{"id":9222,"date":"2022-06-01T10:37:25","date_gmt":"2022-06-01T09:37:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?p=9222"},"modified":"2025-09-27T12:00:41","modified_gmt":"2025-09-27T11:00:41","slug":"der-kaiser-hinter-dem-plug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/fr\/recit\/lempereur-derriere-le-plug\/","title":{"rendered":"L'empereur derri\u00e8re la charrue"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><br><strong>Guter Wille ist zwar Voraussetzung, aber er alleine gen\u00fcgt nicht.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Eine der interessantesten, aber auch widerspruchsvollsten Herrschergestalten des 18. Jahrhunderts ist Joseph II. von Habsburg-Lothringen, Erzherzog von \u00d6sterreich-Lothringen (13. 3. 1741 \u2013 20. 2. 1790). Von 1765-1780 auch Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Mutter war Maria Theresia von \u00d6sterreich (13. 5. 1717 \u2013 29. 11. 1780), ab 1740 Thronerbin des instabilen, mehrsprachigen, multiethnischen und multikulturellen Habsburgischen Reiches, das \u00d6sterreich, die Steiermark, K\u00e4rnten, Krain, Tirol, Ungarn, B\u00f6hmen, die katholischen Erzbist\u00fcmer K\u00f6ln, Mainz und Trier, verschiedene und wechselnde Teile Italiens und die \u00d6sterreichischen Niederlande (etwa das Belgien von heute) umfasste.<br>Sein Vater war Franz Stephan I. von Lothringen (1708-1765); ab 1745 als Franz I. Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches.<br>Joseph II. hatte 15 Geschwister, von denen etliche fr\u00fch starben. Von den \u00dcberlebenden waren von historischer Bedeutung:<br>* Leopold II. von \u00d6sterreich-Lothringen (1747-1792), der Nachfolger von Joseph II., 1790-92 Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches.<br>* Maria Karolina von \u00d6sterreich-Lohringen (1752-1814), ab 1768 K\u00f6nigin von Neapel-Sizilien.<br>&nbsp;* Marie-Antoinette von \u00d6sterreich-Lothringen (1755-1793), 1770 Dauphine von Frankreich, ab 1. Mai 1774 K\u00f6nigin von Frankreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren schwierige Zeiten, in denen die Philosophen der Aufkl\u00e4rung alles in Frage stellten \u2013 von der Monarchie bis zur Kirche. <br>Die Regierungsformen der F\u00fcrsten schwankten zwischen dem barocken Herrschaftsverst\u00e4ndnis eines Ludwig XIV. von Frankreich (1638-1715) und den Modellen der Aufkl\u00e4rung. Das Ansehen der Kirchen war ersch\u00fcttert, was diese aber nur anspornte, mit allen Mitteln um ihren Machterhalt zu ringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirtschaft basierte im Wesentlichen auf Landwirtschaft, Handwerk und Handel, mit etwas Bergbau und einigen Manufakturen; oft ersch\u00fcttert durch Kriege, Missernten, Hungersnot und Seuchen. Wichtig war vor allem die menschliche Arbeitskraft, und die vielen Leibeigenen hatten einen nur unwesentlich besseren Status als einst die Sklaven der Antike.<br>Die durch den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg (1618-1648) in Mitteleuropa stark zur\u00fcckgegangene Bev\u00f6lkerung<a href=\"#_edn1\">[i]<\/a> nahm langsam zu und wusste oft nicht, wie sie sich ern\u00e4hren sollte.<a href=\"#_edn2\">[ii]<\/a><br>Etwas Entspannung brachte in Koloniall\u00e4ndern wie England, Frankreich, den Niederlanden, Portugal und Spanien der Fernhandel. Diese Staaten konnten einen Teil ihrer wachsenden Bev\u00f6lkerung nach \u00dcbersee abschieben und ihre Kolonien ausbeuten.