{"id":1483,"date":"2010-04-24T16:43:59","date_gmt":"2010-04-24T15:43:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?page_id=1483"},"modified":"2024-01-05T12:42:18","modified_gmt":"2024-01-05T11:42:18","slug":"die-gerechtigkeitslucke-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/ru\/%d1%8d%d0%ba%d0%be%d0%bd%d0%be%d0%bc%d0%b8%d1%87%d0%b5%d1%81%d0%ba%d0%b8%d0%b9-%d0%b8-%d1%81%d0%be%d1%86%d0%b8%d0%b0%d0%bb%d1%8c%d0%bd%d1%8b%d0%b9\/%d1%81%d0%bf%d1%80%d0%b0%d0%b2%d0%b5%d0%b4%d0%bb%d0%b8%d0%b2%d0%be%d1%81%d1%82%d1%8c-%d0%bf%d1%80%d0%be%d0%b1%d0%b5%d0%bb-2\/","title":{"rendered":"\u0420\u0430\u0437\u0440\u044b\u0432 \u0432 \u0441\u043f\u0440\u0430\u0432\u0435\u0434\u043b\u0438\u0432\u043e\u0441\u0442\u0438"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>(Ver\u00f6ffentlicht in GralsWelt 58\/2010)<\/p><\/blockquote>\n<h6>In der europ\u00e4ischen Geschichte ist der 29. Mai 1453 ein wichtiges Datum. Damals eroberten die T\u00fcrken Konstantinopel und schnitten mit dieser Aktion Europa ab vom Handel mit Asien. Venedig verlor seine f\u00fchrende Stellung als Zentrum des Seehandels. Portugiesen und Spanier sahen sich gezwungen, ihre Bem\u00fchungen zu verst\u00e4rken, das vom T\u00fcrkischen Reich beherrschte Mittelmeer zu umgehen, und \u00fcber den Atlantik nach Indien zu gelangen. Daher suchte Kolumbus einen westlichen Seeweg nach Asien, landete aber 1492 in der Karibik, die er \u201eWestindien\u201c nannte. Vasco da Gama segelte mit gleichem Ziel rund um Afrika und erreichte 1498 Calicut (Indien).<\/h6>\n<p>Diese Entdeckungsreisen waren der Startschuss f\u00fcr den Kolonialismus. Dieser brachte gro\u00dfe Verwerfungen in den \u00f6konomischen und sozialen Bedingungen, sowohl der Kolonisatoren als auch der Kolonisierten. Die mittelalterliche Weltordnung l\u00f6ste sich auf. Mit den neuen Verh\u00e4ltnissen kamen viele, bis heute ungel\u00f6ste Fragen nach der menschlichen Gerechtigkeit: <em>Aneignungsgerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Ergebnisgerechtigkeit, Verfahrensgerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit<\/em><a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_edn1\">[i]<\/a>, usw, usw.<\/p>\n<p>Es ist nicht schwer Zustimmung zu finden, wenn man beklagt, dass es in der Welt \u201eungerecht\u201c zugehe. Wer aber schlie\u00dft wann und wie die viel kritisierte \u201eGerechtigkeitsl\u00fccke\u201c, die wirtschaftliche Kluft zwischen ehemaligen Kolonialv\u00f6lkern und Industriel\u00e4ndern, zwischen Nord und S\u00fcd, zwischen Armen und Reichen? Und wer denkt dabei auch an die Belange der Natur?<\/p>\n<blockquote><p><em>Die Probleme, die es in der Welt gibt, sind nicht mit der<\/em><em> gleichen Denkweise zu l\u00f6sen, die sie erzeugt hat.\u201c<br \/>\n<\/em><span style=\"font-size: revert;\">Albert Einstein angesichts der Wirtschaftskrise von 1929.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<h5>Das Zeitalter des Kolonialismus<\/h5>\n<p>Immer neue Entdeckungen ver\u00e4nderten vom 15. Jahrhundert an das Bild der Welt. Navigatoren, Forscher, Abenteurer machten sich auf die Suche nach dem Reichtum fremder L\u00e4nder, und risikofreudige Kaufleute finanzierten die ebenso gewagten, wie im Erfolgsfall lukrativen Entdeckungsreisen. (Vgl. &#8222;Kurz, knapp, kurios&#8220;, Seite 332, &#8222;Entdecken, Flagge hissen, in Besitz nehmen&#8220;).