Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Das Geheimnis der Portolane

Alte Seekarten weisen auf unbekannte Zivilisationen hin

 Bergen alte Seekarten das Erbe einer versunkenen Vor-Zivilisation? Einer Hochkultur, die über großes Wissen verfügte und in der Menschen von Pol zu Pol reisten? In einer Zeit, als die Küsten der Antarktis noch frei von Eis waren? Siegfried HAGL ging dem „Geheimnis der Portolane” nach und zeigt im Rahmen unserer großen Serie „Seltsame Geschichten, sagenhafte Irrtümer, rätselhafte Phänomene” einmal mehr, wie viele ungelöste Fragen es in unserer Geschichte gibt.

 Portolane oder Portulane sind alte Seekarten oder Schifferhandbücher, welche Küstenbeschreibungen enthalten und dem Navigator Informationen übermitteln, die er benötigt, um sein Schiff sicher von Hafen zu Hafen zu steuern. Portolane wurden in vielfacher Form aufgezeichnet und bis in unsere Tage weitergegeben. Man weiß, daß sie zum Teil auf Überlieferungen beruhen, die sich bis ins Altertum zurückverfolgen lassen. Selbstverständlich wurden diese Unterlagen fortlaufend durch neue Erfahrungen ergänzt, um möglichst präzise Angaben zu bekommen; denn vor Jahrhunderten war eine exakte Navigation ebenso lebens­wichtig wie heute, und Fehler in der Standortbestimmung konnten damals wie in unseren Tagen zum Verlust des Schiffes und zum Tod der Besatzung führen.

Staatsgeheimnis Seekarte

Allerdings kannte man im Altertum und Mittelalter keine Seeämter und keine geographischen Institute. Das Kartenzeichnen war eine Spezialisten anvertraute Kunst, und Unterlagen für Seekarten oder Portolane wurden nicht selten als Staatsgeheimnis behandelt. Das begann spätestens mit den Phöniziern, welche die Straße von Gibraltar sperrten und mit allen Mitteln zu verhindern wußten, daß Schiffe anderer Länder den Atlantik befuhren. Nur wenige spärliche Berichte über die Meere jenseits der „Säulen des Herkules” (der Straße von Gibraltar) – also über den Atlantik und die Nordsee – drangen bis zu den Griechen. Einer davon scheint in die Odyssee eingeflossen; jedenfalls sind Wissenschaftler der Ansicht, daß sich in der Schilderung der Irrfahrten des Odysseus eine Beschrei­bung des Weges nach Helgoland nachweisen lasse (1 , S. 54).

Die Geheimhaltung von Seewegen war mit der Vernichtung der phönizischen Seemacht nicht beendet. Bis in die Neuzeit wurden navigatorische Daten und Fakten als Geheimnisse behandelt. So versuchten Portugiesen den Seeweg nach Indien und weiter zu den Molukken und Japan geheim zu halten; die Spanier zerstörten jedes fremde Schiff, das in südamerikanische Gewässer eindrang, und türkische Seefahrer hielten ihre Seekarten ebenso geheim wie deren christliche Widersacher. Trotz aller Geheimniskrämerei sind alte Seekarten erhalten. Zum großen Teil handelt es sich um Beschreibungen des Mittelmeeres oder Segelanwei­sungen für das Schwarze Meer; doch gibt es auch Darstellungen der Ozeane. Europäische wie orientalische Kartographen und Seefahrer bemühten sich auch immer wieder um eine Darstellung der „ganzen Welt” und fertigten Karten, Atlanten und sogar Globen, welche uns Einblick in das jeweilige geographische Wissen liefern. Die meisten ihrer Arbeiten bergen kaum Überraschungen, son­dern zeigen nur die zeitgenössischen Kenntnisse. Ausnahmsweise tauchen jedoch  Seekarten auf, die von einer verblüffenden Präzision sind, die Lage von Orten genauer angeben, als sie zu der vermutlichen Entstehungszeit der Karten gemessen werden konnte; ja, manche enthalten sogar Küsten und Länder, welche zu der Zeit, als diese Portolane gezeichnet wurden, noch nicht entdeckt waren. Schließlich entsteht sogar der Eindruck, daß für die Darstellung der gewölbten Erde auf ebenem Papier Projektionsverfahren Anwendung fanden, wie sie vor der Neuzeit unbekannt waren.

