{"id":2321,"date":"2015-01-06T11:59:26","date_gmt":"2015-01-06T10:59:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?page_id=2321"},"modified":"2024-07-23T10:17:38","modified_gmt":"2024-07-23T09:17:38","slug":"der-nikolsburger-friede-bismarcks-groste-leistung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/fr\/jours-de-commemoration\/la-plus-grande-realisation-de-nikolsburger-friede-bismarcks\/","title":{"rendered":"La paix de Nikolsburg : la plus grande r\u00e9alisation de Bismarck ?"},"content":{"rendered":"<p><b>Zum 200. Geburtstag von Otto von Bismarck (1. 4. 1815 \u2013 30. 7. 1898).<\/b><\/p>\n<blockquote><p><i>\u201eNoch nach einem Jahrhundert erscheint Nikolsburg als der glanzvolle H\u00f6hepunkt in Bismarcks Laufbahn. Den Sieg vorzubereiten und dann auf der H\u00f6he des Erfolges innezuhalten, ma\u00dfvoll zu sein, den Geschlagenen zu vers\u00f6hnen und sich daf\u00fcr mit Leidenschaft einzusetzen \u2013 keinen gr\u00f6\u00dferen Ruhm kann es f\u00fcr einen Staatsmann geben.\u201c<br \/>\n<\/i><i>(<\/i>Paul Sethe (1901-1967); 7, S. 107).<\/p>\n<p><em>\u201cUnd so wird jeweils in die Geschichte als Tatsache eingehen, was die Mehrheit derer, die sich gegenseitig Kompetenz zuschreiben, f\u00fcr das Zutreffendste halten. Unbeantwortet bleibt dabei, wie nahe diese Feststellungen der idealen Beschreibung kommen, weil es diese aus unserer Perspektive nicht gegen kann.\u201c<\/em><br \/>\n(Prof. Dr. Wolfgang Singer (1, S. 72).<\/p><\/blockquote>\n<p>In der GralsWelt haben wir schon mehrfach erw\u00e4hnt, dass die Geschichtsschreibung meist in der Hand von Geisteswissenschaftlern liegt, in deren Horizont naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen zu wenig Platz finden. So werden nicht selten die Einfl\u00fcsse von Krankheiten oder technischen Innovationen auf die historische Entwicklung unterbewertet und dann unzutreffende Schlussfolgerungen gezogen. (Vgl.<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/merkwuerdige-geschichten\/als-krankheiten-geschichte-schrieben\/\"> \u201eAls Krankheiten Geschichte schrieben\u201c<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/geschichte\/die-machtvollste-erfindung-der-weltgeschichte\/\">\u201eDie machtsvollste Erfindung der Weltgeschichte\u201c<\/a>, beide unter &#8222;Geschichte&#8220;).<\/p>\n<p>Dazu wollen wir uns heute ein daf\u00fcr typisches Ereignis ansehen, das oft fehlinterpretiert wird: Der Vorfrieden (Waffenstillstand) von Nikolsburg.<\/p>\n<h5>Die Vorgeschichte<\/h5>\n<p>Nach den Napoleonischen Kriegen wurde vom \u201eWiener Kongress\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn1\">[1]<\/a> eine einigerma\u00dfen stabile Friedensordnung geschaffen. Doch die Entwicklung ging weiter. Die industrielle Revolution erreichte von England aus den Kontinent. Industrie und Rohstoffe \u2013 damals vor allem Kohle und Eisenerz \u2013 gewannen an Bedeutung, die wirtschaftlichen und damit die milit\u00e4rischen Gleichgewichte verschoben sich.