<br>Ohne dass es den Zeitgenossen \u2013 besonders dem uneinsichtigen Adel \u2013 bewusst wurde, stie\u00df ihre feudale, ausbeuterische \u00d6konomie an Grenzen. Es gab viele Turbulenzen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu Revolutionen f\u00fchrten. Man kann lange dar\u00fcber diskutieren, ob die Theorien der Philosophen die Revolutionen ausl\u00f6sten, oder wirtschaftliche Zw\u00e4nge wie Energiemangel, Missernten, Ressourcenverknappung, Seuchen, Staatsbankrott, Wetterkapriolen<a href=\"#_edn3\">[iii]<\/a> und schlechte Verwaltung. Oder spielten sie alle zusammen?<br>Erst die, bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England beginnende, industrielle Revolution konnte die energetischen Grenzen verschieben und ein bis dahin unvorstellbares wirtschaftliches Wachstum einleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz mancher Schwierigkeiten leistete sich das Habsburger Gro\u00dfreich unter Maria-Theresia, nach spanischen, r\u00f6mischen und franz\u00f6sischen Vorbildern, eine aufgebl\u00e4hte, luxuri\u00f6se Hofhaltung:<br><em>\u201eUnter Maria Theresia und ihrem galanten Gemahl, Franz von Lothringen, nahm der Wiener Hof\u2026eine sehr gl\u00e4nzende Gestalt an und wurden die Burg und die kaiserlichen Lustschl\u00f6sser die Schaupl\u00e4tze l\u00e4rmender Karussells, Opern, Ballette und B\u00e4lle, zu welchen oft zweitausend G\u00e4ste Einladungen erhielten. Der Hofstaat kostete aber auch j\u00e4hrlich im Ganzen an 6 Millionen Gulden<a href=\"#_edn4\"><strong>[iv]<\/strong><\/a>. Die M\u00f6blierung des kaiserlichen Speisesaals kam auf 90.000 Gulden zu stehen, das massivgoldene Tafelservice wog 4,5 Zentner; jeder der achtundf\u00fcnfzig Teller hatte 2.000 Gulden, das ganze 1.300.000 Gulden gekostet. Bei Hofe wurden j\u00e4hrlich 12.000 Klafter<a href=\"#_edn5\"><strong>[v]<\/strong><\/a> Holz verbrannt, 2.200 Pferde standen in den Marst\u00e4llen. Bei Ausfahrten liebte es die Kaiserin, sich t\u00fcchtig mit Kremnitzer Dukaten<a href=\"#_edn6\"><strong>[vi]<\/strong><\/a> zu versehen, um sie den Bettlern links und rechts aus dem Wagen zu werfen. Ihre Verschwendung, die in der Naivit\u00e4t absolutistischen Herrschertums die Beutel ihrer Untertanen als die ihrigen ansah, wurde von der Aristokratie eifrig nachgeahmt, und es riss namentlich unter den Frauen der vornehmen Gesellschaft eine Spielwut ein&#8230;\u201c <\/em>(3, S. 346).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der designierte Thronfolger<\/strong><br>Nach drei \u00e4lteren Schwestern, von denen zwei im Kleinkindalter gestorben waren, kam 1741 endlich der ersehnte Thronfolger, Joseph II., zur Welt.<br>Von klein an war er sich seiner Bedeutung als Thronerbe bewusst.<br>Er erhielt eine vielf\u00e4ltige Erziehung, die durch den Einfluss seines Vaters nicht nur den Jesuiten \u00fcberlassen war. So erfuhr Joseph schon in jungen Jahren von den Ideen der Aufkl\u00e4rung und las \u2013 zum Unwillen der Mutter \u2013 die wichtigsten aufkl\u00e4rerischen Schriften, die ihn sein Leben lang beeinflussten.<br>Neben den f\u00fcr einen Thronfolger n\u00f6tigen Unterrichtungen \u00fcber Justiz, Milit\u00e4r, Politik, Sprachen, Staatslehre usw. spielte auch die Leibesert\u00fcchtigung, z. B. Fechten und Reiten, eine Rolle.