Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Religionen der Antike IV: Die Etrusker

(Veröffentlicht in Gralswelt 36/2005)

Aus Gewitterblitz und Eingeweiden

Vermutlich in der Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr. wanderte in Italien ein Volk ein, dessen Herkunft umstritten ist. Es vermischte sich mit der einheimischen Bevölkerung und weiteren Zuwanderern, kam in Kontakt mit den Griechen und übernahm deren Alphabet: Die Etrusker. Griechische Einflüsse lassen sich bei ihnen zwar nachweisen, jedoch bauten sie eine eigenständige Kultur auf, die im ersten vorchristlichen Jahrtausend die höchstentwickelte auf italienischem Boden war. Rom war wohl eine etruskische Gründung, die ersten Könige Roms gelten als Etrusker, und die berühmte Bronzeplastik der kapitolinischen Wölfin halten manche Historiker für eine etruskische Arbeit.
Dann kam es zu Kämpfen mit Karthagern, Griechen, und dem expandierenden Rom, das Etrurien nach und nach eroberte. Die etruskische Kultur ging in der römischen auf, die etruskische Sprache verschwand, und vom dem einst bedeutenden, kulturell hochstehenden Volk der Etrusker sind nur noch archäologische Funde, (z.B. Gräber), nur teilweise verständliche Inschriften, sowie Berichte antiker Autoren erhalten.
Farbig ausgemalte, reich geschmückte Grabanlagen, teilweise mit Opferaltären, lassen auf die Bedeutung des Totenkultes für die Etrusker schließen. Da sie ihre Abgeschiedenen bildhaft darstellten, sind uns beeindruckende Bilder und Plastiken von Etruskerinnen und Etruskern erhalten.
In der Antike galten die Etrusker als ein Volk, das sich mit besonderer Sorgfalt der Pflege seiner Religion widmete, die etwas Besonderes ist:
Eine Naturreligion und zugleich eine Hochreligion, die auf einer schriftlich niedergelegten Offenbarung beruht.
EINE  OFFENBARUNGSRELIGION
Nach den Überlieferungen erschien nahe Tarquinia, der ältesten etruskischen Stadt, einem Bauern mit Namen Tarchon beim Pflügen ein merkwürdiges Wesen. Dieses hatte den Körper eins Kleinkindes und den Kopf eines Greises. Dieses eigenartige Erdwesen (oder Naturwesen?), Tages genannt, diktierte dem herbeigerufenen König religiöse Offenbarungen, die aufgezeichnet wurden. Diese Aufzeichnungen bildeten die Grundlage der etruskischen Religion, deren erster Priester der Bauer Tarchon wurde, nach dem Tarquinia benannt sein soll.
Wichtigster Inhalt der von den Römern “etruskische Disziplin” genannten Schriften war der Umgang mit dem Götterwillen. Unter griechischem Einfluss wurden die Götter der Etrusker denen der Griechen und Römer recht ähnlich, doch das Wirken der Götter wurde von den Etruskern etwas anders gesehen.
Im ganzheitlichen Weltbild der Etrusker wirkten Götter (und vermutlich auch Naturwesen) fortlaufend in das Diesseits hinein, mit dem auch Abgeschiedene noch verbunden blieben. Also galt es, in Kommunikation mit den Göttern zu treten, ihren Willen zu erfragen und zu beachten; oder auch durch Rituale und Opferhandlungen Einfluss auf den Götterwillen zu nehmen, vom dem das Schicksal des einzelnen wie des gesamten Staatswesens abhing. Das Schicksal, die Zukunft, der Wille der Götter drückt sich nach etruskischer Lehre in vielfältiger Form in der Natur aus: In Blitzen, in den Eingeweiden der Opfertiere, im Vogelflug, in Baumzeichen usw. Noch lange nach dem Untergang der Etrusker hatten die Römer nach etruskischem Vorbild Auguren, die aus dem Vogelflug die Zukunft zu deuten suchten.
Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.), als Philosoph der Kaiserzeit bemerkt zur etruskischen Blitzdeutung:
“Der Unterschied zwischen uns und den Etruskern, deren höchste Kenntnis in der Auslegung der Blitze liegt, ist folgender: Wir meinen, es entstehen Blitze, weil die Wolken zusammenstoßen; jene aber glauben, die Wolken stoßen zusammen, damit Blitze entstehen. Da sie nämlich alles auf die Gottheit zurückführen, halten sie an dieser Meinung fest, als ob die Blitze nicht, weil sie stattfinden, ein Zeichen geben, sondern stattfinden, weil sie Zeichen sein sollen.” (2, S. 67)
ALLES  IST VORBESTIMMT
Eine Merkwürdigkeit der etruskischen Religion ist der Glaube an eine Vorbestimmung, wie er später wieder in den Prädestinationslehren des Islam und des Protestantismus bedeutsam wurde.
Für die Etrusker waren die Lebenszeit des einzelnen Menschen, und die wesentlichen Stationen seines Lebens in relativ engen Grenzen vorbestimmt. Selbst dem Staatswesen war nur eine beschränkte Zahl von Saecula (Zeitaltern) vorgegeben, deren Beginn bzw. Ende durch göttliche Zeichen, wie Blitze, festgestellt wurden. Geringe Verlängerungen schienen möglich, beim Einzelnen um zehn, beim Staatswesen um dreißig Jahre.
Der Priesterschaft, die allein den Ablauf der etruskischen Zeitalter erkunden konnte (die nach römischen Autoren zwischen 100 und 123 Jahren lagen), verhalf dieser Glaube zu einer erheblichen Machtfülle. Gleichzeitig muss man fragen, ob eine solche pessimistische Sicht nicht dazu beigetragen hat, sich den pragmatisch denkenden Römern zu unterwerfen, die solche Skrupel nicht kannten. Wenn die Zeit für das etruskische Volk durch “göttliche Vorbestimmung” ohnehin zu Ende ging, schien entschiedene Verteidigung sinnlos.
Tatsächlich begann die Geschichte der Etrusker etwa um das Jahr 1000 v.Chr. und endete zu Beginn des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, ziemlich genau nach acht Saecula.

