Siegfried Hagl - Schriftsteller

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China III: Chinas Niedergang und Aufbruch

(veröffentlich in GralsWelt 7/1998)

Was immer geschehen mag, wir haben das Maxim-Gewehr und sie haben es nicht.
Hilaire BELLOC (1870-1953)

In Peking wurde ein „Atlas der Schande” erarbeitet, in dem „Hundert Jahre der Schmach und Erniedrigung durch die kolonialen Herren” erfasst sind. Denn leider haben Europäer und Amerikaner sich in Ostasien seltener durch praktiziertes Christentum hervorgetan als durch rücksichtslosen Egoismus. Im dritten Teil der GRALSWELT-Serie zur „Weisheit Asiens” steht nochmals Chinas Verhältnis zum Westen im Mittelpunkt. Hier geht es um Niedergang und Aufbruch des Riesenreiches.

Im Jahre 1793 reiste der britische Gesandte Lord Macartney mit vielen Geschenken zum chinesischen Kaiserhof, um Handelserleichterungen für britische Kaufleute zu erreichen. Er mühte sich umsonst, erhielt aber ein kaiserliches Handschreiben, das ihm Kaiser Ch’ien-lung für König-Georg III. aushändigen ließ:

„Du, o König, der jenseits der Ufer zahlreicher Meere wohnt, hast dennoch, von deinem demütigen Verlangen angespornt, die Wohltaten unserer Zivilisation zu teilen (welche die älteste und ehrwürdigste der Welt ist), deine Boten als respektvolle Träger einer Bittschrift ausgesandt. Um deine Ergebenheit zu bezeugen, hast du auch Gaben gesandt, wie sie dein Land hervorbringt. Ich schwinge mein Szepter über die ganze weite Welt und habe nur ein Ziel vor Augen, nämlich das einer vollkommenen Regierung und einer Erfüllung der Pflichten des Staates; fremdartige und kostbare Gegenstände interessieren mich nicht. Die majestätische Kraft unserer Dynastie ist in jedes Land unter dem Himmel gedrungen, Könige und Völker haben zu Land und See uns köstliche Tribute dargebracht. Wie dein Gesandter selbst zu sehen vermag, besitzen wir alles.

Dir, o ferner König, geziemt es, meine Gefühle zu achten und in Zukunft noch größere Hingabe und Treue zu entfalten, damit du durch stete Unterwürfigkeit unter unserem Throne deinem Land fortan Frieden und Wohlfahrt zu sichern vermagst.”

Entnommen aus Otto Zierer: „Die Mandschu-Kaiser”, Verlag Sebastian Lux, Murnau 1960

Das riesige chinesische Reich war vom 18. Jahrhundert an ein kaum mehr regierbarer, kranker Riese mit zerrütteter Wirtschaft, erstarrten Strukturen, einer ungeliebten Regierung und reformfeindlichen Würdenträgern. Das einzige, worin sich arm und reich, Bauer und Mandarin einigen konnten, war die Ablehnung der „rotborstigen Teufel”, also die hasserfüllte Feindschaft gegen Europäer und Amerikaner. Denn diese nützten die Schwäche des einst mächtigen Reiches schamlos aus. Die Chinesen wurden in ihrem Stolz auf drei Jahrtausende ruhmreicher Geschichte und Kultur zutiefst gedemütigt, da sie in ihrem zerrissenen Land nicht in der Lage waren, Angriffe von außen abzuwehren.

