Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Intelligenz tickt links

(September 2020)

Warum sind die Linken wieder im Kommen?

Es ist ein merkwürdiger Widerspruch:

Der bolschewistische und kommunistische Terror hat im 20. Jahrhundert durch seine fanatische Ideologie rund 100 Millionen Tote zu verantworten. Wo immer kommunistische oder linkssozialistische Vorstellungen sich durchsetzen und – meist gewaltsam – die Regierungsmacht an sich reißen konnten, zerbrachen die betroffenen Staaten oder endeten in wirtschaftlichem Chaos: In Russland, im Ostblock einschließlich der DDR, in der chinesischen Kulturrevolution, in Vietnam, in Nordkorea, in Kambodscha, in Lateinamerika, in Afrika, in Afghanistan. Auch durch die kommunistische Internationale und nicht an der Macht befindliche kommunistische Parteien entstand viel Unheil. (1)

In dieser Aufzählung sind die Verbrechen der NSDAP nicht enthalten, denn es wird gerne vergessen, dass auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei – zumindest bis zum Krieg –  eine sozialistische Partei war, die Interessen der Arbeiterschaft vertrat.

Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt.
Ich werdet denen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen nicht helfen, indem ihr die ruiniert, die sie bezahlen.
Ihr werdet keine Brüderlichkeit schaffen, indem ihr Klassenhass schürt.
Ihr werdet den Armen nicht helfen, indem ihr die Reichen ausmerzt.
Ihr werdet mit Sicherheit in Schwierigkeiten kommen, wenn ihr mehr ausgebt als ihr verdient.
Ihr werdet kein Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten und keinen Enthusiasmus wecken, wenn ihr dem einzelnen seine Initiative und seine Freiheit nehmt.
Ihr könnt den Menschen nie auf Dauer helfen, wenn ihr für sie tut, was sie selber für sich tun sollten und könnten.
Abraham Lincoln

Das neueste Beispiel für das Scheitern einer sozialistischen Ideologie bietet Venezuela.

Doch die sozialistischen Ideologen sind unbeirrbar. Sie machen für alle Probleme das Gesellschaftssystem verantwortlich und haben für fehlgeschlagene linke Experimente stets neue Ausreden parat. Regelmäßig kommen sie mit dem Argument, dass die zuletzt gescheiterte Version des Kommunismus oder Sozialismus eben die falsche war. Die richtige Form wird dann von den jeweiligen Befürwortern und Propagandisten empfohlen. Wer diese Variation praktisch umsetzen sollte, kann sicher sein, auch damit zu scheitern. Denn der Kommunismus kollidiert mit eindeutigen Notwendigkeiten, weil die Menschen nicht für den Sozialismus geschaffen sind. So mussten auch alle Versuche scheitern, mit Brachialgewalt einen für den Kommunismus geeigneten Menschen zu erziehen. In China hat man das erkannt und sucht einen spezifisch chinesischen Weg der Verbindung v0n Diktatur mit Marktwirtschaft, der aus klassischer, amerikanisch-europäischer Sicht als unmöglich galt. Hier gilt – in einem kommunistischen Land – privater Reichtum als verdienstvoll!

Trotz all der oben genannten, schrecklichen Erfahrungen sind die „linken“ Ideologien weltweit in Fernseh- und Rundfunkanstalten, Medien, politische Parteien, Religionen, Schulen, Universitäten, Zeitungsredaktionen, eingedrungen. Sogar in den als kapitalistisch verschrienen USA ist der linke Glaube auf dem Vormarsch. „Links“ oder „sozialistisch“ wird missverstanden als sozial, was ihm eine gute Vernebelung und Tarnung verleiht.

Wie ist das möglich?

Ein fundamentaler Irrtum

Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und dem folgenden Zusammenbruch der UDSSR sah sich der Turbokapitalismus weltweit als Sieger. Regierungen lösten gesetzliche Einschränkungen für den Kapitalmarkt und erlaubten sich eine höchst fragwürdige Finanzpolitik mit Verschuldungen, die inzwischen schlimmste Befürchtungen übertreffen. Die einst von Ludwig Erhard (1897-1977) unter dem Motto „Wohlstand für alle“ in Westdeutschland erfolgreich eingeführte Soziale Markwirtschaft ist vergessen.

Im globalen Markt sind nationalstaatliche Regelungen oft zu umgehen, der Einfluss von Gewerkschaften, Philosophen, Religionen usw. auf das wirtschaftliche Handeln ist nur noch minimal, und die Exzesse kapitalistischer Manager empören Viele zu recht. Dieses Unbehagen machen sich die gegenwärtigen Links-Denker zunutze.

Doch deren berechtigte Kritik am Finanzkapitalismus basiert auf einer falschen Grundlage und sucht daher nach der falschen Lösung: Wir sehen regelmäßig nur die Opposition von Kapitalismus und Sozialismus. Wer die heutige, moderne Form des Kapitalismus ablehnt, wird demnach automatisch zum Sozialisten; denn eine dritte Alternative scheint zu fehlen!

Doch diese allgemein verbreitete Ansicht irrt: Denn Kapitalismus und Sozialismus sind zwei Triebe aus derselben Wurzel: Sie entstammen beide dem Materialismus!