<br><em>\u201eDer Herrscher\u2026hat eine widerspruchsvolle Erziehung genossen. Seine Erzieher sind einerseits M\u00e4nner der Kirche,\u2026 zum anderen franz\u00f6sische Freigeister\u2026gewesen. Daneben \u00fcberh\u00e4ufte eine Gruppe von Professoren\u2026den jungen Monarchen mit Wissen und Ratschl\u00e4gen. Das Ergebnis dieser widerspruchsvollen und meist oberfl\u00e4chlichen Bildung war ein ehrgeiziger junger Mann, dem das Ideal vorschwebte, alles in seinem Lande zu verbessern.\u201c <\/em>(5, S. 474). <br>Das typische Problem der Politiker-Ausbildung auch von heute: Soll man von fast allem ein wenig nur oberfl\u00e4chlich wissen, oder doch besser ein Fachgebiet fundiert durchdringen?<\/p>\n\n\n\n<p>Als Zwanzigj\u00e4hriger legte Joseph seiner Mutter eine Denkschrift vor, die bereits die wichtigsten Punkte seines sp\u00e4teren Reformprogramms vorwegnahm und stark von den Ideen der Aufkl\u00e4rung gepr\u00e4gt war.<br>Schon unter der bigotten Maria Theresia gab es vorsichtige Ans\u00e4tze zu Reformen, wie die Abschaffung einiger Feiertage und der Tortur, die aber bei weitem nicht so weit gingen wie die Gedanken ihres Sohnes.<br>Denn Maria Theresias Ziel war vor allem, das f\u00f6derative \u00d6sterreich, mit seinen fast autonomen Kronl\u00e4ndern, in einen zentralistischen Einheitsstaat umzuwandeln. Dazu mussten viele Privilegien entfallen. Das wurde zur Geburtsstunde des Staatsbeamtentums und der B\u00fcrokratie, die nicht unwesentlich dazu beitrugen, dass sich der Vielv\u00f6lkerstaat der Habsburger bis ins 20. Jahrhundert halten konnte. Leider gab es auch schon eine Geheimpolizei. (3. S. 346).<br>Josephs II. Wertsch\u00e4tzung von Friedrich II. von Preu\u00dfen (1712-1786), einem der wenigen aufgekl\u00e4rten Monarchen, den er zweimal traf, war f\u00fcr Maria Theresia, die in dem Preu\u00dfenk\u00f6nig einen \u201eb\u00f6sen Mann\u201c sah, nur schwer zu ertragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als Mitregent<\/strong><br>Nach dem Tod seines Vaters (1765) wurde Joseph II. Mitregent neben oder unter seiner Mutter, der hochangesehenen Kaiserin Maria Theresia, die inmitten ihres aufgebl\u00e4hten Hofstaates in einem der gr\u00f6\u00dften Barockschl\u00f6sser (der Sommerresidenz Sch\u00f6nbrunn) oder in der luxuri\u00f6sen Wiener Hofburg pr\u00e4sidierte. Ihre Umgebung bestand vor allem aus Hofschranzen, die alles durch die Brille des Adels sahen, wenig von dem Leben der Bauern, Bergleute, Handwerker, Kaufleute, Leibeigenen, Soldaten \u2013 dem weitaus gr\u00f6\u00dften Teil der\u00a0 Bev\u00f6lkerung \u2013 wussten, und sich f\u00fcr die Anstrengungen und die Not der Armen nicht interessierten.<br>Joseph II. sollte langsam in die Regierungsgesch\u00e4fte eingef\u00fchrt werden. Zun\u00e4chst hatte er nicht viele Entscheidungsm\u00f6glichkeiten, und seine \u201emodernen\u201c Ideen, wie die religi\u00f6se Toleranz, f\u00fchrten zu Spannungen mit seiner streng katholischen Mutter. Die Habsburger waren ja seit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg (1618-1648) eine Speerspitze der Gegenreformation gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht um Dissonanzen mit seiner Mutter zu entgehen, schaffte es Joseph II. aus dem Hofzeremoniell auszubrechen, inkognito durch das Land zu reisen und das Leben der Mehrzahl seiner Untertanen hautnah zu erfahren. Seine Reisen f\u00fchrten ihn nicht nur durch die Habsburgischen Lande, sondern weit dar\u00fcber hinaus durch gro\u00dfe Teile Europas, von Frankreich und Italien bis Russland. Unter den damaligen Verkehrsverh\u00e4ltnissen ein durchaus anstrengendes Unterfangen.