<\/p>\n<p>\u00dcber viele Jahrhunderte war Land der wertvollste Besitz. Alle Staaten strebten nach der Ausweitung ihrer Herrschaftsgebiete. Eine im Industriezeitalter eigentlich \u00fcberholte Politik, die aber noch immer weltweit praktiziert wird. Denn kaum ein Staat ist bereit, z. B. einer Volksgruppe \u2013 ob Abchasen, Kurden, Osseten, Pal\u00e4stinenser, Tibeter, Tschetschenen, Uiguren oder sonstigen ethnischen oder religi\u00f6sen Minderheiten \u2013 einen Autonomie-Status zu gew\u00e4hren, oder sie gar aus seinem Herrschaftsverband zu entlassen. So gesehen war der Zerfall einer Gro\u00dfmacht wie der Sowjetunion in kleinere Staaten, ohne Krieg oder B\u00fcrgerkrieg, ein einmaliges historisches Ereignis.<\/p>\n<p>In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Frankreich, \u00d6sterreich-Ungarn und Preu\u00dfen Konkurrenten als ma\u00dfgebliche F\u00fchrungsm\u00e4chte in Mitteleuropa. Dem Denken der Zeit entsprechend, mussten diese Rivalit\u00e4ten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf dem Schlachtfeld ausgetragen werden.<\/p>\n<h5>F\u00fcr ein einiges Deutschland<\/h5>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts sehnten sich viele Deutsche nach einem vereinigten Staat, der aber unerreichbar schien. Die Aufst\u00e4nde von 1848 und 1849 waren niedergeschlagen, und die demokratischen Ans\u00e4tzen in der Paulskirche<a title=\"\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a> gescheitert.<\/p>\n<p>Dann packte Otto v. Bismarck, als preu\u00dfischer Ministerpr\u00e4sident, das Problem diplomatisch und milit\u00e4risch an. Im Zuge von drei Kriegen gelang ihm die Gr\u00fcndung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches unter preu\u00dfischer F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Diese Einigungskriege begannen mit dem Deutsch-d\u00e4nischen Krieg von 1864, in dem \u00d6sterreich und Preu\u00dfen, als Mitglieder des Deutschen Bundes<a title=\"\" href=\"#_edn3\">[3]<\/a>, Verb\u00fcndete waren. Das K\u00f6nigreich D\u00e4nemark wollte vertragswidrig die Herzogt\u00fcmer Schleswig, Holstein und Lauenburg in den d\u00e4nischen Kernstaat integrieren. Es kam zum Krieg, der mit einer Niederlage D\u00e4nemarks endete. Danach erhielt Preu\u00dfen die Herzogt\u00fcmer Sachsen-Lauenburg und Schleswig. Holstein fiel an \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>1866 marschierten preu\u00dfische Truppen in das von \u00d6sterreich besetzte Holstein ein. Diese Aggression war der Anlass f\u00fcr den \u00d6sterreichisch-preu\u00dfischen Krieg von 1866. Preu\u00dfen verlie\u00df den Deutschen Bund.<\/p>\n<h5>Die Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz<\/h5>\n<p>Im zweiten der deutschen Einigungskriege, nun zwischen \u00d6sterreich und Preu\u00dfen, standen die meisten der deutschen Staaten, auch Bayern und Sachsen, als Mitglieder des Deutschen Bundes auf \u00f6sterreichischer Seite. Doch die preu\u00dfischen Truppen schienen \u00fcberlegen. Sie \u00fcberrannten Sachsen, und nach wenigen Wochen kam es 3. Juli 1866 bei K\u00f6niggr\u00e4tz<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a> in B\u00f6hmen zu einer viel beachteten Entscheidungsschlacht. Es war die gr\u00f6\u00dfte Schlacht in Europa seit den Napoleonischen Kriegen, an der eine halbe Million Soldaten beteiligt waren.