<\/p>\n<p>Ungeahnte Sch\u00e4tze flossen nach Europa und sp\u00e4ter auch in die USA: Gold und Silber aus S\u00fcdamerika; Gew\u00fcrze aus Indien; Zucker und Rum aus der Karibik; Kaffee aus Brasilien; Porzellan und Tee aus China; Elfenbein und Sklaven aus Afrika; Pelze aus Nordamerika und Sibirien.<\/p>\n<p>Die seefahrenden Nationen machten sich nach und nach gro\u00dfe Teile der weiten Welt untertan. Europa konnte seinen Bev\u00f6lkerungs\u00fcberschuss nach \u00dcbersee entlassen. Die in den Kolonien einheimische Bev\u00f6lkerung wurde zur Arbeit f\u00fcr die Eroberer gezwungen, musste Siedlern aus Europa weichen, oder wurde \u2013 wenn sie infolge der Ausbeutung oder durch eingeschleppte Krankheiten am Aussterben war \u2013 durch Sklaven aus Westafrika ersetzt.<br \/>\n<em>\u201eDer \u201aAufstieg des Westens\u2019 beruhte in hohem Ma\u00dfe auf der Anwendung von Gewalt, darauf, dass sich das milit\u00e4rische <\/em><em>Gleichgewicht zwischen den Europ\u00e4ern und ihren Gegnern in \u00dcbersee zugunsten der ersteren verschoben hatte.\u201c<\/em> (4, S. 22).<br \/>\nNur wenige der Wei\u00dfen hatten ein schlechtes Gewissen, wenn sie fremde L\u00e4nder ausraubten oder in Besitz nahmen, die Eingeborenen durch Unterdr\u00fcckung oder aus Europa eingeschleppte Krankheiten zu Grunde gingen. Denn den \u201eunwissenden Heiden\u201c wurde ja das gr\u00f6\u00dfte aller Geschenke gebracht: Sie wurden (oft zwangsweise) christlich getauft und damit der sonst f\u00fcr sie unausweichlichen ewigen Verdammnis entrissen! War das ein gerechter Ausgleich, durch den sich ein christliches Gewissen ruhig stellen lie\u00df? Oder h\u00e4tte man besser bei Augustinus<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_edn2\">[ii]<\/a> nachgelesen, der meinte, Gerechtigkeit sei das, was eine Gesellschaft von einer R\u00e4uberbande unterscheidet?<\/p>\n<p>Bis ins 20. Jahrhundert (teilweise noch heute!) gab es Missionsgesellschaften, die Menschen in \u00dcbersee &#8211; darunter Angeh\u00f6rige von sehr alten Kulturnationen &#8211; zum Christentum bekehren wollten, um sie vor der H\u00f6lle zu retten.<\/p>\n<p>Von exotischen Kulturen verstanden die aus Europa, sp\u00e4ter auch aus den USA entsandten Priester in der Regel so gut wie nichts. Es gen\u00fcgte ihnen zu wissen, dass jede nicht-christliche Religion vom Teufel war. So dachten sie kaum an einen \u201egerechten Ausgleich zwischen Geben und Nehmen\u201c, rechtfertigten die Sklaverei mit passenden Bibelstellen<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_edn3\">[iii]<\/a>, und betrachteten die Eingeborenen \u2013 selbst wenn sie zum Christentum bekehrt waren &#8211; als Menschen zweiter Klasse.<\/p>\n<p>Falls Europ\u00e4er je die Aufgabe hatten, als Verbreiter christlicher Werte zu wirken, dann haben sie versagt. Wohl haben sich einzelne Missionare bem\u00fcht, im christlichen Sinne zu wirken. Doch auf jeden von ihnen kamen Dutzende oder Hunderte von H\u00e4ndlern, Abenteurern, Kolonisten, die sich zwar Christen nannten, deren Verhalten aber eher von der H\u00f6lle als vom Geist Christi inspiriert war.<\/p>\n<h5>Die klassische Weltwirtschaft<\/h5>\n<p>Im Zuge des Kolonialismus entwickelte sich die Weltwirtschaft. Europa \u2013 besonders Kolonial-Imperien wie England \u2013, sp\u00e4ter auch die USA und schlie\u00dflich Japan, wurden reich, weil sie die Sch\u00e4tze fremder L\u00e4nder zu nutzen wussten.<\/p>\n<p>Der Wohlstand der Industriel\u00e4nder kommt noch heute zum gro\u00dfen Teil dadurch zustande, dass aus den fr\u00fcheren Kolonien, die inzwischen Entwicklungsl\u00e4nder sind, Rohstoffe billig importiert und daf\u00fcr Fertigprodukte teuer exportiert werden.