Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Genetik in der Bibel

(Veröffentlicht in GralsWelt 48/2008)
Wer in der Bibel nicht unbedingt ein geistiges Buch sieht, das von Anfang bis Ende inspiriert ist und ausnahmslos hohe und höchste Einsichten enthält, der kann einige altjüdische Überlieferungen auch als Lektüre erleben, die weltlich interessante, sogar amüsante Informationen bietet. So lässt sich zum Beispiel eine überraschende Geschichte auf der Basis von Naturbeobachtungen finden, die auf einer Gesetzmäßigkeit beruht, die erst im 19. Jahrhundert erforscht wurde.
Jakobs Herde
Im 30. Kapitel der Genesis (1. Buch Mose) wird erzählt, wie Jakob als Lohn von Laban einen Anteil an den Herden erbittet. Jakob wünscht sich die schwarz/weiß gefleckten Schafe oder Ziegen, während Laban die (wohl stark überwiegenden) schwarzen Exemplare und deren Lämmer behält.
Um seinen Anteil an den Herden zu verbessern, wendet Jakob einen magischen Trick an: Er schält aus Ruten von Silberpappeln, Mandelbäumen und Platanen weiße Streifen heraus und legt diese schwarz/weiß gestreiften Ruten in die Tränken, zu denen die schwarzen Tiere kommen müssen. Eine typische magische „Ahmung” durch die den Tieren vorgemacht wird, was sie „Nachahmen” müssen: Ihre Lämmer sollen mit geflecktem Fell geboren werden. Das geschah dann auch immer wieder.
Der „Zaubertrick” war erfolgreich, Jakob wurde „überaus reich; er besaß eine Menge Schafe und Ziegen, Mägde und Knechte, Kamele und Esel” (1.Mose, 30,43). Wie nicht anders zu erwarten, folgte ein Streit mit Laban und dessen Söhnen, die sich von Jakob übervorteilt fühlten.
Dominante und rezessive Gene
Verstehen können wir den Hintergrund von Jakobs Magie erst seit Gregor Mendel (1822 – 1884). Dieser entdeckte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die grundlegenden Gesetze der Vererbung. Von den Darwinisten wurde seine Arbeit heftig angefeindet. Es dauerte bis ins 20. Jahrhundert, bis die Evolutionsbiologen an den „Mendelschen Gesetzen” nicht mehr vorbei kamen, diese in den Neo-Darwinismus integrierten und seither so tun, als würden sich Mendels Gesetze – die für die Unveränderlichkeit der Arten sprechen – und Darwins fortlaufender Artenwandel gegenseitig ergänzen. Mit einer Einschränkung: Die Mendelschen Gesetze sind bewiesen, doch die Entstehung einer neuen Art entsprechend Darwins Theorie hat noch niemand belegen können….
Doch zurück zu Labans und Jakobs Herden:
Die Gene für das schwarze Fell sind dominant, die für geflecktes Fell rezessiv. Ein Tier mit schwarzem Fell kann in seinen Erbinformationen entweder zwei Gene für schwarz oder eines für schwarz und eines für gefleckt  enthalten. Wenn bei der Paarung ein dominantes und ein rezessives Gen zusammentreffen, setzt sich das dominante Gen durch, und das Lamm bekommt ein schwarzes Fell. Fallen zwei rezessive Gene zusammen, wird das Lamm gefleckt. Das heißt: Wenn sich schwarze Ziegen paaren, so finden sich unter ihren Nachkommen immer wieder gefleckte Lämmer; paaren sich gefleckte Ziegen, dann bekommen alle ihre Nachkommen gefleckte Felle. Hält man die Gefleckten getrennt von den Schwarzen, wird auf Dauer die – zu Beginn vielleicht recht kleine – Anzahl der Gefleckten relativ schneller zunehmen, als die der Schwarzen. Denn die gefleckten Ziegen haben nur gefleckte Nachkommen, die schwarzen Ziegen vorwiegend schwarze, aber auch einige gefleckte.
Züchtung und Vererbung
Über Jahrtausende wurden Haustiere und Nutzpflanzen von Nomaden und Bauern gezüchtet, also durch geeignete Auswahl der Eltern die Nachkommen den Wünschen der Menschen immer besser angepasst. Bauern und Viehzüchter lernten aus Erfahrung. So hat auch ein Hirte in biblischer Zeit gut beobachtet und ein wenig von den Gesetze der Vererbung erkannt, die hier vereinfacht geschildert sind. Gesetze, die jeder Tier- oder Pflanzenzüchter mehr oder weniger bewusst seit Jahrtausenden anwendet.
Vielleicht versuchten antike Züchter auch mit magischen Methoden – wie der von Jakob geschilderten – die Ergebnisse ihrer Kreuzungen zu beeinflussen; denn die zu vererbenden Eigenschaften sind vielfältig, die Vererbungsgesetze nicht immer einfach zu verstehen, und Zuchterfolge waren ohne Kenntnis der Vererbungsgesetze oft mehr Glückssache als Planung und angewandte Erfahrung . Für Jakobs Zeitgenossen war sein erfolgreiches Vorgehen nicht durchschaubar, und es ist kaum verwunderlich, wenn sich Laban und seine Söhne übervorteilt glaubten durch „Zauberei”, die im Alten Testament verboten ist.