Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Darwin und die Evolution Teil 4

Das Gesetz des Dschungels

Veröffentlicht in Gralswelt Sonderheft 21/2008

Es konnte nicht lange dauern, bis der „Kampf ums Dasein” auf die Gesellschafts- und Sozialpolitik übertragen, und damit in ideologische Auseinandersetzungen hineingezogen wurde. So entstand der Sozialdarwinismus. Dessen Gegner sehen ihn als die Übertragung des „Gesetzes des Dschungels” in die menschliche Gesellschaft.
Leider hat sich Darwin zu wenig für die Anwendungen seiner Theorie auf politische und gesellschaftliche Aspekte interessiert. So hat er versäumt, sich rechtzeitig und entschieden genug gegen die Verallgemeinerung seiner Gedanken auf naturwissenschaftsfremde Gebiete zu verwahren. Seit 1880 lehnte er allerdings die Übertragung des Evolutionismus auf die menschliche Gesellschaft ausdrücklich ab (12).
Das Überleben der Tüchtigsten
Im viel diskutierten und oft genug missverstandenen „Kampf ums Dasein” geht es in der Natur um das „Überleben der Passendsten”, womit gemeint ist: Die am besten an ihre gegenwärtige Umwelt Angepassten. Darwin verwendete allerdings die Formulierung „survival of the fittest” erst seit 1866, wohl unter dem Einfluss Spencers (s.u.).
Demnach haben die Individuen, die mit ihrer Umwelt am besten zurechtkommen (was nicht unbedingt passive Angepasstheit bedeutet), die größten Chancen Nachkommen großzuziehen, die dann ihre Eigenschaften (durch Vererbung) weitergeben. Streng darwinistisch gesehen, wird die Art am besten überleben, welche die meisten Nachkommen hervorbringt.
Bezogen auf die menschliche Gesellschaft, würden nicht die Gruppen oder die Eliten die Zukunft bestimmen, die Karriere machen und große Vermögen zu vererben haben. Auch nicht die, die sinnreiche Erfindungen oder bewunderte Kunstwerke erschufen, sondern die Teile der Bevölkerung oder die Ethnien mit den meisten Nachkommen.
Das hat sich anscheinend beim Untergang Roms gezeigt. Die Römer hatten wenige, die Germanen viele Kinder . Da die Politik der Römer darin versagte, die Germanen ins Römische Reich zu integrieren und zu Römern zu machen, erschöpfte sich das Römische Reich in kriegerischen Auseinandersetzungen bis es zerbrach. Wer waren dann die „Tüchtigsten” im darwinistischen Sinn, die überlebten: Die Römer waren Erbauer eines Weltreiches und Träger einer Hochkultur, der Grundlage späterer europäischer Kulturen. Aber sie hatten halt zu wenig Nachkommen. Waren die Germanen die evolutionistisch Erfolgreichen, die sich aufgrund ihrer Populationsdynamik ausbreiten und eine müde gewordene Zivilisation zerstören konnten?
So betrachtet sind Rassentheorien, wie z. B. von Graf Joseph-Arthur Gobineau (1816-1882) oder Houston Stewart Chamberlain (1885-1927), missverstandener Darwinismus (6, S. 105). Doch blieben sie nicht ohne Wirkung und trugen dazu bei, das 20. Jahrhundert zu einem „dunklen Jahrhundert” zu machen.

Der Kampf ums Dasein
Darwin gilt heute nicht unbedingt als Rassist, doch der von ihm geschilderte „Kampf ums Dasein” wurde auf gesellschaftliche und ethnische Auseinandersetzungen übertragen:
„Ein Kampf ums Dasein folgt unvermeidlich aus dem starken Verhältnisse, in welchem sich alle Organismen zu vermehren suchen. Jedes Wesen, das während seiner natürlichen Lebenszeit mehrere Eier oder Samen hervorbringt, muss während einer Periode seines Lebens zu einer gewissen Jahreszeit oder einem zufälligen Jahre eine Zerstörung erfahren, sonst würde seine Zahl in geometrischer Progression rasch zu so außerordentlicher Größe anwachsen, dass keine Gegend das Erzeugte zu ernähren im Stande wäre.
