Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wenn die Obrigkeit sagt, zwei und fünf sind gleich acht, so musst du’s glauben

Martin Luther und die aufständischen Bauern: Ein kritischer Blick auf die „evangelische Freiheit“

Veröffentlicht in Gralswelt 59/2010

 An der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert, dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit[i], gab es im Deutschen Reich vielerlei Spannungen. Das Land war aufgeteilt unter mehr als Tausend Fürsten und Herren[ii], die ihre eigenen, persönlichen Ziele verfolgten. Die Macht des unter chronischem Geldmangel leidenden Kaisers war begrenzt. Rechtssicherheit für die Bevölkerung bestand so gut wie nicht.

Unwürdige Zustände in der Kirche

In der spätmittelalterlichen Kirche gab es erhebliche Missstände. Die Klöster entsprachen nicht ihrem sittlichen Anspruch. Geistliche, abwertend Pfaffen[iii] genannt, führten ein ausschweifendes Leben. Ämterkauf, Korruption und Vetternwirtschaft waren nicht nur in Rom die Regel. Die Priester machten Geld mit Reliquien, Segen, Sakramenten, Ablässen. Diese unwürdigen Zustände in der Kirche wurden seit Jahrhunderten kritisiert und beklagt, zum Beispiel von Arnold von Brescia (hingerichtet 1155), Petrus Waldes (gest. vor 1218). John Wiclif (1330–1384), Jan Hus (1370–1415) oder Girolamo Savonarola (1492–1498).

Die Wirtschaft war im Wandel. Die Städte wuchsen und errangen zunehmende Bedeutung, während die Ritterschaft verarmte; nur die Landesfürsten an der Spitze wurden reicher und reicher und konnten dementsprechend ihren Einfluss erweitern.

Unfassbares Unrecht und ein „Schneckenkrieg“

Wie unglaublich die armen und unterdrückten Bauern von ihrer Herrschaft behandelt wurden, zeigt Otto Zierer in seinem Buch „Aus Knechtschaft zur Freiheit“ an einem Beispiel aus Bulgenbach (heute Ortsteil von Grafenhausen im Südschwarzwald):

„Der Jockel-Bauer ist vor einer Woche an den Folgen einer Auspeitschung gestorben, die er auf Schloß Hohenlupfen[v] erhalten, weil er bei der Frone gemault hat. Vor dem Schloß, unter der Kemenate liegt nämlich ein verschilfter Teich, in dem eine Unmenge von Fröschen haust. Das Gequake stört den Schlaf der Frau Gräfin. Darum hat sie angeordnet, daß der gemeine Mann zur Nachtzeit an den Ufern sitze und mit Weidenruten das Wasser schlage, um die Frösche am Quaken zu hindern. Der Jockel, der zehn Kinder zu ernähren hat, war drei Tage der Woche im Bannwald als Wildtreiber dienstbar gewesen, zwei weitere Tage hatte er auf den gräflichern Wiesen gefront, und den letzten Tag konnte er endlich auf seine eigenen Felder gehen, von denen er lebte und von deren Ertrag er Zins, Zehent, Gült und Steuer zahlte. Zur Nacht war er todmüde und hatte deshalb über die Froschwacht erbittert geschimpft. Das hatte jemand dem Fronvogt hinterbracht, und der hatte ihn zur Strafe auspeitschen lassen.

Der Jockel-Bauer hatte Blut gespuckt und war zwei Tage später gestorben.

Sein Weib sollte nun für den Todfall Zins bezahlen; denn schließlich hatte Herr Sigmund von Lupfen einen Schaden an seinem Vermögen erlitten, weil er einen Bauern weniger besaß. Früher war der Hof des Jockel, wie viele andere, in einem freien Zinsverhältnis zu Burg Hohenlupfen gestanden. Doch gab es über die Verhältnisse der Grundgerechtigkeit keine gesiegelten Schriften, so daß dem Jockel jeder rechtskräftige Beweis fehlte.

