Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Leitbilder auf dem Prüfstand

Veröffentlicht in GralsWelt 63/2011

Religiöser Fanatismus, Skepsis gegenüber der Wissenschaft, Finanz- und Wirtschaftskrisen: Ein Blick auf die sich wandelnden Leitbilder zeigt, wo die Wurzeln für die heutigen Probleme liegen und weshalb nun dringend ein Umdenken erforderlich ist.

 

Wenn wir zurückblicken auf die europäische Geschichte, dann wurden die jeweils maßgeblichen Welt- und Menschenbilder von Autoritäten aus verschiedenen elitären Gruppen bestimmt. Deren Sichtweisen waren recht unterschiedlich.

In unserem Geschichtsbewusstsein gelten die Jahrhunderte des frühen Mittelalters – die Zeit nach dem 4. Jahrhundert[i] – in Mitteleuropa als ein „dunkles Zeitalter“. Die hochentwickelte griechisch-römische Zivilisation brach in den Stürmen der Völkerwanderung zusammen, das römische Weltreich zerbrach in viele kleinere Herrschaften. Der technische und zivilisatorische Stand Europas fiel um Jahrhunderte zurück. Auf allen Gebieten – von der Baukunst bis zum Schiffbau, vom Landbau bis zum Kriegswesen – blieb man hinter dem zu römischer Zeit bereits Erreichten zurück. Der Lebensstandard und die Sicherheit der durch Kriege und Seuchen stark geschrumpften Bevölkerung lagen weit unter dem früheren Niveau. Rom – einst das Zentrum eines der größten und langlebigsten Weltreiche der Geschichte – war nur noch eine Kleinstadt, auf deren Kapitol Schafe weideten. Einige Bedeutung behielt die einstige „Hauptstadt der Welt“ (Goethe) noch als Sitz eines Bischofs, der als „Nachfolger Petri“ die Leitung der Kirche beanspruchte.

Mit dem Sieg des Christentums über die vielfältigen, oft erstarrten religiösen Kulte der Antike setzte sich eine neue Ethik, ein neues soziales Paradigma durch. Der mittelalterliche Mensch litt unter den harten, deprimierenden Lebensbedingungen. In innerer Emigration trachtete er nach einem Leben im Einklang mit einem höheren Zweck; in letzter Konsequenz nach der Hingabe an Gott, in dessen Dienst der hilflose, kleine Mensch sich stellen sollte. Um dem geistigen Ziel der Erlösung seiner Seele näher zu kommen, musste man heidnischen Bräuchen abschwören und vielen Annehmlichkeiten entsagen. Alles „Irdische“ wurde abgewertet und der tiefere Sinn des Seins gesucht. Dementsprechend war der sogenannte mittelalterliche Mensch weniger am äußeren, am technisch-zivilisatorischen Fortschritt interessiert. Stattdessen sollten Askese, Mystik, Religion, Theologie ihm den Zugang zur Wahrheit und zu einem glücklichen nachtodlichen Sein im Paradies öffnen. So gaben im Mittelalter Eremiten, Mönche, Priester und Visionäre, die „Spezialisten für das Spirituelle und das Transzendente“, den Ton an.

 

Die Ursachen anhaltender Spannungen

Es dauerte fast ein Jahrtausend, bis wieder Philosophen, Juristen und Ökonomen nach der geistigen Führung drängten. Für diese Entwicklung wurden die Bezeichnungen Humanismus und Renaissance geprägt. Vom Ende des 17. Jahrhunderts an bis ins 19. Jahrhundert konnten dann Naturwissenschaftler in zunehmendem Maße die Leitbilder setzten und zusammen mit den Philosophen das Zeitalter der Aufklärung prägen.

Der Übergang von der einen Führungselite zu der nächsten (Theologen – Philosophen – Juristen – Naturwissenschaftler – Ökonomen) ging nicht reibungslos vonstatten, sondern die jeweils herrschenden Meinungsführer versuchten ihren althergebrachten Status zu konservieren. Auch haben nicht etwa die moderneren Welt- und Menschenbilder die älteren abgelöst, sondern die ältere Weltschau blieb – wenigstens teilweise – weiter erhalten. Da sich ältere und neuere Weltanschauungen – zum Beispiel Astronomie mit Astrologie, Philosophie mit Theologie, Evolutionsbiologie mit biblischer Schöpfungslehre, naturwissenschaftliche Weltbilder mit der traditionellen religiösen Weltschau – nicht vereinbaren lassen, kam und kommt es zu gesellschaftlichen, politischen und religiösen Spannungen.

