Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Ein deutsches Verhängnis

Ein heute nur noch schwer nachvollziehbarer Brauch führt zur Tragödie, an dem das Deutsche Reich am Ende zerbricht: Die Krönung deutscher Kaiser durfte, im Gegensatz zu allen anderen europäischen Mächten, nur durch den Papst und auf römischem Boden stattfinden. Die regelmäßigen problembeladenen Heereszüge nach Rom zu diesem Zweck überstrapazierten die Kräfte des Reiches.

Auch wer nur wenig von der deutschen Geschichte kennt, der weiß doch zumindest ein Datum: das Jahr 800, in dem am Weihnachtstag der Frankenkönig Karl der Große (742–814) in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt wurde. Ob die Biographie Karls ganz oder teilweise erfunden wurde, scheint neuerdings manchen Forschern nicht mehr so gewiss (2); doch sicher ist, dass mit der Tradition der Kaiserkrönungen in Rom ein Drama begann, das die Geschichte des Mittelalters entscheidend prägte und zum Niedergang des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ beitrug.

Nach Karl dem Großen zerfiel sein fränkisches Reich in Ost- und West-Franken. Auch ost- und westfränkische Könige wurden zum Kaiser gekrönt, doch werden diese noch nicht als „deutsche“ Könige beziehungsweise Kaiser bezeichnet. Als erster „Deutscher König“ gilt Konrad I. (König von 911–918).

Auf Kriegszug zur Kaiserkrönung

Der Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ sah sich als legitimer Nachfolger der Römischen Kaiser; das bedeutete den Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa.1 Damit ergaben sich zwangsläufig Spannungen, die das Reich zermürbten und zuletzt seinen Untergang einleiteten:

• Nur ein Papst durfte einen Deutschen König zum Kaiser krönen. Also waren Deutsche Könige gezwungen, nach Rom zu reisen, und die Päpste bekamen Einfluss auf die deutsche Politik. Die früher oder später unvermeidlichen Auseinandersetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt konzentrierten sich dann auf den Kampf zwischen Kaiser und Papst.

• Die für eine Kaiserkrönung notwendige Romfahrt eines gewählten Deutschen Königs musste im Mittelalter ein Kriegszug sein. Italienische Städte und Staaten konnten und wollten solche Heerzüge durch ihre Gebiete oft nicht dulden, und Kriege im fernen Italien waren die unvermeidliche Folge.

• In jeder Generation zog einmal – oder auch mehrere Male – das deutsche Reichsheer im Frühjahr über die Alpen. Bis es endlich in Rom war, grassierte dort im Sommer bereits die gefürchtete Malaria, die seit Jahrhunderten als der zuverlässigste Schutz der „Heiligen Stadt“ galt. Viele der eindringenden Krieger infizierten sich, und Hunderte, gar Tausende starben. Keine Nation kann einen solchen, immer wiederkehrenden Aderlass dauerhaft verkraften; schon gar nicht, wenn er besonders die zum Heerbann verpflichteten Eliten trifft.

• Nicht zuletzt schuf der mit dem Kaisertitel verbundene Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa eine Feindschaft mit Frankreich (manchmal auch mit England); denn kein französischer König wollte sich – wenn auch nur formal – einem Deutschen Kaiser unterordnen.