Beide derzeitigen Alternativen – Kapitalismus und Sozialismus – sind keine menschengerechten, idealistischen Ansätze; beide können keine ausgeglichene, humane Wirtschaft bieten:

Der Teufel lässt sich nicht mit Beelzebub austreiben!

Die Problematik des Eigentums

Scheinbar unlösbar verknüpft sind Kapitalismus und persönliches Eigentum: Wer den Kapitalismus (in seiner entarteten Form) ablehnt, stellt fast automatisch auch das Privateigentum des Menschen infrage.

Der Sozialismus ist eine philosophisch begründete, scheinbar logische, intellektuelle Konstruktion, die für Menschen, die das soziale Elend der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sehen, überzeugend klingt.

Sicher kennen Sie den alten DDR-Witz: “Im Kapitalismus werden die Menschen durch die Menschen ausgebeutet. Im Sozialismus ist es genau umgekehrt.”

Der Eigentumsbegriff hingegen – der von heutigen Propagandisten mit dem Kapitalismus gleichgesetzt wird – ist historisch, ja, „prä-historisch“ gewachsen, aus praktischer Notwendigkeit heraus (siehe weiter unten). Er ist theoretisch und philosophisch weniger abgesichert und somit für manche Intellektuellen fragwürdig. Schlagworte wie „Eigentum ist Diebstahl“ kommen gut an und fanden sogar bei einem Papst Gehör.[i]

Deshalb führt der kommunistische oder sozialistische Irrglaube auch regelmäßig zu Enteignungen: Durch überzogene Besteuerung, direkten staatlichen Diebstahl, ausufernde Erbschaftssteuern, Inflation, Lohnkürzungen, Kürzungen der Sozialleistungen, Währungsreform, Zwangsarbeit usw. Bricht dann die Wirtschaft zusammen, muss der Staat wieder „helfend“ eingreifen; mit seiner Bürokratie, die nicht gerade durch weitschauendes, unternehmerische Handeln aufgefallen ist. In sozialistischen Staaten findet man in der Regel mehrere solcher Armut und Not erzeugenden Maßnahmen gleichzeitig.

Der Sprung zurück in die Steinzeit mit gleichmäßiger Vermögensverteilung kann in der differenzierten Gesellschaft der Neuzeit nicht funktionieren, auch wenn er noch so schön philosophisch begründet scheint!

Wer die „Reichen“ arm macht, macht die „Armen“ noch lange nicht reich!

Der Eigentumsbegriff steht ganz am Anfang einer höheren Zivilisation:

Jäger und Sammler ebenso wie rezente Wildbeuter kannten unseren Eigentumsbegriff kaum. Sie lebten in einer mehr oder weniger „kommunistischen“ Gesellschaft, bei der Vieles geteilt wird, und das persönliche Eigentum des Einzelnen auf seine Kleidung, seinen Schmuck und seine Waffen begrenzt ist. Der Unterschlupf, eine Hütte oder eine Höhle, und die Jagdbeute musste mit der Gruppe, dem Clan geteilt werden. Beeren, Früchte, Insekten, Pflanzen, Pilze, Wild oder Wurzeln gehören allen und keinem. Das funktioniert in primitiven Gesellschaften unter gleichartigen Menschen mit sehr ähnlichen Bedürfnissen.

In der „neolithischen Revolution“, dem Übergang zu Landwirtschaft und Viehzucht, musste sich das ändern:

Ein Nomade muss seine Tiere kennen, kann nicht mehr alles mit jedem teilen. Auch treten neue Konkurrenzsituationen auf im Streit um Weidegründe und Wasserstellen.

Für einen Bauern ist Eigentum an Gebäuden, Werkzeugen, bebauten Feldern, Saatgut, der Ernte usw. überlebensnotwendig. Geteilt wird nur mit der eigenen Familie. Dieses Eigentum als „Betriebskapital“ muss geschützt und notfalls verteidigt werden.[ii]

Dann folgte die Arbeitsteilung: Ackerbauern, Fischer, Handwerker, Heiler, Hirten, Jäger, Priester, Viehzüchter usw.

Diese „neue“ Agrargesellschaft fächerte sich unvermeidlich auf: Ihr jeweiliges Eigentum verteilte sich langfristig auf immer komplexere Weise. Auch die Menschen sind nicht mehr alle sehr ähnlich oder gleich – wenn sie es je waren. Sie haben verschiedene Kenntnisse (Berufe), es gibt Uneigennützige und Eigennützige, Erfolgreiche und Erfolglose, Glückliche und Unglückliche, Gesunde und Kranke. Mit zunehmender Ungleichheit der Menschen klaffen auch deren Bedürfnisse auseinander und es bedarf einer verständnisvollen Berücksichtigung der unterschiedlichen Wünsche und Notwendigkeiten. Erzwungene Gleichmachung sprengt oder zerstört eine differenzierte Gesellschaft.

Sozial Benachteiligte wurden in nicht sehr hoch entwickelten Gesellschaften meist von ihrer Sippe aufgefangen; doch erste Fragen nach der heute viel zitierten „Gerechtigkeitslücke“ tauchten auf.