<br>Er sah das Leid der einfachen Menschen, das ihn tief ber\u00fchrte.<br>Als er im August 1769 in M\u00e4hren wegen eines Radschadens aus seiner Kutsche aussteigen musste, nahm er auf einem nahen Acker selbst einen Pflug in die Hand und zog eine Furche. Das sprach sich schnell herum. Der \u201eKaiser als Bauer\u201c wurde ein Symbol der Volksn\u00e4he, und der \u201ePflug Josephs\u201c zu einer Reliquie f\u00fcrs Museum.<br>1777 kam er endlich nach Paris, der glanzvollsten Metropole Europas, um seine Lieblingsschwester Marie Antoinette und Ludwig XVI., das franz\u00f6sische K\u00f6nigspaar, in Versailles zu besuchen.<br>Zur allgemeinen \u00dcberraschung bezog Joseph II. in der Stadt Paris Quartier, um etwas von dem \u201ewirklichen Leben\u201c der Menschen zu erfahren. Die Pariser waren von ihm begeistert. Vieles stie\u00df ihn ab, und die Zust\u00e4nde im Hotel-Dieu, dem gro\u00dfen Krankenhaus von Paris, ersch\u00fctterten ihn. 1784 veranlasste er den Bau des Allgemeinen Krankenhauses in Wien, dem seinerzeit modernsten Klinikum.<br>Es gelang Joseph II. leider nicht, seinen Schwager, Ludwig XVI., zu \u00fcberzeugen, dass auch er aus dem versteinerten Hofzeremoniell ausbrechen und etwas von Leben des Volkes sehen m\u00fcsse. So konnte Joseph II. diesen nur vor einer Revolution warnen, die aus Joseph II. Sicht ohne rechtzeitige Reformen unvermeidbar schien.<br>In den europ\u00e4ischen Regierungen erkannte anscheinend niemand die Bedeutung des amerikanischen Freiheitskampfes, mit seiner Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1776. Dabei w\u00e4re dieser Krieg der sp\u00e4teren USA gegen England ohne die wirksame Hilfe Frankreichs wohl gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Joseph II. privates Leben war ungl\u00fccklich. Seine erste Frau, Isabella von Parma, die er sehr liebte, verstarb nach nur drei Ehejahren.<br>Die geliebte Tochter, mit dem Namen Maria Theresia, wurde nur sieben Jahre alt.<br>Eine aus dynastischen Gr\u00fcnden notwendige Ehe mit Maria Josepha von Bayern war unharmonisch und endete nach nur zwei Jahren mit dem Ableben Maria Josephas.<br>Danach lie\u00df sich Joseph II. keine weitere Ehe mehr aufzwingen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als aufgekl\u00e4rter absolutistischer Herrscher seiner Zeit zu weit voraus<br><\/strong>Als Maria Theresia 1780 verstarb, aufrichtig betrauert von Ihrem Sohn Joseph, der sie trotz aller Meinungsverschiedenheiten geliebt hatte, wurde Joseph II. zum Herrscher des schwierigen Habsburgischen Gro\u00dfreiches.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf au\u00dfenpolitischem Gebiet blieben ihm Erfolge versagt; er konnte sein Reich nicht erweitern bzw. konsolidieren. Die nationalen Eitelkeiten und die politischen Spannungen zwischen den auf dem Kontinent ma\u00dfgeblichen Staaten \u2013 Frankreich, Habsburg, Preu\u00dfen, Russland, T\u00fcrkei \u2013 waren nach wie vor gro\u00df.<br>Ein m\u00f6glicher Anschluss Bayerns, im Tausch gegen die Habsburgischen Niederlande, scheiterte durch Preu\u00dfen, das eine solche Machterweiterung des Habsburgischen Reiches nicht dulden wollte und mit Krieg drohte. Die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse der uneinheitlichen Habsburgischen Besitzungen reichten nicht zur Aufstellung einer Armee, die Preu\u00dfen (als einem viel kleineren Land) gewachsen gewesen w\u00e4re.<br>Joseph II. war auch kein begnadeter Feldherr, doch ein \u00fcberzeugter Reformator.