Siegfried Hagl - Schriftsteller

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War Jesus allwissend?

Veröffentlicht in GralsWelt 45/2007

Wenn man jemanden nach etwas fragt, das er nicht weiß, oder vielleicht auch gar nicht wissen kann, ist seine Erwiderung manchmal eine schnoddrige Gegenfrage: „Bin ich Jesus?”

In dieser Retourkutsche ist impliziert, daß Jesus als Gottessohn alles wissend gewesen wäre.

War er das wirklich?

Sadduzäerfragen

Ehrlich gesagt, manchmal stelle auch ich eine vorgetäuschte Frage, die mehr dazu dienen soll, den anderen zu verwirren, als eine Antwort zu erhalten:

Im Abstand von etlichen Wochen werde ich von Bibelgläubigen besucht, die sich gern mit mir unterhalten, obwohl sie längst wissen, daß mein Bibelverständnis ein Anderes ist als das ihre. Ich frage sie dann z. B. nach der Sprache, in der Moses die Zehn Gebote geschrieben hat (als ägyptischer Prinz beherrschte er vermutlich die ägyptische, aber kaum die hebräische Schrift). Oder ich zeige mich darüber verwundert, daß der Heilige Geist – der angeblich die Bibel wörtlich diktiert oder inspirier hat – nicht wußte, wie oft ein Kreisdurchmesser in den Kreisumfang paßt (aus 1. Kön. 7,23 ist zu entnehmen, daß der Umfang eines Kreises dreimal so lang wie sein Durchmesser sei).

Hätte Jesus die Ludolphsche Zahl kennen müssen? Die Ludolphsche Zahl ist die transzendente Zahl Pi = 3,14159… mit unendlich vielen Stellen hinter dem Komma. Für einen Bauhandwerker (er war Zimmermann oder Steinmetz) wären die 3 1/7 der Antike genau genug gewesen. Als Ingenieur habe ich nicht sehr oft einen genaueren Wert als 3,14 benötigt.

Wusste Jesus, daß die Erde eine Kugel ist? Kannte er den Umfang der Erde, der damals schon seit Jahrhunderten relativ genau vermessen war?[i] (Bei griechischen oder römischen Philosophen hätte er das erfahren können; bei jüdischen Rabbinern wohl kaum).

Hätte man Jesus nach dem Abstand des Mondes von der Erde und dem der Erde von der Sonne fragen können? (Beide Distanzen kannten antike Astronomen nur sehr ungefähr).

Ich bin ziemlich sicher, er hätte solche, für seine Ziele weder hilfreichen noch sinnvollen Fragen befremdet zurückgewiesen. So wie er Sadduzäerfragen[ii] abweisend begegnet ist.

Ein modernes Gottesbild

Jeder hat schon gehört, daß Jesus der „Sohn Gottes” [iii] war.

Was hat diese Gottessohnschaft zu bedeuten?

Religionen verbreiteten teilweise noch heute naive Vorstellungen von einem alleswissenden Schöpfer. Dieser kümmert sich fortlaufend um jeden Einzelnen (Mensch, Tier und – Pflanze?) und greift gegebenenfalls korrigierend in sein Schöpfungswerk ein. Dieser Schöpfergott paßt zum mittelalterlichen Herrschaftsverständnis. Sein Bild ist das eines weisen Königs, der alles sieht, alles weiß, alles lenkt.

Die Gralsbotschaft von Abd-ru-shin entwirft ein großzügigeres Gottesbild, das unserem modernen Weltverständnis besser entspricht:

Unsere wundervolle Schöpfung ist demnach getragen von ewigen, von vollkommenen Natur- oder Schöpfungs-Gesetzen, in deren Rahmen sich alles Seiende entwickeln darf. Diese heiligen Gesetze fördern Aufwärtsentwicklungen und hemmen Fehlentwicklungen. Sie genügen aus sich heraus zur Erhaltung und Förderung der Schöpfungen Gottes. Direkte Eingriffe des Schöpfers in Sein Werk sind allenfalls in höchst seltenen, ganz besonderen Ausnahmefällen anzunehmen. Auf keinen Fall ist mit Willkürakten zu rechnen, die sich außerhalb der von Ihm selbst ausgehenden Naturgesetze bewegen.

Eine – von der Natur der Sache her eigentlich unmögliche – Annäherung an ein moderneres Gottesbild kann uns die Vorstellung von Gott als dem Ausgangspunkt, dem Ursprung alles Seienden geben. Dann dürfen wir uns den Schöpfer vielleicht als ein gigantisches Feuermeer vorstellen, von unfaßbarer Größe, das ununterbrochen Strahlung aussendet. Diese Ausstrahlung Gottes enthält alles, einschließlich der Gesetze, was zur Bildung, zur Entwicklung und Erhaltung alles Geschaffenen nötig ist.