<\/p>\n<p>Die preu\u00dfischen Truppen waren mit Hinterladern \u2013 dem Z\u00fcndnadel-Gewehr \u2013 ausger\u00fcstet und konnten in wichtigen Phasen der Schlacht durch schnelleres Feuern den nur mit Vorderladern bewaffneten Gegner zur\u00fcckschlagen. Daf\u00fcr war die \u00f6sterreichische Artillerie der preu\u00dfischen \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gaben wohl taktische und strategische Entscheidungen den Ausschlag. Die \u00d6sterreicher und ihre Verb\u00fcndeten mussten sich nach der verlustreichen Schlacht, zum gro\u00dfen Teil in Unordnung, zur\u00fcckziehen. Viele gerieten in Gefangenschaft. Die preu\u00dfischen Truppen hatten einen eindeutigen Sieg errungen (2).<\/p>\n<blockquote><p><b>Weit mehr Menschen starben durch Seuchen als durch Waffen<br \/>\n<\/b>Bevor die Bedeutung der Hygiene erkannt wurde, gab es in allen Kriegen unter den Kombattanten wie bei der Zivilbev\u00f6lkerung weit mehr Tote durch Seuchen und Mangel an Sauberkeit als durch Feindeinwirkung. Sogar nach dem Ersten Weltkrieg starben noch zweieinhalbmal so viele Menschen an der Asiatischen Grippe als im Krieg.<br \/>\nAuch 1866 kamen weit mehr Menschen durch die Cholera ums Leben als im Kampf, wie Stefan Winkle schildert:<br \/>\n<i>\u201eDie Eilm\u00e4rsche der Preu\u00dfen durch B\u00f6hmen und M\u00e4hren hinterlie\u00dfen \u00fcberall die Seuche \u201awie eine F\u00e4kalspur\u2019. Kaum war beim Vormarsch auf Wien der zwischen Pre\u00dfburg und Krems liegende Teil von Nieder\u00f6sterreich besetzt, als sich auch dort die Cholera auszubreiten begann. Der Feldzug drohte den Charakter eines Seuchenzuges anzunehmen&#8230;<br \/>\n<\/i><i>Das und nicht etwa das \u201aGef\u00fchl der R\u00fccksicht gegen\u00fcber dem \u00f6sterreichischen Brudervolk\u2019 war einer der Hauptgr\u00fcnde, weshalb Bismarck nach der Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz der Fortsetzung des Krieges entgegentrat und zum beschleunigten Friedensschluss dr\u00e4ngte. Im dem kurzen Feldzug 1866 verlor das preu\u00dfische Heer 4450 Soldaten durch Verwundungen und 6427 durch die Cholera. Die Zivilbev\u00f6lkerung Preu\u00dfens hatte im selben Jahr 120 000 Choleraopfer zu beklagen.\u201c<\/i> (8, S. 210 f.).<\/p><\/blockquote>\n<h5><b>Ein historischer Friedensschluss <\/b><\/h5>\n<p>Nach dieser Schlacht wurde der Krieg sehr bald beendet, und zwar unter f\u00fcr die geschlagenen \u00d6sterreicher g\u00fcnstigen Bedingungen. Der preu\u00dfische K\u00f6nig w\u00e4re zu gerne an der Spitze seiner Truppen in Wien eingezogen, auch wollte er sein Reich auf Kosten \u00d6sterreichs und dessen Verb\u00fcndeten erweitern. Sein Kanzler setzte andere Entscheidungen durch. Von den Historikern wird fast unisono Bismarcks Weitblick gelobt. Er dachte weiter als sein K\u00f6nig und bot dem besiegten \u00d6sterreich den g\u00fcnstigen Vorfrieden von Nikolsburg an.