{"id":687,"date":"2009-04-16T15:58:54","date_gmt":"2009-04-16T14:58:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/?page_id=687"},"modified":"2021-12-06T12:24:15","modified_gmt":"2021-12-06T11:24:15","slug":"prophetissa-teutonica","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siegfriedhagl.com\/en\/history-of-religion\/prophetissa-teutonica\/","title":{"rendered":"Prophetissa Teutonica"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>(Ver\u00f6ffentlicht in GralsWelt 8\/1998)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Die deutsche Prophetin<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Es war der Staufer Friedrich I. &#8211; Kaiser Barbarossa &#8211; der <strong>Hildegard von Bingen<\/strong> (1098 &#8211; 1179) so nannte. Aber so ber\u00fchmt die Seherin zu Lebzeiten war, nach ihrem Tod gerieten ihre Visionen, geriet ihr Werk in Vergessenheit. Im Jahrhundert nach ihr (13. Jh.) begannen die Kloster- und Kathedralschulen an Einfluss zu verlieren, und die Zukunft geh\u00f6rte einer neuen Art gelehrter Genossenschaft, aus der sich die Universit\u00e4ten entwickeln sollten. In diesen Kreisen studierte man Aristoteles, und das Denksystem der \u201eLogik&#8220; verdr\u00e4ngte die \u201eMystik&#8220;. Auch die mittelalterliche Religiosit\u00e4t wurde bald weniger von Vision\u00e4ren gepr\u00e4gt als von Gelehrten wie Albertus Magnus oder Thomas von Aquin.<\/p>\n<p>In den religi\u00f6sen Schriften der Hildegard von Bingen nehmen Schauungen eines endzeitlichen Geschehens einen bedeutenden Raum ein. Es sind dramatische Bilder, die von Hildegard vermittelt werden, und sie beschreibt ihre Visionen aus dem mittelalterlichen Weltverst\u00e4ndnis. Ihr Werk kann man nach Umfang und Bedeutung in die N\u00e4he von Dantes \u201eG\u00f6ttlicher Kom\u00f6die&#8220; r\u00fccken. Eine Deutung ihrer Gesichte ist nicht einfacher als ein Verst\u00e4ndnis der \u201eGro\u00dfen Apokalypse&#8220;, der Johannes-Offenbarung. Man kann nur mit aller Vorsicht zu ersp\u00fcren versuchen, was die gro\u00dfe Seherin des Mittelalters uns heute noch zu sagen hat. Allerdings hat Geschautes, das Wahrheit in sich tr\u00e4gt, f\u00fcr alle Zeiten G\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>In Hildegards Weltbild ist ein erhabener Gottesbegriff die Mitte und die H\u00f6he. Sie sieht Gott gr\u00f6\u00dfer, als die gew\u00f6hnlich vermittelten kirchlichen Lehren ihn schildern. Der ihr in den Visionen gek\u00fcndete Sch\u00f6pfer ist mehr als ein machtvoller K\u00f6nig im himmlischen Reiche, der mit willk\u00fcrlichen Entscheidungen in das menschliche Leben eingreift:<\/p>\n<p><em>\u201eGott aber, der alles vorher Erw\u00e4hnte geschaffen hat, ist das alleinige Leben, aus dem alles Leben atmet, wie ja auch der Sonnenstrahl aus der Sonne stammt, und Er ist das Feuer, von dem jedes Feuer, das sich auf die Seligkeit richtet, angez\u00fcndet wird, gleichwie die Funken vom Feuer ausgehen. (&#8230;) Gott ist ein Einziger und durch sich selbst und in sich selbst. Von keinem anderen erhielt Er das Sein. Vielmehr hat jede Kreatur das Dasein von Ihm.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>In den Visionen Hildegards ist das \u201eJ\u00fcngste Gericht&#8220; eine Folge des S\u00fcndenfalls. Nach vielf\u00e4ltigen Katastrophen endet es mit der endg\u00fcltigen Reinigung der Sch\u00f6pfung von allem \u00dcbel sowie der Vernichtung Satans. Bevor es zu diesem Ende kommt, sieht Hildegard f\u00fcnf Zeitabschnitte, die von einem fortschreitenden Abstieg menschlichen Verhaltens gezeichnet sind:<\/p>\n<p><em>\u201eDu siehst nach Norden und siehe, da stehen f\u00fcnf wilde Tiere. Sie versinnbildlichen den wilden, wider sich selbst rasenden Lauf von f\u00fcnf zeitlichen Reichen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Diesen wilden Tieren &#8211; ein feurig gl\u00fchender Hund, ein gelber L\u00f6we, ein fahles Pferd, ein schwarzes Schwein und ein grauer Wolf &#8211; sind bestimmte menschliche Schlechtigkeiten zugeordnet, wie: Aggressivit\u00e4t, Begierden aller Art, Unzucht, heuchlerische Heiligkeit, Machtspiel, Raub, Mord, Totschlag, Verschlagenheit, Lauheit. Man hat versucht, in den \u201ef\u00fcnf zeitlichen Reichen&#8220; bestimmte Geschichtsepochen zu erkennen. Aber Hildegards Visionen lassen h\u00f6here Einblicke, weltumspannende Schauungen vermuten, die sich kaum in den engen Kreis von ein paar Jahrhunderten irdischer Geschichte pressen lassen.