Auch dieses dynamische Gottesbild ist zwangsläufig unvollständig oder gar falsch. Denn Gott ist wesenlos; also ungeformt, beweglich, nicht festgelegt, unfaßbar. Er ist alles und trägt alle Möglichkeiten der Vergangenheit und der Zukunft für alle Ewigkeit in sich. Kein menschliches Bild, keine irdische Vorstellung, keine wesenhafte Gestalt, keine geistige Idee kann seinem lebendigen Sein entfernt gerecht werden, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Eines ist.

Wer war Jesus?

Ein Gottessohn auf Erden wäre eine Person in menschlicher Gestalt, die einen Tropfen aus dem göttlich-wesenlosen Feuermeer in sich trägt; einen göttlichen Funken, in dem alles enthalten ist, was auch Gott selbst auszeichnet. Damit ist ein solcher Lichtgesandter eine Verkörperung des Gotteswillens, also ein Träger der göttlichen Gesetze. Er ist verbunden mit dem Geist der Wahrheit und untrennbar von seinem Vater.

Ist er dadurch zwangsläufig auch allwissend?

Muß Jesus allwissend gewesen sein?

Jesus – als Teil des lebendigen Gottes – lebte im Gottgesetz und war allweise.

Er hatte den großen Überblick über das Schöpfungsweben. Er erlebte die schöpfungsgesetzmäßigen Zusammenhänge. Er spürte geistiges und irdisches Fehlverhalten. Alles, was irdischen und geistigen Schöpfungsgesetzen zuwider lief, mußte er als falsch empfinden. Nicht zuletzt erkannte er die Endauswirkungen fehlgehender Ansätze, wußte wohin irrige Wege führen.

Jesus vermittelte Weisheit. Er baute Brücken, um Menschen aus ihrem beschränkten, zeitgebundenen Verständnis herauszuführen zu höheren Einsichten, bis hin zur wahren Gotterkenntnis. Dazu mußte er ihre Sprache – auch im übertragenen Sinn – sprechen, ihnen auf ihrem Verständnisniveau begegnen. Für die Juden von damals war die Basis, von der aus Jesus sie aufwärts führen konnte, das Alte Testament.

Aber ich glaube nicht, daß er alles „wußte”. Daß er alle Sprachen der Welt sprach, mit allen Religionen vertraut war, alle Pflanzen und Tiere kannte, alle Handwerke beherrschte, Schiffe über alle Meere navigieren konnte, alles Faktenwissen seiner, der heutigen und künftigen Zeit – richtiges und falsches – abrufbereit zur Hand hatte, usw.

Früher hätte mir für solche Äußerungen ein Ketzerprozeß gedroht, und noch heute werden manche Gläubigen empört sein. Ich kann solche nur bitten, selbst unvereingenommen darüber nachzudenken.

Würde der Wahrheitsgehalt der Lehre Jesu leiden, falls Jesus die Zahl Pi nicht gekannt haben sollte? Wie viele Kommastellen der transzendenten Ludolphschen Zahl hätte ein Gottgesandter wissen müssen? Oder hätte sein Ansehen gelitten, wenn er nicht hätte sagen können, welche Schriftsprachen Moses beherrschte?

Meine Ehrfurcht vor einem Gottessohn wird nicht geringer sondern größer, wenn ich glaube, er wäre nicht alles wissend sondern allweise!

Denn Weisheit ist mehr als Wissen! Die ewige Weisheit steht über dem zeitgebundenen Faktenwissen, das niemand vollständig kennen kann.

 

 


[i] Eratosthenes von Kyrene (276-194 v. Chr.) ermittelte den Erdumfang mit 37.800 km. Der heutige Wert ist 40.000 km.

[ii] Sadduzäerfragen sind Fragen, die gestellt werden um den Gefragten in Verlegenheit zu bringen. Die Antwort meint der Fragende längst zu wissen. (Eine solche Fangfrage notiert z. B. Matth. in 22,24-30).

[iii] Für antike Menschen war ein Sohn Gottes nichts besonderes. Alle möglichen Heroen, z. B. Herakles, waren Söhne von Göttern, und ein Mensch der Antike hätte gefragt: „Der Sohn welchen Gottes?” Auch rechtgläubige Juden sahen sich als „Kinder Gottes”. Erst im Christentum wurde die Gottessohnschaft ein wichtiger theologischer Begriff.