<\/p>\n<p>Im endg\u00fcltigen Friedensvertrag von Prag verlor \u00d6sterreich seinen Einfluss auf die deutschen Staaten. Der Norddeutsche Bund<a title=\"\" href=\"#_edn5\">[5]<\/a> mit Preu\u00dfen als F\u00fchrungsmacht wurde gegr\u00fcndet. Die politischen Gewichte in Mitteleuropa verschoben sich. Die Voraussetzungen f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf aller deutschen Staaten im Deutsch-franz\u00f6sischen Krieg von 1870\/71 waren gegeben. So wurde 1871 die Gr\u00fcndung des Zweiten Deutschen Kaiserreichs m\u00f6glich, das als Bismarcks Werk gilt.<\/p>\n<p>In den historischen Analysen des Krieges von 1866 wird ein wichtiger Gesichtspunkt regelm\u00e4\u00dfig unterbewertet oder sogar missachtet: Die preu\u00dfischen Truppen litten schwer unter der Cholera und waren nach der Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz kaum noch kampff\u00e4hig. W\u00e4ren die \u00d6sterreicher \u00fcber den Zustand der preu\u00dfischen Truppen im Bilde gewesen, der Krieg h\u00e4tte anders enden k\u00f6nnen. Dann w\u00e4re auch die deutsche Geschichte anders verlaufen&#8230;<\/p>\n<h5>Friedensstifter Bismarck?<\/h5>\n<p>Wie sehen moderne Historiker Bismarcks Leistung als Friedensstifter?<br \/>\nDazu einige Beispiele:<br \/>\nBei Golo Mann wird Bismarcks Weitsicht gelobt:<br \/>\n<i>\u201eNachdem er seinen K\u00f6nig mit der emsigsten List und nervenpeinigenden Geduld in den Krieg gegen \u00d6sterreich gezerrt hatte, zerrte er ihn nun, wiederum unter den entsetzlichsten Nervenstrapazen, aus dem Krieg heraus. Der gute Monarch w\u00e4re nur zu gern als Sieger in Wien eingezogen und h\u00e4tte dem Feinde nur zu gern nach altem Brauch ein fettes St\u00fcck Land weggenommen. Bismarck sah nach St. Petersburg, wo man unruhig wurde. Er sah nach Paris, wo man sehr unruhig wurde und die Friedensvermittlung bot, um welche \u00d6sterreich ersuchte. Er dachte, trotz des Siegesrausches der Gegenwart, an Gefahren und W\u00fcnschbarkeiten der Zukunft.\u201c<\/i> (6, S. 348).<br \/>\nPaul Sethe erw\u00e4hnt zwar die Cholera, erkennt sie aber nicht als den entscheidenden Zwang zur Friedensschlie\u00dfung.. Aus seiner Sicht ist der Friedensvertrag von Nikolsburg der H\u00f6hepunkt in Bismarcks Laufbahn:<br \/>\n<i>\u201eDer K\u00f6nig bestand auf dem, was er f\u00fcr das Recht hielt. Zum \u00e4u\u00dferen Zeichen des Sieges aber wollte er in Wien an der Spitze seiner Truppen einziehen, was die \u00d6sterreicher tief h\u00e4tte verwunden m\u00fcssen&#8230;<br \/>\n<\/i><i>Dann w\u00e4re der Krieg weitergegangen mit einer zwar siegreichen, aber durch Cholera b\u00f6se geschw\u00e4chten Armee \u2013 und mit einem lauernden, grollenden Franzosen an der Flanke&#8230;.<br \/>\n<\/i><i>Aber es war nicht nur staatsm\u00e4nnische Voraussicht, es war auch ein elementares Gef\u00fchl, das <\/i>[Bismarck]<i> bewog, keinen neuen Waffengang zu versuchen. Er konnte die Toten von K\u00f6niggr\u00e4tz nicht vergessen.\u201c<\/i> (7, S. 106\/07).