Der Verfall des Reiches

Nach der (historisch angeblich nicht gesicherten) Krönung „Karls des Fiktiven“ (siehe GralsWelt Themenheft 3/1999, „Wir schreiben erst das Jahr 1792“) gab es noch Kaiserkrönungen fränkischer Könige. Der erste „Deutsche Kaiser“ war Otto I. (der Große) der im Jahr 962 durch Papst Johannes XII. in Rom die Kaiserkrone erhielt. Der große Otto war der eigentliche Begründer des Deutschen Reiches. Ottos unbezweifelbare historische Leistungen werden nicht selten mit denen von Karl dem Großen verwechselt beziehungsweise diesem fälschlich zugeschrieben. Doch zu Karls Zeiten gab es noch kein „Deutsches Reich“, allenfalls ein „Frankenreich“, zu dem Frankreich ebenso gehörte wie das spätere Deutschland. Die von Otto geschaffene Reichsidee wurde richtungweisend über Jahrhunderte hinweg. Zum ottonischen Reichsgedanken des Hochmittelalters gehörte auch die Krönung in Rom als Dokumentation des Herrschaftsanspruches. So wurden in den 258 Jahren zwischen 962 (Otto I.) und 1220 (Friedrich II.) dreizehn Deutsche Könige in Rom zum Kaiser gekrönt, im Durchschnitt alle 19,8 Jahre einer.

Dann folgte das Interregnum, „die kaiserlose, die schreckliche Zeit“ (1254–1273), die „babylonische Gefangenschaft der Päpste“ in Avignon (1309–1377) und das große Schisma der Kirche mit sieben Gegenpäpsten (1378–1418).

In dieser spätmittelalterlichen Epoche gab es in Rom zwei Kaiserkrönungen durch päpstliche Legaten; beispielsweise ließ sich 1328 der gebannte Ludwig IV. („Der Bayer“) in Abwesenheit des Papstes vom Römischen Volk zum Kaiser krönen. Nach dem Tod Friedrich II. im Jahre 1250 dauerte es 183 Jahre, bis 1433 wieder ein Kaiser von einem Papst gekrönt werden konnte: Siegmund (Sigismund). Der letzte in Rom gekrönte Kaiser war der Habsburger Friedrich III., der erste aus diesem Geschlecht, der die deutsche Königs- und Kaiserkrone trug.

Die von dem Genie Otto I. entworfene Reichsidee hatte sich überlebt, das Deutsche Reich des Mittelalters war zerfallen, und erst im 19. Jahrhundert ergab sich eine Chance zur Erneuerung. Das Erste Kaiserreich zerrieb sich im Hader zwischen den Fürsten, in den Machtkämpfen zwischen Kaiser und Papst, und nicht zuletzt überforderten die zahlreichen Italienzüge die Möglichkeiten des Reiches, dem nicht genügend Kraft für andere, wesentlichere Aufgaben blieb.

Ist es die Kaiserkrönung wert?

Einen tatsächlichen Machtzuwachs bedeutete die Kaiserkrönung in Rom weder für Otto I. noch für sonst einen Kaiser. Sie brachte allenfalls Ansehen und bewies, dass die kaiserliche Macht ausreichte, durch das nördliche Italien bis Rom vorzudringen und sich diesen Weg, falls nötig (und es wurde oft erforderlich), freizukämpfen.

In und am Mittelmeer lief damals der größte Teil des „Welthandels“ (aus der Sicht Europas, das wenig von Indien und China wusste). Für das mittelalterliche Deutschland war daher eine Verbindung zum Mittelmeer bedeutsam. Aber war sie auch die kostspieligen Heereszüge nach und die blutigen Kriege in Italien wert? Langfristig musste ein geeintes Frankreich, das bequemen Zugang zum Mittelmeer hatte und keine verlustreichen Italienzüge brauchte, dem Deutschen Reich den Rang ablaufen.

Ein deutsches Trauerspiel

Der Erbauer des mittelalterlichen Deutschen Reiches war nicht der von Franzosen und Deutschen als Reichsgründer verehrte Karl der Große, sondern Otto I. Dieser besiegte Slawen und Ungarn und schuf ein vereintes Reich zu einer Zeit, in der außer ihm so gut wie kein Adeliger weiter dachte als an die Mehrung seiner persönlichen Besitztümer. Otto war es auch, der erkannte, dass sich Frankreich und Deutschland so weit auseinander entwickelt hatten, dass eine (unter Otto mögliche) Vereinigung nicht mehr dauerhaft halten würde; weise beschränkte er seine Herrschaftsgebiete. Seine Reichsvorstellung wurde maßgeblich, seine monarchische Idee hielt Jahrhunderten stand.