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die wichtigsten seiner Reformen<br><\/strong>* Abschaffung der Leibeigenschaft. Sehr zum \u00c4rger des Adels, der Eink\u00fcnfte verlor.<br>* Offiziell war Joseph II. \u201eStellvertreter Christi\u201c, \u201eF\u00fcrsprecher der christlichen Kirche\u201c und \u201eBesch\u00fctzer Pal\u00e4stinas\u201c (1, S. 198); doch er verordnete Religionsfreiheit, auch f\u00fcr Juden (Toleranzedikt), und eine Kontrolle der Kirche durch den Staat.<br>Diese Ma\u00dfnahmen veranlassten Papst Pius VI. zu dem ungew\u00f6hnlichen Schritt, im Februar 1782 Italien zu verlassen und pers\u00f6nlich in Wien zu intervenieren. Er wurde h\u00f6flich empfangen, konnte aber nichts bewirken.<br>* Aufhebung der Kl\u00f6ster, die weder Kranke pflegten, noch Schulen betrieben. Das betraf einen gro\u00dfen Teil der etwa 1.500 M\u00e4nnerkl\u00f6ster und 500 Frauenkl\u00f6ster \u00d6sterreichs. (3, S. 344).<br>* Grundschulen, M\u00e4dchenschulen, Gymnasien und Universit\u00e4ten wurden gef\u00f6rdert. Die Universit\u00e4ten sollten besonders Beamte schulen. Auch die Ausbildung der Milit\u00e4r\u00e4rzte wurde gef\u00f6rdert. In Florenz lie\u00df er ca. 1.200 hervorragende anatomische Wachsmodelle anfertigen.  <br>* Abschaffung von Feiertagen und Prozessionen. Schon Maria Theresia hatte einige der etwa 150 Feiertage aufgehoben; nun folgten etliche weitere. Oft zum Unmut der kirchentreuen Bev\u00f6lkerung.<br>Die \u201eprotestantische Arbeitsethik\u201c<a href=\"#_edn7\">[vii]<\/a> steigerte, u. a. durch die Abschaffung von vielen Feiertagen, die Arbeitsleistung. Die \u00dcberlegenheit der \u00d6konomie des protestantischen Nordens gegen\u00fcber der des katholischen S\u00fcdens lie\u00df sich nicht verleugnen; man musste \u00fcber Gegenma\u00dfnahmen nachdenken.<br>* Im Justizsystem gab es Reformen des Straf- und Zivilrechts, der Prozessordnungen usw. Die Todesstrafe wurde abgeschafft.<br>* Abschaffung der Binnenz\u00f6lle und daf\u00fcr hohe Einfuhrz\u00f6lle.<br>Diese Ma\u00dfnahme erlaubte einheimischen Fabrikanten schlechtere Qualit\u00e4t zu h\u00f6heren Preisen zu verkaufen und f\u00fchrte zu Spannungen mit den Nachbarl\u00e4ndern.<br>* Abschaffung der aus dem Mittelalter stammenden Zunftordnungen, die die industrielle Entwicklung behinderten.<br>Joseph II. widersetzte sich der Vermehrung der Maschinen, aus Furcht, diese w\u00fcrden \u201eTausende ihres Lebensunterhalts berauben.\u201c (1, S. 196).<br>* Um den Umlauf des Kapitals zu f\u00f6rdern wurde das Zinsverbot aufgehoben und ein j\u00fcdischer Bankier als Baron geadelt.<br>* Als Anh\u00e4nger der Physiokratie<a href=\"#_edn8\">[viii]<\/a> wollte Joseph II. nur noch den Grundbesitz besteuern.<br>Dazu wurde eine komplette Neuvermessung des gesamten Reiches erforderlich.<br>Nach diesem neuen Gesetz sollte ein Bauer 70 % seines Ertrages oder Einkommens behalten, 12 % an den Staat abf\u00fchren und den Rest zwischen Feudalabgaben und dem kirchlichen Zehnten teilen. <br>Vorher musste er in etwa 34 % an den Staat zahlen, 29 % an den Grundbesitzer und 10 % an die Kirche, sodass ihm nur 27 % verblieben. (1, S. 198).<br>Die Adeligen protestierten, in Ungarn kam es zum offenen Aufstand gegen dieses Vorhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reformen Joseph II. glichen einer Revolution von oben. Sie standen im Gegensatz zum traditionellen Brauchtum, den Adelsprivilegien und alten Rechten von Patriziern, Z\u00fcnften und Kaufmannschaft. <br>Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Leiden der Volkes war er nicht zum Dialog mit seinen Untertanen bereit. Alle Entscheidungen sollten von Oben kommen.