{"id":1552,"date":"2010-10-26T10:52:38","date_gmt":"2010-10-26T09:52:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com"},"modified":"2023-11-03T11:59:51","modified_gmt":"2023-11-03T10:59:51","slug":"zahlen-die-indios-zu-den-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/fr\/histoires-etranges\/payer-les-indios-au-peuple\/","title":{"rendered":"Les Indiens comptent-ils comme des humains ?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u00a0(Ver\u00f6ffentlicht in Gralswelt 61\/2010)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Wie in der \u201eDisputation von Valladolid\u201c vor nicht einmal 500 Jahren dar\u00fcber gestritten wurde, ob Indianer eine Seele haben und im Erl\u00f6sungsplan Christi eine Rolle spielen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wer <em>Heinrich Heine<\/em> gelesen hat, erinnert sich vielleicht an dessen Ballade \u00fcber eine Disputation im mittelalterlichen Spanien. In seiner unnachahmlichen Art l\u00e4sst Heine einen Rabbi und einen M\u00f6nch \u00fcber die Wahrheiten ihrer Religionen diskutieren. Dabei kann es zu keiner echten Aussprache kommen, weil f\u00fcr beide Parteien die Richtigkeit ihrer eigenen Standpunkte von vornherein feststeht, und keiner der Diskutierenden den Gesichtspunkt des anderen zu w\u00fcrdigen bereit ist.<\/p>\n<p>Was <em>Heine<\/em> in zynischer Poesie schildert, ist nicht ohne realen historischen Hintergrund. Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit waren in Spanien \u00f6ffentliche Disputationen durchaus \u00fcblich. Auf dem K\u00f6nigshof oder vor einem breiteren Publikum ging es meist um Auseinandersetzungen zwischen der j\u00fcdischen und der christlichen Religion, die oft von antisemitischen Emotionen getragen waren.<\/p>\n<p>Doch der Wahrheitsgehalt von Religionen, oder gar die Wahrheit selbst, l\u00e4sst sich in Streitgespr\u00e4chen zwischen unbelehrbaren Parteien nicht ergr\u00fcnden, seien diese auch noch so gebildet. Die meisten Streitgespr\u00e4che verfolgen ja auch ganz andere Ziele. \u2013<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eIndianer wurden schlechter als Tiere behandelt\u201c<br \/>\n<\/strong><em>\u201eChristen haben lediglich um des Goldes willen, um in k\u00fcrzester Zeit unermesslich reich zu werden und um h\u00f6chste Positionen einzunehmen, die ihnen in keiner Weise zustehen, so viele wertvolle Menschen get\u00f6tet und ihre Seelen zerst\u00f6rt [\u2026]<br \/>\n<\/em><em>Sie erwiesen diesen bescheidenen, geduldigen und so leicht gef\u00fcgig zu machenden Menschen weder Respekt noch Anerkennung noch Achtung \u2026<br \/>\n<\/em><em>Sie haben sie nicht wie Tiere behandelt (g\u00e4be Gott, sie h\u00e4tten sie so gut und r\u00fccksichtsvoll behandelt wie Tiere); sie haben sie schlechter behandelt, wie den letzten Dreck.\u201c<br \/>\n<\/em>Bartolom\u00e9 des Las Casas (2, S. 13)<\/p><\/blockquote>\n<h5>Ein Gesetz gegen die Versklavung<\/h5>\n<p>Noch in den Jahren 1550 und 1551 gab es eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Diskussion um ein brisantes Thema: <em>In der Disputation von Valladolid<\/em> (Junta de Valladolid) wurde dar\u00fcber gestritten, ob Indianer zum Menschengeschlecht geh\u00f6ren und eine Seele haben.<\/p>\n<p><em>Karl V.<\/em> (K\u00f6nig von Spanien und Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation) berief eine Kommission von Juristen und Theologen ein, die das vielfach beanstandete Vorgehen der Konquistadoren in der Neuen Welt \u00fcberpr\u00fcfen sollte. Denn in den spanischen Kolonien gab es ernste Probleme.