<\/p>\n<p>Dabei wird oft \u00fcbersehen, dass sp\u00e4testens seit dem 20. Jahrhundert auch Umweltlasten in gro\u00dfem Ma\u00dfe abgeschoben werden. Bei den Lieferanten in \u00dcbersee entstehen gewaltige Umweltsch\u00e4den durch die Exploration von Rohstoffen, sowie durch landwirtschaftliche Monokulturen im Interesse der Industriel\u00e4nder. F\u00fcr die Klima\u00e4nderung durch zu gro\u00dfen Verbrauch fossiler Brennstoffe sind in erster Linie die Industriel\u00e4nder verantwortlich, doch darunter leiden werden besonders Entwicklungsl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Eine solche, auf Einseitigkeit gebaute Weltwirtschaft kann weder gerecht noch stabil sein. Jahrhunderte lang gen\u00fcgte die technische \u00dcberlegenheit, die bessere Bewaffnung der hoch entwickelten L\u00e4nder, um Freiheitsbestrebungen in den Kolonien zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Dann zerst\u00f6rten die L\u00e4nder, die am meisten von den \u00f6konomischen Unausgewogenheiten profitierten, dieses System selbst: Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der leichtfertig ausgel\u00f6ste Erste Weltkrieg, leitete den unaufhaltsamen Untergang des Kolonialismus ein.<\/p>\n<p>Anders als nach den Napoleonischen Kriegen scheiterten die Europ\u00e4ischen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg an der Aufgabe, eine stabile Friedensordnung zu schaffen. Diese Vers\u00e4umnisse bedingten den Zweiten Weltkrieg und f\u00fchrten zu teilweise bis heute anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Spannungen sowie weiteren Kriegen. Europa verlor seine F\u00fchrungsrolle in der Welt und seine Kolonien. Die USA wurden zur dominierenden Weltmacht.<\/p>\n<h5>Aufbau einer friedlichen V\u00f6lkergemeinschaft<\/h5>\n<p>Den Gro\u00dfkatastrophen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts folgten Ans\u00e4tze f\u00fcr eine bessere, friedlichere, gerechtere Welt.<\/p>\n<p>Nach dem Ersten Weltkrieg scheiterte der V\u00f6lkerbund am Egoismus nationalistischer Staaten.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die UNO friedenssichernd wirken und f\u00fcr alle Nationen verbindliche Ma\u00dfst\u00e4be setzen. Die Charta der Vereinten Nationen basiert auf der Philosophie der Aufkl\u00e4rung, nicht mehr auf der Bibel. Anscheinend hat das einst von Europa aus in der ganzen Welt propagierte Christentum seine Glaubw\u00fcrdigkeit verloren. Die Philosophie der Aufkl\u00e4rung ist zwar im christlichen Umfeld entstanden, \u00fcbernimmt aber, neben christlichen Vorstellungen, auch antike und neuzeitliche Philosophien, die von den Kirchen lange erbittert bek\u00e4mpft wurden.<\/p>\n<p>Dabei ist nicht davon auszugehen, dass diese europ\u00e4ische Philosophie in nicht-westlich gepr\u00e4gten Staaten &#8211; z. B. in islamischen L\u00e4ndern oder in Asien &#8211; uneingeschr\u00e4nkte Zustimmung findet.<\/p>\n<p>Auch handeln die Nationen &#8211; trotz UNO &#8211; noch immer vorwiegend im Eigeninteresse, und nicht selten gilt zwischen den Staaten das Faustrecht, nicht das V\u00f6lkerrecht. Ein Bewusstsein der globalen Verantwortung f\u00fcr das Wohlergehen <em>aller<\/em> Bewohner unseres Planeten wird schmerzlich vermisst, und der Gedanke, dass auch die Natur Rechte hat, bleibt vielen Verantwortlichen fremd.