Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Brauchen wir die Ökodiktatur?

 

(Veröffentlicht in GralsWelt 72/2012)

 

Im Laufe meines Lebens habe ich verschiedene Phasen des allgemeinen Bewusstseins erlebt:

Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung während des Krieges.

Eine deprimierte Stimmung nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945, mit besetztem Land und Städten und Fabriken in Ruinen.

Eine zögerliche Aufbruchsstimmung nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948.

Steigende Zuversicht in der Aufbauzeit der 1950er Jahre.

Begeisterung in den 60er Jahren, als der amerikanische Optimismus Europa erreichte.

Die Erfolge in der Weltraumfahrt bewiesen eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit der modernen Wissenschaft und Technik. Zusammen mit den von der Atomlobby versprochenen dauerhaft niedrigen Energiepreisen schien nun fast alles möglich![i]

Nachdenklich wurde ich 1972 durch die Lektüre von „Die Grenzen des Wachstums“(5). Nun wurde mir die Begrenztheit unseres Planeten ins Bewusstsein gerückt. Bis dahin hatte ich von Professoren, Industriellen und Politikern nur von fortlaufendem Wachstum und unbegrenzten Zukunftsaussichten gehört. Nur wenige teilten damals das nur langsam erwachende Bewusstsein von der Endlichkeit unserer irdischen Welt und damit von den begrenzten Ressourcen unserer Erde.

Im Jahr 1975 erschien dann „Ein Planet wird geplündert“ von Herbert Gruhl (3). Sein Bestseller bewirkte in Deutschland den Start der von den etablierten Parteien zunächst verlachten „Grünen Bewegung“[ii].

Eine weitere ernste Warnung zur Lage der Welt aus ökologischer Sicht brachte „Global 2000“ (2). Dieser von US-Präsident Carter in Auftrag gegebene „Bericht an den Präsidenten“ erschien 1980. Bei Präsident Reagan landete er im Papierkorb.

Inzwischen ist das vor 1972 nur Biologen vertraute Wort „Ökologie“ in den allgemeinen Sprachschatz eingedrungen, und der Irrglaube von der Unendlichkeit der Ressourcen der Erde scheint überwunden. Doch gehandelt wird oft noch so, als könne die Erde dank unserer modernen Technik beliebig vielen Menschen einen unermesslich hohen Wohlstand bieten.

Seit einigen Jahren gibt es nun ein neues Schlagwort: Ökodiktatur.

Brauchen wir eine „Ökodiktatur“?

Dieser Leitgedanke wird in doppeltem Sinne gebraucht und höchst kontrovers diskutiert:

Im Jahr 2011 machte die rot-grüne Regierung der Universitätsstadt Marburg mit der Energiewende Ernst. Sie beschloss eine bislang in Deutschland einmalige Bauvorschrift: Hausbesitzer werden zum Einbau einer solarthermischen Anlage verpflichtet, falls sie neu bauen, ihr Dach oder ihre Heizung erneuern. Die Sprecher der Stromversorger betitelten diese Maßnahme sofort mit „Ökodiktatur“ und der Marburger Bürgermeister erhielt den Titel „Ökodiktator“ (11).

Das war der Startschuss für einen Konflikt, der deutschlandweit ausgetragen werden dürfte. Denn wir stehen vor einem Dilemma: Die Energiewende soll forciert werden, die Stromversorgung ohne Atomkraft, Erdöl und Kohle muss gesichert werden.

Doch von verschiedensten Seiten kommen Bedenken und Widerstände! Die Lobbyisten werden nervös, die großen Energieversorger und Netzbetreiber fürchten Gewinneinbrüche, verweigern die für den Umbau nötigen Investitionen und wollen Kosten und Risiko auf die Steuerzahler abwälzen (1). Vielen Hauseigentümern scheint der notwenige Umbau zu teuer. Der Widerstand großer Teile der Bevölkerung gegen den Bau von Flusskraftwerken, Freileitungen, Solarparks, Talsperren mit Speicherseen, Windkraftwerken usw. in ihrer persönlichen Umgebung nimmt zu. In meiner Heimatgemeinde verhinderte ein knapper Bürgerentscheid den Bau eines „Hackschnitzel-Heizkraftwerks“, einer der thermodynamisch und ökologisch günstigsten Alternativen!

Auch wollen sich „mündige Bürger“ nicht dazu zwingen lassen, den teueren Ökostrom zu kaufen, Super-E-10-Benzin zu tanken, das ökologisch sogar kontraproduktiv ist, den teueren Umbau auf alternative Energie mit ihren Steuergeldern zu finanzieren, usw.

Brauchen wir den Ökostaat?

Inzwischen haben wir uns damit abgefunden, Müll zu trennen, Flaschen zum Glascontainer zu bringen und die alten Glühlampen durch Energiesparlampen zu ersetzen. Wohl wissend, dass das nur gut gemeinte, mehr symbolische Handlungen sind, die die eigentlichen Probleme des Umweltschutzes und der Energiewende kaum tangieren.