<\/p>\n<p>Im Jahr 1542 wurde durch ein \u201eIndianergesetz\u201c \u2013 <em>Las Leyes Nuevas de las Indias<\/em> \u2013 die Versklavung der Indios verboten. Auch die <em>Encomiendas <\/em>sollten nach und nach abgeschafft werden. Diese Encomiendas waren gro\u00dfe L\u00e4ndereien, die mitsamt den darauf lebenden Eingeborenen vom K\u00f6nig an die Kolonialisten \u00fcbertragen wurden.<\/p>\n<h5><em>\u201eSie gieren nach Gold wie hungrige Schweine\u201c<\/em><\/h5>\n<p><em>I<\/em>m Codex Florentinus aus dem 16. Jahrhundert beschreibt ein aztekischer Augenzeuge die Pl\u00fcnderung von Tenochtitl\u00e1n:<em> \u201eDie Spanier sind au\u00dfer sich vor Freude. Wie Affen schleudern sie das Gold in die Luft. Sie lassen sich niederfallen mit Gesten, die ihr Frohlocken ausdr\u00fccken. [\u2026] Es ist offenkundig, da\u00df sie nach dem hier fiebern. Ihr ganzer Leib schwillt an bei diesem Gedanken, sie lassen alle Anzeichen eines unstillbaren Verlangens erkennen. Sie gieren nach dem Gold wie hungrige Schweine.\u201c<br \/>\n<\/em><em>&#8222;F\u00fcr diese \u201ehungrigen Schweine\u201c, die weder Kultur noch Mitleid hatten, daf\u00fcr aber Schwarzpulver, Pferde und scharfe Schwerter, waren die Astronomen, Bauern, Baumeister, Mathematiker und Botaniker aus den V\u00f6lkern der Azteken, Aymara, Quechua oder Maya lediglich Tiere, mit denen man nach Belieben verfahren kann&#8220;.<\/em> (3, S. 181 f.).<\/p>\n<p>Die Durchf\u00fchrung des \u201eIndianergesetzes\u201c stie\u00df in S\u00fcdamerika auf heftigen Widerstand, der bis zu regelrechten kriegerischen Erhebungen f\u00fchrte. <em>Karl V.<\/em> musste auf die Durchsetzung dieses indianerfreundlichen Gesetzes in der Neuen Welt verzichten und suchte nun f\u00fcr seine Sicht Unterst\u00fctzung von theologischer und juristischer Seite.<\/p>\n<p>Die von ihm einberufene Kommission bestand aus anerkannten, hochgelehrten Wissenschaftlern. Sie tagte von 15. August bis 15. September 1550 und von 11. April bis 4. Mai 1551 im Dominikanerkloster San Pablo in Valladolid. Es gab dabei keine direkten Streitgespr\u00e4che zwischen den Teilnehmern, denn die Kontrahenten traten nicht direkt gegeneinander an, sondern trugen dem einberufenen Kollegium nur einzeln ihre Standpunkte vor.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand die rechtliche Stellung der Indianer. Man kann somit im Disput von Valladolid eine fr\u00fche Diskussion \u00fcber die Menschenrechte sehen.<\/p>\n<p>Die bedeutendsten Antagonisten in dieser Disputation waren der Dominikaner <em>Bartolom\u00e9 de Las Casas<\/em> (1474\u20131566), Bischof von Chiapas, und der Weltpriester und Humanist <em>Juan Gin\u00e9s de Sep\u00falveda<\/em> (1490\u20131573).<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Zur Debatte stand nicht die europ\u00e4ische Expansion nach \u00dcbersee, die f\u00fcr beide Parteien genauso selbstverst\u00e4ndlich war wie auch die Ansicht, dass der christliche Glaube in der Neuen Welt verk\u00fcndet werden m\u00fcsse. Umstritten waren allerdings die Methoden dieser Landnahme, und wie das Christentum den Indios nahegebracht und in der Neuen Welt durchgesetzt werden sollte.<\/p>\n<p>Entscheidende Fragen waren: Geh\u00f6ren die j\u00fcngst entdeckten V\u00f6lker zum Menschengeschlecht oder nicht? Sind sie im Erl\u00f6sungsplan Christi vorgesehen? Sind sie Gesch\u00f6pfe des lebendigen Gottes oder eine kaum noch menschliche Unterart der Menschheit? Haben Indianer eine Seele? Ist Christus auch f\u00fcr sie gestorben? (3, S. 178).