<br \/>\nIn der umfangreichen Bismarck-Biografie von Ernst Egelberg hei\u00dft es:<br \/>\n<em>\u201eNur allzu bald wirkten sich auf preu\u00dfischer Seite jene Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Krieges aus, wonach sich der Eroberer durch seine eigenen Anstrengungen schw\u00e4cht und die Schwierigkeiten der Besetzung eines gro\u00dfen Landes geometrisch wachsen, w\u00e4hrend der Umfang des besetzten Gebietes arithmetisch zunimmt. Die Versorgung der preu\u00dfischen Truppenteile mit Lebens- und Futtermitteln, mit Schuhwerk und Bekleidung wurde immer schwieriger und war unzureichend geworden; die Ausbreitung der Cholera im eigenen Heer \u2013 schlechter Trost, dass es im gegnerischen Lager nicht besser war \u2013 nahm be\u00e4ngstigende Formen an&#8230;\u201c <\/em>(3, S. 609)<em>.<br \/>\n<\/em><em>\u201eBismarck rang damals, wie er sp\u00e4ter zusammenfasste, um die Einsicht des K\u00f6nigs, dass Preu\u00dfen auch den aus Deutschland ausgeschlossenen \u201a\u00f6sterreichischen Staat als einen guten Stein im europ\u00e4ischen Schachbrett und die Erneuerung guter Beziehungen mit demselben als einen f\u00fcr uns offen zu haltenden Schachzug\u2019 ansehen m\u00fcsse. \u201aWenn \u00d6sterreich schwer gesch\u00e4digt w\u00e4re, so w\u00fcrde es der Bundesgenosse Frankreichs und jedes Gegners werden; es w\u00fcrde selbst seine antirussischen Interessen der Revanche gegen Preu\u00dfen opfern\u2019. Wilhelm wusste einer solch klaren realpolitischen Argumentation gegen\u00fcber nur moralisierend aufzutrumpfen und eigensinnig auf einer milit\u00e4rischen Genugtuung f\u00fcr die Armee und S\u00fchne in Form territorialer Annexionen zu beharren. Es war schwer f\u00fcr Bismarck, dem K\u00f6nig klarzumachen, dass Preu\u00dfen nicht eines Richteramtes zu walten, sondern Politik zu machen h\u00e4tte.\u201c<\/em> (3, S. 611).<\/p>\n<p>Im letzten Satz erkennt man bei Bismarck, als Diplomaten des 19. Jahrhunderts, eine andere Einstellung zur Machtpolitik, als sie im 20. Jahrhundert die Regel wurde. Seit 1918 sahen und sehen sich die Sieger \u2013 als die moralisch \u00dcberlegenen \u2013 berechtigt, die Besiegten auszurauben und zu dem\u00fctigen. Wie sagte Winston Churchill geradezu prophetisch in einer Parlamentsrede im Jahre 1901:<br \/>\n<em>\u201eDie Demokratie ist rachs\u00fcchtiger als die Kabinettspolitik, die Kriege der Nationen sind schrecklicher als die der K\u00f6nige.\u201c<\/em> (5, S. 37).<br \/>\nKam Churchill zu dieser Erkenntnis durch eine Analyse des grausamsten der Kriege des 19. Jahrhunderts nach dem Sturz Napoleons, dem amerikanischen B\u00fcrgerkrieg? (Vgl. \u201eDie Sklaverei endete, der Rassismus blieb\u201c in &#8222;Kurz, knapp, kurios&#8220; Seite 446)<\/p>\n<h5><b>Die Nachwirkungen der Erfolge Bismarcks <\/b><\/h5>\n<p>Bismarck war ein Machtpolitiker, dessen \u00fcberragende au\u00dfenpolitische Erfolge das Bewusstsein der Deutschen ver\u00e4nderte.<i> <\/i>Das Deutsche Kaiserreich entstand nicht von unten, mit demokratischen Mitteln, also durch des Volkes Wille, sondern als Obrigkeitsstaat mit strukturellen Schw\u00e4chen.