<\/p>\n<h5>Die Globalisierung<\/h5>\n<p>Das fehlende Verantwortungsbewusstsein zeigt sich auch in der seit einigen Jahrzehnten gepriesenen \u201eGlobalisierung\u201c, die nach dem Motto \u201ea rising tide will lift all boats\u201c (eine steigende Flut hebt alle Boote) Wirtschaftswachstum und steigenden Wohlstand f\u00fcr alle verspricht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Kluft zwischen Arm und Reich \u2013 sowohl zwischen den Nationen wie auch innerhalb der Staaten \u2013 gestiegen. Von einem Ausgleich zwischen den Rechten Bevorzugter und den Belastungen Benachteiligter, also dem Schlie\u00dfen der \u201eGerechtigkeitsl\u00fccke\u201c, keine Spur.<\/p>\n<p>Das ist kaum \u00fcberraschend. Denn die Globalisierung sollte &#8211; aller Propaganda zum Trotz \u2013 keinem altruistischen Zweck dienen.<\/p>\n<p>Unsere Wirtschaft nennt sich kapitalistisch, ist also auf Geld-Kapital gebaut. Kapital muss verzinst werden. Die aufzubringenden Zinsen verlangen gebieterisch eine wachsende Wirtschaft!<\/p>\n<p>Nun ist sp\u00e4testens seit dem ersten Erd\u00f6lschock in den 70er Jahren abzusehen, dass die n\u00f6tigen Wachstumsraten in den Industriel\u00e4ndern nicht zu erzwingen sind. Dort ist der Bedarf weitgehend ges\u00e4ttigt, die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst nur noch wenig. In einigen dieser L\u00e4nder ist die Bev\u00f6lkerung \u00fcberaltert und nimmt ab. Wer soll dann jedes Jahr mehr und mehr von dem ganzen Krempel kaufen, den die Industrie loswerden muss, um weiter zu wachsen?<\/p>\n<p>Da bleibt nur der Weg in die Entwicklungsl\u00e4nder. Dort steigen die Bev\u00f6lkerungszahlen, ein riesiger Nachholbedarf will befriedigt werden. Gelingt es, diese L\u00e4nder zu erschlie\u00dfen, dann kann die Weltwirtschaft noch weitere Jahrzehnte ungebremst wachsen \u2013 bis zum \u00f6kologischen Kollaps.<\/p>\n<p>Dummerweise hat man sich mit diesen grandiosen Zukunftsaussichten f\u00fcr die Exportwirtschaft in den USA und Westeuropa verrechnet. Denn zu viele Eliten unterentwickelter L\u00e4nder haben im Westen studiert. Sie kennen die moderne \u00d6konomie und wissen, dass mit Rohstoffexporten nicht viel zu verdienen ist. Daher wollen die Entwicklungsl\u00e4nder in zunehmendem Ma\u00dfe selbst Fertigprodukte herstellen.<\/p>\n<h5>Die Weltmarktintegration l\u00e4uft aus dem Ruder<\/h5>\n<p>Nachdem der iranische Ministerpr\u00e4sident Mossadegh 1951 die Anglo-Iranian-Oil verstaatlicht hatte, wurde er 1953 mit Hilfe der CIA<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_edn4\">[iv]<\/a> gest\u00fcrzt. Danach gab es neue Erd\u00f6l-Vertr\u00e4ge f\u00fcr den Westen.<\/p>\n<p>Auch dem Schah wurde vielleicht weniger seine korrupte Misswirtschaft zum Verh\u00e4ngnis. Eine nicht zu vernachl\u00e4ssigende Ursache f\u00fcr seinen Sturz im Jahr 1979 sehen manche in der erneuten Verstaatlichung der Erd\u00f6lindustrie (1973), und dem Versuch, eine eigene chemische Industrie aufzubauen.<\/p>\n<p>Damals glaubte der Westen noch, er m\u00fcsse sich den Ausstieg eines \u201eEntwicklungslandes\u201c (in diesem Fall einer Kulturnation, die \u00e4lter ist als die meisten europ\u00e4ischen Staaten) aus der von den einstigen Kolonialm\u00e4chten diktierten Weltwirtschaft nicht gefallen lassen.<\/p>\n<p>Heute bauen die gr\u00f6\u00dften Staaten der Erde, die beiden Atomm\u00e4chte China und Indien, riesige Industrien auf, die &#8211; z. B. in der Textilindustrie oder der Stahlerzeugung &#8211; einst f\u00fchrende alte Industriel\u00e4nder l\u00e4ngst abgeh\u00e4ngt haben. Und mit traditionellen Produkten sind die Newcomer nicht zufrieden, sondern sie wollen die Weltm\u00e4rkte auch mit High-Tech und Automobilen \u00fcberschwemmen.