Wenn daher mehr Individuen erzeugt werden, als möglicher Weise fortbestehen können, so muss jedenfalls ein Kampf um das Dasein entstehen…
Es ist die Lehre von MALTHUS , in verstärkter Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich übertragen; denn in diesem Fall ist keine künstliche Vermehrung der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heiraten möglich. Obwohl daher einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher Zunahme begriffen sein mögen: alle können es nicht zugleich, die Welt würde sie nicht fassen.
Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass jedes organische Wesen sich auf natürliche Weise in dem Grade vermehrt, dass, wenn nicht Zerstörung einträte, die Erde bald von der Nachkommenschaft eines einzigen Paares bedeckt sein würde. Selbst der Mensch, welcher sich doch nur langsam vermehrt, verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren, und bei so fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach einigen Tausend Jahren buchstäblich keinen Raum mehr für seine Nachkommenschaft haben.”
Aus „Entstehung der Arten” (2, S. 85 f.) 

Darwin als Rassist?
Aus Darwins Schriften lassen sich rassistische Vorurteile ableiten; ganz im Stil seiner Zeit, in der man von „höheren” und „niedrigeren” Menschenrassen sprach und sich in Anlehnung an Malthus (GW 43/2007) fragte, in wie weit die Armenfürsorge und weitere soziale Leistungen angebracht seien. Auch Darwin hat Gedanken angestoßen, die später in sehr drastischer Form in der menschenverachtenden Eugenik auftauchten:
„Auf der anderen Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess dieser Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtsstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und die Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Ärzte strengen die größte Geschicklichkeit an, das Leben eines jeden bis zum letzten Augenblick noch zu erhalten. Es ist Grund vorhanden anzunehmen, dass die Impfung Tausende erhalten hat, welche infolge ihrer schwachen Konstitution früher den Pocken erlegen wären. Hierdurch geschieht es, dass auch die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft ihre Art fortpflanzen. Niemand, welcher der Zucht domestizierter Tiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich sein muss” (3, S. 251).
Herbert Spencer (1820-1903)
Der englische Philosoph Spencer verallgemeinerte Darwins Vorstellungen von einer Evolution in der Natur. Seine evolutionäre Entwicklungsphilosophie nimmt ein universales Entwicklungsgesetz an, das in Natur, Geschichte, Gesellschaft vorherrscht. Auch Darwins „Überleben der Tüchtigsten” (survival of the fittest) soll unter dem Einfluss von Spencer formuliert worden sein.
Spencers Philosophie passte zum Lebensgefühl im viktorianischen England. Napoleon war nach zwei Jahrzehnten Krieg besiegt, ein riesiges Kolonialreich erobert und gesichert. Großbritannien war der reichste Staat der Welt. Diese Weltmacht bot aus ihrer Sicht das beste Beispiel für das Durchsetzungsvermögen der Tüchtigsten, nämlich der Angelsachsen, im Kampf ums Dasein, bei der Eroberung der Welt!
Ähnlich dachte man in Nordamerika. Dort träumten manche schon von der Eroberung Südamerikas und sogar Afrikas. Keinem geringeren als Theodore Roosevelt (1858-1919), dem 26. Präsidenten der USA, lieferten in seinem 4-bändigen Werk „The Winning of The West” (1889-96) sozialdarwinistische Ansätze die Rechtfertigung für die Verdrängung der Indianer (10).
Diese biologistischen Ideologien schwappten auf den alten Kontinent über. Sie fanden in so gut wie allen Ländern Europas wie in Übersee ihre Befürworter.
Das Recht des Stärkeren
Darwin sprach vom Überlebenskampf im Tier- und Pflanzenreich. Folgte man außerdem der Philosophie Herbert Spencers, dann führte ein weiterer, nur kleiner Schritt zu einer rüden politischen Ideologie: Ein „Kampf ums Dasein” zwischen und innerhalb menschlicher Gesellschaften. Beispielsweise wären nach Graham Sumner (1840-1910) „die Millionäre das Produkt der natürlichen Auslese”.
