Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der Globalisierungsschwindel

(Veröffentlicht in GralsWelt 62/2010)

Vor kurzem machte mich ein Freund auf ein Geschäft für chinesische Importwaren in der Peripherie von München aufmerksam. Das Angebot bestand aus allerlei Schnickschnack, aber auch aus interessanten Produkten, wie Taschenmessern, Werkzeugen, Elektronik und Optik. Die wichtigsten Abnehmer sind nicht die Laufkundschaft wie ich; denn dazu liegt der kleine Laden zu weit ab. Es sind Händler, die größere Partien ordern und dementsprechend noch ansehnliche Rabatte heraushandeln. Diese Händler verhökern die Waren dann wohl als „Sonderangebote“ bei Jahrmärkten, Flohmärkten, im Internet usw. mit gutem Gewinn.

Bei der Betrachtung der Produkte und der Preise wurde ich nachdenklich. Es wird sicher nicht die Qualität westlicher Spitzenfirmen angeboten. Doch für viele Zwecke reicht eine etwas einfachere Ausführung aus, die im Gegenzug konkurrenzlos billig ist. Allem Anschein nach ist eingetreten, wovor schon vor einem Jahrhundert als mögliche Bedrohung der Industrieländer gewarnt wurde: die bevölkerungsreichen Länder Asiens überschwemmen die westlichen Märkte mit konkurrenzlos billiger Ware. Das Ergebnis ist eine fortschreitende Deindustrialisierung der einst führenden Industrienationen mit entsprechendem Verlust an Arbeitsplätzen (vergl. GW 59/2010, Seite 36, „Hungrig, tüchtig, risikobereit“). Die aus dem Arbeitsmarkt „Ausgestoßenen“ (man spricht etwas verschämt lieber von „Freigestellten“) sind dann auf das soziale Netz angewiesen, das unter den zu befürchtenden Belastungen früher oder später reißen muss.

Gereicht die viel gelobte Globalisierung, die den Billiglohn-Ländern den freien Zugang zu den Hochpreis-Märkten der klassischen Industrienationen erlaubt, vielleicht doch nicht allen Partnern, „Reichen“ wie „Armen“, zum Vorteil? Sind die Gewinner, die zuletzt lachen, die aufsteigenden Industrieländer Asiens? Müssen die klassischen Industrieländer absteigen, vielleicht gar verarmen?

Die ideologische Basis der Globalisierung

In der Geschichte haben nicht selten religiöse oder politische Ideologien Menschenmassen in Bewegung gesetzt; von den Kreuzzügen oder der Reformation über die französische Revolution, kommunistische, faschistische, nationalsozialistische, maoistische Ideologien bis zum fundamentalistischen Islam. Die Beispiele lassen sich beliebig vermehren.

Weniger bekannt ist, dass auch in der Wissenschaft ideologische Voreingenommenheiten den Ton angeben können. Eine solche Ideologie, die durch praktische Erfahrungen eher widerlegt als bewiesen scheint, ist der freie Handel. Der Freihandel, der angeblich den Interessen aller Beteiligten dient und die optimale Wirtschaftsweise ermöglicht. Dieses Dogma liefert auch die Grundlagen und die Rechtfertigung der Globalisierung.

Am entschiedensten wurde in den hinter uns liegenden zwei Jahrhunderten der Freihandel von Großbritannien gefordert und bedingungslos – das heißt teilweise sogar mit Waffengewalt – durchgesetzt, bis zum Opium-Krieg (vgl. GW 7/1998, Seite 55, „Chinas Niedergang und Aufbruch“). So lange die britische Industrie führend war, zog sie Nutzen aus dem freien Handel. Als die Konkurrenz anderer Statten nachzog und die britische Vormachtstellung zu bröckeln drohte, wurden nicht ökonomische ( z. B. Einfuhrzölle), sondern politische Antworten gesucht, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beitrugen.

Ein cleverer Spekulant

Der Engländer David Ricardo (1772-1823) war der Sohn eines Börsenspekulanten, der ihn schon als Kind in die Feinheiten der Spekulation einführte. David Ricardo verließ als 14-jähriger die Schule, bekam nie eine höhere Bildung, war aber der geborene Finanzakrobat, der sich schon mit 21 Jahren selbständig machte. Als er im Alter von 51 Jahren überraschend starb, hinterließ er ein Vermögen von gut 35 Millionen Pfund.

