{"id":1066,"date":"2009-05-10T13:18:30","date_gmt":"2009-05-10T12:18:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?page_id=1066"},"modified":"2025-01-09T11:10:29","modified_gmt":"2025-01-09T10:10:29","slug":"wop-bleibt-die-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/fr\/economie-et-social\/wop-l-espoir-reste\/","title":{"rendered":"O\u00f9 est l&#039;espoir pour les pauvres du monde ?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>(Ver\u00f6ffentlich in GralsWelt 14\/2000)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>Gescheiterte Entwicklungshilfe, abgewirtschafteter Kommunismus: Liegt der Zukunftsglaube im Islam?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die zerst\u00f6rten St\u00e4dte in Europa wie in Fernost schneller wieder aufgebaut als erwartet. So begann eine Zeit der Hoffnung: Die Weltwirtschaft entwickelte sich, und alles schien mit Technik und Demokratie machbar. Denn es gab keineswegs nur ein deutsches \u201eWirtschafts\u00adwunder&#8220;; sondern auch der Aufstieg Japans oder die rasante Entwicklung S\u00fcdkoreas nach dem Koreakrieg (1953) schienen alle optimistischen Prognosen zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Dieser Optimismus war nicht auf die \u201ekapitalistische&#8220; Welt beschr\u00e4nkt. Auch jenseits des \u201eeisernen Vorhanges&#8220; waren die Menschen \u00fcberzeugt, dass ihnen der Aufbau ihres Landes und der Schritt in eine bessere Zukunft gelingen werde.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"right\"><em>Ich rufe Wehe \u00fcber diese Welt:<br \/>\n<\/em><em style=\"font-size: revert;\">Ich rufe Wehe, weil sie mir gef\u00e4llt;<br \/>\n<\/em><em style=\"font-size: revert;\">ich rufe dreimal Wehe, weil sie, grausam,<br \/>\n<\/em><em style=\"font-size: revert;\">was sie verspricht, dem Hungernden nicht h\u00e4lt\u00ad.<br \/>\n<\/em>Paul de Lagarde (1827-1891)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Im globalen Ma\u00dfstab gab es dennoch gro\u00dfe Verwerfungen: In vie\u00adlen L\u00e4ndern der \u201eDritten Welt&#8220; &#8211; meist auf der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re angesiedelt &#8211; herrschte die bitterste Armut, und ein \u201emenschenw\u00fcrdiges Leben&#8220; (was immer man darunter verstehen mag) schien f\u00fcr die Armen der Welt weit, weit entfernt.<\/p>\n<p>Hier setzte der gro\u00dfe Gedanke der Entwicklungshilfe an. Die Industriel\u00e4nder &#8211; besonders, aber nicht ausschlie\u00dflich, die des Westens &#8211; wollten den unterentwickelten Nationen des S\u00fcdens mit Know-how und Kapital beistehen, um Unwissen\u00adheit, Krankheit, Armut zu \u201ebek\u00e4mpfen&#8220; und vernachl\u00e4ssigten Menschen selbst in vergessenen Regionen eine bessere Zukunft zu er\u00f6ffnen. Leider ist dieses Ziel der \u201eHilfe zur Selbsthilfe&#8220; oft unerreicht geblieben, und viele L\u00e4nder der Erde sind heute \u00e4rmer als vor einem halben Jahrhundert.*)<\/p>\n<p>Wo auch die Entwicklungshilfe das Los der Armen nicht bessern konnte, wo trotz aller Versprechungen der Politiker sich die wirtschaftliche Lage sogar noch verschlechterte meist weil die Bev\u00f6lkerung schneller wuchs als die Wirtschaft, dort verspra\u00adchen marxistische Ideologen das Ende von Ungerechtigkeit und Misswirtschaft, sofern nur &#8211; nach dem Vorbild der Sowjetunion &#8211; ein sozialistischer Staat errichtet w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Seit der russischen Revolution im Jahre 1917 wurde der Kommu\u00adnismus zur Hoffnung der Armen der Welt; zur Sehnsucht der unterentwickelten oder unterdr\u00fcckten V\u00f6lker, die sich &#8211; zu Recht oder zu Unrecht &#8211; von Kapitalisten ausgebeutet f\u00fchlten und nach einer gerechteren, ihre Bed\u00fcrfnisse besser ber\u00fcck\u00adsichtigenden Weltordnung verlangten.