Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Ein weiser Rat der Bibel

(Veröffentlicht in GralsWelt 85/2014)

In so gut wie allen religiösen Gruppen finden sich Fanatiker, die – mit dogmatischer Unduldsamkeit – Abweichler von ihrer Lehre oder Andersgläubige diskriminieren, diffamieren, sogar mit dem Tode bedrohen. Dieses engstirnige Denken hat Jahrhunderte lang Leid, Gewalt, Unterdrückung, Vertreibung und Kriege erzwungen. Auch das Christentum folgte oft nicht der mit Nächstenliebe und Verzeihung verbundenen Lehre Jesu und hat einen weisen Ratschlag der Bibel zum Thema „religiöse Toleranz“ überlesen. Dafür wurden nicht selten die in der Bibel ebenfalls zu findenden Parolen der Unduldsamkeit[1] betont.

Das auch nicht immer besonders duldsame Alte Judentum kann sich zumindest auf einen Patriarchen berufen, der in entscheidender Stunde zur religiösen Toleranz aufrief. Das Christentum hat diesem viel zu verdanken:

Gamaliel, genannt „der Alte“

Etwa um 20 bis 50 n. Chr. lehrte in Jerusalem Gamaliel I., genannt „der Alte“. In der Apostelgeschichte wird er als Lehrer des Paulus erwähnt (Apg. 22,3). Gamaliel war ein führendes Mitglied des Hohen Rates (Sanhedrin). Er spielte eine entscheidende Rolle, als Apostel von Jesus vor diesem Gericht angeklagt wurden. Diese Apostel hatten im Namen von Jesus gepredigt und damit ein strenges Verbot übergangen – mit dem Argument: „… man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5, 29).

Als den Angeklagten die vom Hohepriester und besonders den Sadduzäern[2] geforderte Todesstrafe drohte, meldete sich ein angesehener Gesetzeslehrer, der Pharisäer Gamaliel, zu Wort:

„Israeliten, überlegt euch gut, was ihr mit diesen Leuten tun wollt. Vor einiger Zeit nämlich trat Theudas auf und behauptete, er sei etwas besonderes. Ihm schlossen sich etwa vierhundert Männer an. Aber er wurde getötet, und sein ganzer Anhang wurde zerstreut und aufgerieben. Nach ihm trat in den Tagen der Volkszählung Judas, der Galiläer, auf; er brachte viel Volk hinter sich und verleitete es zum Aufruhr. Auch er kam um, und alle seine Anhänger wurden zerstreut. Darum rate ich euch jetzt: Lasst von diesen Männern ab, und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben und dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen“ (Apg. 5,35–39).

Hier begegnen wir dem vielleicht bedeutsamsten Argument zum Thema „religiöse Toleranz und Umgang mit ,ketzerischen‘ oder sonstigen abweichenden Meinungen“, nicht nur in der Religion, sondern auch in Politik, Wissenschaft, Gesellschaft: Was den Natur- oder Schöpfungsgesetzen gemäß ist, sollte nicht von uneinsichtigen Menschen gewaltsam zurückgedrängt werden. In der Regel wird es sich gegen alle Widerstände zuletzt durchsetzen. Irrtümer dagegen können sich auch dann nicht dauerhaft halten, wenn staatliche Gewalt sie stützt.

Das Bessere setzt sich durch

Wer will, kann eine Bestätigung für die Durchsetzungskraft des Besseren im Wirken der natürlichen Evolution beobachten (vgl. GralsWelt Themenheft 21/2008). Aufgrund von Naturbeobachtungen darf man vermuten, dass entsprechende Gesetzmäßigkeiten auch in der Entwicklung menschlicher Gesellschaften wirksam sind, die das Richtige fördern und das Falsche hemmen. Jeder zivilisatorische Fortschritt bedarf einer Vielfalt von Ansichten, Argumenten, Entwürfen, Konstruktionen und Versuchen, damit sich die relativ beste Lösung bewähren kann. Irrtümer und Rückschritte werden sich auf diesem Weg nie ganz vermeiden lassen. Die ideale Gesellschaftsform wird es auf Erden vorerst so wenig geben wie die einzig richtige Konfession. Doch wir können uns in vielen kleinen Schritten in Richtung Aufwärtsentwicklung – geistig und irdisch – bewegen.

www …

Gamaliel

http://en.wikipedia.org/wiki/Gamaliel



[1] Z: B: Esra 10, 1-18; 2. Kön. 10, 19-20

[2] Zur Zeit von Jesus waren im Sanhedrin im Wesentlichen zwei jüdische Sekten vertreten: Die Pharisäer und die Sadduzäer. Die Essener (mit denen Johannes der Täufer und Jesus in Verbindung gebracht werden) finden im Neuen Testament keine Erwähnung.