Erklärungen dazu brachten die Religionen, denen es mehr oder weniger gelang, das Zusammenleben durch religiöse Gebote zu ordnen und bis in die Neuzeit die Mehrzahl der Menschen mit Jenseitsversprechungen und Drohungen so weit zu besänftigen, dass traditionelle, monarchistische, diktatorische Herrschaftsformen sich bis ins 18. Jahrhundert und darüber hinaus bis heute halten konnten.

Die Philosophie der Aufklärung stellte dann vieles, fast alles in Frage; doch deren „kategorischer Imperativ“[iii] konnte sich als ethische Grundlage nicht durchsetzen und die an Einfluss verlierenden religiösen Lehren nicht ersetzen.

Ein neues Paradigma

Nach dem oben Gesagten, sollte man den Sozialismus als Lösung besser vergessen. Er ist eine philosophische, rein theoretische Fehlkonstruktion, deren äußerst brutale, gewaltsame Durchsetzung unermessliches Leid verursacht und enormen Schaden angerichtet hat.

Der Kapitalismus ist in der heutigen Form des Finanz-Kapitalismus ausbeuterisch und ungerecht, was wohl nicht zuletzt auch dem Papiergeld und sonstigem künstlich geschaffenem „Fiatgeld“[iv] zuzuschreiben ist. Offensichtlich ist der Mensch nicht fähig, seine Mittel – wie das Papiergeld – verantwortungsvoll zu gebrauchen und angesichts von Krisen Augenmaß zu bewahren.

Geht es, was Geld betrifft, vielleicht doch besser mit Golddeckung oder mit anderen, gesetzlich bindenden Beschränkungen der derzeitigen, höchst verantwortungslosen „grenzenlosen Geldvermehrung“? Vielleicht mit der Koppelung der Geldmenge an die Wirtschaftsleistung?

Auf keinen Fall können unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft ohne eine allgemein anerkannte, verpflichtende Ethik dauerhaft funktionieren.

An sich ist das längst bekannt! Doch gut gemeinte Versuche der UNO, mit dem „Projekt Weltethos“ (2), oder der „Erd-Charta“, die ethischen Grundlagen für eine friedliche, humane, demokratische, ökologische Weltordnung zu formulieren, mussten am Egoismus der Staaten und ihrer Verantwortlichen scheitern, von denen nicht wenige zur Machtpolitik der Fürsten des Barockzeitalters zurückzufallen scheinen.

Der „moderne Mensch“ wird sich kaum durch religiöse Gebote, die Drohung mit der ewigen Verdammnis, philosophische Leitlinien oder Apelle der UNO einengen, von seiner Habgier, seiner rücksichtslosen Ausbeutung von Menschen und Natur abbringen lassen.

So scheint es unvermeidlich, die wichtigsten Vorgaben durch Gesetze zu erzwingen. Doch das kann nur eine fragwürdige Teillösung sein. Denn Gesetze sind nie perfekt, sie bilden die politisch belastete Tagesmeinung ab, können zukünftige Entwicklungen nicht berücksichtigen und lassen sich anfechten, auslegen, umgehen.

Der bessere – derzeit wohl noch utopische – Weg wäre, dass die große Mehrheit durch eigene Einsicht zu dem Entschluss kommt, dass eine dauerhafte, harmonische und friedliche Gesellschaft nur auf ethisch vertretbaren Wegen entstehen kann und jeder Einzelne zu dieser Ethik aktiv beitragen muss.

Diese Überzeugung muss tief im Innersten jedes Menschen lebendig sein!

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Lesen Sie dazu auch:

Unter „Geschichte“ die Beiträge „Der gewalttätige Mensch“, „Das Jahrhundert der Utopien“.

Unter „Wirtschaft und Soziales“ die Beiträge “Abschied von der (sozialen) Marktwirtschaft”, „Arbeite um zu überleben“, “Der Globalisierungsschwindel”,  „Leitbilder auf dem Prüfstand“, „Wirtschaftskrise und Weltverschwörung“.

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(1) Courtois Stephane u. a. „Das Schwarzbuch des Kommunismus, Piper, München, 1997.

(2) Brücken für die Zukunft, Manifest für die Vereinten Nationen, Fischer, Frankfurt, 2001.

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[i] Papst Franciscus: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen, bedeutet diese zu bestehlen. Die Güter, die wir besitzen gehören nicht uns, sondern ihnen.“ (Zitiert nach Thilo Sarrazin „Wunschdenken“, DVA, 2016, S. 430). Diese Ansicht vertritt der Chef der vermutlich reichsten Organisation der Welt!

[ii] Im Beitrag „Der gewalttätige Mensch“ wird diese Entwicklung ausführlicher geschildert.

[iii] “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gut werde“. (Immanuel Kant, 1724-1804).

[iv] Fiatgeld hat keinen Warenbezug (z. B. zu Gold), sondern ist vom Staat als gesetzliches Zahlungsmittel vorgeschrieben. Es wird von Staat für Steuern und Abgaben angenommen und allgemein akzeptiert.