In diesem struggle for live überleben vor allem jene Tüchtigen, die sich dann – offen oder versteckt – auf das angeblich in der Natur dominierende Recht des Stärkeren berufen.
Dieses vermeintliche Naturrecht fand in einer Blütezeit von Kapitalismus, Imperialismus, Kolonialismus ebenso Anklang im breiten bürgerlichen Mittelstand, wie bei reichen Eliten und politischen Propagandisten. Nun ist es nicht mehr nötig, die passenden Bibelzitate zu finden, christliche Werte zu verbiegen, oder die freiheitliche Philosophie der Aufklärung mit ihrer Forderung nach Menschenrechten zu verdrehen: Man kann sich auf die Natur und deren Gesetze berufen, um Ausbeutung, Klassengesellschaft, Krieg, Profitgier, Rassismus, Unterdrückung, Völkermord zu rechtfertigen.
Auch Sprecher für die unterdrückten Unterschichten finden ihren Klassenkampf durch Darwin bestätigt. Karl Marx (1818-1883), der sein Hauptwerk „Das Kapital” nach der Lektüre von Darwin schrieb, sagte: „Darwins Buch ist sehr wichtig und dient mir als Grundlage in der natürlichen Auslese für den Klassenkampf in der Geschichte” (5, S. 131).
Thomas Henry Huxley (1825-1895)
Dieser wortgewandte Propagandist des Darwinismus kann aufgrund seiner Schrift „Der Kampf ums Dasein und seine Bedeutung für den Menschen” als einer der Begründer des Sozialdarwinismus gelten:
„Vom Gesichtspunkt des Moralisten ist die Tierwelt ungefähr auf dem selben Niveau wie der Gladiatorenkampf. Die Kämpfer werden gut genährt und zum Kampf losgelassen, wobei der Stärkste, Behändeste und Geriebenste leben bleibt, um noch am nächsten Tag zu kämpfen. Der Zuschauer braucht seinen Daumen nicht zu senken, denn kein Pardon wird gegeben…”
„…wie unter Tieren, so ziehen auch unter primitiven Menschen die Schwächsten und Dümmsten den kürzeren, während die Zähesten und Verschlagendsten, die am besten ausgerüstet waren, im Kampf mit den äußeren Umständen die Oberhand zu gewinnen, wenn sie auch sonst nicht die besten waren, überlebten. Das Leben war ein beständiger wilder Kampf und außer den beschränkten und zeitweiligen Beziehungen der Familie war der Hobbsche Krieg aller gegen alle der normale Daseinszustand” (7, S. 4)
Ernst Haeckel (1834-1919)
Dieser profilierte Apologet des Darwinismus in Deutschland distanzierte sich leider nicht von der rassistischen und politischen Brisanz des Sozialdarwinismus. So trug er beispielsweise mit einer Stellungnahme gegen die Vereinnahmung darwinistischer Gedanken durch Kommunisten und Sozialisten zur Ausbreitung sozialdarwinistischer Gedanken auf dem Kontinent bei:
„Der Darwinismus ist alles andere eher als sozialistisch! Will man dieser englischen Theorie eine bestimmte politische Tendenz beimessen – was allerdings möglich ist -, so kann diese Tendenz nur eine aristokratische sein, durchaus keine demokratische, und am wenigsten eine sozialistische!…
Der grausame und schonungslose ‚Kampf ums Dasein‘, der überall in der lebendigen Natur wütet und naturgemäß wüten muss, diese unaufhörliche und unerbittliche Konkurrenz alles Lebendigen, ist eine unleugenbare Tatsache. Nur die auserlesene Minderzahl der bevorzugt Tüchtigen ist imstande, diese Konkurrenz glücklich zu bestehen, während die große Mehrzahl der Konkurrenten notwendig elend verderben muss! Man kann diese tragische Tatsache tief beklagen, aber man kann sie weder wegleugnen noch ändern” (6, S. 49).