Wir brauchten uns mit Ricardo nicht weiter zu befassen, hätte er nicht seiner Neigung zum Theoretisieren nachgegeben und seine Vorstellungen in einer Reihe von Schriften propagiert. In seiner bedeutendsten Botschaft forderte er den vollkommen freien Handel ohne jeden staatlichen Eingriff. Als Beispiel diente ihm „eine Welt, in der England Tuch und Wein produziert. Portugal stellt ebenfalls Wein und Tuch her, beides allerdings zu deutlich günstigeren Bedingungen. Dennoch wird sich der Handel zwischen beiden Volkswirtschaften zum gegenseitigen Vorteil entwickeln, sagt Ricardo. Es komme nicht auf den absoluten Vorteil und die tatsächlichen Preise an, sondern nur auf den vergleichbaren Vorteil und die relativen Preise. Im Fall von Portugal seien die Verdienstmöglichkeiten beim Export von Wein höher als beim Export von Tuch, weil es pro Zeiteinheit mehr Wein als Tuch herstellen könne. Deshalb sei es ökonomisch klug für die Portugiesen, sich darauf zu konzentrieren: Portugal also produziert Wein für den Export. Im Gegenzug erhält es aus England Tuch, und zwar mehr Tuch, als wenn es den Stoff selbst produziert hätte. Die englischen Tuchhersteller besitzen zwar keinen absoluten, wohl aber gegenüber der aufwendigeren Weinherstellung im eigenen Land einen komparativen, das heißt vergleichbaren Vorteil. Das reiche aus, damit der Handel für beide sich lohne, so Ricardo“ (10, S. 338).

Diese Vorstellungen sind rein theoretisch und die Praxis spricht gegen sie: „Der Weinexporteur Portugal, der seine Tuchproduktion zugunsten des Weinbaues aufgibt und damit besser fährt, als wenn er beides herstellt, verstößt gegen seine ureigensten Interessen. Das wahre Portugal besitzt ein handfestes, durch nichts zu dämpfendes Interesse, den Status des Landes der Weinbauern zu verlassen. Wie jeder andere Nationalstaat auch will es auf die nächsthöhere Stufe des Wirtschaftens klettern, will Industrieprodukte erzeugen und moderne Dienstleistungen anbieten“ (10, S. 339).

Der Zustand, in dem Industrieländer ihre Industrieprodukte teuer in Entwicklungsländern verkaufen konnten, und diese wiederum Rohstoffe und Agrarprodukte billig liefern mussten, ließ sich nur während der Kolonialzeit gewaltsam halten. Heute wollen Entwicklungsländer und Schwellenländer (die wir besser „Angreiferstaaten“ (10) nennen sollten) zu Industrienationen werden. Den westlichen Industrieländern droht der Abstieg zu „Abschiedsgesellschaften“ (10), die Trost suchen im Blick zurück, da ihre Zukunft düster aussieht.

Ricardos Modell fehlt die Dynamik und eine realistische Vorstellung von den Möglichkeiten der Industrie, deren Wertschöpfung die der Landwirtschaft weit hinter sich lässt. Ricardo erlebte nur den Beginn der Industrialisierung. Auch der Welthandel war zu Ricardos Zeiten – selbst im größten Kolonialreich – noch bescheiden. Obwohl ein Börsen-Guru, unterschätzte Ricardo den dominierenden Einfluss des Finanzkapitals, das heute dahin fließt, wo die größten Renditen winken. Der Finanzinvestor des 21. Jahrhunderts ist ein Weltbürger, kein Nationalist. Diese heutige Denkweise konnte Ricardo nicht vorhersehen. Welcher Engländer hätte damals die Möglichkeit angedacht, seine Fabrik nach Indien zu verlagern, um dort konkurrenzlos billig zu produzieren?

Die Fehleinschätzungen Ricardos führten zu falschen Schlussfolgerungen: „Er sah nur Gewinner, wohin er auch blickte. Wer sich am freien Welthandel beteiligte, stehe besser da, als wenn er es unterlasse. Wobei er davon ausging, dass geradezu mit naturgesetzlicher Kraft eine Arbeitsteilung zustande kommt. Dass Portugal den Briten Wein liefern könnte, ohne Tuch zu bestellen, kam ihm nicht in den Sinn. Die Handelsbilanz zweier Staaten war bei ihm immer ausgeglichen“ (10, S. 342).