HANDEL BRINGT WANDEL
Zu Marco Polos Zeiten gab es einen regen Seehandel zwischen China, Indien, den arabischen Ländern und den Inseln der Südsee. In Guangzhou (Kanton) und Quanzhou befanden sich Kolonien von Muslimen, die sich mit den Chinesen gut vertrugen und sogar chinesische Würdenträger für die Annahme der Lehren des Propheten gewinnen konnten.
Die Begegnung zwischen China und Europa dagegen stand von Anfang an unter einem „unglücklichen Stern”.
Als die ersten portugiesischen Seefahrer vor der chinesischen Küste auftauchten, hinterließen sie den denkbar schlechtesten Eindruck, und mussten sich in einem Fall sogar – keineswegs zu Unrecht – wie Seeräuber behandeln lassen. Trotzdem durften sie sich gegen Zahlung von Pachtzinsen in Macao niederlassen.
Franzosen, Dänen, Spanier, Schweden folgten den Portugiesen, mit den Ziel, sich am lukrativen China-Handel zu beteiligen. Im 17. Jahrhundert wurden dann Vertreter der beiden damals wichtigsten Seemächte – England und Holland – die dominierenden Handelspartner, bis im Zuge der napoleonischen Kriege die Engländer den China-Handel fast alleine beherrschten.
Gewinnsüchtige Händler sind keine idealen Kultur-Botschafter. Mit mehr Erfolg bemühten sich gelehrte Jesuiten um eine Verbesserung der Beziehungen. Doch dann wurde der Jesuiten-Orden im Jahre 1773 durch ein päpstliches Dekret aufgelöst. Andere Mönche – voran die Dominikaner -, die sich zu wenig auf die chinesische Mentalität einstellten, glaubten in China missionieren zu sollen; mit dem Ergebnis, dass jede christliche Missionstätigkeit innerhalb Chinas vom Kaiser verboten wurde.
Nach Ansicht des chinesischen Hofes war von den „Westbarbaren” nichts Gutes zu erhoffen. Die den Europäern gewährten Handelsbedingungen waren entsprechend restriktiv. Europäer (und später auch Amerikaner) durften nur in einem einzigen Hafen (Guangzhou) von Oktober bis Januar mit dafür von der chinesischen Regierung autorisierten Personen Handel treiben. Die Bewegungsfreiheit der Europäer war auf einige Inseln in der Mündung der Perlflusses vor Guangzhou begrenzt.
Trotz aller Handelshemmnisse nahm der Absatz chinesischer Produkte – voran Seide und Tee – in Europa und Amerika laufend zu. Europäische Erzeugnisse dagegen fanden in China kaum ihren Markt, so dass die chinesischen Exporte zum weitaus größten Teil mit Edelmetallen bezahlt werden mussten. Diese einseitige Handelsbilanz begann die westliche Wirtschaft zu belasten.

Auszüge aus einem Brief des chinesischen Gelehrten-Beamten Lin Zuxu an die Königin Victoria, in dem er bat, den Opiumhandel zu stoppen:

„Ich habe gehört, dass das Rauchen von Opium in Ihrem Lande streng verboten sei. Warum lassen Sie zu, dass es anderen Ländern Schaden zufügt? Gesetzt, es gäbe jemanden aus einem anderen Land, der Opium nach England brächte und Ihr Volk verführte, es zu kaufen und zu rauchen – gewiss würde Ihr ehrenwerter Herrscher das tief verabscheuen und erbittert darüber sein …
Natürlich würden Sie nicht wünschen, anderen etwas zu tun, was Sie selbst nicht wollen …
Mögen Sie, o Königin, die verbrecherischen Menschen in Ihrem Land ausmerzen und die Heimtückischen überprüfen, ehe sie nach China kommen. Nur so gewährleisten Sie den Frieden Ihres Volkes und zeigen, dass Ihre Unterwürfigkeit und Ergebenheit ernst gemeint sind.”

Entnommen aus John Merson „Straßen nach Xanadu”, Hoffmann und Campe, Hamburg 1989

