{"id":1669,"date":"2011-12-18T11:59:15","date_gmt":"2011-12-18T10:59:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?page_id=1669"},"modified":"2024-10-04T10:50:11","modified_gmt":"2024-10-04T09:50:11","slug":"die-dunkle-seite-der-aufklarung-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/fr\/esoterique\/le-cote-obscur-de-lillumination-partie-3\/","title":{"rendered":"Le c\u00f4t\u00e9 obscur de l&#039;illumination, partie 3"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eRitter\u201c des Papstes und \u201eokkulter Meister\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Giovanni Casanova (1725\u20131798)<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>(Ver\u00f6ffentlich in GralsWelt 68\/2012)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Der als Frauenheld sprichw\u00f6rtlich gewordene Venezianer Giovanni Casanova war Abk\u00f6mmling einer Schauspielerfamilie. Da seine Mutter viel auf Reisen war, erzog ihn die Gro\u00dfmutter, die ihm ein Theologie- und Jurastudium erm\u00f6glichte. So konnte er schon mit 17 Jahren einen juristischen Doktorgrad der Universit\u00e4t Padua erwerben. Er sprach mehrere Sprachen.<\/p>\n<p>Nach seinem Studium schlug er eine kirchliche Laufbahn ein. Als angehender Priester fiel er 1741, nach Erhalt der vier niedrigen Weihen, w\u00e4hrend einer Predigt betrunken von der Kanzel. Drei Jahre sp\u00e4ter gab Casanova die kirchliche Laufbahn endg\u00fcltig auf. 1742 konnte er als Sekret\u00e4r \u00fcber Korfu nach Konstantinopel reisen. Bei seiner R\u00fcckkehr nach Venedig wurde er erstmalig, wegen Erbstreitigkeiten, verhaftet. Anschlie\u00dfend reiste er nach Ancona und Rom. Dort konnte er Papst Benedikt XIV. durch am\u00fcsante Plaudereien so f\u00fcr sich einnehmen, dass dieser ihn zum \u201eRitter des goldenen Sporns\u201c ernannte. Das gab Casanova die Chance, sich als \u201eChevalier (Ritter) de Seingalt\u201c selbst zu adeln. Wegen einer Liebesaff\u00e4re musste er Rom allerdings bald wieder verlassen.<\/p>\n<h5>Quer durch Europa \u201erund um die Erde\u201c<\/h5>\n<p>Wieder in Venedig, versucht Casanova sich als F\u00e4hnrich und verdient seinen Lebensunterhalt als Orchestergeiger. 1755 wird er wegen \u201eSchm\u00e4hungen gegen die heilige Religion\u201c verhaftet und landet in den ber\u00fcchtigten Bleikammern, einem Gef\u00e4ngnis im Dachgescho\u00df des mit Blei gedeckten Dogenpalastes, in dem es im Sommer unertr\u00e4glich hei\u00df wird. 1756 gelingt ihm eine spektakul\u00e4re Flucht. Seine spannende Beschreibung dieses Abenteuers geh\u00f6rt zu den meistgelesenen Fluchtgeschichten und machte ihn ber\u00fchmt.<\/p>\n<p>Casanova reist als Hochstapler, Gl\u00fccksspieler, Mysterienmeister, Wunderheiler von einer europ\u00e4ischen Hauptstadt zur anderen. Als angeblicher Hochgrad-Freimauer<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=342-20110630#_edn1\">[i]<\/a> kann er \u00fcber die Logen Kontakte kn\u00fcpfen und einflussreiche Pers\u00f6nlichkeiten kennenlernen. Sogar Friedrich der Gro\u00dfe empf\u00e4ngt ihn und bietet ihm eine Position als Lehrmeister an einer Schule f\u00fcr pommersche Landjunker an. Diese Stelle entspricht allerdings nicht Casanovas Anspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Danach reist er nach Sankt Petersburg, wo er bei einer Audienz der Zarin Katharina der Gro\u00dfen vorsprechen darf, die ihm aber keinen Posten anbietet. Nun geht es weiter nach Polen, das er nach einem Pistolen-Duell schwer verwundet verlassen muss. \u00dcber Wien gelangt Casanova nach Paris. Hier bekommt er Zugang zum Hof, erh\u00e4lt die Genehmigung zur Gr\u00fcndung einer Lotterie, und glaubt sich aller Sorgen ledig.