<\/p>\n<p>Das Ende der westlichen Vormachtstellung ist eingel\u00e4utet. Bringen diese dramatischen Umw\u00e4lzungen mehr Gerechtigkeit?<\/p>\n<h5>Die Torheit der Regierenden<\/h5>\n<p>Zweimal in einem Jahrhundert haben es westliche Industrienationen fertig gebracht, das ungerechte Wirtschaftssystem, mit dem sie reich und m\u00e4chtig wurden, selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Dabei waren sie kaum von dem Verlangen nach mehr Verteilungsgerechtigkeit geleitet. Fast m\u00f6chte man glauben, sie h\u00e4tten einem unbewussten \u201eZwang zur Selbstzerst\u00f6rung\u201c nachgegeben:<br \/>\n* Zuerst mit dem ebenso unn\u00f6tigen, wie leichtfertig ausgel\u00f6sten Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die Weltpolitik bis heute destabilisieren.<br \/>\n* Dann mit der Globalisierung, die auf bestem Wege ist, die Vorrangstellung westlicher Industrie und westlicher Technologie zu beenden.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte des 21. Jahrhundert werden die Schwellenl\u00e4nder China und Indien voraussichtlich zu Gro\u00dfm\u00e4chten, welche die Weltwirtschaft und damit unvermeidlich auch die Weltpolitik dominieren.<\/p>\n<p>Die Aufsteiger Asiens, zu denen neben China und Indien weitere L\u00e4nder wie Japan, Korea, Taiwan, Singapur usw. geh\u00f6ren, haben wenig Grund, sich gegen\u00fcber Europa und den USA aus historischen Gr\u00fcnden dankbar zu erweisen. Ihr Ehrgeiz wird sie anstacheln, dem Rest der Welt zu zeigen, aus welchen Regionen die \u00e4ltesten Kulturen stammen, und wo die begabtesten und flei\u00dfigsten Menschen zuhause sind. Kaum zu erwarten, dass sie es bedauern, wenn Millionen Arbeitspl\u00e4tze aus den reichen L\u00e4ndern nach Asien abwandern, oder gar den klassischen Industriel\u00e4ndern Verarmung droht.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich halten es viele Asiaten f\u00fcr ausgleichende Gerechtigkeit, wenn die Wei\u00dfen die Wechselwirkung f\u00fcr ihre Untaten zur Zeit des Kolonialismus zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wachstum auf Kosten der Natur?<br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">Der Biologe und \u00d6kologe Paul Ehrlich (geb. 1932) hat in einem Gespr\u00e4ch mit einem japanischen Journalisten argumentiert, die Walfangindustrie Japans rotte mit den Walen doch die Quelle ihres eigenen Wohlstandes aus. Die Antwort des Journalisten<\/span><em style=\"font-size: revert;\">:<br \/>\n<\/em><em>\u201e\u201aSie halten die Walfangindustrie zu Unrecht f\u00fcr eine Organisation, die am Erhalt der Wale interessiert sei. In Wahrheit stellt sie aber eine riesige Kapitalpotenz dar, die versucht, die h\u00f6chstm\u00f6glichen Gewinne zu erzielen. Wenn sie innerhalb von zehn Jahren die Wale ausrotten kann und dabei 15 Prozent Gewinn erzielt, w\u00e4hrend bei einer nachhaltigen Fangrate der Gewinn nur 10 Prozent betr\u00e4gt, dann wird man selbstverst\u00e4ndlich die Wale in zehn Jahren ausrotten \u2013 und danach das Kapital eben zur Ausbeutung einer anderen Ressource verwenden.\u2019<br \/>\n<\/em><em style=\"font-size: revert;\">Ein v\u00f6llig entsprechendes Argument hat einer unserer Freunde von einer Firma zu h\u00f6ren bekommen, die in Sabah tropische Nutzh\u00f6lzer einschl\u00e4gt\u201c.<br \/>\n<\/em>Aus Donella + Dennis Meadows\/Jorgen Randers, \u201eDie neuen Grenzen des Wachstums\u201c, Rowolt, Reinbeck, 1998, S. 226 f.