DER OPIUMKRIEG
Clevere Geschäftsleute fanden allerdings schon im 18. Jahrhundert ein Produkt, das sich in China mit großem Gewinn verkaufen ließ: Opium.
Zwar war die Einfuhr von Opium nach China strengstens verboten; doch freche Schmuggler, skrupellose Händler, fanden in dem zerfallenden chinesischen Reich mit seiner korrupten Bürokratie immer neue Wege, dieses gefährliche Produkt (obendrein noch zollfrei) ins Land zu schmuggeln.
Die Rauschgiftsucht in China griff um sich. Mit verheerenden Folgen. Statthalter meldeten aus den Küstenprovinzen, daß die Arbeitslust der Kulis, Handwerker, Seeleute, ja selbst der Bauern, die sich dem Opiumrausch hingaben, in beängstigendem Maße sinke. Als zur Niederschlagung eines Aufstandes in Kansu die Tataren-Regimenter alarmiert wurden, waren kaum ein Fünftel der Soldaten einsatzfähig. Es musste etwas geschehen, wenn nicht das ganze Land in Gefahr geraten sollte.
Der Kaiser sandte seinen besten Mann nach Guangzhou; den hochgebildeten Lin Zuxu (oder Tschun Lin), der schon mit 37 Jahren den höchsten Rang erreicht hatte. Er beherrschte nicht nur das klassische chinesische Wissen perfekt, sondern war auch der englischen Sprache mächtig, hatte westliche Bücher, Landkarten, Kriegstechnik studiert.
Nachdem Lin Bücher über das europäische Völkerrecht konsultiert hatte, bat er in einem Brief an die Königin Victoria, den Opiumhandel zu stoppen.
Ob der Brief die Königin erreichte, ist ungewiss. Sicher ist, dass die öffentliche Meinung in England den „freien Handel” – in diesem Fall ausgerechnet mit Opium – propagierte, auf dem der Reichtum Englands ruhte. Moralische Vorhaltungen aus dem fernen China konnten da auf wenig Gegenliebe hoffen.
Als Lin keine Antwort erhielt, musste er handeln: Im März 1839 griff er hart durch. Der Handel mit Ausländern wurde eingestellt, 350 westliche Kaufleute auf dem Gelände ihrer Faktoreien interniert und deren Versorgung so lange abgeschnitten, bis sie ihren ganzen Opiumvorrat abgeliefert hatten. Das beschlagnahmte Rauschgift wurde in einer spektakulären Aktion öffentlich vernichtet.
Diesen Angriff auf die „Freiheit des Handels” konnte sich die stärkste Seemacht nicht bieten lassen. Englische Kriegsschiffe blockierten chinesische Häfen, besetzten 1841 Xianggang (Hongkong) und erklärten es zur britischen Kolonie.
Fast zwei Jahre lang versuchten die Briten vergeblich, China zum Einlenken zu bewegen. Dann machten sie ernst und fuhren im Frühjahr 1842 mit 39 Schiffen, 724 Kanonen und 10.000 Soldaten den Yangzi stromauf. Nachdem vorher schon Guangzhou in Flammen aufgegangen war, wurden nun Wusong, Shanghai und Jinjiang erobert und die Versorgung der Hauptstadt über den Kaiserkanal abgeschnitten.
Der Widerstand der chinesischen Armee war zusammengebrochen. Auch eilig zusammengekauftes westliches Kriegsgerät minderer Qualität konnte das Kriegsglück nicht wenden: eine schlecht ausgebildete, altertümlich bewaffnete Armee hat gegen die moderne Kriegstechnik keine Chance …
Am Ende musste China den ersten der „ungleichen Verträge” akzeptieren: Es entschuldigte sich für das Vorgehen von Lin Zuxu, leistete Kriegsentschädigung und zahlte „Schadenersatz”, trat Xianggang an England ab, öffnete weitere Häfen für den Handel und erlaubte die Einfuhr von Opium!
Dieser „Opiumkrieg”, der von 1840 bis 1842 zwischen China und England tobte, wurde im vergangenen Jahr übrigens von Regisseur Xie Jin für die Kinoleinwand inszeniert: Mit 50.000 Statisten und mehr als 10 Millionen Dollar entstand der teuerste Film, den China je produzierte. Das filmische Werk erlebte am 1. Juli 1997, dem Tag der Machtübernahme in Hongkong, seine Premiere – und erinnerte gezielt an die Demütigungen, die China einst zu erleiden hatte.

DIE UNGLEICHEN VERTRÄGE
Der „Vertrag von Nanking” im Jahre 1842 brachte zwar das Ende des Opiumkrieges, doch er rief zugleich weitere Mächte auf den Plan, die sich bei dieser Gelegenheit ein Stück von China sichern wollten. Frankreich, Russland, Japan, Deutschland sogar, wollten sich ein Stück Land und den Zugang zum China-Handel verschaffen. Sie zwangen dem durch innere Unruhen gelähmten gelben Riesen eine Reihe unfairer Vereinbarungen auf, die in China als die „ungleichen Verträge” berüchtigt sind, als Ausdruck der Niedertracht der „fremden Teufel”.
Im Inneren Chinas tobten Aufstände.
Als nationalistische Fanatiker im sogenannten „Boxer-Aufstand” den deutschen Gesandten ermordeten und europäische Botschaften in Beijing (Peking) belagerten, eroberte ein europäisches Hilfskorps die Hauptstadt Chinas. In einer Strafaktion wurde bei dieser Gelegenheit der nördlich von Beijing gelegene „Sommerpalast” (Yeon-mingyeon oder yuanmingyuan), eine der zauberhaftesten Schloss- und Parkanlagen aller Zeiten, gefüllt mit unschätzbaren Schriftrollen, Bildern, Antiquitäten, niedergebrannt.
Zuletzt trugen dann noch Japan und Russland ihre territorialen Streitigkeiten auf chinesischem Boden aus …