Eines Tages war aus dem Zinsen persönliche Hörigkeit geworden. Der Fronvogt als Vertreter des Grundherrn auf Hohenlupfen behauptete, das Gut Jockels sei ein ‚Fall-Lehen‘, das heißt, es sei nur auf Lebenszeit dem Bauern verliehen und falle nach dem Tode ganz in den Besitz des Grafen zurück. Dabei saßen die Vorfahren Jockels auf dem Gut, so lange man zurückdenken konnte.

Aus reiner Gnade wollte sich der Graf mit der Bezahlung des ‚Besthauptes‘ und einer kleinen Sondersteuer zufrieden geben. Die Wittib mit ihren zehn Kindern sollte also nun auch noch das schönste Stück Vieh aus dem Stall verlieren – zur Strafe dafür, daß der Jockel die Prügel der Stockknechte nicht ausgehalten hatte.

Nun rotten sich die Bauern zusammen und rennen ins Dorf zurück; sie wollen das Unrecht nicht dulden …“ (6, S. 182)

Auch diese Erregung verebbte, wie hundert andere. Es bedurfte weiterer Zumutungen seitens der Grundherrschaft, speziell der Gräfin Helena von Lupfen, bis am 24 Juni 1524 ein Aufruhr losbrach:

„Die Gräfin hat die sonderbare Laune gehabt, sich in die niedlichen gelbschwarzen Schneckenhäuschen zu verlieben, wie sie gar nicht so häufig an den Ufern des Bulgenbaches und der Wutach zu finden sind. Solche Schneckenhäuschen kann man zum Garnaufwickeln gebrauchen, wenn man im Winter im waren Zimmer auf Hohenlupfen sitzt und nicht weiß, wie man die Zeit totschlagen soll.

Die Bauern von Bulgenbach sollen also heute Schneckenhäuschen suchen.

Und draußen steht noch so viel geschnittenes und ungeschnittenes Korn. In den letzten Tagen haben schon von ferne Gewitter gegrollt. Die Alten des Dorfes sagen, daß es nach Hagel und Wetter riecht. Jung und alt ist darum schon seit dem ersten Morgenlicht auf dem Feld, die Ernte zu bergen.

Doch jetzt hält der Fronvogt auf dem Anger und verliest den Befehl der Gräfin. Die reisigen Knechte sprengen die Feldwege hinaus, die Leute zu holen – mitten in der dringendsten Erntearbeit!

Eine Stunde später zieht fast die gesamte Bewohnerschaft des Dorfes murrend und fluchend zur seltsamen Fron“ (6, S. 184).

Gegen Mittag ziehen dunkle Wolken auf, die Bauern werden unruhig, doch der Fronvogt ist unerbittlich. Es kommt zum Zusammenstoß, der Fronvogt wird erschlagen …

Das ist die Initialzündung für den im Herbst 1524 von Bulgenbach ausgehenden bewaffneten Aufstand, der sich über die gesamte Grafschaft Stühlingen und darüber hinaus ausbreitet. Anführer ist der kriegserfahrene Landsknecht Hans Müller (geb. ca. 1480, hingerichtet am 12. 8. 1525 in Lauffenburg).

Bauern als Spielbälle herrschaftlicher Launen

In dieser Feudalgesellschaft mussten die Bauern die Hauptlasten tragen. Sie wurden durch Steuern, Abgaben, Frondienste unterdrückt und überfordert. Ein Beispiel: Das zum Jagdvergnügen der Herren überhegte Wild zerstörte regelmäßig einen Teil der Ernte. Wildzäune zu errichten war den Bauern verboten und Wildern wurde grausam bestraft. Bei Parforcejagden, den Hetzjagden querfeldein zu Pferde, begleitet von einer Hundemeute, sprengten die adeligen Reiter rücksichtslos über die Felder. Die wehrlosen, entmündigten Bauern waren zum Spielball herrschaftlicher Launen degradiert. Das war die gesellschaftliche Situation, als Martin Luther (1483–1546) in Wittenberg Theologie lehrte.