Heute erleben wir in Europa beispielhaft die intensive Begegnung einer im Mittelalter stehen gebliebenen Religion – dem Islam – mit den neuzeitlichen Grundprinzipien säkularer Staaten. Künftige Historiker werden voraussichtlich umfangreiche Studien schreiben über die Auseinandersetzungen zwischen dem modernen, naturwissenschaftlich-technischen Denken und traditionsverhafteten Vorstellungen, wie sie sich in allen Religionen finden.

Doch schauen wir uns die Ideengeschichte im großen Überblick an:  

Theologie:

Religionen, insbesondere monotheistische Bekenntnisse, beruhen meist auf Gründern, die durch Offenbarungen, geistige Erkenntnisse oder vorbildliches persönliches Verhalten zu einem Leitbild für ihre Anhänger werden. Zudem ist es die Aufgabe jeder Religionsgemeinschaft, die Weisheitslehren des Gründers den nachfolgenden Generationen unverfälscht zu überliefern.

Daher sind Religionen konservativ. Sie wollen Lehren, Traditionen, Liturgien erhalten. Änderungen – auch Weiterentwicklungen – stoßen auf Widerstände. Man kann den Eindruck erhalten, Religionen, besonders die monotheistischen, stünden der Wahrheitssuche entgegen. Denn welcher Mensch darf sich anmaßen, die Weisheit einer Gründerpersönlichkeit zu hinterfragen oder gar Offenbarungen aus höchsten Höhen – die Grundlagen der Offenbarungsreligionen – in Frage zu stellen?

Dieser religiös begründete Konservatismus strahlt aus auf die Gläubigen, deren Leben und ihre Gesellschaftsstrukturen. Das lässt sich deutlich im Bewusstsein des mittelalterlichen Menschen erkennen. Dieser war „traditionsgelenkt“. Er wollte alles so weiter machen, wie es sich in der Vergangenheit bewährt hatte, und hielt fest am „guten, alten Recht“. Neuerungen wurden mit Skepsis oder Feindschaft betrachtet. Herrschaftsstrukturen, wie die Monarchie, galten als gottgegeben, und „von Gott gegeben“ war das stärkste autoritative Argument. So blockierten zum Beispiel die traditionsgebundenen Handwerkszünfte technische Innovationen. Ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen konnten nur mühsam voranschreiten. 

Philosophie:

Durch die Kreuzzüge erfuhr man in Mitteleuropa von vergessenen antiken Schriften, die im arabischen Raum bewahrt wurden. Ein weiterer Wissenstransfer erfolgte an der Wende vom Altertum zur Neuzeit[ii] durch Wissenschaftler, die vor oder nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) nach Westen flohen und ihr Wissen und ihre Schriften mitbrachten.

Dann entdeckten die großen Seefahrer bislang unbekannte Kontinente und eröffneten neue Handelsrouten nach Asien. Eine Fülle neuer Erkenntnisse überflutete das Abendland, der Blick wurde weiter, und das Bewusstsein der Eliten veränderte sich. Die Schwächen der Kirche wurden angeprangert, und längst fällige Reformen ließen sich nicht mehr unterdrücken; auch nicht mit Gewalt. In den Wissenschaften verlor die Theologie ihre führende Stellung, die nun – im Humanismus und der Renaissance – von der Philosophie übernommen wurde.

Logik, kritisches Denken, belegbare Beweise erhielten erneut die Bedeutung, die sie schon in der vorchristlichen Antike hatten. Die Vernunft war wieder gefragt, als wichtigstes Mittel zur Erkenntnis. Wunder konnten nicht länger Argumente ersetzen. Die etablierten Religionen und ihr Wahrheitsgehalt wurden grundsätzlich in Frage gestellt. Zu Märtyrern wurden nun Gegner der Kirche – nicht, wie in den ersten Jahrhunderten, ihre Gläubigen.

Auf dieser Basis entwickelte sich die Philosophie der Aufklärung. Die von ihr vertretenen logischen Denkstrukturen öffneten in einem langen, mühsamen Prozess auch einen neuen Zugang zum Naturverständnis. Wege wurden offen für die „neue Wissenschaft“, die zunächst Naturphilosophie hieß und später Naturwissenschaft.