<\/p>\n<blockquote><p>Gegen Ende seiner Reichstagsrede am 6. Februar 1888 sprach Bismarck \u00fcber eine drohende Haltung Russlands:<br \/>\n<em>&#8222;Wir k\u00f6nnen durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden\u00a0 &#8211; vielleicht zu leicht\u00a0 &#8211;\u00a0 aber durch Drohungen gewiss nicht.<br \/>\n<\/em><em>Wir Deutsche f\u00fcrchten Gott, aber sonst Nichts in der Welt, und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen l\u00e4sst.\u201c<br \/>\n<\/em>Den ersten Teil des Satzes \u201eWir Deutsche f\u00fcrchten&#8230;\u201c, den Bismarck bald bedauert hat, kennt fast jeder. Der dann folgende Teil \u201eund die Gottesfurcht&#8230;\u201c wird in vielen Zitaten unterschlagen, um Bismarck als Provokateur und Kriegstreiber herauszustellen.<br \/>\n(Zitiert nach B\u00fcchmann, \u201eGefl\u00fcgelte Worte\u201c, Berlin, 1964).<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr einen Machtpolitiker &#8211; also f\u00fcr fast alle Diplomaten des 19. Jahrhunderts &#8211; mussten die ethischen und kulturellen Ziele von Philosophen der Aufkl\u00e4rung wie Kant, Fichte und Hegel zur\u00fccktreten gegen\u00fcber einer staatlichen Interessens- und Machtpolitik, wie sie von so gut wie allen Staaten seit Jahrhunderten praktiziert wurde.<\/p>\n<p>Sozialistische Ideen waren Feindbilder f\u00fcr das B\u00fcrgertum. In Deutschland lie\u00df sich das Volk\u00a0 zum gr\u00f6\u00dften Teil von Bismarcks&#8216; Erfolgskurs blenden und bekam zu allem Ungl\u00fcck noch einen gro\u00dfmannss\u00fcchtigen Kaiser Wilhelm II., der rivalisierende M\u00e4chte provozierte.<\/p>\n<p>Der bekannte Historiker Theodor Mommsen (1817-1903) hatte vergeblich seine mahnende Stimme erhoben:<br \/>\n<em>\u201eDie Gewinne an Macht waren Werte, die beim n\u00e4chsten Sturm der Weltgeschichte wieder verloren gehen; aber die Knechtung der deutschen Pers\u00f6nlichkeit, des deutschen Geistes, war ein Verh\u00e4ngnis, das nicht mehr gut gemacht werden kann.<\/em>\u201c (4, S. 326).<br \/>\nSolche Warnungen gingen im Hurrahgeschrei einer Presse unter, die es schon damals vorzog, der Mehrheit nach dem Mund zu reden, anstatt unangenehme Wahrheiten auszusprechen.<\/p>\n<p>Die Behauptung, dass das von Bismarck gegr\u00fcndete Deutsche Reich aufgrund seiner Konstruktionsfehler \u2013 z. B. Demokratiedefizite und Zersplitterung in Einzelstaaten \u2013 nicht dauern konnte, teile ich nicht unbedingt. Ebenso wenig die These vom Preu\u00dfisch-deutschen Kaiserreich als Vorl\u00e4ufer von Hitlers Zentralstaat.<\/p>\n<p>Mit einigem Weitblick von Seiten der Nachfolger Bismarcks, mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Probleme der Zeit und die Anliegen anderer M\u00e4chte, war eine harmonischere Weiterentwicklung durchaus m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg \u2013 die Grundkatastrophe des 20. Jahrhunderts \u2013, der katastrophale Zusammenbruch von drei Kaiserreichen und einem Sultanat, w\u00e4ren zu verhindern gewesen.<\/p>\n<p>Die beiden Weltkriege mit ihren Leiden, und die dadurch ausgel\u00f6sten Unstabilit\u00e4ten, die bis heute nachwirken, waren die Folgen menschlicher Fehlleistungen der Herrscher und der Politiker der Gro\u00dfm\u00e4chte, keine unvermeidlichen Naturereignisse.