Piri‑Re’is rätselhafte Karten

Eine der meist erwähnten der rätselhaften Karten ist eine aus dem Besitz des Piri­-Re’is überlieferte Weltkarte aus dem Jahr 1513, die erst 1929 im alten Sultanspalast zu Istanbul entdeckt wurde. Piri-Re’is war ein Admiral der türkischen Flotte. Wie viele große Seefahrer hatte er als Korsar angefangen, dann Karriere als Kapitän von Kriegsschiffen gemacht, bis man ihm im Jahre 1550 den Oberbefehl über die ottomanische Flotte anvertraute. Im Auftrag des Sultans Selim I. (1512-1520) schuf er ein für die damalige Zeit einmaliges Segelhandbuch des Mittelmeeres mit dem Titel „Marine” (Bahrriye) und außerdem die berühmte Weltkarte, die leider nicht vollständig erhalten blieb. Später wurde ihm seine Seeräuber‑Vergangenheit zum Verhängnis. Durch eine hohe Bestechungssumme ließ er sich dazu verleiten, die Belagerung Gibraltars aufzuheben. Dafür wurde er auf Befehl des Sultan Soliman (1520-1566) hingerichtet.

Piri‑Re’is selbst ist nie in den Atlantik vorgedrungen. Er war also kein Entdecker, der eine Weltkarte aus eigener Erfahrung zeichnen konnte. Doch verfügte er über wertvolle alte Karten, deren Angaben er zusammenfaßte. Wahr­scheinlich handelte es sich um aus der Antike überlieferte Vorlagen, die verschol­len sind. Man kann nur vermuten, daß diese ursprünglich aus phönizischer – oder noch früherer – Zeit stammten, und über Alexandrien (der größten Bibliothek und wichtigsten Universität des Altertums) nach Konstantinopel kamen, wo sie nach der Eroberung der oströmischen Hauptstadt in türkische Hände fielen. Eine Prüfung der aufgrund dieser Vorlagen gezeichneten Karte des Piri‑Re’is hat erstaunliche Tatsachen ergeben: Zunächst sind die geographischen Längen mit überraschender Genauigkeit angegeben. Zur exakten Längenbestimmung ist eine genaue Zeitmessung erforderlich. Mit diesem Problem hatten noch die Seefahrer des 18.Jahrhunderts zu kämpfen, und es bedurfte vieler Entwicklungen und Verbesserungen, bis im 19. Jahrhundert Uhren zur Verfügung standen, die das Anlaufen einer Küste bei schlechter Sicht nicht mehr zu einem lebensgefährlichen Abenteuer machten. Mittelalterliche Kapitäne, Griechen, Römer, Phönizier konnten dieses Problem jedenfalls nicht lösen, und nur wenige ihrer Seefahrer wagten sich, ohne Landsicht segelnd, auf das offene Meer hinaus. Woher also hatte Piri‑Re’is seine Kenntnisse?