<\/p>\n<p>In nicht wenigen L\u00e4ndern fanden entsprechende Parolen ideolo\u00adgischer Propagandisten Anklang. China, Nordkorea, Vietnam, Kuba, Venezuela und viele weitere Staaten bekannten sich zum Sozialis\u00admus. \u00c4hnlich der Sowjetunion und dem von ihr dominierten Ostblock, versuchten auch diese L\u00e4nder, die von den Gr\u00fcnderv\u00e4tern der kommunistischen Bewegung gewie\u00adsenen Wege zu gehen. Wie wir heute wissen, mit negativem wirt\u00adschaftlichem und sozialem Ergebnis.<\/p>\n<p>Die Hoffnung auf den Sozialismus als Retter ist sp\u00e4testens seit 1989 zusammengebrochen. Der gewaltige Gro\u00dfversuch, in dem hunderte von Millionen Menschen zum Kommunismus erzogen werden sollten, ist nach sieben Jahrzehnten gescheitert. Das Sowjetsystem erwies sich als untauglich, das Armutsproblem zu l\u00f6sen. Offensichtlich eigneten sich die marxistischen Theoreme weder zum Aufbau einer florierenden Wirtschaft noch zur Er\u00adziehung des Menschen\u00ad. Diese Erkenntnis ist f\u00fcr manchen \u201elinken&#8220; Idealisten schmerz\u00adlich, doch l\u00e4sst sie sich nicht l\u00e4nger leugnen oder verdr\u00e4ngen\u00ad. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es sich beim Marxismus um eine \u201e\u00f6konomische&#8220; Theorie handelt, und der praktizierte Sowjet\u2011Sozialismus ausgerechnet an seiner total verrotteten \u00d6konomie zugrunde gegangen ist.<\/p>\n<p>Von besonderer Bitterkeit ist der Zusammenbruch des sowjeti\u00adschen Sozialismus f\u00fcr die Armen der Welt. Ihre einzige, die vielleicht letzte Hoffnung war die Erwartung einer kommenden sozialistischen Ordnung, die ihnen endlich Gerechtigkeit und bescheidenen Wohlstand bringen sollte. Diese Zukunftshoffnung ist zerschlagen, und viele stehen ratlos vor dem anscheinend absoluten Sieg der \u201ekapitalistischen&#8220; oder \u201emarktwirtschaftli\u00adchen&#8220; Wirtschaftsweise, die sich gegen\u00fcber der vom Staat gelenk\u00adten Wirtschaft als haushoch \u00fcberlegen erwies. Ist aber der von vielen Menschen zu Recht ungeliebte Extrem\u2011Kapitalismus die ultima ratio?<\/p>\n<p>In verschiedensten L\u00e4ndern wird versucht, die durch den Nieder\u00adgang der marxistischen Ideologie aufgerissene L\u00fccke mit einer anderen Weltschau zu schlie\u00dfen: dem Islam. \u00adIn Europa wird gerne vom \u201efundamentalistischen&#8220; Islam gespro\u00adchen, sobald wir von religi\u00f6sen Eiferern h\u00f6ren, welche alle Pro\u00adbleme mit dem Koran und der Scharia**) zu l\u00f6sen versprechen; eine Verhei\u00dfung die mittelalterlich anmutet.<\/p>\n<p>Doch was uns \u00fcberholt scheinen mag, was unter Mitteleurop\u00e4ern kaum viele Anh\u00e4nger mobilisieren k\u00f6nnte, wirkt auf Arme und Benachteiligte in isla\u00admischen L\u00e4ndern oft \u00fcberzeugend. Diese sehnen sich nach einer gerechten Weltordnung, und wer sonst k\u00f6nnte eine solche Ordnung schaffen, wenn nicht ein gottgesandter Prophet?<\/p>\n<p>Eine m\u00f6glicherweise bevorstehende geistige Auseinandersetzung des sich \u201echristlich&#8220; nennenden Westens mit dem Islam wird dann schwieriger werden als die Kontroverse mit dem Sozialismus. Der Islam bietet eine in Jahrhunderten entwickelte Theologie auf der Basis einer von den Muslimen als gottgegeben anerkannten Offenbarung, die sich mit philosophischen Mitteln kaum angrei\u00adfen oder gar widerlegen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zudem haben wir allen Grund, die Sehns\u00fcchte Benachteiligter ernst zu nehmend, aber wenig Anlass, uns \u00fcber den Islam &#8211; ob fun\u00addamentalistisch oder vertieft\u2011religi\u00f6s &#8211; zu erheben. Die L\u00fccken, in die er vorst\u00f6\u00dft, hat nicht allein der Zusammenbruch der sozi\u00adalistischen Ideologien aufgerissen.