Fürst Peter Kropotkin (1842-1921)
Ein oft zitiertes Gegenmodell zum Kampf in der Natur liefert der „anarchistische Fürst” Kropotkin. Dieser russische Offizier, Naturforscher, Anarchist und Edelkommunist widerlegt allerdings nicht den Darwinismus (wie gelegentlich behauptet wird), sondern zeigt, dass sich ein rigoroser Darwinismus mit seinem angeblichen Kampf aller gegen alle nicht natürlich begründen lässt.
Im ersten Kapitel seiner Schrift von der „gegenseitigen Hilfe” (7) beschreibt Kropotkin die vielfache Zusammenarbeit in der Natur. Fischschwärme, Insektenstaaten, Vogelschwärme, Symbiosen, und unzählige weitere Tier- oder Pflanzengemeinschaften passen aber durchaus zu Darwins Postulat vom Überleben der am besten Angepassten.

Innerartliche Konkurrenz
„Auf den Reisen, die ich in meiner Jugend durch das östliche Sibirien und die nördliche Mandschurei machte, empfing ich zwei starke Eindrücke aus dem Reiche des Tierlebens. Der eine war die außerordentliche Härte des Kampfes um die Existenz, den die meisten Tierarten wider eine raue Natur zu führen haben; die in ungeheueren Dimensionen stattfindende Vernichtung von Lebewesen, die periodisch aus natürlichen Ursachen erfolgt, und die daraus sich ergebende spärliche Verteilung von Lebewesen über jenes weite Gebiet, das Gegenstand meiner Beobachtungen wurde. Den anderen Eindruck zeitigte folgende Bemerkung: selbst an den wenigen Orten, wo das Tierleben üppig gedieh, konnte ich, obwohl ich emsig darauf achtete, nicht jenen erbitterten Kampf um die Existenzmittel zwischen Tieren, die zur gleichen Art gehören, entdecken. Und es war dieser Kampf, der seitens der meisten Darwinisten – keineswegs aber ständig von Darwin selbst – als das typische Kennzeichen des Kampfes ums Dasein und als der Hauptfaktor der Entwicklung betrachtet wurde.
Fürst Peter Kropotkin (7, S. IIV)

Kropotkins Erfahrungen in Sibirien belegen, dass in der dortigen, extrem rauen Natur das Überleben vor allem durch die Witterungsbedingungen gefährdet ist, weniger durch Nahrungskonkurrenten oder Raubtiere. Die günstigsten Überlebenschancen hat, wer am besten mit den Härten der Umwelt zurechtkommt. Auch das passt durchaus zu Darwins Thesen.
Im größeren Teil seines Buches beschreibt Kropotkin Kooperationen in menschlichen Gemeinschaften als überlebensnotwendig. Dieser Widerlegung des Sozialdarwinismus muss man zustimmen. Denn es ist offensichtlich, dass ein einzelner Mensch, auf sich gestellt, oder auch eine zu kleine Gruppe nicht langfristig überleben kann; auch nicht in einer unberührten Natur mit Wäldern voller Wild und mit klaren, fischreichen Flüssen.
Die Bevölkerungsexplosion
Die Weltbevölkerung wächst, der Raum zum Leben und Überleben wird auf allen Kontinenten knapp, ein globaler Überlebenskampf droht.
Die Dauerkrise im Nahen Osten scheint politisch unlösbar, weil die Ressourcen in dem winzigen Land nicht für Israelis und Palästinenser reichen. In großen Teilen Afrikas herrschen Kriege oder Bürgerkriege. Die USA haben Probleme, die Einwanderungswellen aus dem Süden zu bremsen. In die EU drängen Flüchtlinge aus dem Balkan, aus dem Nahen Osten, aus Afrika und Asien. In vielen Ländern finden rassistische oder extremistische Parolen Zustimmung. Die Fremdenfeindlichkeit nimmt vielerorts zu, aus Angst seinen Arbeitsplatz an Immigranten zu verlieren, die für Dumpinglöhne arbeiten.
Der Ruf „das Rettungsboot ist voll” (GW 43/2007 „Warum wir in die Bevölkerungsfalle stolpern”) ist zu hören. Eine Neuauflage bereits überwunden geglaubter sozialdarwinistischer und rassistischer Thesen ist im Kommen; bis zum Völkermord wie vor einigen Jahren in Ruanda oder in Jugoslawien und heute im Sudan.