Charles Hapgood kommt nach sorgfältiger Analyse zu dem folgenden State­ment: „Es liegt nahe, daß Piri‑Re’is über Kartenvorlagen von Afrika, Europa und den Inseln im Atlantik verfügte, die auf Seekarten beruhten, die ursprünglich in einer trigonometrischen Projektion gezeichnet waren, wel­che die Erdkrümmung berücksichtigte. Durch das Fehlen anderer Alternativen sehen wir uns gezwungen, den Ursprung dieses Teiles der Karten einem vor‑hellenischen Volk zuzuschreiben – nicht Renaissance oder mittelalterli­chen Geographen, auch nicht den Arabern, die mit den Längengraden genauso wenig zurecht kamen wie alle übrigen, und auch nicht den Grie­chen. Die trigonometrische Projektion (oder zumindest die darin verarbei­tete Information von der Größe der Erde) läßt alexandrinische Geographen vermuten, aber die offensichtliche Kenntnis der Längengrade läßt auf ein unbekanntes Volk schließen, eine Nation von Seefahrern, die Instrumente zur Längenmessung besaßen, von denen die Griechen nicht einmal träumen konnten, und über die – so weit wir wissen – auch die Phönizier nicht verfügten.”  6, S.49)

Seit kurzem ist Hapgood mit dieser Ansicht kein krasser Außenseiter mehr; denn die überlieferten Landkarten sprechen eine so eindeutige Sprache, daß auch der angesehene Geologe und Antarktis‑Forscher John Welhaupt von der University of Colorado davon spricht, daß vor 2600 bis 9000 Jahren bronzezeitliche Men­schen den Weg zur Antarktis fanden und sogar in der Lage waren, eine Kartierung dieses Kontinents aufzunehmen (3, S. 280). –

Folgt man weiteren Quellen (2), so enthält die Piri‑Re’is‑Karte noch eine genaue Aufnahme der Küsten von Nord‑ und Südamerika sowie der Antarktis. Dabei begnügt diese sich nicht mit den Küstenlinien, sondern verzeichnet auch Gebirgsketten. Grönland wird als Folge von drei Inseln dargestellt; in der Tat würde ein eisfreies Grönland diesen Anblick ergeben. Demnach wären die alten Vorlagen der Piri‑Re’is‑Karte vor der derzeitigen Vereisung von Grönland ent­standen? Also bevor sich die Erdpole verschoben und die heutigen Klimazonen entstanden?

Eine unbekannte Zivilisation

Charles Hapgood hat noch andere alte Seekarten untersucht und ist zu fast unglaublichen Schlußfolgerungen gelangt. Zunächst was das Alter der verscholle­nen, wahrscheinlich uralten Vorlagen betrifft. Der Vergleich heutiger Küsten­linien mit Darstellungen auf diesen alten Seekarten führte zu dem folgenden Eindruck: „Das vermutlich eindruckvollste Beispiel ist die große Bay auf der Ibn Ben Zara Karte von Spanien an der Stelle, wo sich heute das Delta des Guadalqui­vir befindet. Man bekommt den Hinweis, daß ein Delta von dreißig Meilen Breite und fünfzig Meilen Länge entstand, seit die ursprüngliche Karte gezeichnet wurde. Es gibt auch Hinweise (in der Ibn Ben Zara Karte) auf eine geringere Höhe des Meeresspiegels. Im Widerspruch zu der außerge­wöhnlichen Genauigkeit dieser Karte sind in der Ägäischen See viele Inseln eingetragen, die heute nicht mehr existieren, und zahlreiche Inseln sind größer als heute. Das könnte schlechte kartographische Arbeit sein, aber es gibt keine Notwendigkeit, diese Folgerung zu übernehmen. Es verhält sich wohl genauso wie mit den Hinweisen auf Überreste eiszeitlicher Gletscher in Schweden, Deutschland, England und Irland in den Benicasa und Ibri Zara Karten sowie der Karte des Ptolemäus von Nordeuropa. Offensichtlich hängt beides zusammen und verweist in die gleiche Richtung – in ein sehr hohes Alter für den Anfang der Kartographie.” (6, S. 185)

