Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die geheimnisvollste aller Reliquien

(Veröffentlich in GralsWelt 7/1998)

DIE VIELEN  RÄTSEL  UM  DAS „LEICHENTUCH CHRISTI”

Das „Grabtuch von Turin” zählt zu den verehrtesten Reliquien des Christentums – aber auch zu den umstrittensten. War es tatsächlich das „Leichentuch Christi” – oder handelt es sich um die wohl geschickteste Fälschung der Geschichte? Die Wissenschaft ist sich bis heute uneinig, die Kirche bezieht keine klare Position – und so sind Tür und Tor offen für Spekulationen aller Art. GRALSWELT-Redakteur Siegfried HAGL verfolgt die Geschichte des Turiner Grabtuchs, beleuchtet die vielen Rätsel, die sich um diese geheimnisvollste aller Reliquien ranken, und zieht eine Bilanz.

Reliquienverehrung – keineswegs auf die katholische Kirche oder das Christentum begrenzt – war im Mittelalter eine tragende Säule der Volksfrömmigkeit. Damals war die Echtheit der hochverehrten Hinterlassenschaften von den Heroen des Glaubens über jeden Verdacht erhaben.
Im Zuge des mit kirchenfeindlichen Strömungen verbundenen Zeitalters der Aufklärung wurden Reliquien dann zur Zielscheibe hämischer Religionskritiker, die deren Echtheit samt und sonders bezweifelten. Verzeichnisse bekannter Reliquien dienten als Beweis für den allerorten praktizierten religiösen Wahn: So fanden sich zum Beispiel vom hl. Stephan 13 Arme, von hl. Dionisius zwei vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe. Von 19 überprüften Heiligen existieren bis heute in Kirchen, Klöstern und Kapellen 121 Köpfe, 136 Leiber und eine Fülle verschiedener Glieder.
Kein Wunder, daß im 19. Jahrhundert die katholische Kirche vorsichtig vom Reliquienkult abrückte und sich nicht mehr für die Echtheit der verehrten Relikte verbürgen wollte. Im Hinblick darauf versuchte man gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die älteste und wertvollste aller Reliquien in Vergessenheit geraten zu lassen: Das als „Turiner Grabtuch” berühmte „Leichentuch Christi”, dem kein aufgeklärter Wissenschaftler die geringste Chance einräumte, „echt” zu sein.
Doch mit diesem einzigartigen Erbstück erlebten alle daran Interessierten eine Überraschung sondergleichen, und die Fronten schienen sich zu vertauschen: Es fanden sich Wissenschaftler, die überzeugt sind, die Echtheit belegen zu können, während die katholische Kirche – als ein vielfach „gebranntes Kind” – sich weiterhin zurückhält und sogar den Verdacht erweckt, als würde sie gerade diese besondere Reliquie am liebsten verschwinden lassen.

 

RELIQUIEN

Reliquien (lat. „Überbleibsel”) sind Asche oder Gebeine von Heiligen. Auch Gegenstände, die ein Heiliger gebraucht hat (z. B. Kleider) oder die mit seinen Überresten (Grabtuch Christi) öder seinem Grab in Berührung gekommen sind. Die Verehrung der Reliquien ist als relativer Kult eine Form der Heiligenverehrung und als solche z. B. in der katholischen Kirche dogmatisch geschätzt, wenn auch nicht gefordert.
Kirchenrechtlich dürfen Reliquien nur verehrt werden, wenn sie durch eine Urkunde eines Kardinals, des Oberhirten oder eines anderen dazu berechtigten Klerikers für authentisch erklärt wurden.
In den Kirchen des Ostens nahm die Reliquienverehrung einen großen Umfang ein und hat noch heute in der Volksfrömmigkeit besondere Bedeutung.
Einen Reliquien-Kult kennen auch andere Religionen. So wird im Buddhismus die Asche Buddhas in Stupas aufbewahrt. Auch im islamischen Volksglauben spielen Reliquien eine Rolle, so das angebliche Haar des Propheten in Kaschmir.
Aus „Brockhaus Enzyklopädie”, 17. Auflage, 1972.

 

EIN SENSATIONELLES  FOTO

Im Jahre 1898 hatte man sich entschlossen, das sagenumwobene Leichentuch, in dem das Antlitz Jesu zu sehen sein soll, dem gewandelten Zeitgeist entsprechend unauffällig in einem Magazin zu archivieren. Vorher ließ man aber zur Dokumentation noch Photos anfertigen.
Diese ersten Aufnahmen des Grabtuches brachten eine unvorhersehbare Überraschung: Auf seinen Photoplatten sah der von der Kirche beauftragte Jurist und Photograph Secondo Pia nach der Entwicklung nicht das erwartete Negativ, sondern das Positiv des auf dem Tuch abgebildeten Körpers. Erstmals war auf diesen photographischen Platten deutlich ein Antlitz zu erkennen, dessen unvergeßlicher Ausdruck den Photographen tief erschütterte – wie Millionen von Betrachtern dieses „Jesus-Bildes” nach ihm. Natürlich wurde Pia der Fälschung bezichtigt, bis weitere Aufnahmen im Jahre 1931 ihn rechtfertigten und den Startschuß für eine umfangreiche wissenschaftliche Grabtuchforschung gaben.

