Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Das Geheimnis der Maria Magdalena

 

(Veröffentlicht in GralsWelt 51/2008)

Ein spannender Thriller wurde zu einem Welt-Bestseller und entfachte religionsgeschichtliche Diskussionen: Dan Browns „Sakrileg” (engl.: „The Da Vinci Code”).

Bald folgten dem abenteuerlichen Krimi in mehreren Sprachen theologische Werke, die historische Unrichtigkeiten in Browns Thriller anprangern. Verschiedenste Behauptungen des Bestsellers werden diskutiert, kommentiert, widerlegt. Man möchte fast meinen, es ginge nicht um eine erfundene Story, sondern um eine wissenschaftliche Arbeit. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht eine für die Kirchen und viele Christen höchst provozierende Frage, ein für manche geradezu empörendes Sakrileg: Hatte Jesus eine Beziehung zu einer Frau? War Jesus verheiratet?

Das Sakrileg

Dan Browns Da Vinci Code ist ein geschickt komponierter, inzwischen auch verfilmter Kriminalroman aus altbekannten Elementen. Diese werden zu einem Knäuel verwoben, der sich in Laufe einer spannenden Handlung, nach vielen überraschenden Wendungen, schließlich entwirrt. Das Werk ist nicht wirklich fesselnder als weitere Thriller von Brown oder anderen Erfolgsautoren. Aber es kombiniert Versatzstücke, die viele überraschen und fast alle faszinieren.

„Die Gefährtin des Erlösers ist Maria Magdalena. Aber Christus liebte sie mehr als alle Jünger und küßte sie oftmals auf ihren Mund. Die anderen Jünger waren gekränkt. Sie sagten zu ihm: ‚Warum liebst du sie mehr als uns alle?’ Der Erlöser antwortete und sagte zu ihnen: ‚Warum liebe ich euch nicht wie ich sie liebe?’                                          Aus dem Evangelium des Philippus

Diese Themen sind:

  • Es geht um Jesus, die wichtigste Persönlichkeit der abendländischen Geschichte.
  • Für viele verwirrend ist die provozierende Hypothese, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war und Kinder hatte. Diese Behauptung ist keineswegs neu. Der Kronzeuge für diese Spekulation ist heutzutage Philippus, dessen Evangelium erst 1945 in Nag Hammadi (Oberägypten) aufgefunden wurde. In der Gnosis[i] und in der Rosenkreuzer-Mystik wird Entsprechendes schon lange überliefert, und selbst Luther soll daran geglaubt haben (5, S. 152).
  • Nach sehr alten, sagenhaften Überlieferungen floh Maria Magdalena nach der Kreuzigung. Sie landete demnach in Südfrankreich, wo es noch heute in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer (die heiligen Marien vom Meer) eine Prozession zur Erinnerung an ihre Landung gibt. Sie führte angeblich auch den Abendmahlskelch mit sich. Dieser – oder ein anderer antiker Kelch unklarer Herkunft – wird heute in der Kathedrale von Valencia aufbewahrt (vergl. GW 20/58 “Der Christus-Kelch und die Suche nach dem Gral”).
  • Die Kirche weiß angeblich von den leiblichen Nachkommen von Jesus und bemüht sich, das Wissen davon zu unterdrücken.
  • Die Blutlinie der Erben von Jesus war demnach den mythenumwobenen Tempelrittern bekannt. Nach deren Untergang wurde dieses Wissen der Templer von einer Geheimgesellschaft[ii] bis in die Gegenwart tradiert. Nachkommen von Jesus, die heute noch leben, werden von dieser geheimnisumwitterten Gesellschaft beschützt.
  • Dieser geheimen Gesellschaft gehörten Berühmtheiten an wie Leonardo Da Vinci und Isaak Newton, die ihr verborgenes Wissen in für nicht jedermann verständlichen Symbolen verschlüsselt überlieferten. Die Entschlüsselung dieser kryptischen Symbole gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Helden von Browns spannender Story.
  • Als moderner Gegenspieler dieser Geheimgesellschaft tritt bei Dan Brown der katholische Laienorden „Opus Dei” auf.
  • Das Finale findet in der Rosslyn-Kapelle statt (in Roslyn bei Edinburgh), von der jeder an der Templer-Mystik Interessierte schon gehört hat.

Diese Bausteine der Handlung sind in der esoterischeu Literatur zu finden. Einen großen Teil des Materials haben Lincoln/Baigent/Leigh (7) 1982 zuerst in Englisch publiziert. Dan Brown verweist in seinem Thriller mit dem Anagramm „Teabing” auf Baigent, und auch der Name Saunière, der bei (7) eine Rolle spielt, taucht auf.