<\/p>\n<p>Doch wie immer, wenn er zu lange in einer Stadt bleibt, ergeben sich Komplikationen und drohen Prozesse, die ihn zur Abreise zwingen: Mit einem h\u00fcbschen Verm\u00f6gen von \u201ehunderttausend Franken in guten Wechseln und mit Juwelen im gleichen Wert\u201c<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=342-20110630#_edn2\">[ii]<\/a> (1, S. 297) fl\u00fcchtet Casanova nach Spanien, das er auch bald wieder verlassen muss. Schlie\u00dflich kehrt er nach Venedig zur\u00fcck, wird dort Theaterdirektor und spioniert als Geheimagent f\u00fcr die venezianische Staatsinquisition. Die spektakul\u00e4re Flucht aus den Bleikammern hat man ihm wohl verziehen. Im Barock fehlte zwar die f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndliche Rechtssicherheit, doch daf\u00fcr konnte \u00fcber manche l\u00e4ssliche S\u00fcnde, wie die Flucht aus den Bleikammern, gro\u00dfz\u00fcgig hinweggesehen werden.<\/p>\n<p>Historiker haben errechnet, dass Casanova im Laufe seines Lebens auf seinen vielen Reisen eine Strecke zur\u00fccklegte, die dem Umfang der Erde entspricht \u2013 mit den damaligen Transportmitteln, die im Durchschnitt kaum schneller als sechs Kilometer pro Stunde waren!<\/p>\n<p>Nach einem ebenso abwechslungsreichen wie gef\u00e4hrlichen Leben fand Casanova 1785 einen Unterschlupf als Bibliothekar des Grafen Waldstein. Etwa 1790 begann er mit der Niederschrift seiner umfangreichen Memoiren, die bis zum Jahr 1774 reichen. Schlie\u00dflich verstirbt er einsam und traurig, mit degradierendem K\u00f6rper, vermutlich an den Sp\u00e4tfolgen von Geschlechtskrankheiten, auf dem b\u00f6hmischem Schloss Dux.<\/p>\n<h5>Ein charmanter Scharlatan<\/h5>\n<p>Durch sein geschicktes Auftreten und seine vielen Tricks vermochte Casanova als brillanter Hochstapler immer wieder gutgl\u00e4ubige Menschen, vor allem Frauen, f\u00fcr sich einzunehmen und beachtliche Summen zu ergaunern, die er dann ebenso freiz\u00fcgig verschwendete. In seinen Memoiren ist er ehrlich genug, seine Betr\u00fcgereien offen zu beschreiben. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, denn aus seiner Sicht wollten die von ihm Ausgenommenen betrogen sein.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Erste okkulte Erfahrungen-<br \/>\n<\/strong>Als Casanova, etwa achtj\u00e4hrig, oft starkes Nasenbluten hatte, brachte ihn seine Gro\u00dfmutter in eine Spelunke, <em>\u201ewo wir ein altes Weib fanden, das mit einem schwarzen Kater in den Armen auf einem schmutzigen Bett sa\u00df und noch f\u00fcnf oder sechs Katzen um sich hatte. Es war eine Hexe. Die beiden alten Frauen hatten ein langes Gespr\u00e4ch miteinander, das wahrscheinlich mich betraf. Zum Schluss dieser Zwiesprache \u2026 bekam die alte Hexe von meiner Gro\u00dfmutter einen Silberdukaten. Sie \u00f6ffnete eine Kiste, nahm mich auf die Arme, legte mich hinein und schloss den Deckel, indem sie mir sagte, ich solle keine Angst haben. Diese Bemerkung w\u00e4re nun gerade genug gewesen, um mir Angst zu machen, wenn ich \u00fcberhaupt irgendwelche Denkkraft besessen h\u00e4tte; aber ich war ganz bet\u00e4ubt. Ich lag ruhig in einer Ecke zusammengekauert, hielt mir das Taschentuch unter die Nase, weil ich immer noch blutete, und k\u00fcmmerte