Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Alles ist machbar

Die Utopie von der Allmacht der Wissenschaft

 

(Veröffentlich in GralsWelt Themenheft 3/1999)

 

Die Überzeugung von den grenzenlosen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik ist die vielleicht bedeutendste Utopie, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Sie hat zu ungeahnten Entwicklungen geführt, denen sich kaum ein Volk dieser Erde verschließen konnte, sie hat zu einem Triumph der abendländisch-christlichen Kultur geführt – aber sie hat auch dem Materialismus den Weg bereitet.

 

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der angewandten Naturwissenschaft, der Technik, welche die Welt verändert hatte wie in keinem Jahrhundert zuvor. Als die Menschheit in jenes Jahrhundert eintrat, gab es nur kleine erste Ansätze einer mechanisierten Industrie. Landwirtschaft und Gewerbe waren auf Muskelkraft angewiesen, unterstützt durch Wasserräder und Windmühlen. Nur in England liefen schon ein paar Dampfmaschinen. In der Schifffahrt näherte sich das Segelschiff dem Höhepunkt seiner Entwicklung, und zaghafte Versuche, Schiffe mit Dampf anzutreiben, schienen aussichtslos.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Dampfmaschine durchgesetzt. In Europa und Nordamerika wandelte sich die auf Landwirtschaft und Handel basierende vorindustrielle Gesellschaft in eine Industriegesellschaft. Der Fortschritt kam unaufhaltsam, und der Menschheitstraum von den „eisernen Engeln“, welche Wasserträgern und Sklaven die zermürbende Knochenarbeit abnehmen, schien sich zu erfüllen.

Um 1800 war die Landwirtschaft noch fast ausschließlich auf Muskelarbeit angewiesen. So brauchte man in Deutschland noch um 1850 für die Getreideernte auf ein Hektar Land etwa 300 Arbeitsstunden. Um 1900 hatte der Einsatz von Erntemaschinen den Arbeitsaufwand für die gleiche Aufgabe auf 100 Stunden reduziert, und weitere Erleichterungen waren absehbar.

Noch beeindruckender war am 1. Januar 1900 ein Blick zurück auf die Entwicklung des Verkehrswesens. Im Jahre 1860 gab es in Deutschen Reich schon 11.000 km Eisenbahnen und 3.000 Lokomotiven; 1900 waren fast alle heutigen Strecken gebaut (ca. 52.000 km), auf denen 11.000 Lokomotiven und entsprechend viele Waggons rollten.

Das Ende der Segelschifffahrt war abzusehen, die Meere gehörten den Dampfschiffen. Und die Entwicklung lief weiter: Verbrennungsmotoren und sogar das Automobil waren erfunden und überwanden ihre Kinderkrankheiten. Die Elektrizität, voran das elektrische Licht, traten ihren Siegeszug an. Wer mochte daran zweifeln, dass der technische Fortschritt weiter, immer weiter schreiten und „goldene Zeiten“ schaffen würde?

So war auch die allgemeine Stimmung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von optimistisch-utopischen Erwartungen geprägt, wie sie der britische Sozialreformer Arnold Toynbee (1889-1983) zum Ausdruck brachte: „Ein 1889 geborener englischer Bürger glaubte – von dem Tage an, an dem er sich seiner Umwelt bewusst wurde, bis August 1914 -, das irdische Paradies stehe vor der Tür. Die Industriearbeiter würden ihren gerechten Anteil am Bruttosozialprodukt der Menschheit erhalten, eine dem Parlament verantwortliche Regierung würde in Deutschland vervollkommnet und in Russland ins Leben gerufen werden; die Christen unter den osmanischen Türken würden ihre politische Befreiung erlangen. In diesem goldenen Zeitalter würden zwar die nichtchristlichen Untertanen christlicher Länder weiter unter deren Herrschaft bleiben, aber das schien ja besser für sie zu sein als die chaotischen Verhältnisse, in denen sie vor dem Verlust ihrer politischen Unabhängigkeit gelebt hatten.“

Mit dieser Überzeugung vom unaufhaltsamen Fortschreiten der abendländischen Kultur, die sich allen anderen Kulturen überlegen erwiesen hatte, betraten Europäer und Amerikaner das 20. Jahrhundert. Und worauf gründete sich diese Überlegenheit? Doch offensichtlich auf Christentum, Wissenschaft (besonders Naturwissenschaft) und Technik.

Christentum und Wissenschaft

Christentum auf der einen, Naturwissenschaft und Technik auf der anderen Seite … was haben sie gemein? Waren es nicht gerade christliche Kirchen, welche die Naturwissenschaften Jahrhunderte lang bekämpften? War der Siegeszug der Naturwissenschaften nicht zugleich eine Kette von Niederlagen christlicher Theologen?