Angesichts der globalen Erwärmung müssen wir entsetzt feststellen, dass wir uns so weit vom Weben der Natur entfernt haben, dass die Naturgesetze nun gegen uns arbeiten. Wenn sogar Altruismus und Wissenschaft – undifferenziert angewendet – in den Abgrund führen, besteht die Gefahr, dass das edle Menschliche im Überlebenskampf verdrängt wird.
Dazu der Nobelpreisträger und überzeugte Darwinist Konrad Lorenz (1903-1989):
„Alle Gaben, die dem Menschen aus seinen tiefen Einsichten in die umgebende Natur erwachsen, die Fortschritte seiner Technologie, seiner chemischen und medizinischen Wissenschaften, alles, was dazu angetan scheint, menschliche Leiden zu mindern, wirkt sich in entsetzlicher und paradoxer Weise zum Verderben der Menschheit aus. Sie droht genau das zu tun, was sonst lebenden Systemen fast nie geschieht, nämlich sich selbst zu ersticken. Das Entsetzlichste aber ist, dass bei diesem apokalyptischen Vorgange die höchsten und edelsten Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, geradezu jene, die wir mit Recht als spezifisch menschlich empfinden und werten, allem Anschein nach die ersten sind, die untergehen” (8, S, 19).
Der Wettbewerb in der Wirtschaft
Falls jemand die sozialdarwinistischen Fehlansätze des 19. und 20. Jahrhunderts für überwunden hält, empfiehlt sich ein Blick in die Wirtschaft, die teilweise vergessen hat, dass die Ökonomie dem Menschen zu dienen hat.
Friedrich von Hayek (1899-1992), Spross einer Biologenfamilie und führender Vertreter des Neoliberalismus, spricht – ganz im darwinistischen Sinne – von „Aussiebung durch den Markt”. Hayek hält auch eine hohe Arbeitslosenquote – ähnlich einem Populationsüberschuss in der Tierwelt – für ökonomisch wünschenswert (13).
Die Globalisierung mit ihrer grausamen Dominanz des Profitdenkens wird in aller Welt fast wie eine Naturgewalt akzeptiert. Durch sie schwappt der härteste je gekannte Wettbewerb ausnahmslos über arme und reiche Länder. Die brutale Wirklichkeit des „shareholder-value über alles” erweist sich als rigoroser Wirtschafts-Sozialdarwinismus. Von „sozialer Marktwirtschaft” sprechen allenfalls noch einige Politiker in Sonntagsreden.
Viele Jahre bevor die zerstörenden Wirkungen der hochgelobten Globalisierung auf Mensch und Natur deutlich absehbar waren, warnte Konrad Lorenz vor den Folgen des totalen Wettbewerbsdenkens:
„Der Mensch als einziger die weitere Entwicklung seiner Art bestimmender Selektionsfaktor wirkt leider keineswegs so harmlos wie ein Raubtier, und sei es das gefährlichste. Der Wettbewerb des Menschen mit dem Menschen wirkt, wie kein biologischer Faktor es vor ihm je getan hat, ‚der ewig regen, der heilsam schaffenden Gewalt’ direkt entgegen und zerstört so ziemlich alle Werte, die sie schuf, mit seiner Teufelsfaust, deren Tun ausschließlich von wertblinden, kommerziellen Erwägungen bestimmt ist.
Was für die Menschheit als Ganzes, ja selbst für den Einzelmenschen gut und nützlich ist, wurde unter dem Druck zwischenmenschlichen Wettbewerbs bereits völlig vergessen. Als Wert wird von der erdrückenden Mehrzahl der heute lebenden Menschen nur mehr das empfunden, was in der mitleidslosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu überflügeln. Jedes Mittel, das diesem Zweck dienlich ist, erscheint trügerischerweise als Wert in sich” (8, S. 33 f.).