<\/p>\n<h5><b>Bismarcks Leistung aus heutiger Sicht <\/b><\/h5>\n<p>Bismarck war der \u00fcberragende Staatsmann seiner Zeit. Nicht selten wird er als der einzige, wirklich gro\u00dfe deutsche Diplomat bezeichnet. Mit raffinierter, l\u00e4ngerfristiger Planung wusste er seine Ziele \u00e4u\u00dferst trickreich zu verfolgen. Dabei gelang es ihm, den eigenen K\u00f6nig zu \u00fcberreden und in- und ausl\u00e4ndische Gegenspieler zu \u00fcbert\u00f6lpeln. Das von ihm geschaffene Kaiserreich war am Ende des 19. Jahrhunderts einer der modernsten und erfolgreichsten Staaten (1). Durch den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Deutschlands verschoben sich die M\u00e4chte-Gleichgewichte. Europa wurde instabiler.<\/p>\n<p>Bismarcks politisches Konstrukt des Kaiserreiches erwies sich dann als zu kompliziert f\u00fcr seine Nachfolger, die weder \u00fcber seinen Weitblick, noch \u00fcber sein diplomatisches Geschick verf\u00fcgten, noch die komplizierte Lage des Deutschen Reiches, inmitten eifers\u00fcchtiger und misstrauischer Staaten, richtig erkannten.<\/p>\n<p>Die Erfolge der deutschen Wirtschaft erregten Neid bei m\u00e4chtigen Konkurrenten, und das ungeschickte, s\u00e4belrasselnde Auftreten das Kaisers Wilhelm II. trug zur politischen Isolierung Deutschlands bei.<\/p>\n<p>So ist es heute schwer, Bismarck gerecht zu werden. Die Urteile \u00fcber ihn schwanken zwischen totaler Ablehnung und h\u00f6chster Anerkennung. Sie ber\u00fccksichtigen manchmal zu wenig, dass er ein Kind seiner Zeit war, und gerechterweise nicht ausschlie\u00dflich nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des 21. Jahrhunderts zu messen ist.<br \/>\nSeine St\u00e4rke war die Au\u00dfenpolitik; innenpolitisch hatte er Defizite. Zu beanstanden ist aus heutiger Sicht (wie gesagt, nicht unbedingt aus der des 19. Jahrhunderts), dass er vor Kriegen nicht zur\u00fcckschreckte, dass er nicht Demokrat sondern Monarchist war, soziale Probleme vernachl\u00e4ssigte (immerhin f\u00fchrte er die weltweit erste Sozialversicherung ein), einen \u00fcbertriebenen Nationalismus duldete, der Diskriminierung von Minderheiten nicht entschieden entgegentrat, sich in einen Kulturkampf mit der Katholischen Kirche verstrickte und die Bedeutung der Arbeiterbewegung nicht erkannte. F\u00fcr ihn spricht, dass er kein Kolonialist war und dem Wunsch nach der Gr\u00fcndung deutscher Kolonien nur halbherzig nachgab, unter starkem Druck der \u00d6ffentlichkeit und des Kaisers.<\/p>\n<p>Den hochgelobten Nikolsburger Vorfrieden jedoch erzwang haupts\u00e4chlich die Cholera, weniger war es politische R\u00fccksichtnahme auf den geschlagenen Gegner. Als Bismarcks historische Tat gilt die von ihm geschaffene staatliche Einheit Deutschlands, die trotz gro\u00dfer Verluste in zwei Weltkriegen noch besteht.<\/p>\n<p><b>Literatur:<br \/>\n<\/b>(1) B\u00f6decker Erhardt, Preu\u00dfen, Olzog, M\u00fcnchen, 2004.<br \/>\n(2) Craig Gordon A., K\u00f6niggr\u00e4tz, Paul Zsolnay, Wien, 1966.