Es gibt auch einen anderen Blickwinkel. Das Christentum verstand es nämlich schon früh, geistliche Seelsorge mit irdischer Arbeit zu verbinden; man denke nur an Benedikt von Nursia, auf den eine wichtige Ordensgründung (Benediktiner) zurückgeht und für den Gebet und Arbeit keine Widersprüche waren.

Im Mittelalter entstand dann eine manchmal recht spitzfindige wissenschaftliche Theologie, die neben der Bibel auch Philosophen wie Aristoteles gelten ließ und Grundlagen legte, auf denen Wissenschaftler der Renaissance zu neuem Denken fanden. (Wir verbinden mit der „neuen Wissenschaft“ des Barock vor allem astronomische Leistungen von Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton, die das christliche Weltbild erschütterten. Für das tägliche Leben blieb die Astronomie jedoch ohne Bedeutung, sieht man von der Navigation auf See einmal ab.)

Weiterwirkende Bedeutung erlangten Ingenieurleistungen wie das Versetzen des vatikanischen Obelisken auf den Platz vor der Peterskirche (1586) im Auftrag des Papstes, und die erste statische Berechnung des Kuppel des Petersdoms durch einen Jesuiten und zwei Franziskaner (1592). Die christlichen Kirchen waren also keineswegs nur „fortschrittsfeindlich“; schon gar nicht, wenn der Fortschritt ihren eigenen Interessen diente. Dies zeigte sich auch bei der erzwungenen Christianisierung in Kolonien. Sie wurde von den Kirchen ebenso wenig beanstandet wie der rücksichtslose Einsatz überlegener europäischer oder amerikanischern Waffen gegen Ostasianten.

So konnte der Psychologe und Philosoph Ludwig Klages (1872-1956) in seiner berühmten Rede auf dem Hohen Meißner von 1913 einen Zusammenhang zwischen Christentum und materialistischem Fortschrittsstreben vermuten: „Wenn schon ‚Fortschritt’, ‚Zivilisation’, ‚Kapitalismus’ nur verschiedene Seiten einer einzigen Willensrichtung bedeuten, so mögen wir uns erinnern, dass deren Träger ausschließlich die Völker der Christenheit sind. Nur innerhalb ihrer wurde Erfindung auf Erfindung gehäuft, blühte die ‚exakte’, will sagen die zahlenmäßige Wissenschaft und regte sich rücksichtslos der Erweiterungsdrang, der die außerchristlichen Rassen knechten und die gesamte Natur verwirtschaften will. Im Christentum also müssen die nächsten Ursachen des weltgeschichtlichen ‚Fortschritts’ liegen…“

Ist das Christentum materialistisch?

Die moderne Naturwissenschaft ist im christlichen Kulturkreis entstanden, und das Christentum wird entsprechend als diesseitige, materialistisch Religion verdächtigt. Ist sie das wirklich? In der Tat ist es eine interessante Frage, warum sich der christliche Okzident progressiv entwickelte, während der islamische Orient – vor einem Jahrtausend der christlichen Kultur deutlich überlegen – seinen Vorsprung verlor und zurückblieb.

Solche Entwicklungen sind niemals die Folge von Augenblicksentscheidungen einzelner Menschen. Evolutionen sind vielschichtig, entfalten sich langsam, vermeiden kaum Um- und Nebenwege; nach Jahrhunderten zeichnet sich jedoch eine Tendenz ab, die sich oft sogar mit dem Namen von Persönlichkeiten verbinden lässt, deren Lehren einer solchen Entwicklung wichtige Impulse gaben.

Für die Entwicklung im Morgenland kann stellvertretend Al’Ghasali (Algazel) stehen, für das Abendland Benedikt von Nursia.

Al’Ghasali (1059-1111) war der vielleicht bedeutendste Theologe des Islams. Er trug wesentlich dazu bei, die Lehre von der Prädestination (Vorbestimmung, populär „Kismet“ genannt) im Islam zu verankern. Schließlich kam er zu der Erkenntnis, dass die Beschäftigung mit irdischen Dingen von Allah wegführe….

In dem auf Benedikt von Nursia (480-547) zurückgehenden Benediktiner-Orden wird die Kultur gepflegt, und irdische Arbeit und geistiges Streben stehen nebeneinander. Christliche Klöster wurden für Jahrhunderte die wichtigsten Kulturträger in Europa; nach dem Wahlspruch „ora et labora“ (bete und arbeite) rufen sie zum Gebet und zur irdischen Pflichterfüllung.