mich \u00fcbrigens nicht im geringsten um den L\u00e4rm, den ich drau\u00dfen machen h\u00f6rte. Ich h\u00f6rte abwechselnd lachen, weinen, singen, schreien und an die Kiste klopfen; mir war das alles gleichg\u00fcltig. Endlich holten sie mich aus der Kiste hervor, mein Blut ist gestillt. Das sonderbare Weib macht mir hundert Liebkosungen, entkleidet mich, legt mich auf das Bett, verbrennt Kr\u00e4uter, f\u00e4ngt den Rauch davon mit einem Tuch auf, wickelt mich in dieses ein, macht Beschw\u00f6rungen wickelt mich darauf wieder aus und gibt mir f\u00fcnf sehr angenehm schmeckende Zuckerpl\u00e4tzchen. Gleich darauf reibt sie mir die Schl\u00e4fen und Nacken mit einer lieblich duftenden Salbe ein, und dann kleidet sie mich wieder an. Sie sagt mir, meine Blutungen w\u00fcrden ganz allm\u00e4hlich aufh\u00f6ren; nur d\u00fcrfte ich niemanden erz\u00e4hlen, was sie gemacht habe \u2026\u201c<\/em> (1, S. 11 f.)<br \/>\nDas Nasenbluten h\u00f6rte danach tats\u00e4chlich auf und sp\u00e4ter hatte Casanova eine ausgezeichnete k\u00f6rperliche Verfassung, mit der er mehrere Syphilis-Anf\u00e4lle \u00e4u\u00dferlich geheilt \u00fcberstehen konnte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beispielsweise in Paris die Frau d\u2019Urf\u00e9, eine der reichsten Frauen Frankreichs. Diese war von okkulten Ideen geradezu besessen und besa\u00df eine der gr\u00f6\u00dften alchemistischen Bibliotheken. Casanova konnte mit seinen alchemistischen und okkulten Kenntnissen gl\u00e4nzen und sich vor ihr als gro\u00dfer \u201eMeister\u201c produzieren, w\u00e4hrend er sich reichlich an ihrem Verm\u00f6gen bediente. Sein sch\u00e4ndliches Vorgehen rechtfertigt Casanova auf eine Weise, die zum Ausdruck bringt, dass er selbst gegen den Glauben an den ganzen okkulten Unsinn immun war:<br \/>\n<em>\u201eWenn ich geglaubt h\u00e4tte, der Marquise ihren Irrtum benehmen und sie zu einem vern\u00fcnftigen Gebrauch ihrer Kenntnisse und ihres Geistes zur\u00fccklenken zu k\u00f6nnen, so w\u00fcrde ich dies wahrscheinlich versucht haben, und dies w\u00e4re ein verdienstliches Werk gewesen; aber ich war \u00fcberzeugt, dass ihre Bet\u00f6rung unheilbar war, und glaubte daher, nichts Besseres tun zu k\u00f6nnen, als auf ihren verr\u00fcckten Gedanken einzugehen und meinen Nutzen daraus zu ziehen.<\/em><br \/>\n<em>Wenn ich ihr als anst\u00e4ndiger Mensch gesagt h\u00e4tte, alle ihre Ideen seien albern, so w\u00fcrde sie mir nicht geglaubt haben; sie h\u00e4tte angenommen, ich w\u00e4re neidisch auf ihre Kenntnisse; und wenn sie mich auch darum nicht f\u00fcr weniger gelehrt gehalten haben w\u00fcrde, so h\u00e4tte ich doch in ihren Augen eingeb\u00fc\u00dft. Hiervon \u00fcberzeugt, wusste ich nichts Besseres zu tun, als die Sache ihren Gang gehen zu lassen. \u00dcbrigens konnte ich mich in meinem Selbstgef\u00fchl geschmeichelt f\u00fchlen, dass eine ber\u00fchmte Frau, die im Rufe bedeutender Kenntnisse stand, die mit den ersten Familien Frankreichs verwandt war und au\u00dferdem aus ihren Wertpapieren ein noch h\u00f6heres Einkommen hatte als die achtzigtausend Livres Rente, die ein herrliches Landgut und eine Anzahl sch\u00f6ner H\u00e4user in Paris ihr eintrugen, dass solch eine Frau, sage ich, mich als den tiefsinnigsten Rosenkreuzer und als den M\u00e4chtigsten aller Sterblichen ansah. Ich wusste auch auf das bestimmteste, dass sie im Notfalle mir nichts h\u00e4tte verweigern k\u00f6nnen; und obgleich ich keinen bestimmten Plan hatte, um mir ihre Reicht\u00fcmer ganz oder zum Teil zunutze zu machen, so empfand ich doch ein gewisses Vergn\u00fcgen bei dem Gedanken, dass es in meiner Macht st\u00e4nde, dies zu tun\u201c<\/em> (1, S. 294).