Wenn das Geld im Kasten klingt …

Die Missstände in der Kirche, insbesondere der Ablasshandel, führten zum Protest des Augustinermönches und Theologen Martin Luther an der Universität Wittenberg. In einem Schreiben an seine kirchlichen Vorgesetzten verlangte er am 31. Oktober 1517 in den berühmten 95 Thesen die Beendigung des schändlichen Ablass-Betrugs[iv]. Das Ablassgeschäft versprach ein sich Loskaufen von irdischen Sünden und vom drohenden Fegefeuer. Sogar Verstorbenen konnte man noch helfen nach dem Motto:

„Wenn das Geld im Kasten klingt,

Die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt“.

Der Ablasshandel war zu einer bedeutenden Einnahmequelle der Kirche geworden, auf die sie auf keinen Fall verzichten mochte. Auch Papst Leo X. (Papst von 1513 bis 1521) war durch den Bau der monumentalen Peterskirche knapp bei Kasse und fühlte sich auf das Ablaßgeld angewiesen. Deshalb kam Luther mit seinen reformerischen Forderungen bei der Kirche auch übel an.

Luther tritt ungewollt eine Lawine los

Wie wir alle aus dem Geschichtsunterricht kennen, verteidigte Luther bei Disputationen, auf dem Reichstag zu Worms (1521) sogar vor dem Kaiser, mutig seine Thesen. Dem drohenden Scheiterhaufen entkam er durch das Eingreifen seines Landesfürsten Friedrich III. (1463–1525), des Herzogs von Sachsen, der ihn einige Zeit auf der Wartburg versteckte.

Luther hatte, zunächst ungewollt, eine Lawine losgetreten. Es scheint, als ob viele auf eine solche Initialzündung gewartet hätten, um sich in Predigten, Aufrufen, Flugschriften Luft zu machen. Der um 1450 erfundene Buchdruck ermöglichte die schnelle Verbreitung von Nachrichten. Flugblätter machten die neuen Ideen populär. Als dann ab 1522 die von Luther ins Deutsche übersetzte Bibel herauskam, verloren die etablierten Priester ihr Deutungsmonopol. Viele Laien konnten nun in der deutschen Bibel lesen; die Widersprüche zwischen der geistlichen Lehre und dem Handeln von Kirche und Obrigkeit ließen sich nicht länger wegdiskutieren. Die Empörung über die verkommene Kirche, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die ungerechte Herrschaftsausübung, die Rechtsunsicherheit, die Ausbeutung des kleinen Mannes, entfachten einen Aufstand, der sich zunächst religiös artikulierte und zur Kirchenspaltung führte. Innerhalb weniger Jahrzehnte wandten sich große Teile Deutschlands von der Römischen Kirche ab.

Landesfürsten wie Friedrich III. von Sachsen, „der Weise“, Schutzherr Martin Luthers, förderten die evangelische (lutherische) Religion. Die Fürsten lösten Klöster auf und bereicherten sich an deren Besitztum. So waren es nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen, die den neuen Glauben für die Obrigkeit interessant machten.

Die unterdrückten Bauern begehren auf

Auch die ungerecht behandelten, unterdrückten Bauern begehrten auf. Sie verwiesen auf die biblischen Gesetze, zum Beispiel den Zehnten, forderten Freiheit und Gerechtigkeit im Sinne der Evangelien und beriefen sich auf das „göttliche Recht“. Ihre Hoffnungen ruhten auf Martin Luther, von dem sie Unterstützung erwarteten.  