Die Ideen von Philosophen aus der Zeit der Aufklärung bestimmen bis heute unsere Rechtssysteme: von der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung über das Bekenntnis zur Demokratie, die Menschenrechtsdeklarationen der französischen Revolution und der UNO, der UN-Charta, bis zu den Verfassungen moderner Staaten. Christliche Religionsgemeinschaften bezeichnen diese heute selbstverständlichen Grundlagen für unsere Lebensgestaltung gelegentlich als „christliche Grundwerte“. Sie lieben es nicht, daran erinnert zu werden, dass gerade die Kirchen diese Ideen – die sie heute gerne vereinnahmen möchten – Jahrhunderte lang erbittert bekämpften. Ähnlich wie einst christliche Kirchen lehnt heute der fundamentalistische Islam die modernen Rechtsaufassungen ab und besteht auf dem islamischen Recht, der Scharia, als der gottgegebenen Grundlage für die irdische Lebensgestaltung. Doch auch der Islam wird einer ihm gemäßen „orientalischen Aufklärung“ nicht ausweichen können.

Naturwissenschaft:

Wenige Jahrhunderte systematischer, logischer Forschung brachten ungeahnte Fortschritte. Astronomie, Biologie, Chemie, Geologie, Medizin, Physik ermöglichen tiefe Einblicke in das Universum, den Aufbau der Materie, das Weben der Natur. Die Entwicklung und die Struktur unseres Universums sind im Großen bekannt. Sogar der Aufstieg des Lebens, die Entstehung der kompliziertesten Strukturen, die unsere Welt hervorgebracht hat, scheint aus darwinistischer Sicht entschlüsselt.

So entstand durch Beobachtungen, Messungen und Berechnungen ein auf das materiell Nachweisbare gerichtetes, geschlossenes Weltbild, dessen Überzeugungskraft alle vergleichbaren Ideen der Menschheitsgeschichte übertrifft. In Universitäten aller Kontinente werden Studierenden aller Konfessionen dieselben exakten Wissenschaften gelehrt; eine noch nie da gewesene globale Vereinheitlichung.

Doch damit sind die Vorbehalte religiöser Gemeinschaften, deren Theologien oft weit von einander entfernt sind, gegen die modernen, wissenschaftlichen Lehren nicht ausgeräumt. Beispielsweise ist die Evolutionstheorie nicht in Einklang zu bringen mit wörtlichen Auslegungen heiliger Bücher, auf deren uneingeschränkter Gültigkeit religiöse Fundamentalisten nach wie vor beharren. Viele religiöse Menschen verschiedenster Konfessionen sind nicht glücklich über die Dominanz des materialistischen, naturwissenschaftlichen Weltbildes und vermissen darin ethische Werte und die Spiritualität. –

Offenbarungsreligionen neigen zum bedingungslosen Festhalten an ihren Überlieferungen. Die Priester fast aller Religionen – nicht nur der monotheistischen – tun sich schwer mit neuen Erkenntnissen und Entwicklungen; mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, der sich oft nicht in die überkommenen Denkstrukturen einfügen lässt. Vielen Priestern ist auch zu wenig bewusst, dass Spiritualität, die religiöse Erfahrung sich nicht in ein altes, vielleicht längst überholtes, jedenfalls unlebendiges, dogmatisches Konzept pressen lässt.

Starres Festhalten an dogmatischen Vorurteilen trug zum Niedergang christlicher Kirchen bei, die den Durchbruch der Naturwissenschaften verhindern wollten. Religiöser Dogmatismus blockiert noch heute in manchen Ländern den Weg in eine offene Gesellschaft. Die religiösen Leiter verschiedenster Glaubensgemeinschaften wollen oft nicht wahr haben, dass keine noch so wertvolle Überlieferung vor Missverständnissen oder gar Missbrauch sicher ist!

Die in der Gralsbotschaft „Im Lichte der Wahrheit“ von Abd-ru-shin vermittelte Einsicht, dass auch Offenbarungen ihre Form wandeln und dem zeitbezogenen menschlichen Verständnis Rechnung tragen müssen, ist leider noch nicht Allgemeingut. Ganz abgesehen davon, dass jegliche religiöse Überlieferung durch irrende Menschen tradiert, von Gläubigen mit begrenzter Einsicht interpretiert und in die Tat umgesetzt wird. Wer von (religiöser) „Wahrheit“ spricht, sollte wissen, dass sich Wahrhaftiges widerspruchsfrei auf allen Ebenen menschlicher Einsicht bewähren muss.