DIE  “ETRUSKISCHE DISZIPLIN”
Römische Autoren nennen die religiösen Überlieferungen der Etrusker “disciplina etruska”. Deren heilige Schriften bestanden aus drei Büchern:
Libri fulgurales (Blitzlehre):
Beschreibungen, wie aus Blitzen Vorhersagen zu machen sind.
Libri haruspicini (Eingeweideschau):
Die Methode der Weissagungen aus der Leber oder anderen Eingeweiden von Opfertieren. Wurde von den Römern übernommen.
Libri rituales (Ritualbücher):
Beschreibung der religiösen Rituale.
Abschriften dieser verloren gegangenen etruskischen Schriften waren in der Bibliothek von Alexandria bis zu deren großem Brand aufbewahrt.

EINE  EINHEITLICHE  WELT
In unserer Zeit, in der sich die Wissenschaften in viele Disziplinen aufgefächert haben, fällt es schwer, das Denken der Etrusker nachzuempfinden, für die Kult, Ritual, Opfer, Blitzbeobachtung, Eingeweideschau von fundamentaler Bedeutung waren, um den Willen der Götter zu erkunden und vielleicht auch zu beeinflussen.
So unsinnig uns eine solche Verhaltensweise scheinen mag, sie baut auf einem Weltverständnis, das bis heute seine Bedeutung behalten hat: Die Einheit der Welt.
Wenn alles einheitlichen Gesetzen unterworfen ist, wenn nichts für sich alleine steht und alles mit allem verbunden ist – wie man z.B. aus der Ökologie folgern könnte – dann spiegelt sich vielleicht auch das Größte im Kleinsten, das menschliche Bewusstsein könnte einen ganz kleinen Anteil erringen am Allbewusstsein, und die “Qualität der Zeit” ließe sich am Vogelflug, an Blitzformen während eines Gewitters, oder aus der Leber eines Opfertieres ablesen…
Dieser archaische Glaube der Etrusker – sei er ganz falsch oder doch in gewissem Maße zutreffend – ist nicht mit ihnen gestorben. Wer im Horoskop nach der Zukunft fragt, mit Tarot-Karten oder dem i-ging Orakel Antworten auf seine Fragen sucht, durch Auspendeln einer Photographie feststellen will, ob die betreffende Person noch am Leben ist, sein Haus oder seine Geschäftsräume feng-shui-gerecht gestaltet, der ist ein unbewusster Erbe des Weltverständnisses uralter Völker. Dieses Weltbild entstammt einer Zeit, in der alles als beseelt, die ganze Welt als Einheit galt. Der Wille der Götter spiegelt sich demnach in allem, und war durch die verschiedensten Methoden der Mantik zu erfragen.
Das Volk der Etrusker ist längst verschwunden, untergegangen oder aufgegangen in anderen Völkern; doch die von Etruskern exzessiv betriebene Wahrsagekunst lebt in vielfältigen Formen noch heute…..

LITERATUR:
(1) Pfiffig, Ambos Josef: “Einführung in die Etruskologie”, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1972
(2) Prayon, Friedhelm: “Die Etrusker”, C.H. Beck, München, 2003
(3) Simon, Erika: “Schriften zur etruskischen und italienischen Kunst und Religion”, Franz Steiner, Stuttgart, 1996
(4) http://www.ewtel.net/+martin.bode/etrusker.htm