Vor Tausend Jahren wäre es eine ungeheuere Sensation gewesen, wenn Nachkommen von Jesus und König David[iii] gelebt und berechtigte Ansprüche auf den Papstthron erhoben und nachgewiesen hätten. Noch heute würde es seinen Eindruck nicht verfehlen, wenn jemand glaubwürdig behaupten könnte, dass sich unter seinen Vorfahren Jesus befunden hat. Aber eine Ungeheuerlichkeit wäre es wohl vor allem für die Verfechter des Zölibats.

Leser der Gralsbotschaft sind sich bewußt, dass die Lehre von Jesus entscheidend ist, nicht die näheren Umstände seines persönlichen Lebens. Seine Worte bleiben die selben, mag er nun verheiratet gewesen sein oder nicht.

Die geheimnisvolle Maria

Im Neuen Testament gibt es etliche Marias, damals einer der verbreitetsten Frauennamen: Maria von Bethanien (die Jesus salbte, Joh. 12), Maria Magdalena, Maria von Nazareth, Maria die Mutter des Jakobus (Matth.27,56; Mark. 16,1; Luk. 24,10); und Maria die Frau des Klopas (Joh. 19,25). Vermutlich wurden die verschiedenen Marias gelegentlich verwechselt. Beispielsweise gilt Jakobus als leiblicher Bruder von Jesus, so daß schon zwei der Marias identisch wären, sofern man nicht annimmt, daß Maria von Nazareth eine Schwester gleichen Namens hatte, oder Joseph in erster Ehe mit einer anderen Maria verheiratet war. Maria von Bethanien, die manche mit Maria Magdalena gleichsetzen (8, S. 377), muß reich gewesen sein, wenn sie Jesus mit Nardenöl in Wert von 300 Denaren salben konnte[iv].

Wir interessieren uns hier für eine Maria, eine vermögende Frau aus der Hafenstadt Magdala am See Genezareth. Ist es denkbar, daß Jesus mit ihr verheiratet war?

„Zu Jesus Zeiten gab es in Judäa keine Ortschaft namens Magdala[v], wohl aber ein Magdolum in Ägypten. Uralte Volksüberlieferungen beschreiben Maria Magdalena als schwarzhäutige Frau[vi]. Kam Sie gar nicht aus Israel? Ist das ägyptische Magdolum ihre Heimat? Dann war Maria Magdalena keine Jüdin. Die Hochzeit Jesu, der als Rabbi verehrt und tituliert wurde, mit einer Nicht-Jüdin wäre ein schlimmer Tabubruch gewesen. Wurde Jesu Hochzeit, für die so viele Indizien sprechen, so gut wie möglich vertuscht, weil Maria Magdalena aus Sicht des orthodoxen Judentums absolut inakzeptabel war?” (5, S. 156 f.).

Um es gleich vorwegzunehmen: Heiratsurkunden gab es damals noch nicht. Für eine mögliche Ehe von Jesus kann es allenfalls Indizienbeweise geben.

Die wichtigste Quelle über das Leben von Jesus ist das Neue Testament. Dieses ist eine Sammlung von religiösen Schriften, die sich zu Jesus und seiner Sendung als Messias bekennen. Historische Fakten stehen für die Evangelisten – von denen keiner Jesus gekannt hat – nicht im Vordergrund. So ist es schon auffallend genug, daß Maria Magdalena sogar in der von Männern dominierten christlichen Gemeinde eine wichtige Rolle zugewiesen wird: Sie war eine Gefährtin des Herrn, die Jesus und seine Jünger (finanziell) unterstützte[vii], sie entdeckte das leere Grab und begegnete dem Auferstandenen.

Die historisch gesicherten Fakten aus dem Leben der Maria Magdalene sind dürftig:

„Sie ist ein Musterbeispiel produktiver Irrtümer. Sie beginnen bereits mit ihrem Namen. Sie hieß eigentlich Maria aus Magdala. Magdalena war ein Villenvorort des römischen Heilbades Tiberias. Mehr wissen wir nicht von ihr. Doch um sie wuchsen und wucherten die Legenden, die fromme Phantasie begann zu kombinieren: Ein römischer Badeort, in dem das Dolce Vita zum Tages- und Nachtprogramm gehörte, das war doch das ideale Arbeitsfeld für eine Gunstgewerblerin! Hatte vielleicht – so überlegte man – diese Maria das älteste Gewerbe der Welt ausgeübt? Verwendete sie ihr rasch erlegenes Vermögen für den Unterhalt der Jünger? Kein Wort davon steht in der Bibel, aber es traf sich gut, daß bei Lukas wenige Verse zuvor[viii] von einer Sünderin die Rede ist, die Jesus die Füße salbte. Von dieser Dame erfahren wir nichts näheres, nicht einmal ihren Namen, aber ihre Erwähnung reichte aus, um die Maria aus Magdala mit der Sünderin zu einer Figur, nämlich zu Maria Magdalena zu verschmelzen.” (1. S. 386 f.)