Am überzeugendsten sind Darstellungen des antarktischen Kontinents, die in einer Zeit entstanden sein müssen, als nach allgemeiner Ansicht über diesen Teil der Erde noch nichts bekannt war: „Der wichtigste Hinweis auf das Alter der Karten findet sich jedoch in den Darstellungen der Antarktis, besonders in Karten von Mercator, Piri‑Re’is und Orontes Finäus. Alle diese Karten zeigen anscheinend den Kontinent zu einer Zeit, wo dort ein gemäßigtes Klima herrschte. Geologische Hinweise, die in Form von drei Bohrkernen der Sedimente in der Ross See vorgelegt wurden, erwecken den Eindruck, daß eine solche warme Periode bis noch vor 6000 Jahren dort geherrscht haben könnte.” (6, S. 185/186)

Eine weitere interessante Feststellung Hapgoods: Schon die ältesten Seekarten scheinen auf der Teilung des Kreises in 360 Grad zu beruhen. Wir sind heute der Ansicht, daß diese Gradeinteilung aus Babylon stammt, doch Hapgood glaubt an einen weit älteren Ursprung:

„Es entsteht der Eindruck, daß der 360‑Grad‑Kreis und die Zwölferteilung der Himmelsrichtungen schon altbekannt waren vor dem Aufstieg von Babylon und lange bevor die Phönizier Tyrus und Sidon erbauten. Die babylonische Wissenschaft war wohl das Erbe einer viel älteren Kultur.” (6,  S.185)

Wenn wir heute einen Kompaß in die Hand nehmen, einen Winkel messen, oder die Stunde in 60 Minuten teilen, verwenden wir demnach eine der ältesten Definitionen der Menschheit: Ein unbekanntes, aber sehr altes Volk hat vor vielen Jahrtausenden diese Festlegung getroffen, die über Babylonier, Ägypter, Grie­chen, Römer, Araber der Neuzeit überliefert wurde.

Es verdichten sich die Hinweise auf eine uralte Kultur, die – zumindest was die Seefahrt betrifft – nicht weit hinter dem Europa des 18. Jahr­hunderts zurück gewesen sein kann. Von dieser unbekannten Zivilisation sind nur wenige Spuren erhalten; neben Mythen und einzelnen rätselhaften Funden, vor allem Landkarten unbekannten Ursprunges. Diese Karten blieben erhalten, weil sie durch die Jahrhunderte von Seefahrer zu Seefahrer weitergereicht, immer wieder neu gezeichnet oder kopiert wurden, bis sie schließlich als Erbe einer versunkenen Vor‑Zivilisation in unseren Museen landeten. Diese verwehte Kultur hatte große Seefahrer, deren Leistungen sich vor den Abenteuern eines Kolum­bus, Maghellan und Cook sehen lassen können: „Es wird klar, daß die alten Reisenden von Pol zu Pol reisten. So unglaublich es scheinen mag, der Augenschein überzeugt uns, daß sehr alte Völker die Küsten der Antarktis erforschten, während diese frei von Eis waren. Es ist auch klar, daß sie über Navigationsinstrumente verfügten, mit denen sie den Längengrad eines Ortes mit einer Genauigkeit feststellen konnten, welche die Möglichkeiten weit übertraf, über die Völker des Altertums, des Mittel­alters oder der Neuzeit bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verfügten.” (6, S. 1)

Literatur:

(1) Bartholomäus, Karl: „Odysseus kam bis Helgoland”, Bild der Wissen­schaft, Heft 1/1977, DVA, Stuttgart

(2) Charroux, Robert: „Phantastische Vergangenheit”, F.A. Herbig, Berlin, 1966

(3) Der Spiegel, 38. Jahrgang, Nr. 41 vom 8.10.1984, Spiegel Verlag, Hamburg

(4) Hagl, Siegfried: „Die Kluft zwischen Wissenschaft und Wahrheit”, Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, Stuttgart, 1986

(5) Hapgood, Charles: „ Earth’s Shifting Crust”, Pantheon Books, New York, 1958

(6) Hapgood, Charles: „Maps of Ancient Sea Kings”, Chilton Books, Philadelphia, 1966