<\/p>\n<blockquote><p><strong>Disputation <\/strong><strong><br \/>\n<\/strong><em>In der Aula zu Toledo<\/em><br \/>\n<em>Klingen schmetternd die Fanfaren;<\/em><br \/>\n<em>Zu dem geistlichen Turnei<\/em><br \/>\n<em>Wallt das Volk in bunten Scharen.<\/em><br \/>\n<em>Das ist nicht ein weltlich Stechen,<\/em><br \/>\n<em>Keine Eisenwaffe blitzet \u2013<\/em><br \/>\n<em>Eine Lanze ist das Wort,<\/em><br \/>\n<em>Das scholastisch scharf gespitzet.<\/em><br \/>\n<em>Nicht galante Paladins<\/em><br \/>\n<em>Fechten hier, nicht Damendiener \u2013<\/em><br \/>\n<em>Dieses Kampfes Ritter sind<\/em><br \/>\n<em>Kapuziner und Rabbiner.<\/em><br \/>\n<em>Statt des Helmes tragen sie<\/em><br \/>\n<em>Schabbesdeckel und Kapuzen;<\/em><br \/>\n<em>Skapulier und Arbekanfe\u00df<\/em><br \/>\n<em>Sind der Harnisch, drob sie trutzen.<\/em><br \/>\n<em>Welches ist der wahre Gott?<\/em><br \/>\n<em>Ist es der Hebr\u00e4er starrer<\/em><br \/>\n<em>Gro\u00dfer Eingott, dessen K\u00e4mpe<\/em><br \/>\n<em>Rabbi Juda, der Navarrer?<\/em><br \/>\n<em>Oder ist es der dreifaltge<\/em><br \/>\n<em>Liebegott der Christianer,<\/em><br \/>\n<em>Dessen K\u00e4mpe Frater Jos\u00e9<\/em><br \/>\n<em>Gardian der Franziskaner?<\/em><br \/>\n<em>Durch die Macht der Argumente,<\/em><br \/>\n<em>Durch der Logik Kettenschl\u00fcsse<\/em><br \/>\n<em>Und Zitate von Autoren,<\/em><br \/>\n<em>Die man anerkennen m\u00fcsse,<\/em><br \/>\n<em>Will ein jeder K\u00e4mpe seinen<\/em><br \/>\n<em>Gegner ad absurdum f\u00fchren<\/em><br \/>\n<em>Und die wahre G\u00f6ttlichkeit<\/em><br \/>\n<em>Seines Gottes demonstrieren.<\/em><br \/>\nHeinrich Heine (1, S. 440)<\/p><\/blockquote>\n<h5>\u201eDie Ureinwohner sind nat\u00fcrliche Sklaven!\u201c<\/h5>\n<p><em>Juan Gin\u00e9s de Sep\u00falveda<\/em> vertrat die Interessen der vom Encomienda-System profitierenden spanischen Siedler und Landbesitzer. Er sah die Ureinwohner Amerikas als Barbaren und nat\u00fcrliche Sklaven an und suchte \u2013 aufbauend auf dem aristotelischen Naturrechtsdenken \u2013 die \u201eInferiorit\u00e4t\u201c (Minderwertigkeit) der Indianer zu belegen. Seiner Meinung nach handelte es sich bei ihnen nicht um menschliche Wesen. Versklavung und Sklavenarbeit w\u00e4ren daher aus dem Naturrecht gerechtfertigt, genauso wie die damit verbundene Gewaltanwendung. \u2013<\/p>\n<p>Wer Menschen unterdr\u00fccken oder gar ermorden will, kann solche Verbrechen vor sich selbst und anderen am bequemsten rechtfertigen, wenn er den Unterdr\u00fcckten die Menschenw\u00fcrde abspricht. Das war w\u00e4hrend der Kolonialzeit nicht anders als bei den ideologisch, rassistisch oder religi\u00f6s-fundamentalistisch begr\u00fcndeten Exzessen des 20. und 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Gegen die grausame Behandlung der Indios durch die spanischen Herren wandte sich entschieden<em> Bartolom\u00e9 de Las Casas<\/em>, der \u201eApostel der Indianer\u201c. Die aristotelische Vorstellung von den \u201eBarbaren\u201c oder \u201enat\u00fcrlichen Sklaven\u201c war aus seiner Sicht auf die Indios nicht anwendbar. Denn diese w\u00e4ren bereits zum vollen Vernunftgebrauch gelangt, w\u00e4hrend Aristoteles den \u201enat\u00fcrlichen Sklaven\u201c den vollen Gebrauch der Vernunft abspricht.