Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Vertreibung aus dem Paradies

(Veröffentlicht in GralsWelt 63/2011)

Neue Forschungsergebnisse führen zu dem Schluss, dass der Mensch von Natur aus gut ist und erst infolge widriger Umstände Aggressionen und patriarchale Strukturen entwickelte.

Im GralsWelt Heft 46 („Der Kult der großen Mutter“) haben wir davon berichtet, dass es vor Jahrtausenden eine von manchen als Idealzustand betrachtete Urphase der Menschheit gegeben haben soll, eine friedliche Zeit, in der die Menschen harmonisch zusammenlebten. Viele alte Überlieferungen künden – mehr oder weniger sagenhaft – von diesem „Goldenen Zeitalter“, aus dem die Menschen durch „höhere Gewalt“ vertrieben wurden. Die Grundlagen für diese neuartige Deutung der Geschichte Alteuropas lieferte die Archäologin Marija Gimbutas (1921–1994). (3) Demnach waren die steinzeitlichen Menschen keineswegs aggressive, keulenschwingende Ungeheuer. Ebenso unzutreffend wäre die Annahmen, dass der Mensch im Naturzustand allein durch den Trieb zur Selbsterhaltung und durch Machtgier gelenkt sei. Unterstützung erhält die Überzeugung, daß die Menschen Alteuropas Jahrtausende lang friedlich in fast paradiesischen Zuständen lebten, neuerdings durch die Saharasia-These von James DeMeo (geb. 1949). „Saharasia“ ist ein aus Sahara, Arabien und Zentralasien gebildetes Kunstwort. Die Arbeiten DeMeos gehen also über den europäischen Raum weit hinaus, passen aber gut zu Marija Gimbutas’ Forschungsergebnissen.

Ein verlorenes Paradies?

Der Wüstengürtel der nördlichen Hemisphäre reicht von der Sahara über die Arabische Wüste zu den Zentralasiatischen Wüsten. Einst waren diese heute ariden Zonen fruchtbare Landschaften mit reichlich Wasser und Wild. Dafür zeugen unter anderem Felszeichnungen, zum Beispiel von Gewässern mit Schwimmern oder von reichhaltigem Tierleben, mitten in der Sahara.

Diese Wüsten von heute wurden nach DeMeo zu den Kerngebieten, von denen aus patriarchale, gewaltbereite Herrschaftsformen sich über die übrige Welt verbreiteten.

Demnach waren „einige der heute ausgetrockneten Becken mit Wasser gefüllt, das zwischen zehn und hundert Metern tief war, während in den heutigen Canyons und Wadis [Anm.: = tief eingeschnittene, meist trocken liegende Flussbetten von Wüstenflüssen] Ströme und Flüsse beständig ihr Bett hatten. Aber wie lebten die Völker, die den Raum von Saharasia in diesen feuchten Zeiten des Überflusses bewohnten? DeMeo: „Der Charakter dieser frühen Völker war friedvoll, ungepanzert und matristisch [Anm.: = matriarchal, mutterrechtlich]. Tatsächlich kam ich zu dem Ergebnis, dass es keinen klaren, zwingenden Beleg von Belang für die Existenz eines Patrismus irgendwo auf der Erde vor ca. 4000 v. Chr. gibt. Auf jeden Fall aber gibt es beweiskräftige Belege für frühere matristische soziale Verhältnisse.“

In diesen einst gesegneten Landschaften gab es nach DeMeo vor sechstausend Jahren schwerwiegende Einbrüche, wahrscheinlich im Klima, die als Folge das gesamte gesellschaftliche Leben geradezu umstürzten.

Die friedliche matriarchale Gesellschaftsordnung wurde durch ein aggressives Patriarchat verdrängt. Machtstreben und Gewalt erstickten die Bemühungen um Ausgleich und Frieden. Auf die mit diesem Umbruch verbunden Belastungen und Veränderungen der menschlichen Psyche geht DeMeo ausführlich ein.

