{"id":2331,"date":"2015-01-07T12:11:58","date_gmt":"2015-01-07T11:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?page_id=2331"},"modified":"2023-10-29T12:04:33","modified_gmt":"2023-10-29T11:04:33","slug":"ein-deutsches-verhangnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/it\/storia\/una-fede-tedesca\/","title":{"rendered":"Un destino tedesco"},"content":{"rendered":"<h6>Ein heute nur noch schwer nachvollziehbarer Brauch f\u00fchrt zur Trag\u00f6die, an dem das Deutsche Reich am Ende zerbricht: Die Kr\u00f6nung deutscher Kaiser durfte, im Gegensatz zu allen anderen europ\u00e4ischen M\u00e4chten, nur durch den Papst und auf r\u00f6mischem Boden stattfinden. Die regelm\u00e4\u00dfigen problembeladenen Heeresz\u00fcge nach Rom zu diesem Zweck \u00fcberstrapazierten die Kr\u00e4fte des Reiches.<\/h6>\n<p>Auch wer nur wenig von der deutschen Geschichte kennt, der wei\u00df doch zumindest ein Datum: Das Jahr 800, in dem am Weihnachtstag der Frankenk\u00f6nig <em>Karl der Gro\u00dfe<\/em> (742\u2013814) in Rom von<em> Papst Leo III.<\/em> zum Kaiser gekr\u00f6nt wurde. Ob die Biographie Karls ganz oder teilweise erfunden wurde, scheint neuerdings manchen Forschern nicht mehr so gewiss (2); doch sicher ist, dass mit der Tradition der Kaiserkr\u00f6nungen in Rom ein Drama begann, das die Geschichte des Mittelalters entscheidend pr\u00e4gte und zum Niedergang des \u201eHeiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation\u201c beitrug.<\/p>\n<p>Nach Karl dem Gro\u00dfen zerfiel sein fr\u00e4nkisches Reich in Ost- und West-Franken. Auch ost- und westfr\u00e4nkische K\u00f6nige wurden zum Kaiser gekr\u00f6nt, doch werden diese noch nicht als \u201edeutsche\u201c K\u00f6nige beziehungsweise Kaiser bezeichnet. Als erster \u201eDeutscher K\u00f6nig\u201c gilt <em>Konrad I.<\/em> (K\u00f6nig von 911\u2013918).<\/p>\n<h5>Auf Kriegszug zur Kaiserkr\u00f6nung<\/h5>\n<p>Der Kaiser des <em>\u201eHeiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation\u201c<\/em> sah sich als legitimer Nachfolger der R\u00f6mischen Kaiser; das bedeutete den Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa[1]. Damit ergaben sich zwangsl\u00e4ufig Spannungen, die das Reich zerm\u00fcrbten und zuletzt seinen Untergang einleiteten:<\/p>\n<p>\u2022 Nur ein Papst durfte einen Deutschen K\u00f6nig zum Kaiser kr\u00f6nen. Also waren Deutsche K\u00f6nige gezwungen, nach Rom zu reisen, und die P\u00e4pste bekamen Einfluss auf die deutsche Politik. Die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unvermeidlichen Auseinandersetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt konzentrierten sich dann auf den Kampf zwischen Kaiser und Papst.<\/p>\n<p>\u2022 Die f\u00fcr eine Kaiserkr\u00f6nung notwendige Romfahrt eines gew\u00e4hlten Deutschen K\u00f6nigs musste im Mittelalter ein Kriegszug sein. Italienische St\u00e4dte und Staaten konnten und wollten solche Heerz\u00fcge durch ihre Gebiete oft nicht dulden, und Kriege im fernen Italien waren die unvermeidliche Folge.