<br \/>\n(3) Engelberg Ernst, Bismarck, Siedler, Berlin, 1985.<br \/>\n(4) Gagliardi Ernst, Bismarcks Entlassung Band 2, Mohr, T\u00fcbingen, 1941.<br \/>\n(5) Hughes Emrys, Churchill, 2. Auflage, Arndt, Kiel, 1986.<br \/>\n(6) Mann Golo, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Fischer, Frankfurt, 1958.<br \/>\n(7) Sethe Paul, Deutsche Geschichte im letzten Jahrhundert, Heinrich Scheffler, Frankfurt, 1960.<br \/>\n(8) Winkle Stefan, Gei\u00dfeln der Menschheit, Artemis und Winkler, Z\u00fcrich, 1997.<\/p>\n<div>\n<div>\n<p><strong>Endnoten:<br \/>\n<\/strong><a title=\"\" href=\"#_ednref1\">[1]<\/a> Wiener Kongress = die Versammlung der europ\u00e4ischen F\u00fcrsten und Staatsm\u00e4nner 1814\/15, die \u00fcber die Umgestaltung Europas nach den Napoleonischen Kriegen entschied. Den Vorsitz f\u00fchrte der \u00f6sterreichische Staatskanzler F\u00fcrst Metternich.<br \/>\n<a style=\"font-size: revert;\" title=\"\" href=\"#_ednref2\">[2]<\/a><span style=\"font-size: revert;\"> Nach der M\u00e4rzrevolution von 1848 trat die erste demokratisch gew\u00e4hlte Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Dieses Vorparlament wollte alle Mitglieder des Deutschen Bundes zu einem Deutschen Reich vereinen. Diese \u201egro\u00dfdeutsche L\u00f6sung\u201c scheiterte am Widerstand \u00d6sterreichs. Auch eine \u201ekleindeutsche L\u00f6sung\u201c, ohne die deutschsprachigen L\u00e4nder \u00d6sterreich-Ungarns, war nicht durchsetzbar. Im Mai 1849 schlugen Aufst\u00e4nde fehl, die eine in Frankfurt beschlossene Reichsverfassung erzwingen wollten. Das erste gesamtdeutsche Parlament, die \u201eWiege der deutschen Demokratie\u201c, war gescheitert.<br \/>\n<\/span><a style=\"font-size: revert;\" title=\"\" href=\"#_ednref3\">[3]<\/a><span style=\"font-size: revert;\"> Der Deutsche Bund wurde als Ergebnis des Wiener Kongresses im Jahr 1815 als Staatenbund von 39 \u00fcberwiegend deutschsprachigen L\u00e4ndern gegr\u00fcndet, darunter 35 F\u00fcrstent\u00fcmer und 4 freie St\u00e4dte. Die wichtigsten Mitglieder waren \u00d6sterreich und Preu\u00dfen. Nach dem Krieg von 1866 musste \u00d6sterreich der Aufl\u00f6sung des Deutschen Bundes zustimmen und auf seinen Einfluss in Deutschland verzichten.<br \/>\n<\/span><a style=\"font-size: revert;\" title=\"\" href=\"#_ednref4\">[4]<\/a><span style=\"font-size: revert;\"> In Preu\u00dfen wurde der Ort der Schlacht nach der nahegelegenen Feste K\u00f6niggr\u00e4tz benannt, in Frankreich nach dem Dorf Sodowa.<br \/>\n<\/span><a style=\"font-size: revert;\" title=\"\" href=\"#_ednref5\">[5]<\/a><span style=\"font-size: revert;\"> Nach dem Krieg von 1866 annektierte Preu\u00dfen einen gro\u00dfen Teil der Gebiete n\u00f6rdlich des Mains. Nun entstand der Norddeutsche Bund mit 22 Mitgliedern und fast 30 Millionen Einwohnern. Die S\u00fcddeutschen Staaten blieben au\u00dferhalb des Norddeutschen Bundes, verb\u00fcndeten sich aber 1870 mit diesem gegen Frankreich.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 200. 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