Ökonomie:

Auch die moderne Wirtschaft erhebt den Anspruch der Wissenschaftlichkeit und orientiert sich an Ideen aus der Zeit der Aufklärung. Ob es um die „freie Wirtschaft“, den „freien Handel“ oder die sozialistische Planwirtschaft geht, die materialistischen Leitlinien dafür wurden im 18. und 19. Jahrhundert vorgegeben. Heute werden diese Ideen von manchen Wirtschaftswissenschaftlern genauso dogmatisch vertreten wie Glaubenssätze. Dazu gehört die Überzeugung, daß moderne Ökonomie mit Freihandel und unbehindertem Kapitalverkehr in der Lage seien, ideale Zustände auf unserem Planeten zu gewährleisten. Die immer wieder gemachte Erfahrung, dass derartige Heilsversprechen – ob religiös, politisch oder ökonomisch begründet – nie ein Paradies, aber regelmäßig eine Hölle auf Erden geschaffen haben, wird verdrängt. Auch wenn Übervölkerung, Umweltzerstörung, Globalisierungsverluste, Finanzkrisen, Aufstände, Bürgerkriege, Kriege und sonstige Instabilitäten noch so deutlich aufzeigen, dass wir nicht auf einem überlebensfreundlichen, vernunftgemäßen, ethisch vertretbaren Wege sind.

Während des Kalten Krieges wurden im Westen die derzeitigen finanzpolitischen und ökonomischen Exzesse noch durch politische Rücksichten gebremst. Es galt, im Wettstreit mit dem internationalen Kommunismus, der Welt zu beweisen, dass die kapitalistische, freie Wirtschaft allen ihren Bürgern nachhaltigen Wohlstand bringt, nicht nur den Kapitaleignern. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem kapitalistisch geprägten wirtschaftlichen Aufbruch Chinas, Indiens, Russlands und vieler weiterer Länder, fallen soziale Rücksichten weg, und der berüchtigte „Raubtierkapitalismus“ hat freie Bahn[iii]. Die Ethik – gleich welcher Religion – konnte nirgends wirksam gegensteuern. Ernsthaften Widerstand gegen die um sich greifende soziale Vernachlässigung, wie Aufstände oder gar Revolutionen, scheinen die Exponenten des reinen Kapitalismus trotz Finanz- und Wirtschaftskrise und trotz einer Milliarde hungernder Menschen, (vorerst?) nicht zu befürchten.

 

Wiederholen sich Entwicklungen des Mittelalters?

So unanfechtbar das derzeitige naturwissenschaftliche Weltbild scheinen mag, hat es doch die anderen, die älteren Weltbilder nicht verdrängen können. Denn zu vieles im sogenannten wissenschaftlichen Weltbild wird einfach ausgeklammert. Und vielen Menschen bieten die klaren, korrekten, aber wertfreien, kalten Aussagen der Wissenschaften keine Hilfestellung bei Entscheidungen, die das Menschliche betreffen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen das Verantwortungsbewusstsein des Menschen zu wenig an. Sie wecken in ihm keine Begeisterung, zu einer besseren Welt beizutragen. Mit den Ergebnissen von Messreihen allein wird das menschliche Innenleben, das nach Sinngebung trachtet, nicht angesprochen.

Deshalb verschwinden die religiösen, mystischen, transzendenten, nach höherer Einsicht suchenden Bestrebungen nicht. Heute erlangen sie neuen Zuspruch, auch außerhalb der traditionellen Kirchen und Religionen; zum Beispiel in dem, was wir als Esoterik bezeichnen. Sowohl das fundamentalistische Christentum als auch Neureligionen finden Zulauf, nicht nur im angelsächsischen Sprachraum[iv], vom fundamentalistischen Islam ganz abgesehen. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass nach einer schweren Krise – wie einst im Mittelalter – wieder eine Abwendung vom diesseitigen, vom rein wissenschaftlichen Denken Auferstehung feiern kann, wenn man sich von unheilvollen ökonomischen und politischen Entwicklungen überrollt fühlt, für die das materialistische, wissenschaftliche Denken verantwortlich gemacht wird.