Maria Magdalena und Jesus

Gibt es deutliche Hinweise für die Behauptung, dass Jesus und Magdalena ein Paar waren?

  • Immer wieder wird auf Leonardo da Vincis Abendmahl verwiesen. Der auf dem Gemälde zur Rechten von Jesus sitzende Apostel – meist Johannes genannt – trägt demnach deutlich weibliche Züge und könnte die Gefährtin Jesu sein.
  • Es gibt noch weitere Darstellungen des Abendmahles, auf denen eine weibliche Person zu sehen ist:

Zum Beispiel ein Werk des französischen Barockmalers Philipp de Champaigne (1602-1674) und eine Darstellung des Abendmahls in der wenig bekannten Kirche von Kirchbrack im Weserbergland. In Kirchbrack ist neben den 12 Aposteln eindeutig noch eine Frau (als 13. Apostel?) zu sehen. (5, S. 123 f.)

  • Jesus wurde als „Rabbi” (Meister) angesprochen, und ein Rabbi war damals in der Regel (aber nicht zwangläufig) verheiratet.
  • Die Hochzeit von Kanaa, von der meist nur das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein Beachtung findet, läßt sich gut als die Hochzeit von Jesus erklären (5, S. 150).
  • Verschiedene apokryphe[ix] Evangelien[x] – nicht nur das des Philippus – sprechen von einer intimen Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena.
  • Wie wenig wir vom Leben Jesu wirklich wissen, zeigt die Theologin Barbara Thiering (9). Aufgrund der Schriftrollen von Qumran zeichnet sie eine von den bekannten Vorstellungen stark abweichende Schilderung des Lebens, der Aufgabe und des Wirkens von Jesus. Für sie ist z. B. selbstverständlich, dass Jesus verheiratet war und dass er auch seine Kreuzigung überlebte.

Vielleicht wurde Maria Magdalena sogar von Jesus als Erbin eingesetz, die sein Werk weiterführen sollte. Den Aposteln, besonders dem „Frauenhasser” (5, S. 165) Petrus, war diese dominierende Rolle einer Frau vermutlich zuwider, und sie übergingen deren Führungsanspruch. Da war es nur folgerichtig, dass in den Evanglien die herausragende Stellung der Maria Magdalena zwar nicht ganz verschwiegen werden konnte, doch ihre wahre Bedeutung verschleiert wurde.

Es bietet sich also tatsächlich Raum für Spekulationen. Unzählige Bücher beschäftigen sich mit dem Leben von Jesus und seinen Gefolgsleuten. Immer wieder tauchen neue Interpretationen auf. Ob wir jemals gesichert erfahren werden, wie es wirklich war?

Die göttliche Frau

Wie hätte sich das Christentum mit einer herausragenden Frauengestalt an seiner Spitze entwickelt? Wohl kaum zu der männlich dominierten, gewaltbereiten Kirche, die zu der bedeutendsten Weltreligion wurde.

Unter der Männerherrschaft spaltete sich das frühe Christentum in verschiedene jüdisch-christliche und heidnisch-christliche Gruppen wie Ebioniten, Paulaner, Marzioniten (GW 40/71 “Der größte aller Ketzer”), oder diverse christliche Gnostiker (GW 41/63 “Kampf zwischen Licht und Finsternis”) usw., die zum Teil heftig zerstritten waren. Durchgesetzt hat sich die rücksichtloseste Sekte, die frauenfeindlichen, unterdrückerischen Paulaner. Deren wichtigster Förderer – Konstantin I. (Kaiser 306-337) – war ein verbrecherischer Tyrann, der z. B. nach seiner Heimkehr vom Konzil zu Nicea (326) seine Frau und seinen ältesten Sohn ermorden ließ (3, S. 244). Dieser schändliche Kaiser wird bis heute von den Kirchen verherrlicht[xi], während Nero – ein Verbrecher von ähnlichem Kaliber – als verdammt gilt. So viel zu der Objektivität kirchlicher Geschichtsschreibung.