Also was tun, um die Umwelt zu retten?

Eine ökologisch orientierte Wirtschaftsweise durch Gesetze erzwingen?

Unser ganzes Leben grundlegend umstellen – von der Ernährungsweise bis zur Freizeitgestaltung? Wie das zum Beispiel Niko Paech mit seiner „Postwachstumsökonomie“ (6 und 12) empfiehlt? Also den Konsum zurückfahren, harte Einschnitte in unser gewohntes Leben in Kauf nehmen, auf einem schwierigen, durchaus riskanten Weg dem Rest der Welt vorangehen? Ohne die Garantie, dass andere folgen? Denn ein kleines Land kann die Welt nicht retten!

Freiwillig wird eine Mehrheit diese Option kaum mitmachen. Muss also eine Öko-Diktatur oder – besser – eine „Öko-Demokratie“, „Ökosoziale Marktwirtschaft“, „Ökokratie“ den Umschwung erzwingen?

Das Ende des Wachstumswahns

Die Ideologie der Industriegesellschaft mit ihren Vorstellungen von Wirtschaftswachstum, ständig steigendem Lebensstandard und dem Vertrauen auf die technische Machbarkeit ist auf lange Sicht unbrauchbar. Wir müssen umdenken und letztlich das Ziel einer menschlichen Gesellschaft verfolgen, in der die Bevölkerungsgröße, der Ressourcenverbrauch, die Abfallentsorgung und die Umwelt grundsätzlich in einem gesunden Gleichgewicht stehen.

Vor allem aber müssen wir dem Leben mit Respekt und Bewunderung begegnen. Wir brauchen ein ethisches System, in dem die Natur nicht nur für das menschliche Wohlergehen wertvoll ist, sondern einen Wert an sich und für sich darstellt.

Sir Crispin Tickell, Historiker und Diplomat (4, S. 213)

Versagt die Demokratie?

Demokratische Politiker haben einen Interessenskonflikt. Ihr persönlich vorrangiges Ziel ist, wiedergewählt zu werden. Einerseits müssen sie den Wählern Umweltschutzmaßnahmen verkaufen, die andererseits häufig nicht der Vernunft oder praktischen Notwendigkeiten folgen, sondern im Gezerre zwischen Ökofreaks und Industrielobbyisten zu (faulen) Kompromissen zerstückelt werden. Dabei bleiben die eigentlichen Ziele nicht selten auf der Strecke. Entsprechend heftig sind dann auch die Kritiken von den verschiedensten Seiten an den staatlich verordneten Maßnahmen.

Das Vertrauen in die demokratischen Politiker hat durch Bankencrash, Korruption, Staatsverschuldung, Wirtschaftskrisen und Euro-Turbulenzen schwer gelitten. Auch für die Ökologie waren bislang nicht alle gutgemeinten staatlichen Maßnahmen zielführend, und die versprochenen ökonomischen Erfolge blieben oft aus. Beispielsweise verteuerte die Förderung der Solarenergie unseren Strom und schuf die versprochenen Arbeitsplätze weniger bei uns als in China.

Ökokratie: die Rettung der Demokratie

Die Ökokratie will beides erreichen: die lebensbedrohliche Zerstörung der Lebensgrundlagen aufhalten und gleichzeitig unsere politischen Freiheiten bewahren. Sie versucht damit, was von dem bisherigen System nicht erreicht worden ist: Der Kapitalismus, wie wir ihn bisher kennen, vernichtet seine eigene ökologische und ökonomische Basis. Der totalitäre Sozialismus, wie er unter sowjetischer Regie ausprobiert wurde, richtete das Naturkapital nur noch schneller und rigoroser zugrunde – und begleitete es auch noch mit einer brutalen und inakzeptablen Unterdrückung der Menschenrechte.

Damit versucht die Ökokratie auch die Rettung der Demokratie. Denn die ungebremste ökologische Malaise zerstört das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Systems und in die Wandlungsfähigkeit seiner Protagonisten. Ressourcenmangel, Hungeraufstände und Massenmigration als Folge ökologischer Zerstörung sind auch eine Bedrohung für unseren Wohlstand und damit für die zivilisierte Konfliktaustragung. Ein entschiedenes Gegensteuern bei den Zukunftsfragen der Menschheit könnte dagegen auch zum Hoffnungszeichen werden, dass eine demokratische Gesellschaftsform, als deren Zukunft die Ökokratie zu begreifen ist, noch am ehesten die Antworten hat auf die drängenden globalen Probleme.

Bernhard Pötter (7, S. 75)

Vor diesem Hintergrund wird es nicht leicht sein, auf demokratischem Wege eine echte, wirksame ökologische Wende durchzusetzen. Diese muss neue Wege gehen, viele (auch widersprüchliche) Gesichtspunkte berücksichtigen, und sich zugunsten der Erhaltung der Natur über alle kleinlichen und kurzsichtigen, wichtigen und unsinnigen Interessen, Gewohnheiten und Vorurteile hinwegsetzen.