Man kann in dieser Entwicklung eine Wiederholung sehen. Bei Griechen und Römern war logisches Denken auf gutem Wege, mythische Weltbilder, erstarrte religiöse Lehren, Aberglauben und unbegründbare Vorurteile zu verdrängen. Dann zerbrachen die antiken Staaten, vieles Wissen ging verloren. In dem mit diesen Umwälzungen verbundenen Leid und der großen Not wandten sich die Menschen nach innen. Die von der grausamen, irdischen Welt Enttäuschten fing das Christentum auf, indem es ihnen ein besseres Sein im Jenseits verhieß.

Ein Jahrtausend musste vergehen, bis eine Rückbesinnung auf das Denken der Antike die Wege zur „neuen Wissenschaft“, der Naturwissenschaft, öffnete.

Doch neuerdings könnte das Ansehen der Wissenschaften wieder in Mitleidenschaft gezogen werden. Verbreitet ist in den Industrieländern bereits ein tiefes Misstrauen gegen Technokraten, Bürokraten, Ökonomen, Banker und Politiker. Dazu ein ausgeprägter Skeptizismus gegenüber dem undifferenzierten Gebrauch der Technik. Deren nicht immer sinnvolle Anwendungen werden für Bevölkerungsexplosion, Naturzerstörung, Klimakatastrophe, Artensterben, Umweltschäden usw. verantwortlich gemacht. Der Bau technischer Anlagen, die Einführung neuer Technologien, wird mit Misstrauen verfolgt und nicht selten massiv behindert[v]. Die vorgeblichen Segnungen der modernen Ökonomie geraten durch Sünden der Großbanken und großer Konzerne ins Zwielicht. Im überragenden Einfluss des Finanzkapitals wird eine der Ursachen für die rigorose Politik der Nationalstaaten gesehen, die Kriege und Bürgerkriege in Kauf nimmt oder gar anzettelt. Der Glaube an eine ersprießliche Zukunft ist bei vielen Menschen ins Wanken geraten.

Darf man in der Technikmüdigkeit unserer Zeit, in der Hinwendung zur Ökologie, zu naturverträglicher Landwirtschaft, zu „grüner“ Ökonomie, zu naturnaher Medizin, zu Religionen oder zur Esoterik, eine Parallele zur Abwendung vom Diesseitigen im Mittelalter sehen?

Dieser Vergleich geht zu weit. Die mystische mittelalterliche Denkweise mit ihrer Hinwendung zum christlichen Lebenswandel entstand aus chaotischen Zuständen nach dem katastrophalen Zusammenbruch der antiken Strukturen. Unsere kapitalistische Ökonomie dagegen funktioniert so einigermaßen (zumindest noch). Viele glauben, dass sie nach der Überwindung des Finanzcrashs von 2008 wieder florieren wird. Hoffentlich lässst sich dann auch die vielerorts, selbst in reichen Industrieländern wie den USA, drohende Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme überwinden, die keine Volkswirtschaft hinnehmen darf.[vi]

Die Voraussetzungen für gesunden Wettbewerb

Wenn wir heute mit den Leistungen unserer Regierenden unzufrieden sind, oder über Finanz- und Wirtschaftskrisen erschrecken, die genau besehen ein moralischer Bankrott der Verantwortlichen sind, mag es nützlich sein, zurückzublicken und zu fragen, wie sich die Initiatoren der Sozialen Marktwirtschaft diese vorgestellt haben. Wir sind gut beraten, deren Gedanken nicht als längst überholte, kindliche Vorstellungen abzutun, die nicht in unsere moderne Zeit passen:

Prof. Dr. Wilhelm Röpke (1899–1966), Lehrer Ludwig Erhards und einer der drei geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft, schrieb 1958 in seinem Buch „Jenseits von Angebot und Nachfrage“: „Kein Lehrbuch der Nationalökonomie kann die Bedingungen ersetzten, auf denen das Ethos der Marktwirtschaft ruhen muss. Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, feste sittlichen Normen – das alles sind die Dinge, die die Menschen bereits mitbringen müssen, wenn sie auf den Markt gehen und sich im Wettbewerb mit einander messen. Sie sind die unentbehrlichen Stützen, die vor Entartung bewahren. Familie, Kirche, echte Gemeinschaften und Überlieferung müssen sie damit ausstatten. Die Menschen müssen unter Bedingungen aufwachsen, die solche moralischen Überzeugungen begünstigen.