<br>Von den Niederlanden bis Ungarn gab es gro\u00dfe kulturelle, rechtliche und traditionelle Unterschiede, und die von Joseph II. angestrebte, einheitliche Reichsordnung stie\u00df auf vielfache Proteste und provozierte sogar Erhebungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt schien sich alles gegen ihn zu wenden:<br>Ungarn befand sich in offener Rebellion gegen Joseph II. Edikte und verlangte Selbst\u00e4ndigkeit. In den \u00d6sterreichischen Niederlanden gab es eine Revolte. Die Absetzung von Joseph II. wurde gefordert, und die \u201eSieben Provinzen\u201c der \u00d6sterreichischen Niederlande erkl\u00e4rten ihre Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die USA waren eine eigenst\u00e4ndige, demokratische Nation geworden. In Frankreich war seit 1789 Revolution. Die ganze, alte Welt, die Joseph II. gekannt hatte, schien einzust\u00fcrzen.<br>Die Hinrichtung von Schwester und Schwager, des franz\u00f6sischen K\u00f6nigspaares, und den Aufstieg Napoleons musste er nicht mehr erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Joseph II. war seit Jahren gesundheitlich angeschlagen; er \u00fcberforderte sich in seinem Reformeifer. Nun begann er ernsthaft zu leiden und f\u00fchlte wohl den kommenden Tod. Von seinem Bruder Leopold, als dem designierten Nachfolger bedr\u00e4ngt, gab Joseph II. jeden Widerstand auf. Am 30. Januar 1790 widerrief er alle seit dem Tode Maria Theresias befohlenen Reformen, au\u00dfer der Abschaffung der Leibeigenschaft.<br>&nbsp;Er starb am 20. Februar 1790 an Tuberkulose.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachfolger wurde sein Bruder Leopold II.<br><em>\u201eUnf\u00e4hig, die ungarischen Barone zu befrieden, widerrief Leopold die Gew\u00e4hrung der Freiheit an die Leibeigenen. In B\u00f6hmen und \u00d6sterreich blieben die meisten der Reformen bestehen. Die Toleranzedikte wurden nicht widerrufen, die geschlossenen Kl\u00f6ster wurden nicht wieder zugelassen, die Kirche blieb den Gesetzen des Staates unterworfen. Die \u00f6konomische Gesetzgebung hatte Handel und Industrie befreit und ihnen nachhaltigen Auftrieb gegeben. \u00d6sterreich vollzog ohne blutige Revolutionen den \u00dcbergang von einem mittelalterlichen zu einem modernen Staat und hatte teil an dem vielf\u00e4ltigen kulturellen Leben des 19. Jahrhunderts.\u201c<\/em> (1, S. 214).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit <\/strong><br>Joseph II., mit seinem &#8222;aufgekl\u00e4rten Absolutismus&#8220;, hatte ein f\u00fcr einen autokratischen Herrscher des 18. Jahrhunderts bemerkenswertes Herrschaftsverst\u00e4ndnis: <br>Er ging von den <strong><em>Menschen<\/em> <\/strong>aus, sah die Leiden, Sorgen und Probleme seiner Untertanen und wollte deren Lasten lindern. Ein unter den damaligen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gegebenheiten schwieriges, fast utopisches Unterfangen. <br>Selbst heute, unter ganz anderen Voraussetzungen, wird nicht selten &#8211; sogar in Demokratien &#8211; noch vom <em><strong>Staat<\/strong><\/em> aus gedacht: Es gilt den Staat zu stabilisieren, dessen Einflussbereich zu erweitern und seinen Durchgriff zu festigen. Das Gemeinwohl muss nicht selten hinter Staatszielen zur\u00fccktreten, und der Wahlspruch &#8222;Wohlstand f\u00fcr alle&#8220; (Ludwig Erhard) ist vergessen. Regelm\u00e4\u00dfig folgen dann noch ausufernde B\u00fcrokratie, Regulierungswut und Einschr\u00e4nkungen der pers\u00f6nlichen Freiheit.