Die beiden unterschiedlichen, fast gegensätzlichen Gesellschaftsordnungen – Matriarchat und Patriarchat – hatten auch unterschiedliche Religionsformen. Noch nicht geklärt sind die direkten Ursachen für den tiefgreifenden Umschlag des menschlichen Verhaltens von friedlich in gewalttätig. Zu vermuten ist eine plötzliche Klimaänderung (bewirkt durch Naturkatastrophen, etwa einen Impakt, oder den Ausbruch eines Großvulkans?). Die Landwirtschaft brach zusammen, die angesehenen Persönlichkeiten waren ratlos, die bewährten gesellschaftlichen Strukturen gerieten ins Wanken. Hungersnot, Leid und Schmerz machten die Menschen aggressiv, die ihr im Sand versinkendes Paradies verlassen mussten.

Ganze Völker konnten damals in ihrer Heimat – die heute eine Wüste ist – nicht mehr überleben. Sie mussten sich auf den Weg machen, neue Siedlungsgebiete finden und gegebenenfalls erobern. Die damit verbundene Gewaltbereitschaft, die in Kampf, Krieg und Unterdrückung ausartete, schuf ein Klima der Angst und Aggression, das die Menschen stark belastete. Auch der Umgang mit Angehörigen der eigenen Gruppe, insbesondere den Kindern, wurde rauher.

Trafen landsuchende, gewaltbereite Wanderer auf friedliche Sesshafte, so waren letztere vermutlich im Nachteil. Nicht nur, dass es den Sesshaften (noch) an Rücksichtslosigkeit und Mordbereitschaft fehlte, sie waren wahrscheinlich auch schlechter gerüstet und nicht auf Kampf und Krieg vorbereitet. So haben wohl in der Regel die Angreifer gesiegt und dann ihre Gesellschaftsform (das Patriarchat) und ihre Religion (mit einem strengen männlichen Gott) durchgesetzt[i].

 Weshalb die Frau zur Unterdrückten wird

Die Entstehungsgeschichte des Patriarchats ist also immer zugleich die Entstehungsgeschichte von Herrschaft bis hin zum Typus der Gesellschaften, wie wir ihn heute haben. Patriarchales Bewusstsein steigerte sich im Verlauf der Ausweitung von Herrschaftstechnologie, die von direkter Gewalt immer stärker zu unsichtbarer, struktureller Gewalt übergegangen ist. In allen frühpatriarchalischen Ideologiebildungen kann man nachlesen, dass die Frau „das Untere“ ist, „das Dunkle“, „das Böse“, „das Schlechte“, „das Schwache“ und so weiter. Dieser Zwang, die Frau zu unterdrücken, entsteht aus ihrer großen Wichtigkeit für jede Gesellschaftsordnung, weil sie die Kinder, die zukünftige Generation gebiert und erzieht. Im Patriarchat wird die Frau aufgrund genau dieser Fähigkeit zur Unterdrückten. Mutterschaft wird jetzt eine patriarchale Institution, bleibt keine selbstbestimmte Angelegenheit der Frau mehr. Sie gebiert ab jetzt die Kinder des Mannes, sie ist das Gefäß für seinen Samen, und gebiert seine Söhne, die seinen Besitz erben werden.

Heide Göttner-Abendroth (aus „Matriarchate“, Seite 23)

 

Das Goldene Zeitalter

Die Thesen von einem „Goldenen Zeitalter“ der Harmonie und des Friedens sind vielfältig und nicht unumstritten. Alte Mythen treffen sich mit modernen Forschungsergebnissen, die belegen wollen, dass es einst – zumindest in mehreren Regionen – eine Periode gab mit relativ friedlichen sozialen Verhältnissen, in der Krieg, Männerherrschaft und destruktive Aggressionen weitgehend fehlten.