(aus: Ehrhardt Bödecker, „Preußen und die Wurzeln des Erfolges“, Olzog, München, 2005, Seite 116)

Der Egoismus der Reichen bedroht die Armen

Im 21. Jahrhundert müssen sich die Folgen eines doppelten exponentiellen Wachstums immer deutlicher auswirken: Die Menschheit wächst exponentiell und der Verbrauch pro Kopf wächst exponentiell. Die Ressourcen der Erde reichen für diese verschwenderische Überlastung schon heute nicht mehr aus, und das Ende dieser Misswirtschaft ist vorprogrammiert. Ernste Warnsignale sind die Zunahme der Hungernden in vielen Entwicklungsländern, steigende Flüchtlingsströme, der Anstieg der Energie-, der Rohstoff- und der Lebensmittelpreise. Im Moment sind diese Preise durch die Wirtschaftskrise etwas eingebrochen. Doch daraus sollte man nicht auf das Ende der Verknappung schließen.

Eine wesentliche Rolle spielt, keineswegs nur in unterentwickelten Nationen, „bad governance“[vii]: Unfähige, korrupte Regierungen, die – manchmal von fehlgeleiteter Entwicklungshilfe unterstützt – ihre Länder in den Ruin treiben. Besonders in den Entwicklungsländern öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich mehr und mehr. Lösungen, die der gesamten Bevölkerung zugute kommen könnten – nicht nur einer korrupten Oberschicht –, werden oft nicht einmal gesucht, geschweige denn angegangen. Einige Entwicklungsländer sind schon zusammengebrochen, und weitere Länder – selbst in Europa – nähern sich dem Bankrott oder der Unregierbarkeit. Dass die USA, die derzeitige Führungsmacht der westlichen Welt, im 21. Jahrhundert ebenso zusammenbrechen könnten, wie im 20. Jahrhundert das britische Weltreich und die Sowjetunion, hält derzeit kaum jemand für möglich. 

Die moderne Globalisierung

„Eine Unerhörtheit geschah, mit der so keiner gerechnet hatte: Ein Weltarbeitsmarkt ist entstanden, der sich täglich ausweitet und das Leben und Arbeiten von Milliarden Menschen spürbar verändert. Über ein unsichtbares Leitungssystem sind Menschen, die sich nicht kennen und zum Teil nicht einmal von der Existenz des jeweils anderen Landes wissen, mit einander verbunden: Asien; Amerika und die beiden Hälften Europas rückten zusammen, bilden nun einen Weltmarkt für alles, was handelbar ist. Die Finanzexperten pumpen das Kapital durch den Wirtschaftskreislauf, die Kaufleute schicken ihre Waren umher und auf dem Weltarbeitsmarkt stehen sich erstmals Milliarden einfacher Menschen gegenüber. Das eben unterscheidet die heutige Globalisierung von den frühen Handelsnationen, den Kolonialimperien und dem Industriekapitalismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Zum ersten Mal in der Geschichte hat sich ein weitgehend einheitliches Wirtschaftssystem herausgebildet, das ausnahmslos alle Produktionsfaktoren umfaßt: Kapital, Rohstoffe und die menschliche Arbeitskraft werden heute gehandelt wie früher Silber und Seide.“

Gabor Steingart (aus „Weltkrieg um Wohlstand“, Piper, München, 2007, Seite 174)

Entschlossenes Handeln ist gefragt!

Viele Fakten zeigen, dass eine bessere Einsicht Not tut:

• Unsere derzeitige Wirtschaftsweise versagt, denn sie leitet die Weltökonomie in eine Sackgasse. Menschengerechtere ökonomische Modelle sind dringend nötig.

• Die von den Religionen vermittelten, moralischen Grundsätze werden nicht hinreichend angewendet oder gelten als überholt. So fehlen ethische Mindeststandards, zum Beispiel für Regierungen, für Arbeitsbedingungen, für die soziale Sicherheit, für das Geldwesen, oder in der Wirtschaft.

• Die Ideen der Philosophen und Juristen , zum Beispiel die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, wurden zur Grundlage der UNO. Diese kann sich aber in der Praxis gegen nationalstaatlichen Egoismus, religiöse oder rassistische Vorurteile, rigorose oder gar kriminelle Gewaltherrscher nicht durchsetzen.

• Naturwissenschaftler erkennen die ökologischen Folgen der ökonomischen und der populationsdynamischen Fehlentwicklungen, doch bewirken können sie wenig.