<\/p><\/blockquote>\n<h5>Die fragliche Aufholjagd<\/h5>\n<p>Es geh\u00f6rt zum unentbehrlichen Glaubensbekenntnis politischer Ideologen, dass Verteilungsgerechtigkeit durch Wachstum geschaffen wird, und zwar national wie global. (Vgl. &#8222;<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wirtschaft-und-soziales\/mehr-immer-mehr-noch-mehr\/\">Mehr, immer mehr, noch mehr&#8230;<\/a>&#8222;). Bei wirtschaftlichem Aufstieg soll sich das Armutsproblem von selbst l\u00f6sen. Diese Kopplung von Gerechtigkeit an das wirtschaftliche Wachstum ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch eines der Dogmen der Entwicklungshilfe.<\/p>\n<p>Auf dem Weg der Zusammenarbeit zwischen Nord und S\u00fcd sollten durch Wachstum und geeignete Politik die bislang benachteiligten L\u00e4nder zu den reichen Gesellschaften aufschlie\u00dfen. Das war die unausgesprochene Grundlage des Systems der UNO, die beiden Parteien entgegenkam: Der Norden hoffte auf erweiterte M\u00e4rkte mit gr\u00f6\u00dferen Gewinnchancen, der S\u00fcden erwartete Wohlstand und Gleichberechtigung.<\/p>\n<p>Seit die bio-physikalischen Grenzen erkennbar werden (vgl. \u201e<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/okologie\/eine-neue-wissenschaft\/\">Wieviel Mensch vertr\u00e4gt die Erde<\/a>\u201c; \u201e<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/okologie\/stolpern-wir-in-die-bevolkerungsfalle\/\">Warum wir in die Bev\u00f6lkerungsfalle stolpern<\/a>\u201c; \u201e<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/okologie\/ein-vernichtender-fusabdruck\/\">Ein vernichtender \u201aFu\u00dfabdruck<\/a>\u201c, alle unter &#8222;\u00d6kologie&#8220;), seit also die Endlichkeit der Biosph\u00e4re zu Tage tritt, wird dieser Wachstumsideologie der Boden entzogen. Die Leistungsf\u00e4higkeit der Erde reicht bei \u00fcber sechs Milliarden Menschen nicht zum \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c, auf keinen Fall unter den derzeitigen wirtschaftlichen Pr\u00e4missen:<br \/>\n<em>\u201eEs ist hohe Zeit, das Wohlstandsmodell der Industriemoderne auf den Pr\u00fcfstand zu stellen. Mehr Gerechtigkeit in dieser Welt ist auf dem Verbrauchsniveau der Industriel\u00e4nder nicht zu erreichen. Eine Wirtschaftsentwicklung konventionellen Stils, die einer wachsenden Weltbev\u00f6lkerung insgesamt einen westlichen Lebensstandard bescheren m\u00f6chte, wird \u00f6kologisch nicht durchzuhalten sein. Die daf\u00fcr ben\u00f6tigten Ressoucenmengen sind zu gro\u00df, zu teuer und zu zerst\u00f6rerisch. Deswegen wird der Kickstart der Schwellenl\u00e4nder in die Industriemoderne voraussichtlich zu einer weiteren Marginalisierung der armen L\u00e4nder und Zonen und damit zu globaler Apartheid f\u00fchren, aber auch sie selbst gef\u00e4hrden. Schon heute zieht sich f\u00fcr Dutzende von Perepheriel\u00e4ndern die Schlinge weiter zu, weil China mit seiner kolossalen Nachfrage die Weltmarktpreise f\u00fcr Getreide, Erd\u00f6l und Eisenerz nach oben dr\u00fcckt. Wer daher das Ziel nicht aus den Augen verlieren will, eine fairere und gerechtere Welt als heute herbeizuf\u00fchren, wird jene Produktions- und Konsumentenmuster \u00fcberpr\u00fcfen, an die sich gegenw\u00e4rtig die Wohlstandshoffnungen heften.\u201c\u00a0 <\/em>(6, S. 44)<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_edn5\">[v]<\/a>.