Die Befürworter des Neoliberalismus lehnen Parallelen zwischen der modernen Weltwirtschaft und dem Sozialdarwinismus als polemische Irreführung ab. Sie verweisen darauf, dass die zwischenmenschliche und zwischenstaatliche Konkurrenzsituation eine Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum sei, das demnach allen Beteiligten zum Vorteil gereichen würde.
Doch die harten Fakten beweisen immer deutlicher, dass diese Art der Ausbeutungsökonomie für die Mehrzahl der Menschen wie für die Umwelt wenig Gutes bringt. In der GralsWelt haben wir wiederholt auf verschiedene Aspekte dieser menschenverachtenden, naturfeindlichen Wirtschaftsweise aufmerksam gemacht (GW 33/2004, GW 34/2004; GW 41/2006) und die rigorosen Verhaltensweisen mancher Konzerne angeprangert (GW 43/2007).
Der Sozialdarwinismus heute
Kaum ein Biologe oder Sozialwissenschaftler wird heute noch den Sozialdarwinismus verteidigen.
In der Biologie hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass evolutionäre Vorgänge vor allem die Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt fördern und nicht zwangsläufig mit Höherentwicklung verbunden sein müssen. Selbst eine objektive Einteilung der Lebensformen in höhere und niedrigere Gruppen gilt als fraglich. Die genetische Vielfalt – deren Bedeutung Sozialdarwinisten nicht verstanden – wird als wertvoll, ja überlebensnotwendig angesehen; für alle Lebewesen, den Menschen eingeschlossen. Altruistische und symbiotische Verhaltensweisen sind überlebensfördernd und überall zu finden – in der Natur ebenso, wie in der menschlichen Gesellschaft.
Die Analyse menschlicher Gene hat ergeben, dass sich Menschenrassen biologisch nicht hinreichend begründen lassen. Die im 19. und 20.Jahrhundert verbreiteten Rassentheorien sind damit hinfällig.
Schließlich bedeutet das oft missverstande Schlagwort vom survival of the fittest nicht, dass die rücksichtslosesten Einzelkämpfer überleben, sondern jene genetischen Linien, die die meisten Nachkommen erfolgreich ins fortpflanzungsfähige Alter bringen.
In der Philosophie gibt es grundsätzlichen Widerstand gegen die Gleichsetzung eines biologischen Ist-Zustandes mit einem moralischen Soll-Zustand. Versuche des Biologismus, in der Natur Leitlinien für die menschliche Gesellschaft zu finden, gelten als naturalistische Fehlschlüsse.
Theologen lehnen zum Teil noch heute den Darwinismus als materialistisch oder als atheistisch ab. Aus dem Blickwinkel der Orthodoxen sind der Materialismus und dessen Kinder Darwinismus, Kapitalismus, Kommunismus und Sozialdarwinismus religionsfeindliche Ideen.
Aber viele heutige Ökonomen scheinen nicht zu erkennen, dass sie unter dem Deckmantel der Verheißungen der Globalisierung, einem „giftigen Gemisch aus Ungleichheit und stagnierenden Löhnen” (4, S. 25), sozialdarwinistischen Ansätzen das Wort reden. 

Literatur:
(1) Altner Günter, Der Darwinismus, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1981.
(2) Clake, Ronald W. Charles Darwin, Fischer, Frankfurt, 1985.
(3) Darwin Charles, Entstehung der Arten, Schweizerbart, Stuttgart, 1867.
(4) Der Spiegel, 14/2007, Zitat aus Economist.
(5) Grün Johannes, Die Schöpfung ein göttlicher Plan, Verax, Müstair, 2000.
(6) Hagl Siegfried, Der okkulte Kanzler, Gräfelfing, 2000.
(7) Kropotkin, Fürst Peter, Gegenseitige Hilfe, Theod. Thomas, Leipzig, 1910.
(8) Lorenz Konrad, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, Piper, München, 1973.
(9) Schmitz Siegfried, Charles Darwin, Hermes Handlexikon, ECON, Düsseldorf, 1983.
(10) http://www.harunyahya.com/de/darwinismus03.php.
(11) http://www.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus
(12) http://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik
(13) http://derstandard.at/?url=/?id=2114408