Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Frühe Warnungen vor der Degradierung des Humus und vor Verlust von Boden

Veröffentlicht in Gralswelt 54/2009, S. 53

Jahrhunderte lange wurde nicht erkannt, dass Aufstände, Revolutionen, Kriege, Kolonialismus, Auswanderung verschärft oder gar ausgelöst wurden durch die Verarmung exzessiv genutzter Ackerböden, deren Erträge nachlassen.

„Die ganz dünne Decke zwischen dem Grundwasserspiegel und dem grünen Pflanzenkleid, das ist der Reichtum eines Landes.”

                        Raoul H. Francé (1, S. 15)

Eine erste, wichtige Erkenntnis zur Bodenfruchtbarkeit brachte Justus v. Liebig (1803 – 1873) mit der Entdeckung des Nährstoffkreislaufs der Pflanzen. So ergab sich die Möglichkeit, fehlende Nährstoffe wie Kalium, Phosphor, Stickstoff usw. künstlich zuzuführen, um die Erträge ausgelaugter Böden zu steigern.

Nun fehlte noch das Wissen um die Bedeutung der Zusammensetzung des Humus und besonders seines komplizierten Bodenlebens.

Der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viel gelesene Biologe Raoul Francé (1874 – 1943) prägte 1912 den Begriff „Edaphon” (nach edaphisch = den Boden betreffend) und wurde zum Begründer der Bodenökologie. Nach langjährigen Forschungen veröffentlichte er grundlegende Werke (1 und 2) zu der Bedeutung des Humus – einer nur Zentimeter dicken Schicht auf dem Festland der Erde – von dem alle Landlebewesen direkt oder indirekt abhängen. Sein Werk „Das Leben im Ackerboden” war in den 20er und 30er Jahren ein Bestseller.

Nach dem Ableben von Raoul Francé wurden seine Forschungen von seiner Frau Annie weitergeführt, die über Jahrzehnte mit ihm zusammen gearbeitet hatte. Annie Francé-Harrar (1886 – 1971) wies in ihrem 1950 erschienenen, umfangreichen Werk von fast 700 Seiten (3), das von Einstein bewundert wurde, auf die Bedeutung des Humus für das Wohlergehen, ja das Überleben der Menschheit hin.

Eine Reihe weiterer Fachleute erkannten die Bedeutung des Humus und die Wichtigkeit des Erhalts gesunder Böden. So erschien beispielsweise im Jahr 1950 das alarmierende Buch „Die Erde rächt sich” (6), das vor dem weltweiten Verlust von Boden durch Abholzung, Erosion, Raubbau, Übernutzung warnt. In den 70er Jahren war „Gärtnern, Ackern ohne Gift” (5) eine verbreitete Kleingärtner-Bibel.

An ernst zunehmenden Hinweisen auf die Bedeutung des Humus und den zunehmenden Verlust an fruchtbaren Böden in aller Welt hat es also nicht gefehlt. Doch diese Warnungen blieben bis ins 21. Jahrhundert weitgehend unbeachtet, abgesehen von einigen Ökologen und ökologisch arbeitenden Landwirten, die sich um Bodenerhaltung und Bodenverbesserung bemühen. Die konventionelle Landwirtschaft kümmert sich – trotz vorhandenen besseren Wissens – bis heute zu wenig um die so wichtigen Mikroorganismen in ihren Äckern. Im Sinne der Großchemie sollen die Erträge hochgezüchteter Pflanzensorten mit Mineraldünger, Fungiziden, Herbiziden, Insektiziden, Pestiziden usw. gesteigert werden, die ein gesundes Bodenleben eher schädigen als fördern.

Literatur:

(1) Francé Raoul, Das Leben im Ackerboden, Franckh’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1922.

(2) Francé Raoul, Das Edaphon, Franckh’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1921.

(3) Francé-Harrar Annie, Die letzte Chance für eine Zukunft ohne Not, Bayerischer Landwirtschaftsverlag, München 1950.

(4) Francé-Harrar Annie, Humus, Bayerischer Landwirtschaftsverlag, München, 1957.

(5) Seifert Alwin, Gärtnern, Ackern – ohne Gift, Biderstein, München 1971.

(6) Vogt William, Die Erde rächt sich, Nest-Verlag, Nürnberg, 1950.

Umfangreiche Literaturverzeichnisse bieten (2), (3) und (6).