<em><br \/>\n<\/em>Ob mit einer grunds\u00e4tzlich anderen, einer \u201egerechteren\u201c und die Belange der Natur ber\u00fccksichtigenden Wirtschaftsweise sechs und mehr Milliarden Menschen (bis 2050 wird mit acht bis zehn Milliarden gerechnet) ein menschenw\u00fcrdiges Auskommen auf unserer Erde finden k\u00f6nnten, ist umstritten. Entsprechende Vorschl\u00e4ge, z. B. von Lovelock (2, S. 217 f. und\u00a0 \u201e<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/buch-und-filmbesprechungen\/gaias-rache\/\">Gaias Rache<\/a>\u201c, unter &#8222;Buchbesprechungen&#8220;), scheinen eher utopisch. In jedem Fall wird die Zeit zum Gegenlenken knapp.<\/p>\n<p>Ob es uns passt oder nicht: Die Leistungsf\u00e4higkeit der \u00d6kosysteme unserer Erde ist begrenzt. Es gibt \u201eGrenzen des Wachstums\u201c (3) die beachtet werden m\u00fcssen! Wachstum an einer Stelle verlangt von nun an R\u00fcckbau an einer anderen!<\/p>\n<p>Noch hat die offizielle Politik die \u00f6kologischen Grenzen nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Nach wie vor gelten \u00f6konomisches Wachstum und Weltmarktintegration (Globalisierung) als einziger Weg zu mehr Gleichheit und damit Gerechtigkeit zwischen den Nationen, und weniger Armut innerhalb der Nationen.<\/p>\n<p>Die Entwicklungsl\u00e4nder werden nicht bereit sein, mit ihrer teilweise rasant steigenden Bev\u00f6lkerung auf ihrem jetzigen, bescheidenen Niveau zu verharren, damit die Bev\u00f6lkerung der reichen L\u00e4nder weiterhin ihren Luxus genie\u00dfen kann. Die Menschen in den Industriel\u00e4ndern werden nur ungern Einschr\u00e4nkungen hinnehmen, die sich derzeit auch nur schwer politisch durchsetzen lie\u00dfen. Harte Auseinandersetzungen zwischen Nord und S\u00fcd werden sich kaum vermeiden lassen.<\/p>\n<p>Wie wollen die Industrienationen auf die Forderung der Armen und Unterentwickelten nach mehr Gerechtigkeit reagieren? Kommt es zu dem schon in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts propagierten \u201eWeltkampf um Rohstoffe\u201c? Steht uns auf einem von Klimakatastrophen gesch\u00fcttelten Planeten eine unkontrollierbare Flut von Armutsfl\u00fcchtlingen und zuletzt ein Krieg um Lebenspl\u00e4tze bevor? Werden die Reichen ihre Vormachtstellung mit Waffengewalt verteidigen wollen? Oder finden wir einen friedlichen Weg, die Gerechtigkeitsl\u00fccke zu schlie\u00dfen?<\/p>\n<h5>Ein Blick in die Zukunft<\/h5>\n<p>Die Forderung nach Gerechtigkeit war in der Weltgeschichte meist nur ein philosophisches Thema, ungeeignet f\u00fcr die Anwendung in der praktischen Politik. Allenfalls lie\u00dfen sich Feinde mit juristischen Spitzfindigkeiten ins Unrecht setzen, oder fragw\u00fcrdige Entscheidungen formal rechtfertigen. Selbst Religionen \u2013 eigentlich der Wahrheit und der Gerechtigkeit verpflichtet &#8211; haben bislang wenig bewirkt, wenn es um die praktische Durchsetzung von Natur- und Menschenrechten ging.<\/p>\n<p>Auch ist es bisher in der Weltgeschichte noch kaum vorgekommen, dass eine Gro\u00dfmacht ihre Vorrangstellung widerstandslos aufgegeben h\u00e4tte. Werden sich dementsprechend auch die USA und Europa gegen die \u201easiatische Herausforderung\u201c wehren?<br \/>\nMit welchen Mitteln?<br \/>\n<span style=\"font-size: revert;\">M\u00fcssen Europa und die USA vereint k\u00e4mpfen, wenn sie nicht getrennt geschlagen werden wollen? Hat das in sich zerstrittene, inhomogene Europa \u00fcberhaupt die Kraft und die M\u00f6glichkeit zu einem Alleingang?