Am 20. März 1525 wurden in Memmingen von einer Gruppe aufrührerischer Bauern die Zwölf Artikel verabschiedet. Diese waren sowohl eine Beschwerdeschrift, als auch ein religiös begründetes Reformprogramm, ein sozialpolitisches Programm und eine der ersten Menschenrechtsdeklarationen. Nach dem Vorbild der Schweizer Eidgenossenschaft sollten die deutschen Bauern zusammenstehen und folgende Forderungen durchsetzen:

• Abschaffung der Leibeigenschaft

• Abschaffung der kleinen Zehnten

• Jagd, Fischfang und Holzung sollten frei sein

• Rückgabe der Allmende und des Gemeindewaldes an die Bauern

• Freie Pfarrerwahl durch die Gemeinde

• Reduzierung der Frondienste

• Verbleibende Frondienste nur gegen Entschädigung

• Keine willkürlichen Strafen

Sollte eine dieser Forderungen dem Evangelium widersprechen, würde sie zurückgezogen.

Doch die Herrschenden dachten nicht daran, auf ihre Privilegien zu verzichten und den Unterdrückten entgegenzukommen.

„Laßt Euer Schwert nicht kalt werden!“

Aus einem Aufruf Thomas Müntzers vom April 1525:

„Wie lange schlaft Ihr? Wie lange seid Ihr Gottes Wort nicht geständig?

Seid nicht also verzagt und nachlässig. Schmeichelt nicht länger den verkehrten Phantasten, den gottlosen Bösewichtern. Fangt an und streitet den Streit des Herrn. Es ist hohe Zeit.

Ganz Deutschland und Welschland ist in Bewegung. Die Bösewichter müssen dran. Wenn Eurer nur drei sind, die in Gott gelassen allein seinen Namen und Ehre suchen, werdet Ihr Hunderttausend nicht fürchten. Nur dran! Dran! Dran! Es ist Zeit! Die Bösewichter sind frei verzagt wie die Hunde. Dran! Dran! Dran! Lasst Euch nicht erbarmen. Seht nicht an den Jammer der Gottlosen. Lasst Euch nicht erbarmen! Wir dürfen nicht länger schlafen. Ihr müßt dran, dran, dran! Es ist Zeit! Dieweil das Feuer heiß ist, lasst Euer Schwert nicht kalt werden. Laßt es nicht erlahmen. Schmiedet Pinkepanke auf dem Amboß Nimrods. Werft den Tyrannen den Turm zu Boden. Es ist nicht möglich, weil sie leben, daß Ihr der menschlichen Furcht sollt leer werden. Man kann euch von Gott nicht sagen, dieweil sie über Euch regieren. Dran, dran, weil ihr Tag habt! Gott geht Euch voran,! Folget, folget!“ (1)

Radikale Prediger fordern die Bauernbefreiung

Durch die Proteste und Aufstände der Bauern drohte sich die reformatorische Bewegung zu spalten. Radikale Prediger, allen voran Thomas Müntzer (1489–1525), standen für eine gewaltsame Befreiung der Bauern und rechtfertigten deren Forderungen mit der Bibel. Dabei war sich Müntzer bewusst, daß die geforderten wirtschaftlichen Reformen auch politischen Wandel, Änderungen der Herrschaftsstrukturen, voraussetzten.

Martin Luther vertrat zuerst einen gemäßigten Kurs. Später stellte er sich eindeutig gegen die Aufständischen. Er wollte nicht sehen, daß die revolutionären Bewegungen logischerweise aus seinen reformatorischen Forderungen hervorgingen. Zwischen Luther und seinem Gefolgsmann Müntzer kam es zu einem erbitterten Streit, der in der sehr deutlichen Sprache einer Zeit ausgetragen wurde, die man als „grobianisches Zeitalter“ bezeichnet.