DAS  GRABTUCH  JESU?

Kaum ein Teil christlicher Frömmigkeit muß sich mehr Skepsis gefallen lassen, als die Reliquienverehrung. Und nun soll ausgerechnet ein Leichentuch echt sein, auf dem der ganze Körper Jesu (Vorder- und Rückseite) samt seines Gesichtes abgebildet ist? Woher kommt dieses Tuch überhaupt?
Die ersten Berichte sind – wen überrascht es? – fromme Legenden mit unsicherem Wahrheitsgehalt, wie der von Eusebius (260/340) überlieferte Bericht:
König Abgar V. von Edessa (15 – 50) hörte von den Wunderheilungen Jesu und lud diesen ein, nach Edessa (heute die türkische Provinzstadt Urfa) zu kommen, um ihn vom Aussatz zu heilen. Nach dem vorzeitigen Tod von Jesus reiste Thaddäus (nicht der Apostel, sondern „einer von den Siebzig”) nach Edessa, wo er mit einem „Bildnis von Jesus” den König heilte.
Abgar wurde dadurch bekehrt und in Edessa entstand die vielleicht erste christliche Gemeinde außerhalb Palästinas. Doch Abgars Enkel Manu V. soll ab 57 wieder zum alten Dämonenglauben zurückgekehrt sein, woraufhin das Bildnis, um es zu retten, heimlich in einem Stadttor eingemauert wurde. Der Retter der unersetzlichen Reliquie soll zu Tode gefoltert worden sein, weil er sich weigerte, das Versteck preiszugeben.
Wiederentdeckt wurde das Tuch bei Renovierungsarbeiten im 6. Jahrhundert und seitdem als heiligstes Vermächtnis vom Erdenwirken des Gottessohnes gehütet.
Bereits Thaddäus hat vermutlich das Grabtuch mit dem Ganzkörperabdruck so gefaltet, daß nur das Antlitz sichtbar war; man nannte es „tetradiplon”, „das vierfach Gefaltete”.

DAS  BILD  DES  ERLÖSERS

Bis ins 6. Jahrhundert gab es recht unterschiedliche bildliche Darstellungen von Jesus: Als römischer Kaiser, als antike Gottheit, oder als bartloser Jüngling vom Typ des guten Hirten. Haartracht, Gesichtszüge, Bart sind sehr verschieden. Offensichtlich wußte niemand wie Jesus ausgesehen hat.
Dann trat im 6. Jahrhundert ein auffälliger Wandel ein, der das „wahre Angesicht von Jesus” in die Kunst einführt. Ein „Acheiropoieton” (a chairo poieton = nicht von Hand gemacht), also ein nicht von Menschen erzeugtes Bild des Erlösers wird zum Vorbild für die gesamte christliche Kunst. Man darf vermuten, daß es sich um das als „Mandylion” (vom arabischen mindil = Tuch) bezeichnete Edessa-Bild handelt.
Im Jahre 965 wurde das Mandylion von Edessa nach Konstantinopel gebracht. Das Oströmische Kaiserreich führte eigens einen Krieg, um das einzige „echte” Jesus-Bild aus dem inzwischen von Arabern eroberten Edessa zu entführen. Zwei Jahrhunderte lang wurde es in der Kaiserstadt am Bosporus aufbewahrt. Pilgerberichte aus dieser Zeit bezeugen, daß dort ein Tuch zu sehen war, auf dem der ganze Leib Christi abgebildet gewesen sei.