<\/p>\n<p>Auch das Argument Sep\u00falvedas, dass die Unterlegenheit der Indios durch die von ihnen begangenen <em>\u201ewidernat\u00fcrlichen Verbrechen des G\u00f6tzenkultes und des Kannibalismus\u201c bewiesen sei&#8220;<\/em>, lie\u00df Las Casas nicht gelten. Er meinte, man k\u00f6nne kein Volk f\u00fcr Handlungen bestrafen, \u00fcber deren Kriminalit\u00e4t es sich nicht bewusst sei und unterstrich seine Argumentation mit Berichten von pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit Indianern. F\u00fcr ihn waren die Indios Menschen mit einer Seele, die der g\u00f6ttlichen Gnade teilhaftig werden konnten. Nach seiner Meinung durfte kein Volk je gezwungen werden, sich aufgrund seiner angeblichen Unterlegenheit einem anderen Volk zu unterwerfen. Auch das Christentum d\u00fcrfe man nicht durch das Schwert verbreiten.<\/p>\n<p>Die Disputation stagnierte schlie\u00dflich auf theoretischer Ebene. Ihr Ausgang blieb offen und beide Parteien sahen sich als Sieger.<\/p>\n<h5>\u00a0<strong>Die Gier der Ausbeuter entscheidet <\/strong><\/h5>\n<p>Wie in der Vergangenheit fast immer, triumphierte auch am spanischen Hof eines \u201eKatholischen K\u00f6nigs\u201c<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-admin\/#_edn1\">[i]<\/a> der Mammon<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-admin\/#_edn2\">[ii]<\/a> \u00fcber die christliche Ethik.<\/p>\n<p>Hinter <em>Juan Gin\u00e9s de Sep\u00falveda<\/em> standen die Reichen und das spanische Schatzamt; enorme wirtschaftliche Interessen standen auf dem Spiel. Also ging \u2013 ungeachtet der ethischen Bedenken \u2013 die gewaltsame Expansion der spanischen Kolonien weiter, und die Misshandlungen der Indianer wurden nicht gestoppt.<\/p>\n<p>Die \u201eIndianergesetze\u201c von 1452 blieben in zwar Kraft, sie wurden aber in den Kolonien nicht durchgesetzt. Die Sklaven auf iberischem Boden kamen frei, w\u00e4hrend die Millionen gefangener Indianer, die in den amerikanischen Minen oder auf den Encomiendas schufteten, ihr schreckliches Schicksal weiter ertragen mussten. (3, S. 180).<\/p>\n<p>Ein klassisches Beispiel f\u00fcr den Sieg der Realpolitik \u00fcber die Moral?<\/p>\n<p>Vergleiche mit dem Neo-Kolonialismus und dem Neo-Liberalismus in unserer Zeit dr\u00e4ngen sich auf \u2026<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><br \/>\n(1) Heine Heinrich, Werke Erster Band, Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln, Berlin, o. J.<br \/>\n(2) Las Casas Bartolom\u00e9 de, Kurzgefa\u00dfter Bericht von der Verw\u00fcstung des westindischen Landes, Frankfurt a. M., 1990.<br \/>\n(3) Ziegler, Jean, Der Hass auf den Westen, Bertelsmann, M\u00fcnchen, 2009<br \/>\n<strong>Endnoten:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-admin\/#_ednref1\">[i]<\/a> \u201eKatholische K\u00f6nige\u201c war der Titel, den Papst Alexander V. nach der Vertreibung der Mauren (1492) dem Herrscherpaar Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon verlieh.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wp-admin\/#_ednref2\">[ii]<\/a> Mammon = Besitz; im Neuen Testament der irdische Besitz im Sinne des Verf\u00fchrerischen (Matth. 6, 24; Luk. 16, 13) und des ungerechten Gewinns (Luk. 16,9; 11).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0(Ver\u00f6ffentlicht in Gralswelt 61\/2010) Wie in der \u201eDisputation von Valladolid\u201c vor nicht einmal 500 Jahren dar\u00fcber gestritten wurde, ob Indianer eine Seele haben und im Erl\u00f6sungsplan Christi eine Rolle spielen.\u00a0 Wer Heinrich Heine gelesen hat, erinnert sich vielleicht an dessen Ballade \u00fcber eine Disputation im mittelalterlichen Spanien. 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