Luther war dem Herzog von Sachsen verpflichtet. Ohne dessen tatkräftige Hilfe wäre Luther mitsamt seinen Reformen gescheitert. Hätte er sich gegen seinen Mäzen auflehnen sollen? Außerdem war und blieb Luther ein Theologe, für den die Bibel im Mittelpunkt stand; soziale und politische Fragen interessierten ihn kaum. Von einem Geistlichen, der die Vernunft als „die Hure des Teufels“ (3, S. 226) bezeichnete, konnte man kaum vernunftbegründete, gesellschaftliche Reformen erwarten.

Die „evangelische Freiheit“ Luthers war keine

Luthers Denkschrift „Von der Freiheit des Christenmenschen“ bezog sich auf die religiöse Freiheit. Politische und soziale Freiheiten, Revolutionen lehnte er ab. Johannes Scherr schreibt dazu in der „Deutschen Kultur- und Sittengeschichte“: „Luther glaubte sein Werk beeinträchtigt durch die Bestrebungen, welche vom Ritter-, Bauern- und Bürgerstande für Einführung der reformatorischen Ideen in Staat und Gesellschaft ausgingen. Er beeilte sich daher, bei den Fürsten eine Stütze zu suchen und zu diesem Zweck den Nachweis zu liefern, daß der Vorwurf, die revolutionären Bewegungen seinen aus seiner Lehre hervorgegangen, ein durchaus unbegründeter sei. Er zeigte, welche Bewandtnis es mit der evangelischen Freiheit habe, wie er sie gepredigt wissen wollte, und wie diese Freiheit eigentlich gar keine wäre, wenigstens mit politischer und sozialer Freiheit durchaus nichts zu schaffen hätte. Er betonte aufs schärfste die christliche Lehre von unbedingter Unterwerfung unter die Obrigkeit. Er ist der eigentliche Erfinder der Lehre vom beschränkten Untertanenverstand und von der Berechtigung der unbedingtesten Willkür von Gottes Gnaden. ‚Dass zwei und fünf gleich sieben sind‘, predigte er, ‚das kannst du fassen mit der Vernunft; wenn aber die Obrigkeit sagt: zwei und fünf sind gleich acht, so musst du’s glauben wider dein wissen und dein fühlen‘“ (3, S. 226).

Luther konnte oder wollte also nicht sehen, daß das moralische Recht auf der Seite der Aufständischen war. Dafür lieferte er den Fürsten in seiner Predigt „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ (siehe Kasten) die Rechtfertigung zur blutigen Unterdrückung der Erhebung.

Ein großes Bauernopfer und bittere Armut

Aus späterer Sicht hat man Luther für sein Versagen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik bittere Vorwürfe gemacht.

Martin Luther war ohne Zweifel eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Geschichte; seine Verdienste sind unstrittig. Doch auch er vermochte nicht über seinen Schatten zu springen. Von einem bibeltreuen Theologen, erzogen in spätmittelalterlichem Denken, war nicht zu erwarten, daß er die Ideen der Philosophie der Aufklärung vorwegnahm.

So blieb den Bauern die moralische Unterstützung durch die entscheidende geistliche Autorität der Zeit versagt. Ihre Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, und die Unterdrückten gerieten in bitterere Not als zuvor.

Aus neuzeitlicher Sicht kann man von einem „Bauernopfer“ sprechen. Denn die gerechten Anliegen der Unterdrückten wurden geopfert, um die Fürsten für die evangelische Lehre zu gewinnen. Die Landesherren verhalfen der neuen Religion zwar zum Durchbruch, doch das Reich wurde gespalten, und die Reformation blieb auf halbem Wege stecken. In protestantischen Landen wurde die Kirche reformiert, soziale Reformen blieben aus. Es dauerte weitere drei Jahrhunderte, bis – zum Beispiel im Zuge der französischen Revolution – viele der berechtigten Forderungen der Aufrührer endlich durchgesetzt werden konnten.