<\/p>\n<p>Es lie\u00dfe sich aufgrund der ausf\u00fchrlich \u00fcberlieferten apokalyptischen Gesichte Hildegards ein Bild von den Ereignissen der \u201eletzten Tage&#8220; entwerfen, denn sie schildern anschaulich, wie sich dieses noch nie dagewesene Geschehen auf unserer Erde auswirken wird. Der seit Jahrtausenden eingeschlagene Weg des von Gott abgewendeten Wollens und Denkens wird am \u201eEnde der Zeiten&#8220; seinen H\u00f6hepunkt erreichen. Eine entsprechende Bewusstseinshaltung w\u00fcrde dann mehr oder weniger die ganze Menschheit erfassen. In dieser verfehlten geistigen Einstellung darf man einen krassen Materialismus vermuten und parallel dazu eine st\u00e4ndig wachsende Reduzierung ethischer Werte. Diesen Gedanken best\u00e4tigt eine \u00fcberraschend pr\u00e4zise Beschreibung Hildegards:<\/p>\n<p><em>\u201eMit gebeugtem K\u00f6rper und Geist werden diejenigen das Untier der Bosheit anbeten, die das Zelt ihres Herzens fest an irdische Dinge geheftet haben, &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Aber die Menschheit wird erkennen (m\u00fcssen), wohin das beengte, nur das Irdische ber\u00fccksichtigende Denken und Handeln f\u00fchrt. Hildegard \u201eschaut&#8220; (im \u201eBuch vom verdienstvollen Leben&#8220;), wie sich die Elemente an einen Gottgesandten, den \u201eMann Gottes&#8220;, wenden:<\/p>\n<p><em>\u201eUnd ich h\u00f6rte, wie sich mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt an den Mann Gottes wandten. Und sie riefen: \u2018Wir k\u00f6nnen nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer M\u00fchle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit.&#8216; Ihnen antwortete der Mann: \u2018Mit meinem Besen will ich euch reinigen und die Menschen so lange heimsuchen, bis sie sich wieder zu Mir wenden &#8230;<\/em><br \/>\n<em> Doch nun sind alle Winde voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so dass die Menschen nicht einmal recht ihren Mund aufzumachen wagen. Auch welkte die gr\u00fcne Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer Lust folgen sie nach und l\u00e4rmen: ,Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?&#8216;<\/em><br \/>\n<em> Ihnen antworte ich: ,Seht ihr Mich denn nicht Tag und Nacht? Seht ihr Mich nicht, wenn ihr s\u00e4t und wenn die Saat aufgeht von Meinem Regen benetzt? Ein jedes Gesch\u00f6pf strebt hin zu seinem Sch\u00f6pfer und erkennt ganz klar, dass nur Einer es hervorgebracht hat. Nur der Mensch ist ein Rebell&#8216; &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Menschen selbst haben ihre Welt verdorben, aber Hildegard sieht auch, wie es nach der gro\u00dfen Reinigung sein wird:<\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; die Elemente [werden] in gr\u00f6\u00dfter Klarheit und Sch\u00f6nheit aufleuchten, denn aller behindernder Schmutz und Dunkelheit ist von ihnen abgefallen. Dann leuchtet das Feuer ohne Glanz wie die Morgenr\u00f6te. Die Luft ist ohne Dichte und leuchtet ganz rein. Das Wasser steht klar und ruhig, weil es nicht hin und her bewegt wird, und die Erde erscheint ohne Verg\u00e4nglichkeit und Ungleichheit stark und eben. Gr\u00f6\u00dfte Ruhe und Sch\u00f6nheit herrschen dann. Sonne, Mond und Sterne sind wie kostbare Steine aus Gold und schimmern am Firmament mit gro\u00dfer Klarheit und viel Licht. Die Nacht der Finsternis weicht sodann dem ewig jungen Tag.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte der Hinweis sein auf eine Zeit, eine Gnadenfrist als geistige Schule f\u00fcr alle Menschen, die lernen wollen, den rechten Weg zu gehen, d. h. in Beachtung der Gottesgesetze zu leben. Denn die letzte Entscheidung \u00fcber Sein oder Nicht-Sein im Geistigen steht noch bevor, und Hildegard sagt dazu:<\/p>\n<p><em>\u201eDoch wann nach dem Falle des Gottlosen mit der Aufl\u00f6sung der Welt der J\u00fcngste Tag anbrechen wird, danach soll der sterbliche Mensch nicht forschen. Er kann diesen Tag nicht wissen, denn der Vater h\u00e4lt ihn verborgen im Geheimnis seines Ratschlusses. Bereitet euch, ihr Menschen, zum Gericht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Johannes, der gro\u00dfe Prophet des Neuen Testaments, mit seiner \u201eOffenbarung&#8220; und Hildegard, die gro\u00dfe \u201eProphetissa teutonica&#8220;, die gro\u00dfe deutsche Prophetin, die uns um 1000 Jahre n\u00e4her ist, mahnen mit der gleichen Stimme zu Einsicht und Umkehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ver\u00f6ffentlicht in GralsWelt 8\/1998) Die deutsche Prophetin Es war der Staufer Friedrich I. &#8211; Kaiser Barbarossa &#8211; der Hildegard von Bingen (1098 &#8211; 1179) so nannte. Aber so ber\u00fchmt die Seherin zu Lebzeiten war, nach ihrem Tod gerieten ihre Visionen, geriet ihr Werk in Vergessenheit. Im Jahrhundert nach ihr (13. 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