<br>Eine aufgebl\u00e4hte Propaganda-Industrie muss dann die W\u00e4hler davon \u00fcberzeugen, dass das alles ihrer Wohlfahrt dient und verschleiern, dass der angebliche Schutz des Staates vor allem dem Erhalt einer sehr reformbed\u00fcrftigen Demokratie mit schwachen, zerstrittenen, egoistischen Parteien dient.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Geschichte eingegangen ist Joseph II. als ein <em><strong>weitsichtiger Reformer<\/strong><\/em>, der zu schnell zu viel wollte. Denn es gelang ihm nicht \u2013 bei allem guten Willen und pers\u00f6nlichem Vorbild \u2013 seine V\u00f6lker f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Reformen zu begeistern.<br>Die noch \u2013 fast wie im Mittelalter \u2013 vorwiegend <em>\u201etraditionsgelenkte\u201c <\/em>Mehrheit hing am \u00dcberkommenen. Adel, Kaufleute, Kirche, Z\u00fcnfte pochten auf die oft komplizierten \u201ealten Rechte\u201c. Sie wollten nicht einsehen, dass Vieles \u00fcberholt war und einer Weiterentwicklung im Wege stand.<br>Der <em>\u201einnengelenkte\u201c<\/em>, dem \u201eNeuen Denken\u201c aufgeschlossene, leider nicht k\u00f6rperlich gesunde Joseph II. f\u00fchlte sich unter Zeitdruck und \u00fcberarbeitete sich. Er setzte in bestem Wollen seine \u00dcberzeugungen mit der ihm gegebenen Macht durch, um der Wohlfahrt der ihm anvertrauten Menschen zu dienen.<br>Das \u201eAlte Denken\u201c und das \u201eNeue Wissen\u201c standen sich verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier eine <strong>zusammenfassende W\u00fcrdigung<\/strong> der komplizierten Pers\u00f6nlichkeit Joseph II. durch einen ihm zeitlich noch relativ nahe stehenden Historiker, der nach der Revolution von 1848\/49 aus Deutschland fliehen musste:<br><em>\u201eJosef f\u00fchrte eine einfache und t\u00e4tige Lebensweise. Er war weder im Essen ein Feinschmecker noch in der Kleidung ein Zyniker wie Friedrich<a href=\"#_edn9\"><strong>[ix]<\/strong><\/a>. Nie kamen mehr als sechs Sch\u00fcsseln auf seine Tafel, sehr selten trank er Wein. Trug er nicht die Uniform eines seiner Regimenter, so hatte er einen einfachen Rock von dunkler Farbe an. Den Hofstaat seiner Mutter verminderte er um die H\u00e4lfte und begn\u00fcgte sich, j\u00e4hrlich eine halbe Million Gulden auszugeben, statt wie jene sechs Millionen. Er liebte die Musik, namentlich die deutsche, und spielte das Violoncell. Mozart, der unter seiner Regierung seine herrlichen Tonwerke dichtete, sch\u00e4tzte er hoch\u2026<br>Die Hast, womit sein sanguinisch-cholerisches Temperament den Kaiser seine Reformpl\u00e4ne ins Werk setzen lie\u00df, machte dieselben scheitern\u2026<br>Allein sein Wollen war rein und ernst, seine Begeisterung f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung und Begl\u00fcckung der V\u00f6lker aufrichtig. Bei allem Ungl\u00fcck, das seine Bestrebungen verfolgte, war doch er es, welcher \u00d6sterreich der spanisch-mittelalterlichen Versumpfung zu entrei\u00dfen und mit der neuzeitlichen Bewegung in Beziehung zu setzen unternahm.\u201c <\/em>(3, Seite 362).<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Grabmal ist ein schlichter Sarg, kein prunkvolles, barockes Bauwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Josephs II. Denkmal in Wien steht zutreffend: <br><em>\u201eSaluti publicae vixit non diu sed totus\u201c.