Luther öffnete auch die Wege zu einer Stärkung der Souveränität der Landesfürsten gegenüber dem Kaiser, dem als Gegner der evangelischen Lehre das Recht abgesprochen wurde, Gehorsam zu fordern. Die Fürsten sollten über die Konfession ihrer Untertanen bestimmen. Die „Freiheit des Christenmenschen“, über seine Religion zu entscheiden, wurde zugunsten der Herrschenden geopfert, deren Macht wuchs. Diese gestärkte Position der Regionalherrscher wirkte in der deutschen Geschichte noch lange – oft unheilvoll – nach. Sie ist heute noch nicht überwunden.

„Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“

Nachdem Martin Luther zunächst Bauern und Fürsten zur Mäßigung gemahnt hatte, änderte er seine Meinung unter dem Eindruck der Bluttat von Weinsberg am 17. April 1525, bei der Adelige Spießruten laufen mussten und grausam erschlagen wurden. Nun wendete sich Luther mit theologischen Argumenten gegen die aufständischen Bauern, ohne deren wirtschaftliche Not zu würdigen.

In der Einleitung zu seiner Predigt sagt er: „Im vorigen Buch durfte ich die Bauern nicht urteilen, weil sie sich zu Recht und besser Unterricht erboten … Aber ehe denn ich mich umsehe, fahren sie fort und greifen mit der Faust drein mit Vergessen ihres Erbietens, rauben und toben und tun wie die rasenden Hunde. Dabei man wohl siehet, was sie in ihrem falschen Sinn gehabt haben und daß eitel erlogen Ding sei gewesen, was sie unter dem Namen des Evangeli in den zwölf Artikeln haben furgewendet. Kurzum, eitel Teufelswerk treiben sie.“

Luther verlangt Treue zur Obrigkeit, gemäß der Bibelworte „So gebt dem Kaiser was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Mark. 12, 17) und „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt“ (Röm. 13. 1).

Luther verurteilt Aufruhr, Mord, Plünderung von Klöstern und Burgen: „Denn Aufruhr ist nicht ein schlechter Mord, sondern wie ein groß Feuer, das ein Land anzündet und verwüstet. Also bringt Aufruhr mit sich ein Land voll Mords, Blutvergießen, macht Witwen und Waisen und zerstöret alles wie das allergrößte Unglück. Darum soll hier zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, daß nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann, denn ein aufrührerischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muß: schlägst du ihn nicht, so schlägt er dich und ein ganz Land mit dir“.

Alle, die – wie Thomas Müntzer – solche Untaten mit dem Evangelium rechtfertigen, meint Luther, „dienen dem Teufel“ und verdienten „zehnmal den Tod an Leib und Seele“.

Über die aufständischen Bauern sagt er „daß sie (nicht nur) des Teufels sind, sondern zwingen und dringen viel frommer Leute, die es ungerne tun, zu ihrem teuflischen Bunde und machen dieselben also teilhaftig aller ihrer Bosheit und Verdammnis. Denn wer mit ihn’ bewilligt, der fährt auch mit ihn’ zum Teufel und ist schuldig aller Übeltat, die sie begehen“.

Zuletzt folgt ein Aufruf an die Herrschenden, den Aufstand rücksichtslos niederzuschlagen: „Darum, liebe Herren, loset hie, rettet hie, helft hie! Erbarmet euch der armen Leute! Steche, schlage, würge hie, wer da kann! Bleibst du drüber tot, wohl dir! Seliglichern Tod kannst du nimmermehr überkommen, denn du stirbst in Gehorsam göttlichen Worts und Befehls (Röm. 13) und im Dienst der Liebe, deinen Nächsten zu retten aus der Höllen und des Teufels Banden. So bitte ich nu: Fliehe vor den Bauern, wer da kann, als vom Teufel selbst!“ (7)

Was wäre geschehen, wenn …

Viel wurde darüber diskutiert, was in der Sternstunde der Bauernkriege versäumt, welche Zukunftschancen für Deutschland verspielt wurden. Je nach dem persönlichen, religiösen, sozialen, politischen Gesichtspunkt wird man zu unterschiedlichen Ansichten kommen über die Verurteilung der Bauernaufstände durch Luther und die verpassten Möglichkeiten seiner Zeit.