<\/span><\/p>\n<p>Die Prognosen sind nicht ermutigend:<br \/>\n<em style=\"font-size: revert;\">\u201eEuropa wird w\u00e4hlen m\u00fcssen. Wenn es, um sich zu sch\u00fctzen, auf pr\u00e4ventive Kriegsf\u00fchrung setzt, wird es einen Schulterschluss mit den USA und den Marktfundamentalisten in der Wirtschaft anstreben. Wenn es Vorreiter einer Politik pr\u00e4ventiver Gerechtigkeit in der Welt sein m\u00f6chte, wird es Koalitionen mit gleichgesinnten Staaten und in die Zivilgesellschaft hinein suchen. Dann kann es dem europ\u00e4ischen Projekt nur gut tun, wenn die Europ\u00e4er hin und wieder vom allt\u00e4glichen Handgemenge in Br\u00fcssel aufschauen und sich fragen, wof\u00fcr sie denn von den kommenden Generationen am Ende des 21. Jahrhunderts erinnert werden m\u00f6chten. Denn darum handelt es sich: In der sich entfaltenden Weltgesellschaft wird Europa nicht durch die Zahl seiner Menschen, sondern nur durch die Kraft seiner Ideen \u00fcberleben. Die transnationale Welt von morgen werden braune, gelbe und schwarze Gesichter bev\u00f6lkern, die europ\u00e4ischen Wei\u00dfen werden kaum mehr als sieben Prozent der Weltbev\u00f6lkerung ausmachen. So wird die Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts ganz gewiss keine europ\u00e4ische Gesellschaft sein \u2013 wie das Europa des 15. Jahrhunderts auch keine griechisch-r\u00f6mische Gesellschaft war.\u201c\u00a0<\/em><span style=\"font-size: revert;\">(6, S. 246).<\/span><\/p>\n<p><strong>Literatur:<br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">(1) Kesselring Thomas, Ethik der Entwicklungspolitik, C. H. Beck, M\u00fcnchen, 2003.<br \/>\n<\/span>(2) Lovelock James, Gaias Rache, Ullstein, Berlin 2007.<br \/>\n(3) Meadows Denis, Die Grenzen des Wachstums, dva, Stuttgart, 1972.<br \/>\n(4) Parker Geoffrey, Die milit\u00e4rische Revolution, Campus, Franakfurt, 1990.<br \/>\n(5) Ritsert J\u00fcrgen, Gerechtigkeit und Gleichheit, Westf\u00e4lisches Dampfboot, M\u00fcnster, 1997.<br \/>\n(6) Sachs Wolfgang, Fair Future, C. H. Beck, M\u00fcnchen 2005.<br \/>\n<strong>Endnoten:<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_ednref1\">[i]<\/a>Wenn in politischen Sonntagsreden von \u201esozialer Gerechtigkeit\u201c gesprochen wird, bleibt meist unklar ob \u201eChancen- bzw. Verfahrensgerechtigkeit\u201c oder \u201eVerteilungs- bzw. Ergebnisgerechtigkeit\u201c\u00a0 gemeint ist.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_ednref2\">[ii]<\/a> Augustinus (354-430), Bischof von Hippo, war der gr\u00f6\u00dfte lateinische Kirchenlehrer des Altertums.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_ednref3\">[iii]<\/a> Zur biblischen Rechtfertigung der Sklaverei vgl. &#8222;Kurz, knapp, kurios&#8220; Seite 285 \u201eSklavenraub im Mittelmeer\u201c.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_ednref4\">[iv]<\/a> CIA = Central Intelligence Agency, der Auslandsnachrichtendienst der USA.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=3241-1141#_ednref5\">[v]<\/a> In diesem Zusammenhang ist interessant, dass es Anfang 2007 in Mexiko zu Demonstrationen wegen zu hoher Mais-Preise kam. Diese sind dadurch bedingt, dass in den USA Mais zu Bio-Sprit f\u00fcr PKWs vergoren wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ver\u00f6ffentlicht in GralsWelt 58\/2010) In der europ\u00e4ischen Geschichte ist der 29. Mai 1453 ein wichtiges Datum. Damals eroberten die T\u00fcrken Konstantinopel und schnitten mit dieser Aktion Europa ab vom Handel mit Asien. Venedig verlor seine f\u00fchrende Stellung als Zentrum des Seehandels. 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