Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Das abenteuerliche Leben des Adam Dreyling

„Der Meister des siebten Siegels“ – nur ein historischer Roman oder doch mehr?

 Veröffentlicht in Gralswelt 58/2010

 Die Weltgeschichte besteht aus einem Zusammenspiel vieler Kräfte, und nicht selten können scheinbare Nebensächlichkeiten überragende Bedeutung erhalten. So auch bei der bekannten Seeschlacht zwischen der großen spanischen Armada und der englischen Flotte im Jahre 1588. Der englische Sieg in dieser Schlacht verhinderte die Invasion der britischen Inseln, vereitelte deren gewaltsame Rekatholisierung und eröffnete den Weg zum späteren Aufstieg Englands zur bedeutendsten Seemacht.

Ein spanischer Sieg wäre auch ein Sieg der Gegenreformation geworden, der möglicherweise den Zusammenbruch der gesamten Reformation eingeleitet hätte.

Das englische Erfolgsrezept bei den kriegerischen Auseinandersetzungen waren schnelle, wendige Schiffe, die die großen spanischen Galeonen ausmanövrieren konnten, und: weittragende Geschütze. Die Schiffe entwarf der geniale Schiffbaumeister Matthew Baker und die Kanonen goss … ein Tiroler, Adam Dreyling. Dessen abenteuerliches Leben wird in dem ungewöhnlich spannenden fiktiven historischen Roman „Der Meister des siebten Siegels“ von Johannes K. Seyener und Wolfram zu Mondfeld beschrieben. Doch die Geschichte des Tirolers, die kürzlich auch im ZDF-Dokumentarfilm „Das Empire schlägt zurück“ thematisiert wurde, bietet mehr als nur Fiktion …

Tirol als habsburgisches „Hightech-Land“

Im 16. Jahrhundert war Tirol ein wichtiges Wirtschaftszentrum des habsburgischen Reiches. Die Bergwerke bei Schwaz förderten Kupfer und Silber, und in Innsbruck arbeitete der beste aller Kanonengießer, der nach einem geheimen Verfahren Bronzekanonen von überragender Qualität herstellte.

Genau die Kanonen, die England für seine Flotte brauchte! 

Der Kanonenguss war damals eine Kunst, deren Geheimnisse jeder Gießermeister peinlich hütete. Manche Feinheiten dieser Kunst wurden daher nicht überliefert und sind verlorengegangen. So wollte das ZDF für seinen Dokumentarfilm von einer Innsbrucker Glockengießerei eine Kanone nach Vorbildern des 16. Jahrhunderts nachgießen lassen… aber der Guss misslang! Es ist gut vorstellbar, wie wertvoll damals das Wissen eines Meisters im Bronzegeschützguss war …

 Adam Dreylings Weg von Schwaz nach England

In dem erwähnten Roman um Adam Dreyling wird zunächst ein schwerer Unfall in den Schwazer Bergwerken beschrieben, der eine Revolte auslöst. Das historische Vorbild dafür war wohl der große Bergarbeiteraufstand des Jahres 1525. Adam Dreyling, im Roman der Sprecher der Bergleute, der deren berechtigte Anliegen vertritt, muß Schwaz nach der Revolte verlassen. Er geht nach Innsbruck, um bei seinem Onkel, einem Meister des Kanonengusses, das Handwerk zu erlernen. Dabei gelingt es ihm, die Geheimnisse der weltberühmten Gießerei Löffler zu ergründen, die „sieben Siegel“ der Waffenkunst.

Als ihm sein Onkel den Meisterbrief verweigert und er also keine eigene Werkstatt führen kann, entschließt sich Dreyling, Innsbruck zu verlassen. Eine abenteuerliche Flucht führt ihn nach England, wo er mit dem Schiffsbauer Matthew Baker in den Dienst der Königin tritt und zum ersten Gießermeister des Königreiches avanciert. Er kann gerade noch rechtzeitig jene Kanonen gießen konnte, ohne die ein Sieg über die spanische Armada nicht möglich geworden wäre.

Nach dem großen Sieg allerdings wird Dreyling – er teilt dieses Schicksal mit vielen anderen – nur mit Undank bedacht …

Mehr als nur ein lesenswerter Roman

Der 1.100 Seiten umfassende historischen Roman „Der Meister des siebten Siegels“ ist als fesselnde Urlaubslektüre bestens zu empfehlen. Er ist spannend, beschreibt aber auch in packender Form eine historisch wichtige Zeit. Die dem Roman zugrunde liegenden Fakten sind so gut dokumentiert, daß man davon ausgehen darf, daß alle wesentlichen Ereignisse tatsächlich geschichtlich korrekt beschrieben sind.

Besonders faktenreich erscheinen die Schilderungen des Bergbaus, der Gießerei, des Schiffbaus wie auch der sozialen und politischen Zustände, wie sie zu Beginn der Neuzeit in Tirol, Venedig, England, Polen herrschten. Wer einen kurzweiligen Zugang zu den Ereignissen dieser Zeit sucht, sollte sich mit der merkwürdigen Geschichte des Adam Dreyling eingehender befassen.

Literatur:

(1) Echo-Spezial Nr. 5, Juli 2002, Echo-Verlag, Innsbruck

(2) Johannes K. Soyener/Wolfram zu Mondfeld, „Der Meister des siebten Siegels„, Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1994