Ein klares Bekenntnis Luthers zu mehr irdischer Gerechtigkeit hätte Eindruck gemacht. Aber hätte es Bauern, Bürgern, Rittern den Rückhalt geben können, den sie zur Durchsetzung ihrer Forderungen nötig hatten? Hätte die moralische Autorität Luthers den Deutschen die geistige Kraft geben können, ihre vielfachen Interessenskonflikte zu überwinden, mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen, Religion und Staat zu reformieren, Deutschland unter einem evangelischen Bekenntnis zu einem Staat zu einen, der Einmischungen von außen standhalten konnte?

Nur wenige Historiker halten das für möglich. Doch Beispiele aus der Geschichte zeigen, daß eine die Massen erfassende Begeisterung in unerwarteter, zunächst unmöglich scheinender Weise das Schicksal eines Volkes wenden kann.

Tatsächlich kam es anders.

Nachdem sich der Protestantismus im größten Teil Deutschlands ausgebreitet hatte, konnte Kaiser Karl V. im Schmalkaldischen Krieg von 1545/47 mit Waffengewalt etwa der Hälfte der Fürsten wieder den katholischen Glauben aufzwingen. Um ganz Deutschland zu rekatholisieren, reichte seine Macht nicht aus.

So kam es durch Gewalt von außen zu der unglücklichen Spaltung in Nord (evangelisch) und Süd (katholisch). Dann folgte die Gegenreformation der katholischen Kirche, die im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) kulminierte, in dem es nur vordergründig um den Glauben ging. Dieser schreckliche Krieg war ein Kampf zwischen Frankreich, Spanien und Schweden um die Vorherrschaft in Europa. Die deutschen Länder, auf deren Boden der Krieg vorwiegend ausgetragen wurde, verloren fast die Hälfte ihrer Bevölkerung und fielen in ihrer Entwicklung um viele Jahrzehnte zurück …

 [i] Für den Beginn der Neuzeit werden die folgenden Daten genannt: Die Eroberung von Konstantinopel durch die Türken (1453), die Entdeckung Amerikas (1492), Luthers 95 Thesen (1517).

[ii] Eine Zahl, die man sich leicht merken kann: Im Jahr der französischen Revolution (1789) gab es im Deutschen Reich 1789 territoriale Herrschaften (vgl. Golo Mann: „Deutsche Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts“, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt, 1962, S. 25), 314 davon waren unabhängige Staaten und 1475 waren Güter.

[iii] Als Gegensatz zu den Mönchen wurden Weltgeistliche Pfaffen genannt. Seit der Reformation wurde die einst würdevolle Bezeichnung „Pfaffe“ (von papa = Vater) zunehmend zu einem Schimpfwort.

[iv] Wicliv und Hus hatten den Ablaß schon ein Jahrhundert vor Luther angeprangert.

[v] Schloß Hohenlupfen ist heute das Wahrzeichen der Stadt Stühlingen.

Literatur:

(1) Franz Günther, Thomas Müntzers Schriften und Briefe, Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen, 1968.

(2) Fernau Joachim, Deutschland, Deutschland über alles…, Stalling, Oldenburg, 1952.

(3) Scherr Johannes, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, Agrippina, Wiesbaden, o. J.

(4) Vogler Günter, Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk, Dietz, Berlin, 1983.

(5) Vogler Günter, Thomas Müntzer, Dietz, Berlin, 1989.

(6) Zierer Otto, Aus Knechtschaft zur Freiheit, Das Bergland-Buch, Salzburg, 1979.

(7) http://www.glaubensstimme.de/reformatoren/luther/luther43.html

(8) http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Bauernkrieg