Doch David Ricardos oberflächlicher, unausgegorener Freihandelsgedanke fand einflussreiche Unterstützer und Eingang in die ökonomischen Lehrbücher. Seit fast zwei Jahrhunderten wird vor allem von den Angelsachsen der „freie Handel“ mit einer Leidenschaft vertreten, die an religiösen Dogmatismus erinnert (vergl. GW 50/2008, Seite 36, „Als eine Million Iren starben“). „Freihandel ist eine Art Glaubensbekenntnis, und man treibt seinen Kult damit. Wenn er schon nicht göttlichen Ursprungs ist, ist er dann nicht zumindest naturgemäß, und ist die Natur etwa kein Werk Gottes?“ (6, Seite 278).

Erstaunlich, dass eine solche Hypothese, die sich in der Praxis nicht bestätigt, in einer Zeit der Hochindustrialisierung mit weltweiten Nachrichtenverbindungen und dem billigsten Transport aller Zeiten, noch immer ihre Befürworter findet, die Milliarden Menschen den „Großversuch Globalisierung“ zumuten. Oder sind die fragwürdigen Freihandels-Hypothesen nur ein Vorwand, um eine Weltwirtschaft zu rechtfertigen, die der Bereicherung einer Elite dient? Einer kleinen, einflussreichen Gruppe, der nicht nur – wie in Kolonialzeiten – die Kolonialvölker gleichgültig sind, sondern die auch über das Wohl ihrer eigenen Landsleute rigoros hinweggeht?

„Ich habe eine Berechnung angestellt und öffentlich vorgelegt, die den Beweis antritt, dass die Gewinne der Gewinner die Verluste der Verlierer im Westen derzeit nicht mehr ausgleichen. Die Globalisierungsbilanz für Länder wie Deutschland oder Amerika ist seit geraumer Zeit negativ. In Deutschland verlieren viele Millionen ihren Job. In Amerika verlieren Millionen zwar nur kurzfristig ihren Job, allerdings um anschließend eine schlechter bezahlte Tätigkeit aufzunehmen. Wir sind heute im Wettbewerb mit den Asiaten in einer Win-Lose-Situation, in der die einen gewinnen und die anderen unterm Strich verlieren.“

Aus einem Gespräch mit Paul Anthony Samuelson (1915-2009), Träger des Nobelpreises für Wirtschaft (10, S. 380).  

Wiedergeburt des Protektionismus?

Historisch gesehen, war der Freihandel nicht der Motor des Fortschritts und der Industrialisierung. Denn Länder mit unterschiedlichem industriellem Niveau können nicht einfach dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben.

In Europa verordnete Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Kontinentalsperre, ein Einfuhrverbot für englische Waren, um die Wirtschaft seines Kriegsgegners zu schwächen. Dieses Ziel – Großbritannien wirtschaftlich entscheidend zu schaden – konnten die nur ein knappes Jahrzehnt andauernden Einfuhrbeschränkungen nicht erreichen. Für den europäischen Handel brachte die Kontinentalsperre Nachteile, doch für Teile der mitteleuropäischen Industrie erwiesen sich die Zollschranken als förderlich.  Viele Waren, die nicht mehr importiert werden durften, wurden nun im eigenen Land hergestellt, zu etwas höheren Kosten. So konnten sich wichtige Industriezweige auf dem Kontinent entwickeln, und sogar neue Gewerbe entstehen, wie die Gewinnung von Rübenzucker als Ersatz für den Rohrzucker aus Westindien[i].

In der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgte der Deutsche Zollverein für Schutzzölle, die der eigenen Industrie halfen.

Auch im fortgeschrittenen Stadium der Industrialisierung behielten Deutsche, Franzosen, Amerikaner ihren Status als „Verfolgerstaaten“, die Großbritennien erfolgrech Konkurrenz machten. Sie nutzten die Freizügigkeit im britischen Imperium, derweil sie ihre Heimatmärkte nach wie vor schützten[ii]. „Der durchschnittliche Zollsatz für importierte Industriewaren lag im Jahre 1913 in Deutschland bei 17, in Frankreich bei 20 und in den USA bei 44 Prozent, nur in Großbritannien wurde praktisch kein Zoll erhoben“ (10, S. 350). Großbritannien hat damit seinen Abstieg aus ideologischen Gründen selbst beschleunigt.