<\/p>\n<p>Casanova, gro\u00df gewachsen, breitschultrig und \u00fcberheblich (3, S. 42), war ein gewissenloser Falschspieler, Hochstapler und schamloser Betr\u00fcger. Er war vielseitig gebildet und seine wissenschaftlichen Kenntnisse \u2013 von der Alchemie bis zur Mathematik \u2013 sind nicht zu untersch\u00e4tzen. Casanova war ein typischer Barockmensch \u2013 voller Charme, Energie, \u201eSaft und Kraft\u201c. Dazu ein h\u00f6chst unterhaltsamer, intelligenter Gespr\u00e4chspartner, exzellenter T\u00e4nzer und vermutlich auch ein erfolgreicher Geheimagent. Er war hoch gebildet, sprach neben Italienisch auch Franz\u00f6sisch, Griechisch, Lateinisch und konnte sich in den Spelunken der Falschspieler mit gleicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit bewegen wie auf einem F\u00fcrstenhof.<\/p>\n<p>Seine in mehr als 20 Sprachen \u00fcbersetzten Schriften geh\u00f6ren zu den bedeutendsten kulturgeschichtlichen Quellenwerken des 18. Jahrhunderts. Casanovas Memoiren gelten als das genaueste und pers\u00f6nlichste Sittengem\u00e4lde einer Zeit, die in Glanz und Elend auseinander fiel. Es ist die Beschreibung einer frivolen Gesellschaft in leichtlebiger Zeit, wie wir sie uns kaum mehr vorstellen k\u00f6nnen. Im Alter wird er sich der Dekadenz dieser Gesellschaft bewusst, die ihrem Untergang in der Franz\u00f6sischen Revolution entgegeneilte\u2026<\/p>\n<p>Fortsetzung <a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/esoterik\/die-dunkle-seite-der-aufklarung-teil-4\/\">&#8222;Die dunkle Seite der Aufkl\u00e4rung&#8220; Teil 4<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">(1) Casanova Giovanni Giacomo, Memoiren, Goldmann, M\u00fcnchen, 1960.<\/span>(2) Hagl Siegfried, Spreu und Weizen, Gralsverlag, Hart-Purgstall, 2003.(3) McCalman Iain, Der letzte Alchemist, Insel, Frankfurt, 2004.<br \/>\n<strong>www \u2026<br \/>\n<\/strong>Casanovas Reisen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.giancomo-casanova.de\/\">http:\/\/www.giacomo-casanova.de\/.<\/a><br \/>\nDas Leben Casanovas:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Giacomo_Casanova\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Giacomo_Casanova.<\/a><\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten:<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=342-20110630#_ednref1\">[i]<\/a> Es gibt die normale oder \u201eblaue\u201c (nach der Farbe des Schurzes) Maurerei mit drei Graden (Lehrling, Geselle, Meister) und die mystische, \u201erote\u201c oder Hochgrad-Maurerei mit 33 oder mehr Graden. (Vgl. Lit. 2).<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/paste\/pasteword.htm?ver=342-20110630#_ednref2\">[ii]<\/a> Die Kaufkraft von 1 Franc oder Livre entspricht etwa 10 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eRitter\u201c des Papstes und \u201eokkulter Meister\u201c Giovanni Casanova (1725\u20131798) (Ver\u00f6ffentlich in GralsWelt 68\/2012) \u00a0Der als Frauenheld sprichw\u00f6rtlich gewordene Venezianer Giovanni Casanova war Abk\u00f6mmling einer Schauspielerfamilie. Da seine Mutter viel auf Reisen war, erzog ihn die Gro\u00dfmutter, die ihm ein Theologie- und Jurastudium erm\u00f6glichte. 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