<\/em><br>(Er lebte dem Gemeinwohl, nicht lange, aber ganz).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<br><\/strong>(1) Durant, Will: \u201eKulturgeschichte der Menschheit\u201c Band XXX, Editions Recontre Lausanne, o. J.<br>(2) Reinalter, Helmut: \u201eJoseph II.\u201c, C. H. Beck, M\u00fcnchen, 2011.<br>(3) Scherr, Johannes: \u201eDeutsche Kultur- und Sittengeschichte\u201c, Agrippina, Wiesbaden, o. J.<br>(4) Zierer, Otto: \u201eNeue Weltgeschichte\u201c, Fackelverlag, Stuttgart, o. J.<br>(5) Zierer, Otto: \u201eKultur- und Sittenspiegel\u201c Band III, Fackelverlag, Stuttgart, o. J.<br>(6) \u201eJoseph II. \u2013 Kaiser und Rebell\u201c, Fernsehfilm in Koproduktion von ORF III mit ZDF-arte, gesendet am 15. 4. 2022 bei arte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> Die Bev\u00f6lkerung von \u00d6sterreich, Ungarn und B\u00f6hmen stieg von 18.700.000 im Jahre 1780 auf 21.000.000 im Jahr 1790. (1, S. 198).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> Lesen Sie dazu <a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/okologie\/stolpern-wir-in-die-bevolkerungsfalle\/\">\u201eWarum wir in die Bev\u00f6lkerungsfalle stolpern\u201c.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Lesen Sie dazu in \u201eKurz, knapp, kurios\u201c auf Seite 110 \u201eWie das Klima Geschichte schreibt\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Der Name \u201eGulden\u201c kommt von Goldgulden der Stadt Florenz, \u201eFlorentiner\u201c genannt, daher die Abk\u00fcrzung fl. Florentiner Goldgulden hatten etwa 3,5 g Gold. Sp\u00e4ter war \u201eGulden\u201c auch eine Rechnungseinheit.<br>\u201eUm 1754 musste f\u00fcr einen Gulden ein Meister zwei Tage, ein Geselle zweieinhalb Tage und ein Tagel\u00f6hner drei Tage zu je 13,5 Stunden arbeiten.\u201c &nbsp;(<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/gulden#Der_Gulden\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/gulden#Der_Gulden<\/a>_als_Reichsw.). <br>Zum Vergleich: Im Deutschen Kaiserreich hatte ein 10 Mark Goldst\u00fcck einen Feingehalt von ca. 3,58 g Gold.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> Ein Klafter Holz entsprach etwa drei Kubikmetern.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\">[vi]<\/a> Dukaten waren in Europa verbreitete Goldm\u00fcnzen mit einem Feingehalt von etwa 3,44 g Gold. Kremnitz ist eine ehemalige Bergwerkstadt in der Slowakei.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\">[vii]<\/a> Lesen Sie dazu in <a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/gedenktage\/500-jahre-reformation\/\">\u201e500 Jahre Reformation\u201c<\/a> unter \u201eGedenktage\u201c das Kapitel \u201eDie protestantische Arbeitsethik\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\">[viii]<\/a> Die Physiokratie (\u201eHerrschaft der Natur\u201c) geht davon aus, dass nur die Natur Werte hervorbringt, und demnach Grund Und Boden der einzige Ursprung f\u00fcr den Reichtum eines Landes sind.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\">[ix]<\/a> Friedrich II. von Preu\u00dfen, genannt \u201eder Gro\u00dfe\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guter Wille ist zwar Voraussetzung, aber er alleine gen\u00fcgt nicht. Eine der interessantesten, aber auch widerspruchsvollsten Herrschergestalten des 18. 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