Auch in der Großen Wirtschaftskrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts geriet der Freihandel in Verruf. Viele Länder suchten andere Wege. Deutschland erregte den besonderen Zorn der Finanzhaie, indem es sich vom Goldstandard abkoppelte (7, S. 67).

Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten die „Kleinen Tiger“ Japan, Taiwan, Thailand, Singapur und Südkorea ihren wirtschaftlichen Aufstieg unter staatlicher Lenkung im Widerspruch zu Ricardos Theorien. Nicht Freihandel, sondern sanfte Abschottung zum Schutz der eigenen Industrie und Exportförderung war ihr Erfolgsrezept (10, S. 350). In Japan als Beispiel wurde auch die Zuwanderung erschwert, selbst in Zeiten akuten Arbeitskräftemangels. Die japanische Industrie wurde so zu extremer Rationalisierung gezwungen. Das führte dazu, dass vorübergehend in Japan mehr Industrieroboter im Einsatz waren, als im Rest der Welt.

Heute geht Chinas „bürokratischer Kapitalismus“ den Weg einer vom Staat gelenkten, eingeschränkten Marktwirtschaft. So wurde im Sommer 2006 der „Import von Autoteilen mit einem 25-prozentigen Strafzoll belegt, wenn es der Hersteller wagt, mehr als 60 Prozent des Wagenwertes auswärts fertigen zu lassen.“ Damit werden die Autohersteller gezwungen, möglichst viel in China herzustellen. Ein solcher Strafzoll ist nach den Regeln der Welthandelsorganisationen verboten, doch in China setzt man auf die Langsamkeit der westlichen Demokratien! (10, S. 358). Vorhaltungen westlicher Politiker, die von China flexible Wechselkurse, Freihandel, Menschenrechte, Patentschutz, politische Freiheiten, Rechtssicherheit, Sozialsysteme, Umweltschutz usw. einfordern, werden höflich lächelnd entgegengenommen. Wohl wissend, dass die westlichen Firmen auf den aufsteigenden „Großen Drachen“ angewiesen sind und kaum ein westlicher Staat an ernsthafte Sanktionen denkt.

In Indien haben Bürokratieabbau und in der „größten Demokratie“ nicht leicht durchsetzbare Reformen das Land auf den Weg zur wichtigsten Softwareschmiede gebracht, die viele Dienstleistungen unschlagbar preiswert anbietet. Auch die industrielle Produktion, z. B. in der Stahlindustrie, zeigt beeindruckende Wachstumsraten.

„Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.“

Karl Marx (1818-1883)

Wohin gehen wir?

Die Billigprodukte aus Übersee haben in den klassischen Industrieländern ganze Industriezweige zum Verschwinden gebracht. Schuhe zum Beispiel werden in Deutschland inzwischen zu 98% importiert!

Es begann mit der Leichtindustrie, z. B. bei Kleidung, Schuhen, Haushaltsartikeln, Werkzeugen, Elektrogeräten. Inzwischen werden auch Fernseher, Handys und Computer zum großen Teil in Ostasien hergestellt; nicht selten unter abscheulichen Bedingungen für die Arbeitnehmer. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis auch Autos, Eisenbahnen und Flugzeuge aus Asien konkurrenzlos billig geliefert werden können. Schiffe werden seit Jahrzehnten vorwiegend in Ostasien gebaut.

Die Europäische Union ist durch die Arbeitslosigkeit in Europa beunruhig und macht sich Sorgen um die staatlichen Sozialversicherungen: „Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit mit ihren potenziell lange anhaltenden Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte und auf das Potenzialwachstum könnte die europäischen Sozialmodelle bedrohen, die bereits jetzt unter der Alterung der Bevölkerung leiden“ (12).

Was komnmt durch die Konkurrenz aus Asien auf den Westen zu? Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne, steigende Steuern, Verarmung, Abbau von Sozialleistungen, überschuldete Staaten vor dem Staatsbankrott? Vom Verkauf von Reiseandenken, „made in Vietnam“ oder „made in Bangladesh“, an chinesische Touristen werden nur wenige Europäer oder Amerikaner leben können.

