Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Frühe Jahre eines Genius

(Veröffentlicht in  GralsWelt 19/2001) 

Zu den spannendsten Ereignissen der Geschichte gehört die Beobachtung, wie sich Genies auch unter ungünstigen Startbe­dingungen durchsetzten und zu ihrer Aufgabe, ihrer Berufung finden. Häufig erfahren sie dabei Unterstützung von Menschen, welche die Begabung erkennen und selbstlos helfen. Es gibt viele, nicht selten bewegende Beispiele; hier eines im Rahmen der Serie „Seltsame Geschichten …”. Ein Beitrag, der zugleich einen weltbekannten musikalischen Genius würdigt, an dessen 100. Todestag vor kurzem erinnert wurde.

Ein Kind armer Leute

Der Vater unseres Genies hieß Carlo Giuseppe. Er wohnte mit seiner Frau Luigia Uttini in Le Roncole, einem Dorf bei Bus­seto im Herzogtum Parma. Sie besaßen eine kleine Landwirt­schaft und betrieben einen Krämerladen mit Gasthof. Es war Krieg, und das Leben war schwer. Beide Eltern waren Analphabeten, und die Schulbildung ihres begabten Sohnes bewegte sich zunächst auf dem Niveau einer ländlichen Zwergschule. Sein Unterricht war kaum regelmäßig; immer wieder unterbrochen durch die Anforderungen des täglichen Lebens und den Wünschen der Kirche: Unser Held mußte seinen Vater zum Einkaufen nach Busseto begleiten, im Laden und bei der Gartenarbeit helfen und als Ministrant dienen. Der Name des Jungen war übrigens Fortunio Giuseppe Francesco Verdi, geboren am 10. 10. 1813 in Le Roncole, gestorben am 27. 1. 1901 in Mailand.

 Ein Genie findet Förderer

Einige Zeit vor seinem achten Lebensjahr, möglicherweise als Geburtstags‑ oder Namenstags‑Geschenk, erhielt Giuseppe ein für seinen Stand ungewöhnliches Präsent: Ein Tisch‑Spinett bzw. kleines Cembalo. Es handelte sich um ein stehendes Cem­balo, dessen Saiten durch kleine Lederknöpfe am durch Tasten bewegten Mechanismus gezupft wurden.

In diesem Alter gab Mozart (1756-1791), der günstigere An­fangsbedingungen hatte, schon Konzerte und komponierte.

Man wundert sich, daß für Carlo, den Krämer und Landwirt, ein solches Geschenk erschwinglich war, auch wenn die schlimmen Kriegsjahre vergangen waren und das Leben sich langsam ver­besserte. Allerdings waren das Spinett und das Cembalo bis etwa 1820 aus der Mode gekommen und vom Klavier abgelöst, mit dem man leise (piano) und laut (forte) spielen kann; daher der Name „Pianoforte”. Die ausgemusterten Cembalos waren relativ billig, und Carlo Verdi konnte ein solches, für seine Verhältnisse außerordentliches Geschenk für seinen Sohn erwerben; die Nach­welt hat es ihm zu danken!

Das Instrument war allerdings alt und zerkratzt, die Pedale fehlten, und die Mechanik war schadhaft. Da erschien der näch­ste Förderer des begabten jungen Verdi, ein geschickter Hand­werker, der seine Arbeit auf einem Aufkleber dokumentiert hat, den man Jahre später in dem Instrument fand, so daß sein Name in keiner Verdi‑Biographie fehlen darf:

„Durch mich, Stefano Cavaletti, wurden diese Hämmer er­neuert und mit Leder belegt. Ich montierte Pedale und gab alles als Geschenk. Ebenso reparierte ich gratis die genannten Hämmer, denn die große Fertigkeit zu sehen, die der junge Verdi im Erlernen des Spiels auf diesem Instru­ment zeigt, ist für mich der schönste Lohn.”

Dieses kleine, alte Cembalo ebnete dem Genie des jungen Giu­seppe den Weg; seine Begabung durfte sich erweisen. Weitere Förderer erkannten sein Talent und unterstützten ihn.

Aber zuvor mußte er erst einmal überleben, denn es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre keine zwei Jahre alt geworden.

 Der Krieg erreicht Le Roncole

Als Giuseppe Verdi geboren wurde, war der Krieg zwischen Öster­reich und Frankreich in vollem Gange. Norditalien war eines der Schlachtfelder dieser blutigen Auseinandersetzung. Im Jahre 1814 mußten sich die Franzosen vor den anrückenden Österrei­chern und Russen zurückziehen. Dabei verfolgten russische Trup­pen fliehende französische Soldaten durch Verdis Geburtsort, wo Kosaken mordeten und plünderten. In panischer Angst vor den Kosaken, denen der Ruf vorauseilte, sie würden Babys lebendig auffressen, kletterte Luigia Verdi, ihr einjähriges Kind an die Brust gepreßt, auf den Turm der Kirche von Le Roncole und versteckte sich im Glockenstuhl. Der größte Musiker Italiens, einer der ganz großen Komponisten der Welt, entging vielleicht nur durch den verzweifelten Mut seiner Mutter einem vorzeitigen, grausamen Ende, und die Mensch­heit wäre ärmer ohne die wilde Entschlossenheit dieser zutiefst verschreckten Frau.

Man darf diese rührende Geschichte als gegeben annehmen, denn viel später führte der dann siebzigjährige Verdi einen Besucher aus Deutschland durch seinen (Verdis) Geburtsort. Verdi deutete auf den alten Kirchturm und sagte:

„Dort oben, mit mir in den Armen, suchte meine Mutter im Jahr 1814 Schutz vor den Russen, deren Plünderungen die Einwohner von Roncole vierundzwanzig Stunden in Angst und Schrecken versetzten. Die ganze Zeit versteckte sie sich oben im Glockenstuhl, der nur über eine Leiter zugänglich war, in schrecklicher Angst, ich würde unser Versteck durch Weinen verraten. Glücklicherweise schlief ich fast ununter­brochen und lachte höchst zufrieden, als ich aufwachte.”

 Literatur:

Eösze, Läszló: „Wenn Verdi ein Tagebuch geführt hätte”, Eigenverlag, 1990, ISBN 963 13 2995 X

Martin, George: „Verdi, His Music, Life and Times”, Dood, Mead & Co., New York, 1983

Osborne, Charles : „Verdi”, Alfred A. Knopf, New York, 1987