Die Grundlage für den Aufstieg Europas – des führenden Erdteils im 18. und 19. Jahrhundert – legte eine Denkungsart, die geistiges Streben mit irdischem Handeln vereinen wollte, an Entscheidungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft des Menschen glaubte und aufzubauen suchte nach dem Motto: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten Wissenschaft und Technik als Träger des Fortschritts, als unentbehrliche Garanten für den weiteren Aufstieg der abendländischen, der christlichen Kultur. Nach wie vor hatte das Christentum bedeutenden Einfluss, auch wenn die Kirchen im 19. Jahrhundert viele Anfeindungen überstehen, harte Kritiken hatten ertragen müssen. Der Materialismus war zwar ein Faktum geworden, doch blieb das materialistische Denken nicht ohne Widerspruch. Christliche Grundwerte sollten die Grundlage verantwortungsbewussten Handelns bilden und Auswüchse einseitigen, rein diesseitsorientierten Denkens korrigieren.

Es blieb dem 20. Jahrhundert vorbehalten, den Materialismus auf allen Ebenen in den verschiedensten Variationen als „naturgegeben“ zu leben und christliche Werte dabei immer weiter in den Hintergrund zu drängen. So wurde die Überzeugung von der Bedeutung und den grenzenlosen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik die vielleicht bedeutendste der Utopien, die das 20. Jahrhundert prägten. Ob Kapitalismus oder Sozialismus, ob Demokraten oder Diktatoren – auf Forschung und Fortschritt wollte niemand verzichten.

Inzwischen ahnen wir allerdings, dass Al’Ghasali richtig erkannt hatte und „Dass die vorwiegende oder ausschließliche Beschäftigung mit der Materie von Gott wegführt“, denn sie verleitet zur Identifikation mit der Materie. Den gesunden Mittelweg – im Sinne von bete und arbeite, arbeite und bete – suchen wir bis heute: Im Aufblick nach oben den Anforderungen der Welt zu genügen, ohne in der Materie zu versinken oder im Glauben an das alles vorherbestimmende „Kismet“ im Resignation zu verfallen.

Es wird sich erweisen

Im 20. Jahrhundert übertraf das in Wissenschaft und Technik Erreichte in der Tat die kühnsten Zukunftsträume des 19. Jahrhunderts: Vom Unterseeboot bis zum Mondflug, von der Telekommunikation bis zur automatischen Fabrik, von synthetischen Werkstoffen bis zum Rechenautomaten. Kein Autor, kein Zukunftsforscher hätte sich in der Vergangenheit je zu der Fiktion verleiten lassen, dass die erste Landung auf dem Mond weltweit live im Fernsehen übertragen werden würde…

Allerdings fehlt es auch nicht an Problemen, die der angewandten Wissenschaft des 20. Jahrhunderts anzulasten sind: Bewusst (z. B. in der Waffentechnik) und leichtfertig (durch Missachtung unerwünschter Technik-Folgen) sind ökologische, ökonomische, politische, militärische, populationsdynamische Probleme entstanden, die man um 1900 wohl für ebenso unwahrscheinlich gehalten hätte wie den Flug zum Mars. Haben sich die Zukunftserwartungen der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als hohl erwiesen, und ist die Utopie vom segensreichen Wirken der angewandten Wissenschaften gescheitert?

Versuchen wir am Ende des 20. Jahrhunderts einen Rückblick, so bleibt kein Zweifel, dass der (eigentlich durch Tatsachen schon fragwürdig gewordene) Glaube an Wissenschaft und Technik, also an die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns, die gesamte Menschheit erfasst hat. Längst kann man nicht mehr davon sprechen, dass „christliche Völker Träger des wissenschaftlichen Fortschritts“ seien. Menschen aller Völker, Nationen, Länder, Religionen, Kulturen lernen und beherrschen die moderne Technik, die im Zuge der Globalisierung eine einheitliche „Weltkultur“ entstehen lassen soll. Von Wissenschaftlern auf fünf Kontinenten wird die Lösung aller Probleme erwartet: Ob es gilt, der leidenden Natur zu helfen, eine überbordende Bevölkerung zu ernähren, Krankheiten zu bekämpfen oder ein friedliches Zusammenleben der Völker zu erreichen: Wissenschaft, Forschung, Fortschritt sollen die Wege weisen. Priester – die einst zugleich Weise waren – fragt niemand mehr, denn die in allen Religionen verankerten ethischen Grundwerte gelten als überholt, fragwürdig, nicht mehr praktikabel…

So müssen wir uns wohl damit abfinden, dass die Utopie von der Allmacht der Wissenschaft, mit der wir in das 20. Jahrhundert eingetreten sind, auch zu Beginn des 21. Jahrhundert nicht „tot“ ist. Sie wird sich allerdings mit den schwierigsten Herausforderungen konfrontiert sehen, die je auf die Menschheit zugekommen sind. Und bald muss sich erweisen, ob diese Utopie wertvolle Ansätze in sich birgt, oder doch nur eine große Illusion war.