„…eines Tages werden Historiker sagen, der chinesische Kapitalismus sei der letzte Nagel im Sarg des europäischen Sozialstaates gewesen. Frankreich kann sich keine 35-Stunden-Woche mehr leisten und Europa nicht mehr das großzügige Netz der sozialen Sicherung, weil China und Indien mit ihren niedrigen Löhnen und ihren großen Plänen einen riesigen Wettbewerbsdruck erzeugen.“

Thomas L. Friedman (4, S. 81)

Wie wollen wir reagieren?

Die Marktfetischisten möchten in Ruhe abwarten, wie sich die Arbeitsentgelte weltweit angleichen. Dann müssten die Löhne in den Hochlohnländern abstürzen, die sozialen Sicherungssysteme abgebaut werden, lieb gewordene staatliche Leistungen – von der Rente bis zum Gesundheitssystem – würden unfinanzierbar.

Der Lebensstandard der „Angreiferstaaten“ würde sich dem der „klassischen Industrieländer“ annähern; aber nur sehr, sehr langsam. Denn es gibt weltweit ein ungeheueres Reservoir von Arbeitskräften, die gezwungen sind, für fast jeden Lohn, auch Hungerlöhne, zu arbeiten. Gewerkschaften – sofern es sie dann noch gibt – werden gegen die ökonomischen Zwänge nicht viel ausrichten können. Dementsprechend werden die Löhne weltweit noch lange, lange erschreckend niedrig bleiben. Vielleicht kann gegen Ende des 21. Jahrhunderts überall in der Welt ein erträglicher Lebensstandard erreicht sein, der aber sehr deutlich unter dem Niveau liegen muss, das man heute in den Industrieländern gewohnt ist. Vorausgesetzt, die Weltwirtschaft kann weiter wachsen, bricht also nicht unter dem Druck der exponentiell steigenden Umweltschäden und der weiter zunehmenden Weltbevölkerung zusammen.

Ist die Rettung des Westens noch möglich?

Eine Alternative zum Absturz wäre ein Zusammenschluss der klassischen Industrieländer (Westeuropa, die USA, Kanada, Australien, vielleicht auch Japan) in einem Zollverbund. Diese „transatlantische Freihandelszone“ (10) müsste Einfuhrzölle festlegen, die sich an den Sozialstandards orientieren und Einfuhren aus Billiglohnländern rigoros verteuern.

Für Lebensmittel gibt es Qualitätsvorschriften, und für technische Produkte Prüfkriterien, die jeder Importeur erfüllen muss. Warum fehlen Mindestanforderungen für Arbeitsbedingungen, Arbeitslohn, Gesundheitsfürsorge, Sozialsysteme, Umweltschutz, die jedes Exportland nachweisen muss? Totale Abschottung wäre keine Lösung; das hat der Zusammenbruch der Sowjetunion gezeigt. Doch vorsichtige, aber gezielte Kontrolle mit Augenmaß kann viel bewirken. Das haben nicht zuletzt die Aufsteiger Asiens bewiesen. Sie verdanken ihr Wirtschaftswachstum, neben dem eigenen Fleiß, auch einer pragmatischen Politik der staatlichen Wirtschaftslenkung, die den eigenen Markt vor zu hartem Wettbewerb schützt und den Export fördert.

Wohin geht die Reise?

Es ist höchste Zeit, Denkblockaden zu überwinden und unvoreingenommen über mögliche Alternativen zur Globalisierung nachzudenken.

Gelingt es uns nicht, das Runder herumzureißen und die wettbewerbsverzerrende Billigkonkurrenz zurückzudrängen, dann müssen uns die Folgen des Globalisierungswahns voll treffen:

„Ein Arbeitsloser ist heute nicht mehr Objekt einer vorübergehenden Ausgliederung aus dem Wirtschaftsprozess, die nur einzelne Sektoren betrifft, nein, er ist Teil eines allgemeinen Zusammenbruchs, eines Phänomens, das mit Sturmfluten, Hurrikans oder Wirbelstürmen vergleichbar ist, die auf niemanden abzielen und denen auch niemand Widerstand entgegensetzten kann. Er ist Opfer einer globalen Logik, die die Abschaffung dessen fordert, was ‚Arbeit’ genannt wird, das heißt die Abschaffung der Arbeitsplätze.“

Viviane Forrester (3, S. 12)

Die längst überschuldeten Industrieländer nähern sich dann unaufhaltsam dem finanziellen Kollaps. Es wird immer schwieriger werden, die Grundversorgung mit Wasser und Strom, die Gesundheitsfürsorge, den öffentlichen Nah- und Fernverkehr, die Renten, vor allem aber die staatliche Ordnung und die innere Sicherheit zu gewährleisten. Aber die Konsequenzen der wirklichkeitsbezogenen Ökonomie sind unerbittlich und lassen sich nur vorübergehend verdrängen, nie dauerhaft außer Kraft setzen!