• Ökonomen und Finanzexperten halten zum großen Teil an fragwürdigen Hypothesen fest, die nur einer Minderheit nutzen. Selbst nach der Welt-Finanzkrise gibt es noch großen Widerstand gegen strengere Kapitalmarkt-Kontrollen und ethische Mindeststandards für das Geld(un)wesen. Die moderne Globalisierung gilt als alternativlos und unumkehrbar, obwohl es noch nie eine menschliche Maßnahme oder Entscheidung gegeben hat, die man nicht auch anders hätte durchführen können.

„Wir waren alle durch die täglichen Probleme so abgelenkt, daß wir nie die Gelegenheit hatten, die gesamte Situation zu untersuchen und eine dementsprechende Politik auszuarbeiten, sondern stattdessen von einer Aufregung zur nächsten lebten.“

James Ramsay Macdonald (1866–1937), britischer Premierminister von 1931 bis 1935

(zitiert aus: Gabor Steingart, „Weltkrieg um Wohlstand“, Piper, München, 2007, Seite 287)

• Die Politik will vor allem gute Wahlergebnisse, erschöpft sich im tagespolitischen Parteiengezänk und gibt dem Druck von Lobbygruppen oft nach. Von der weltweit verbreiteten Korruption gar nicht zu sprechen. Demokratische Politiker, die alle vier Jahre wiedergewählt werden wollen, haben kaum die Kraft zum großen Wurf, zur Durchsetzung langfristig angelegter Reformen, die der Bevölkerung nicht sofort vermittelbar sind. Unter äußerem Druck wird sogar gegen den klaren Mehrheitswillen (Abschaffung der D-Mark) und gegen die wirtschaftliche Vernunft (Aufnahme der PIIGS-Staaten[viii] in den Euroraum) regiert. Das Volk, der „Souverän“, muss diesem Treiben hilflos zusehen und die Zeche bezahlen.

Kaum jemand hat den Mut, das alles auszusprechen. Denn wer die Problemlage schildert, muss sich nach Lösungsvorschlägen fragen lassen. Wirksame Maßnahmen gegen Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung, Artensterben, Rohstoffmangel, eine außer Rand und Band geratene Ökonomie, verantwortungslose Finanzspekulationen, Überschuldung der Staaten, Einflussnahmen von Lobbyisten auf staatliche Regeln, korrupte Regierungen und ausufernde organisierte Kriminalität[ix] verlangen nach entschlossenem Handeln. Die erforderlichen Maßnahmen sind im Prinzip bekannt, lassen sich aber vorerst nicht durchsetzen.

Doch mehr und mehr Menschen wird bewusst, dass wir im 21. Jahrhundert nicht so weiter wursteln können wie im von Katastrophen geschüttelten 20 Jahrhundert. Dieser Einsicht werden sich auch Regierungen hoffentlich nicht dauerhaft verweigern können.

 


[i] In der Regel sieht man in der Teilung des Römischen Reiches in Ost- und Westrom (395) den Beginn des Mittelalters. Etwa gleichzeitig (384) wurde das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion.

[ii] Für den Beginn der Neuzeit werden verschiedene Daten genannt: Die Eroberung von Konstantinopel (1453), die Entdeckung Amerikas (1492) oder Luthers 95 Thesen (1517).

[iii] Vgl. GralsWelt 41/2006, Seite 39 „Monetarismus oder Menschenrechte?“

[iv] Vgl. „Der Spiegel“ Nr. 18/2008, Seite 38.

[v] Dieser Technik-Skeptizismus findet sich vor allem in entwickelten Ländern, während in unterentwickelten Ländern noch ein naiver Glaube an die Möglichkeiten der modernen Technik und Ökonomie vorherrscht.

[vi] Vgl. „Der Spiegel“, Nr. 15 vom 12. 4. 2010, Seite 84 f.

[vii] Bad governance = Schlechte Regierungsführung. Das Versagen der Steuerungs- und Regelungssysteme eines Staates oder einer Gemeinde.

[viii] PIIGS = Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien. Die wirtschaftlich schwachen Südeuropäischen Staaten, die mit dem Wirtschaftswachstum der Nordeuropäischen Staaten nicht mithalten können und in der Vergangenheit ihre Landeswährung laufend abwerten mußten.

[ix] „Das organisierte Verbrechen macht sich weltweit breit und hat sich zu einer der führenden wirtschaftlichen und bewaffneten Mächte entwickelt.“ So Antonio Maria Costa, Leiter des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien zur Veröffentlichung des UN-Berichtes „Globalisierung des Verbrechens“ am 17. 6. 2010