Aus der Zeit Konstantins stammt auch die einzige noch existierende christliche Geschichte der ersten Jahrhunderte, verfaßt von Eusebius von Caesarea (ca. 260-340, ab 313 Bischof von Caesarea), die stark von den Ansichten ihres Verfassers geprägt ist. Kirchenkritiker sehen darin ein Propaganda-Machwerk voller Halbwahrheiten und Lügen (3, S. 244)[xii]. Es ist kaum überraschend, daß in diesem zehnbändigen Werk eines gelehrten Bischofs Maria Magdalena keine Beachtung findet.

Im Lauf der Zeit verschmolzen wahrscheinlich Maria Magdalena, Maria von Nazareth, und andere geschichtliche und mythische Bilder hoher Weiblichkeit, wie etwa antike Göttinnnen oder die „Große Mutter” (GW 46/65 “Der Kult der großen Mutter”), zu einer theologischen Konstruktion, der „Mutter Gottes”, die als Himmelskönigin verehrt wird und einen kleinen Ausgleich zu der reinen Männerherrschaft in den Kirchen bildet.

Literatur:

(1) Barthel Manfred, Was wirklich in der Bibel steht, Econ, 2001.

(2) Brown Dan, Sakrileg, Gustav Lübbe, Bergisch Gladbach, 2005.

(3) Burstein Dan, Die Wahrheit über den Da-Vinci-Code, Goldmann, München, 2004.

(4) Deschner Karlheinz, Der gefälschte Glaube, Heyne, München, 1995.

(5) Langbein Walter-Jörg, Das Sakrileg und die heiligen Frauen, Aufbau, Berlin 2004.

(6) Lehmann Johannes, Das Geheimnis des Rabbi J., Rasch und Röhrig, Hamburg, 1985.

(7) Lincoln/Baigent/Leigh, Der Heilige Gral und seine Erben, Gustav Lübbe, Bergisch Gladbach, 1982.

(8) Schwarz Günther und Jörn, Das Jesus-Evangelium, Ukkam, München,1993.

(9) Thiering Barbara, Jesus von Qumran, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 1993.

(10) http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Magdalena (mit Abbildungen)

(11) http:://www.heiligenlexikon.de/Biographien/Maria_Magdalena.html (mit Abbildungen)

(12) http://www.zfd.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,2279152,00.html (mit Abbildungen)


[i] Gnosis = Wissen, Erkenntnis. Bezichnung für verschiedene religiöse Bestrebungen der ersten Jahrhunderte. Vergl. GW 40/71 und GW 41/63.

[ii] Diese Geheimgesellschaft wäre die „Prieuré de Sion” über die (7) ausführlich berichtet. Sie gilt als die Erfindung eines Schriftstellers aus dem 20. Jahrhundert.

[iii] Beispeilsweise wird in Matth. 1,1-17 der Stammbaum von Jesus angegeben, und zwar in der väterlichen Linie!

[iv] Um Christi Geburt verdiente ein Arbeiter oder ein Legionär 1 Denar pro Tag. Damit konnte er eine Familie unterhalten mit Wohnung, Essen, Kleidung. Plinius (23-79) nennt 300 Denare als Preis für ein Libra (327,5 g) der feinsten Salbe. (8, S. 377 und http://www.brd-euros.de/allgemeines/muenzgeschichte.htm.)

[v] Die Ortschaft Magdala (ca. 10 km von Kapernaum?) ist auf Karten für das 1. Jahrhundert im Anhang mancher Bibeln verzeichnet, obwohl Lage und Existenz umstritten sind. (Vergl. z. B. die Einheitsübersetzung der Katholischen Bibelanstalt, Stuttgart, 1980).

[vi] Wer will, kann in der dunkelhäutigen Maria Magdalena das Vorbild für die Schwarze Madonna vermuten. Häufig wird allerdings die Schwarze Madonna als Nachfolgerin der Erdmutter gesehen, sofern man die dunkle Farbe nicht auf die Alterung und Kerzenruß zurückführt.

[vii] Luk. 8, 2-3.

[viii] Luk. 7,37.

[ix] Die Apokryphen wurden nicht in den biblischen Kanon aufgenommen.

[x] Z. B. das „Evangelium der Maria”, vergl. 3, S. 202.

[xi] In der armenischen, griechischen und russischen Kirche gilt Konstantin als Heiliger.

[xii] Gegen die Seriosität des Eusebius als Historiker spricht auch, daß er nach Constantins Tod eine offen parteiliche Biographie dieses Kaisers verfaßte.