unhaltbarkeit der Utopie vom grenzenlosen Wachstum

So offensichtlich diese Tatsachen sind, so oft von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen wurde, und so unerbittlich die Fakten der Mathematik auch sein mögen: Bis heute ist es nicht gelungen, die große Mehrheit der Bevölkerung, vor allem aber die Verantwortungsträger, von der Unhaltbarkeit der Utopie vom grenzenlosen Wachstum zu überzeugen.

Diese Wachstums-Fiktion hat das 20. Jahrhundert wesentlich geprägt, und alles spricht dafür, dass wir diese Utopie in der Form eine falschen Glaubenssatzes ach noch in das 21. Jahrhundert hinübernehmen werden.

[i] Richard G. Lipsey: „Einführung in die positive Ökonomie“, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1971, Seite 794.

[ii] Geoffrey Gorer: „The Americans“, London 1968, zitiert nach (5) Seite 137.

[iii] Erich Fromm: „Haben oder Sein“, DVA, Stuttgart, 1976, Seite 17/18.

[iv] Alexander Mahr: „Volkswirtschaftslehre“, Springer, Wien, 1959, Seite 322.

[v] John Kenneth Galbraith: „Gesellschaft im Überfluss“, Droemer, München, 1959, Seite 124 f.

[vi] Bei exponentiellen Wachstum nimmt der Zuwachs, der bereits angesammelten Menge entsprechend, laufend zu, so dass die „Exponentialkurve“ früher oder später alle Grenzen überschreitet. Einen solchen fortlaufenden Zuwachs – wie er im Seerosenbeispiel veranschaulicht wird – strebt unsere Wirtschaft an.