Was dieses Genie auf einem deutschen Thron allerdings nicht sehen (oder nicht ändern?) konnte, war die Bindung der kaiserlichen Staatsidee an eine Krönungszeremonie, die aus traditionellen Gründen (seit Karl dem Großen?) in Rom und nur in Rom stattfinden musste. Und diese Krönung in Rom wurde zur deutschen Tragödie. Das Reich schuf sich unnötige Feinde, verstrickte sich in überflüssige Kriege, verschwendete einen großen Teil seiner Kräfte für die Heerzüge durch Oberitalien, geriet in Auseinandersetzungen mit der Römischen Kirche und verlor viele seiner wertvollsten Männer durch Malaria, mit der diese sich in Rom infiziert hatten. Zuletzt ging das Reich an diesen Überforderungen zu Grunde.

Ein zersplittertes, doch unterschätztes Reich

So gelang es den Deutschen nicht, zu einem einheitlichen Volk zusammenzuwachsen: Während sich Engländer, Franzosen, Russen, Spanier längst in einem geeinten Reich zusammengeschlossen hatten, blieben die Deutschen bis ins 19. Jahrhundert Badenser, Bayern, Brandenburger, Hannoveraner, Hessen, Holsteiner, Mecklenburger, Pfälzer, Pommern, Preußen, Sachsen, Schaumburg-Lipper, Württemberger und so weiter. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) zerstörte das zerstrittene Land. Und der Westfälische Frieden trennte Nord und Süd durch ihre verfeindeten Konfessionen.

Selbst deutsche Auswanderer fanden wenig Gemeinsamkeiten. So erlangten zum Beispiel in den USA die zahlenmäßig weit geringeren Iren einigen Einfluss, etwa über irische Gewerkschaften, während selbst in Staaten wie Wisconsin, wo deutschstämmige Einwanderer die Mehrheit hatten, der Einfluss der Deutschen durch deren fehlendes Nationalbewusstsein gering blieb.

In langen Jahrhunderten, seit dem Interregnum, hatten sich die europäischen Staaten daran gewöhnt, dass die Deutschsprachigen, in viele Kleinstaaten aufgeteilt, leicht zu manipulieren und somit kein ernst zu nehmender politischer Faktor waren. Dass ein deutscher Staat wie Preußen im 18. Jahrhundert gegen viele Feinde standhalten und sogar sein Territorium erweitern konnte, erschien wie ein Wunder; sein König wurde „Der Große“ genannt.

Als dann im 19. Jahrhundert eine Vereinigung der Deutschen zu einem gemeinsamen Staat zustande kam, verschob sich das europäische Gleichgewicht der Mächte, und es kam zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges.

So mag man sogar noch einen Teil der Ursachen für die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts in der Jahrhunderte währenden Zersplitterung Deutschlands sehen, zu der nicht zuletzt auch die unseligen Romzüge der Kaiser beigetragen haben.

Wie hätte sich die deutsche, die europäische Geschichte entwickelt, wenn es auch für die deutschen Könige, wie für die übrigen Könige Europas, nur eine Krönung im eigenen Land gegeben hätte?

 

Literatur:

(1) Fernau, Joachim, Die Genies der Deutschen, Goldmann, München 1972

(2) Illig, Heribert, Hat Karl der Große je gelebt?, Mantis, Gräfelfing 1996

(3) Randa, Alexander, Handbuch der Weltgeschichte, Walter, Olten 1962

 

Fußnoten:

1 Den gleichen Anspruch erhob selbstverständlich der Oströmische Kaiser in Konstantinopel. Doch Ostrom war im Mittelalter mit seiner Verteidigung gegen aus dem Osten andrängende Feinde so sehr beschäftigt, dass es sich in Mitteleuropa nicht ernsthaft engagieren konnte.