In Jahrzehnten des Wohlstands wurden die Menschen der westlichen Demokratien verwöhnt und von haltlosen Versprechen der Politiker in verantwortungsloser Weise irregeleitet[iii] (9). Wie mögen verzweifelte Menschenmassen reagieren, wenn sie in die Armut abgleiten? Hoffentlich bleiben uns Aufstände, Revolutionen, Bürgerkriege, Kriege erspart, die Hungersnot, Seuchen, Zusammenbruch des Gesundheitssystems usw. zur Folge haben könnten. Kein Geringerer als der Präsident der Europäischen Kommission, Jose Manuel Barroso warnte schon vor einem möglichen Zusammenbruch der krisengeschüttelten Demokratien in Griechenland, Spanien und Portugal (11). Weitere europäische Staaten, deren versagende Demokraten das Vertrauen ihrer Völker verloren haben, könnten schmachvoll untergehen.

Ich persönlich bleibe ein „Optimist mit Erfahrung“ (oft als „Pessimist“ verkannt) und hoffe sehr, dass wir das Ruder noch herumreißen können und werden. Aber ich hoffe auch, dass nicht alle die hier vorgebrachten Gedanken längst müßig sind, weil die ökologische Katastrophe bereits im Anrollen ist, die alle Wirtschafts- und Finanztheorien zu Makulatur macht, und Wirtschaftsführern und Politikern ihren Handlungsspielraum nimmt. 

Literatur:

(1) Brinkmann Carl, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen, 1953

(2) Das Zweirad im Wandel der Zeiten, Deutsches Zweiradmuseum Neckarsulm, Peter Winkler Verlag, München, o. J.

(3) Forrester Viviane, Der Terror der Ökonomie, Zsolnay, Wien, 1997

(4) Friedman Thomas L., Was zu tun ist, Suhrkamp, Frankfurt, 2009

(5) Galbraith John Kennth, Geld, Droemer Knaur, München, 1976

(6) Sédillot René, Vom Tauschhandel zum Supermarkt, Cotta, Stuttgart, 1964

(7) Senf Bernd, Der Nebel um das Geld, Gauke, Lütjenburg, 1998

(8) Sloterdijk Peter, Im Weltinnenraum des Kapitals, Suhrkamp, Frankfurt, 2006

(9) Steingart Gabor, Deutschland, der Abstieg eines Superstars, Piper, München, 2006

(10) Steingart Gabor, Weltkrieg um Wohlstand, Piper, München, 2007

(11) http://www.dailymail.co.uk/news/wordnews/article-12864/EU-chief-warns -democracy-disappaer-Greece-Spain-Portugel.html

(12) http://wirtschaft-t-online.de/arbeitslosigkeit-eu-fuerchtet-kollaps-der-sozialsysteme/id_20120482/index

 

 

 


[i] Die erste Rübenzuckerfabrik der Welt konnte 1801 im Cunern (Schlesien) entstehen, nachdem verbesserte Rübensorten mit höherem Zuckergehalt gezüchtet waren.

[ii] Ein typisches Beispiel liefert die Fahrradindustrie. 1898 wurden in Deutschland 200.000 Fahrräder hergestellt, aber ohne die Möglichkeiten der industriellen Großserienfertigung zu nutzen. Ein Fahrrad kostete 200 Goldmark.

In den USA hatten sich die Fahrradhersteller, unbelastet von der handwerklichen Tradition, zu Konzernen zusammengeschlossen, die um die Jahrhundertwende eine Million Fahrräder herstellten. Dann wurde die deutsche Fahrradindustrie von importierten amerikanischen Fahrrädern für 80 Goldmark in Bedrängnis gebracht. Sie war kurz vor dem Verschwinden, als ihr ein Einfuhrzoll half. (2)

[iii] Viele Politiker sind sich des hier geschilderten Dilemmas durchaus bewusst. Doch sie wissen auch, dass mit wohlklingenden Lügen Wähler zu gewinnen sind, während frustrierende Wahrheiten das Wählervolk verschrecken.