Ob es gelingen kann, unsere Gesellschaft für die ökologische Wende zu begeistern? So dass Energie- und Rohstoffsparen „in“ sind, und der Druck auf die Politik „von unten“ kommt? –

Damit stehen demokratische, scheindemokratische, autoritäre Regierungen weltweit in schwierigen Zeiten vor ihrer Bewährungsprobe. Denn im Interesse einer friedlichen, lebenswerten Zukunft muss global der Übergang zum demokratischen „Öko-Staat“ gefunden werden.

Alternativen für die Zukunft

Folgt man dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Franz Josef Radermacher (8), dann haben wir die Wahl zwischen drei Zukunfts-Szenarien:

Kollaps der Ökosysteme:

Dieser Kollaps ist leider nicht auszuschließen – wenn in der Weltpolitik weiterhin die parteipolitischen, machtpolitischen, ideologischen oder gar kriegerischen „Spielchen“ dominieren, und dabei die eigentlichen Lebensfragen übergangen werden.

Brasilianisierung:

Die Herrschaft weniger Reicher über eine verarmte, ungebildete und machtlose Masse, die mit Hilfe einer Ökodiktatur zu einem armseligen Leben mit minimalem Ressourcenverbrauch gezwungen wird.

Die Brasilianisierung hat im Internetzeitalter, mit immer besser ausgebildeten und informierten Bevölkerungen, hoffentlich keine Chance.

Ökosoziale Marktwirtschaft:

Hier soll durch vernünftige Regulierung des Marktgeschehens, sozialen Ausgleich und gute Regierungsführung eine lebenswerte Welt mit nachhaltiger Entwicklung möglich gemacht werden.

Ich persönlich bin Optimist und hoffe, dass sich schließlich eine in der GralsWelt schon verschiedentlich angesprochene „Ökologische Ausgleichswirtschaft“ durchsetzen wird, die der von Radermacher genannten „Ökosozialen Marktwirtschaft“ entspricht. Andere Autoren sprechen und „Ökokratie“.

Die Sachzwänge werden weltweit größer. Immer mehr Menschen beginnen einzusehen, dass sich vieles ändern muss. Selbst Politiker, die verblüffenderweise, aber leider erfahrungsgemäß, häufig zu den letzten gehören, die die Zeichen der Zeit erkennen, werden sich besseren Einsichten und den daraus resultierenden notwendigen Handlungen nicht dauerhaft verschließen können.

Die Menschheit hat schon viele Krisen überlebt. Unser Naturverständnis und unsere technischen Mittel sind größer als je zuvor. Wenn wir uns zudem unsere Verantwortung für die Erde gegenüber dem Schöpfer bewusst machen, sollte es uns gelingen, einen für alle Bewohner – Pflanzen, Tiere, Menschen – lebenswerten Planeten zu erhalten.

 

Literatur:

(1) Der Spiegel 15/2012, S 22. f.

(2) Global 2000, Zweitausendeins, Frankfurt 1980

(3) Gruhl Herbert, Ein Planet wird geplündert, Fischer, Frankfurt 1975

(4) Lovelock James, Gaias Rache, Ullstein, Berlin 2007

(5) Meadows Dennis, Die Grenzen des Wachstums, DVA, Stuttgart 1972

(6) Paech Niko, Nachhaltiges Wirtschaften, Metropolis, Marburg 2005

(7) Pötter Bernhard, Ausweg Ökodiktatur?, oekom, München 2010

(8) Radermacher, Franz-Josef, Ökosoziale Marktwirtschaft, oekom, München 2011

 

www …

Interview mit Prof. Radermacher:

http://maennerherz.de/Franz+Josef+Radermacher+Interview+oekosoziale+Marktwirtschaft

Die „herzliche Ökodiktatur“:

http://www.faz.net/…/gruene-revolution-die-herzliche-oekodiktatur-12638.html

Solarpflicht in Marburg:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,771530,00.html

Sorge um Ökodiktatur:

http://www.taz.de/!87150/

Ökodiktatur: Das deutsche Gespenst

http://www.taz.de/!72687/



[i] Edward Teller (1908–2003), der „Vater der Wasserstoffbombe“, war der Meinung, daß der Strom bald so billig würde, daß man dann nur noch eine Grundgebühr für den Anschluß zu zahlen habe und der Stromzähler im Keller überflüssig würde!

[ii] Dr. Herbert Gruhl (1921–1993), den ich persönlich kennengelernt habe, war Bundestagsabgeordneter der CDU. Wäre er zum ersten Umweltminister gemacht worden, wäre die CDU damals wohl die modernste Partei geworden und die Grünen hätte es in Deutschland möglicherweise nicht gegeben.