ENDE UND AUFBRUCH
In diesem Chaos verfiel die im Volke seit langen verhasste Fremdherrschaft der Mandschu. Reformbemühungen einsichtiger Kräfte scheiterten am traditionalistischen Denken der Kaiserin-Witwe Xilan und ihrer Hof-Kamarilla. Zuletzt brach 1911 ein Aufstand in der Stadt Wuhan aus, der innerhalb weniger Wochen fast alle Provinzen erreichte und die Gründung einer Republik im Jahre 1912 erzwang.
Auch der Republik China (1912 – 1949) blieben Kriege, Unruhen, Bürgerkriege, Okkupation eines großen Teiles des Landes durch eine fremde Macht, nicht erspart. Aus vielen Wirren ging im Jahre 1949 die kommunistische Volksrepublik China mit ihrem charismatischen Führer Mao Tse-tung hervor.
Doch die maoistische Herrschaft bedeutete noch kein Ende der Leiden des chinesischen Volkes.
Ein alternder Mao mutete seinem Volk während der „Kulturrevolution” unglaubliche Qualen zu. Es war ein in der Weltgeschichte einmaliger, von der Regierung verordneter Bürgerkrieg von „unten” gegen „oben”, ein Kampf unreifer Schüler und verhetzter Bauern gegen Lehrer, Akademiker, Wissenschaftler, die hasserfüllte Verfolgung und Diskriminierung jedes Gebildeten. Mao inszenierte also einen paranoischen Kampf gegen alles Intellektuelle. (Mit der Leitung des biochemischen Institutes der Universität Shanghai wurde ein des Lesens und Schreibens unkundiger Schlachthof-Arbeiter betraut. An diesem Institut war ein Jahr zuvor die weltweit erste synthetische Herstellung von Insulin geglückt.)
Das während seiner langen Geschichte so oft schwer geprüfte Volk Chinas überstand in seiner unglaublichen Leidensfähigkeit auch die einer Naturkatastrophe gleich über das Land hereinbrechende Kulturrevolution.
Nun hat ein neuer, nicht weniger staunenswerter Aufbruch eingesetzt: In einem „kommunistischen” Land ist plötzlich „Reichtum verdienstvoll”, es wird Geld-, und Viel-Geld-Verdienen zum öffentlich anerkannten, erstrebenswerten Ziel. Schon gibt es unerhört reiche Chinesen – die in wenigen Jahren Millionen von Dollar „machten” – in einem sozialistischen Land. Die Bürokratie – nun kommunistisch – gilt als nicht weniger korrupt als die Mandarine von einst; die Bevölkerung in den Provinzen ist arm und unwissend wie eh und je.
Vor unseren Augen läuft im volkreichsten Land der Erde eines der interessantesten Experimente der Weltgeschichte ab: Eine kommunistische Volksdemokratie mit absoluter Diktatur durch die Partei schickt sich an, in seiner Wirtschaft den westlichen Kapitalismus zu praktizieren. Man will die „Quadratur des Kreises”, die stets für unmöglich gehaltene Verbindung von westlicher Marktwirtschaft mit einer sozialistischen Diktatur.
Den Chinesen ist zuzutrauen, dass ihnen auch dieses „unmögliche” Kunststück gelingt: Dass sie ihre alten konfuzianischen Traditionen in zeitgemäßer Form auferstehen lassen, sie mit kommunistischen und kapitalistischen Vorstellungen verbinden, und zuletzt ein typisch chinesisches System des Ausgleichs zwischen lauter Widersprüchen finden, das für einen Europäer unvorstellbar ist.
Dann würde ihnen nur noch ein geistiger Durchbruch zur wahren Gotterkenntnis fehlen, den nicht zuletzt das Verhalten sogenannter „Christen” den Chinesen sehr erschwert hat. Wollen wir hoffen, dass das Volk Chinas diesen geistigen Weg findet, um auf ihm zu dem Kulturvolk zu werden, als das es sich schon immer verstanden hat. Auf Vorbilder in Europa oder Amerika können die Chinesen dabei nicht bauen.
Wünschen wir ihnen für diesen Weg das Beste!