<\/p>\n<p>Westliche Politik hatte \u00fcber viele Jahrzehnte gr\u00f6\u00dften Einfluss auf die Mehrzahl der isla\u00admischen L\u00e4nder. Doch die Politiker der westlichen Welt konnten dort so wenig \u00fcberzeugen, wie das von Europ\u00e4ern und Amerikanern praktizierte Christentum. Kein Wunder, dass heute die Entwicklungs\u00adl\u00e4nder vom Abendland, von Europa, von Amerika oder von der UNO keine wahre Hilfe, keine geistigen Vorbilder erhoffen. Also greifen sie zur\u00fcck auf ihre eigenen Traditionen, auf angestammte Religionen, um endlich die Gerechtigkeit zu finden, die ihnen bisher von den verschiedensten Machthabern verweigert wurde.<\/p>\n<p>So werden aller Voraussicht nach die islamischen L\u00e4nder ihre eigenen Wege suchen, deren Richtung auch davon abh\u00e4ngen wird, in wie weit fundamentalistische Prediger die Massen begeistern und neue Anh\u00e4nger des Propheten gewinnen.\u00ad<\/p>\n<p>Ob die in Kultur und Geschichte durchaus verschiedenen islami\u00adschen Staaten sich zusammenschlie\u00dfen zu einem Block der Muslime oder zu mehreren islamischen Gruppierungen, bleibt offen; sicher scheint allerdings, dass sie die Zukunft anders gestalten, bessere Probleml\u00f6sungen finden wollen, als der Westen\u00ad.<\/p>\n<p>Der Weg islamischer V\u00f6lker in ihre Zukunft wird sich daher von dem Weg des Okzidents aller Voraussicht nach ebenso deutlich unterscheiden, wie von den Wegen der aufstrebenden Staaten Ostasiens. Ob in islamischen L\u00e4ndern die Scharia den Bed\u00fcrfnissen der Armen und Entrechteten besser gerecht werden kann als andere religi\u00f6se, politische, ideologische Ans\u00e4tze, wird sich dann wohl erweisen. &#8211;<\/p>\n<p>Lesen Sie dazu noch unter &#8222;Buchbesprechungen&#8220; den Beitrag &#8222;&#8220;<a href=\"http:\/\/Krieg der Religionen\" data-wplink-url-error=\"true\">Krieg der Religionen<\/a>&#8222;, und unter &#8222;Wirtschaft und Soziales&#8220; den Beitrag <a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/wirtschaft-und-soziales\/die-intelligenz-tickt-links\/\">&#8222;Die Intelligenz tickt links&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Endnote:<br \/>\n<\/strong>*) Zur gescheiterten Entwicklungshilfe in Afrika lesen Sie in &#8222;<a href=\"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/okologie\/kommt-die-apokalypse-der-religionen\/\">Welche Apokalypse kommt?<\/a>&#8220; die Endnote [v] unter &#8222;\u00d6kologie&#8220;.\u00a0<strong><br \/>\n<\/strong>**) Scharia (Scheria) ist das religi\u00f6se Gesetz des Islams. Es wird von der Vor\u00adstellung der Identit\u00e4t von Staat und Religionsgemeinschaft bestimmt und ist staatliches und religi\u00f6ses Recht zugleich. Die Scharia wird auf Gott als Oberhaupt und obersten Gesetzgeber zur\u00fcckgef\u00fchrt\u00ad.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ver\u00f6ffentlich in GralsWelt 14\/2000) Gescheiterte Entwicklungshilfe, abgewirtschafteter Kommunismus: Liegt der Zukunftsglaube im Islam? Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die zerst\u00f6rten St\u00e4dte in Europa wie in Fernost schneller wieder aufgebaut als erwartet. So begann eine Zeit der Hoffnung: Die Weltwirtschaft entwickelte sich, und alles schien mit Technik und Demokratie machbar. 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