<\/p>\n<p>\u2022 In jeder Generation zog einmal \u2013 oder auch mehrere Male \u2013 das deutsche Reichsheer im Fr\u00fchjahr \u00fcber die Alpen. Bis es endlich in Rom war, grassierte dort im Sommer bereits die gef\u00fcrchtete Malaria, die seit Jahrhunderten als der zuverl\u00e4ssigste Schutz der \u201eHeiligen Stadt\u201c galt. Viele der eindringenden Krieger infizierten sich, und Hunderte, gar Tausende starben. Keine Nation kann einen solchen, immer wiederkehrenden Aderlass dauerhaft verkraften; schon gar nicht, wenn er besonders die zum Heerbann verpflichteten Eliten trifft.<\/p>\n<p>\u2022 Nicht zuletzt schuf der mit dem Kaisertitel verbundene Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa eine Feindschaft mit Frankreich (manchmal auch mit England); denn kein franz\u00f6sischer K\u00f6nig wollte sich \u2013 wenn auch nur formal \u2013 einem Deutschen Kaiser unterordnen.<\/p>\n<h5>Der Verfall des Reiches<\/h5>\n<p>Nach der (historisch angeblich nicht gesicherten) Kr\u00f6nung \u201eKarls des Fiktiven\u201c gab es noch Kaiserkr\u00f6nungen fr\u00e4nkischer K\u00f6nige.<\/p>\n<p>Der erste \u201eDeutsche Kaiser\u201c war <em>Otto I.<\/em> (der Gro\u00dfe) der im Jahr 962 durch<em> Papst Johannes XII.<\/em> in Rom die Kaiserkrone erhielt. Der gro\u00dfe Otto war der eigentliche Begr\u00fcnder des Deutschen Reiches. Ottos unbezweifelbare historische Leistungen werden nicht selten mit denen von Karl dem Gro\u00dfen verwechselt beziehungsweise diesem f\u00e4lschlich zugeschrieben. Doch zu Karls Zeiten gab es noch kein <em>\u201eDeutsches Reich\u201c<\/em>, allenfalls ein<em> \u201eFrankenreich\u201c<\/em>, zu dem Frankreich ebenso geh\u00f6rte wie das sp\u00e4tere Deutschland. Die von Otto geschaffene Reichsidee wurde richtungweisend \u00fcber Jahrhunderte hinweg. Zum ottonischen Reichsgedanken des Hochmittelalters geh\u00f6rte auch die Kr\u00f6nung in Rom als Dokumentation des Herrschaftsanspruches. So wurden in den 258 Jahren zwischen 962 (<em>Otto I<\/em>.) und 1220 (<em>Friedrich II<\/em>.) dreizehn Deutsche K\u00f6nige in Rom zum Kaiser gekr\u00f6nt, im Durchschnitt alle 19,8 Jahre einer.<\/p>\n<p>Dann folgte das Interregnum, <em>\u201edie kaiserlose, die schreckliche Zeit\u201c<\/em> (1254\u20131273), die <em>\u201ebabylonische Gefangenschaft der P\u00e4pste\u201c<\/em> in Avignon (1309\u20131377) und das gro\u00dfe Schisma der Kirche mit sieben Gegenp\u00e4psten (1378\u20131418).<\/p>\n<p>In dieser sp\u00e4tmittelalterlichen Epoche gab es in Rom zwei Kaiserkr\u00f6nungen durch p\u00e4pstliche Legaten; beispielsweise lie\u00df sich 1328 der gebannte <em>Ludwig IV.<\/em> (\u201eDer Bayer\u201c) in Abwesenheit des Papstes vom R\u00f6mischen Volk zum Kaiser kr\u00f6nen. Nach dem Tod <em>Friedrich II<\/em>. im Jahre 1250 dauerte es 183 Jahre, bis 1433 wieder ein Kaiser von einem Papst gekr\u00f6nt werden konnte:<em> Siegmund<\/em> (Sigismund). Der letzte in Rom gekr\u00f6nte Kaiser war der Habsburger <em>Friedrich III.<\/em> (1415-1493, Kaiserkr\u00f6nung in Rom 1452), der erste aus diesem Geschlecht, der die deutsche K\u00f6nigs- und Kaiserkrone trug.<\/p>\n<p>Die von dem Genie <em>Otto I<\/em>. entworfene Reichsidee hatte sich \u00fcberlebt, das Deutsche Reich des Mittelalters war zerfallen, und erst im 19. Jahrhundert ergab sich eine Chance zur Erneuerung.