Dann zerstörten Katastrophen das sanfte Matriarchat, unter dem man in Frieden und Freiheit leben durfte. Seither etablierten sich Unfreiheit, Gewalt, Krieg und Despotismus. Nach DeMeo ist die repressive patriarchalische Herrschaftsform umso ausgeprägter, je näher die betreffende Region dem Wüstengürtel liegt, aus dem in der Vorzeit Patriarchate ausgegangen sind.

Es gibt also gute Gründe zu vermuten, dass es einst ein „paradiesisches“ Leben auf unserem Planeten gab, aus dem wir durch „höhere Gewalt“ vertrieben wurden. Nach solchen tiefgreifenden, katastrophalen Einbrüchen sucht der Mensch nach Erklärungen für das ihm unverständliche Geschehen. Da ist es naheliegend, eigenes Fehlverhalten, einen „Sündenfall“ als Ursache für den „Eingriff von oben“, die „Strafe des Himmels“ auszumachen. Und diese Annahme muss nicht einmal ganz falsch sein; denn Übernutzung des Bodens und Abholzung der Wälder durch die frühen Bauern kann zu dem klimatischen Umschwung beigetragen haben. Allerdings würde eine von Menschen verursachte Klimaänderung nicht mit solcher Plötzlichkeit hereinbrechen, wie die damaligen Katastrophen die Menschen der Jungsteinzeit und beginnenden Bronzezeit überfallen haben sollen.

Dieses neue Bild einer friedlichen steinzeitlichen Gesellschaft akzeptieren viele Archäologen und Historiker nicht, da es den gängigen Geschichtsinterpretationen zu wenig entspricht.

Doch uns kann auch eine Meinung, die von der Mehrzahl der Wissenschaftler derzeit noch nicht anerkannt ist, Mut machen: Der Mensch ist von Natur aus gut! Die Forschungen von Marija Gimbutas und die Schlussfolgerungen, die James DeMeo von gezogen hat, sprechen dafür. Es gibt also gute Gründe für die Annahme, dass Menschen im Naturzustand friedlich sind, auf Harmonie und Ausgleich bedacht. Über viele Jahrtausende haben sie harmonisch zusammen gelebt. Erst vor etwa sechstausend Jahren erzwangen widrige Umstände einen brutalen Kampf ums Überleben. Aggressive Verhaltensweisen begannen zu dominieren, die bis dahin nicht typisch menschlich waren, und es auch heute nicht sind!  

Wir müssen uns nicht von Philosophen wie Thomas Hobbes (1588–1679) und Herbert Spencer (1820–1903) oder von Sozialdarwinisten beirren lassen, die Gewalttätigkeit als für den Menschen charakteristisch ansehen. In Wahrheit ist der Mensch von sich aus gut und will in Frieden leben! Eine friedliche Welt ist daher keine Utopie, sie kann und muß im 21. Jahrhundert zum Normalzustand werden.

Literatur:

(1) DeMeo James, Entstehung und Ausbreitung des Patriarchats – die „Saharasia“-These“, Zeitschrift Emotion, V. Knapp-Diederichs Publ., Ausgabe 10, 1992

(2) DeMeo James, Saharasia, Orgon Physical Research Lab, Greensprings, Oregon (USA) 1998

(3) Eisler Riane, Kelch und Schwert, Goldmann, München 1987

(4) Göttner-Abendroth Heide, Matriarchate, edition amalia, Bern 1977

www …

http://hannelore.org/kulturgeschichte/saharasia-these.html.

http://www.holis.de/history/saha.php

http://www.orgonelab.org/saharasia_de.htm


[i] Es gibt natürlich auch andere Erklärungen für das Entstehen von hierarchischen Gesellschaften. Beispielsweise vertrat der deutsche Soziologe und Sinologe Karl August Wittfogel (1896-1988) die Ansicht, daß alle frühen Hochkulturen „hydraulische Kulturen“ mit großen Bewässerungssystemen waren. Dazu mußten Tausende von Bauern und Arbeitern von einem König gelenkt werden. So sei die „orientalische Despotie“ entstanden.