<\/p>\n<p>Das Erste Kaiserreich zerrieb sich im Hader zwischen den F\u00fcrsten, in den Machtk\u00e4mpfen zwischen Kaiser und Papst, und nicht zuletzt \u00fcberforderten die zahlreichen Italienz\u00fcge die M\u00f6glichkeiten des Reiches, dem nicht gen\u00fcgend Kraft f\u00fcr andere, wesentlichere Aufgaben blieb.<\/p>\n<h5>Ist es die Kaiserkr\u00f6nung wert?<\/h5>\n<p>Einen tats\u00e4chlichen Machtzuwachs bedeutete die Kaiserkr\u00f6nung in Rom weder f\u00fcr <em>Otto I.<\/em> noch f\u00fcr sonst einen Kaiser. Sie brachte allenfalls Ansehen und bewies, dass die kaiserliche Macht ausreichte, durch das n\u00f6rdliche Italien bis Rom vorzudringen und sich diesen Weg, falls n\u00f6tig (und es wurde oft erforderlich), freizuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Im und am Mittelmeer lief damals der gr\u00f6\u00dfte Teil des \u201eWelthandels\u201c (aus der Sicht Europas, das wenig von Indien und China wusste). F\u00fcr das mittelalterliche Deutschland war daher eine Verbindung zum Mittelmeer bedeutsam. Aber war sie auch die kostspieligen Heeresz\u00fcge nach und die blutigen Kriege in Italien wert? Langfristig musste ein geeintes Frankreich, das bequemen Zugang zum Mittelmeer hatte und keine verlustreichen Italienz\u00fcge brauchte, dem Deutschen Reich den Rang ablaufen.<\/p>\n<h5>Ein deutsches Trauerspiel<\/h5>\n<p>Der Erbauer des mittelalterlichen Deutschen Reiches war nicht der von Franzosen und Deutschen als Reichsgr\u00fcnder verehrte <em>Karl der Gro\u00dfe<\/em>, sondern <em>Otto I.<\/em> Dieser besiegte Slawen und Ungarn und schuf ein vereintes Reich zu einer Zeit, in der au\u00dfer ihm so gut wie kein Adeliger weiter dachte als an die Mehrung seiner pers\u00f6nlichen Besitzt\u00fcmer. Otto war es auch, der erkannte, dass sich Frankreich und Deutschland so weit auseinander entwickelt hatten, dass eine (unter Otto m\u00f6gliche) Vereinigung nicht mehr dauerhaft halten w\u00fcrde; weise beschr\u00e4nkte er seine Herrschaftsgebiete. Seine Reichsvorstellung wurde ma\u00dfgeblich, seine monarchische Idee hielt Jahrhunderten stand.<\/p>\n<p>Was dieses Genie auf einem deutschen Thron allerdings nicht sehen (oder nicht \u00e4ndern?) konnte, war die Bindung der kaiserlichen Staatsidee an eine Kr\u00f6nungszeremonie, die aus traditionellen Gr\u00fcnden (seit<em> Karl dem Gro\u00dfen<\/em>?) in Rom und nur in Rom stattfinden musste. Und diese Kr\u00f6nung in Rom wurde zur <i>deutschen Trag\u00f6die<\/i>. Das Reich schuf sich unn\u00f6tige Feinde, verstrickte sich in \u00fcberfl\u00fcssige Kriege, verschwendete einen gro\u00dfen Teil seiner Kr\u00e4fte f\u00fcr die Heerz\u00fcge durch Oberitalien, geriet in Auseinandersetzungen mit der R\u00f6mischen Kirche und verlor viele seiner wertvollsten M\u00e4nner durch Malaria, mit der diese sich in Rom infiziert hatten. Zuletzt ging das Reich an diesen \u00dcberforderungen zu Grunde.<\/p>\n<h5><b>Ein zersplittertes, doch untersch\u00e4tztes Reich<\/b><\/h5>\n<p>So gelang es den Deutschen nicht, zu einem einheitlichen Volk zusammenzuwachsen: W\u00e4hrend sich Engl\u00e4nder, Franzosen, Russen, Spanier l\u00e4ngst in einem geeinten Reich zusammengeschlossen hatten, blieben die Deutschen bis ins 19. Jahrhundert Badenser, Bayern, Brandenburger, Hannoveraner, Hessen, Holsteiner, Mecklenburger, Pf\u00e4lzer, Pommern, Preu\u00dfen, Rheinl\u00e4nder, Sachsen, Schaumburg-Lipper, Th\u00fcringer, W\u00fcrttemberger und so weiter. Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg (1618\u20131648) zerst\u00f6rte das zerstrittene Land. Und der Westf\u00e4lische Frieden trennte Nord und S\u00fcd durch ihre verfeindeten Konfessionen.<\/p>\n<p>Selbst deutsche Auswanderer fanden wenig Gemeinsamkeiten. So erlangten zum Beispiel in den USA die zahlenm\u00e4\u00dfig weit geringeren Iren einigen Einfluss, etwa \u00fcber irische Gewerkschaften, w\u00e4hrend selbst in Staaten wie Wisconsin, wo deutschst\u00e4mmige Einwanderer die Mehrheit hatten, der Einfluss der Deutschen durch deren fehlendes Nationalbewusstsein gering blieb.<\/p>\n<p>In langen Jahrhunderten, seit dem Interregnum, hatten sich die europ\u00e4ischen Staaten daran gew\u00f6hnt, dass die Deutschsprachigen, in viele Kleinstaaten aufgeteilt, leicht zu manipulieren und somit kein ernst zu nehmender politischer Faktor waren. Dass ein deutscher Staat wie Preu\u00dfen im 18. Jahrhundert gegen viele Feinde standhalten und sogar sein Territorium erweitern konnte, erschien wie ein Wunder; sein K\u00f6nig wurde \u201eDer Gro\u00dfe\u201c genannt.<\/p>\n<p>Als dann im 19. Jahrhundert eine Vereinigung der Deutschen zu einem gemeinsamen Staat zustande kam, verschob sich das europ\u00e4ische Gleichgewicht der M\u00e4chte, und es kam zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges.<\/p>\n<p>So mag man sogar noch einen Teil der Ursachen f\u00fcr die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts in der Jahrhunderte w\u00e4hrenden Zersplitterung Deutschlands sehen, zu der nicht zuletzt auch die unseligen Romz\u00fcge der Kaiser beigetragen haben.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4tte sich die deutsche, die europ\u00e4ische Geschichte entwickelt, wenn es auch f\u00fcr die deutschen K\u00f6nige, wie f\u00fcr die \u00fcbrigen K\u00f6nige Europas, nur eine Kr\u00f6nung im eigenen Land gegeben h\u00e4tte?<\/p>\n<p><b>Literatur:<br \/>\n<\/b>(1) Fernau, Joachim, Die Genies der Deutschen, Goldmann, M\u00fcnchen 1972.<br \/>\n(2) Illig, Heribert, Hat Karl der Gro\u00dfe je gelebt?, Mantis, Gr\u00e4felfing 1996.<br \/>\n(3) Randa, Alexander, Handbuch der Weltgeschichte, Walter, Olten 1962.<br \/>\n<b>Endnote:<br \/>\n<\/b>[1] Den gleichen Anspruch erhob selbstverst\u00e4ndlich der Ostr\u00f6mische Kaiser in Konstantinopel. Doch Ostrom war im Mittelalter mit seiner Verteidigung gegen aus dem Osten andr\u00e4ngende Feinde so sehr besch\u00e4ftigt, dass es sich in Mitteleuropa nicht ernsthaft engagieren konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein heute nur noch schwer nachvollziehbarer Brauch f\u00fchrt zur Trag\u00f6die, an dem das Deutsche Reich am Ende zerbricht: Die Kr\u00f6nung deutscher Kaiser durfte, im Gegensatz zu allen anderen europ\u00e4ischen M\u00e4chten, nur durch den Papst und auf r\u00f6mischem Boden stattfinden. Die regelm\u00e4\u00dfigen problembeladenen Heeresz\u00fcge nach Rom zu diesem Zweck \u00fcberstrapazierten die Kr\u00e4fte des Reiches. 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