DAS  GRABTUCH  VERSCHWINDET – UND  TAUCHT  WIEDER  AUF

Als im Zuge des 4. Kreuzzuges Konstantinopel im Jahre 1204 von christlichen Kreuzfahrern erobert und geplündert wird, verschwindet das Mandylion.
Erst einhundertfünfzig Jahre später (um 1354) taucht Kunde von ihm wieder auf: Es wird von Gedefroy I., Herr von Charney in der Champagne, dem von ihm gegründeten Stift Lirey geschenkt. Handelt es sich tatsächlich um das in Konstantinopel geraubte Tuch, und wo war es in der Zwischenzeit ?
Die Forscher stellen folgende Vermutung an:
Einer der mächtigsten der religiös-militärischen Orden des Mittelalters waren die Tempelritter. Dieser Ritter-Orden wurde 1119 von einer Schar erlesener Ritter in Jerusalem gegründet. Ein Jahrhundert später war er ein bedeutender militärischer und politischer Machtfaktor. Und: Templer waren am 4. Kreuzzug und an der Eroberung von Konstantinopel beteiligt! Das begehrte Tuch könnte also durch Raub in den Besitz der Templer gelangt sein.
Zwei Jahrhunderte nach Gründung ihres Ordens waren die Tempelritter „zu mächtig” geworden, und der König von Frankreich schmiedete zusammen mit dem Papst ein Komplott: Alle Ritter des Templer-Ordens wurden in Frankreich (ihrem Hauptsitz) 1305 überraschend verhaftet und die Güter des Ordens eingezogen. Den Templern wurde Ketzerei unterstellt und der Vorwurf gemacht, daß sie heimlich ein Idol in Form eines Männerkopfes anbeteten, „Baphomet” genannt. Dieses „Götzenbild” wurde niemals gefunden (so wenig wie der sagenhafte Templer-Schatz, nach dem manche heute noch suchen), und die zur Verurteilung der Tempelritter nötigen Geständnisse wurden mit der Folter erpreßt. Der Großmeister des Ordens, Jacque de Molay, und andere hochrangige Templer endeten auf dem Scheiterhaufen. Einer dieser dem Machtstreben von König und Papst geopferten Ritter hieß Geoffrey de Charney. Ein Vorfahre des eben genannten Gedefroy von Charney? Hat Geoffrey in höchster Not das größte Heiligtum des Ordens retten und bei Verwandten in der Champagne in Sicherheit bringen können? Die es dann ein halbes Jahrhundert lang versteckt hielten?
Von nun an ist der Verbleib des Grabtuches wieder zu verfolgen. Einige Jahrzehnte blieb es in Lirey. 1452 wird es an das Haus Savoyen verkauft, in dessen Eigentum es über fünf Jahrhunderte bis zum Jahre 1983 blieb. In diesem Jahr besuchte der Papst Johannes Paul II. den greisen Exkönig Umberto II. von Italien in dessen Exil in Portugal. Umberto schenkt die seit 1578 in Turin aufbewahrte Reliquie der römisch-katholischen Kirche. Nun erst kann der Vatikan darüber verfügen und eine – inzwischen von vielen geforderte – Altersbestimmung nach der „Radio-Karbon-Methode” veranlassen.

BEWEISE  FÜR  DIE  ECHTHEIT

Das Turiner Grabtuch hat eine lange Geschichte und zweimal wäre es beinahe verbrannt. Vieles in den Überlieferungen ist unsicher, und man kann niemand einen Vorwurf machen, der im bisher Erzählten nicht mehr als eine fromme Legende sieht.
Was also spricht für die Echtheit eines Tuches, das etwa im Jahr 30 den vom Kreuz abgenommenen Korpus Christi umhüllt haben soll?
Ein Gekreuzigter:
Das Turiner Grabtuch ist ca. 436 cm lang. Auf ihm hat ein etwa 1,80 m großer gekreuzigter Mann gelegen. Das Tuch wurde so um ihn herumgeschlagen, daß es auch den Oberkörper bedeckte. Der Hingerichtete war am Kreuz mit Nägeln durch Handwurzeln und Fußgelenke befestigt; anders als in traditionellen Darstellungen, die den gekreuzigten Jesus durch die Handflächen genagelt zeigen. Das Rückenbild läßt eine etwas niedrigere rechte Schulter erkennen, typisch im Beruf des Zimmermanns.
Blutspuren:
Auf dem Tuch sind neben der Abbildung eines Gekreuzigten viele Blutspuren zu finden, die als Menschenblut nachgewiesen wurden. Blutungen am Kopf lassen die Folgen einer „Dornenkrone” erkennen, und am Oberkörper wie am Rücken sind die deutlichen Spuren einer Geißelung mit der damals üblichen römischen Geißel erhalten. Auch die in den Evangelien erwähnte seitliche Stichwunde fehlt nicht, mit der der römische Hauptmann (in der Überlieferung heißt er Longinus) den Tod des Verurteilten festgestellt haben soll.
Münzen:
Neuerdings glaubt man sogar die Abdrücke von Münzen zu entdecken, wie sie – dem antiken Ritus entsprechend – Verstorbenen auf die Augen gelegt wurden. Diese Münzen stammen aus der Zeit des Pilatus und wurden zwischen 26 und 31 geprägt.
Eine genauere Datierung ist kaum mehr vorstellbar!
Pollenanalyse:
Jedes Tuch, das der freien Luft ausgesetzt wird, sammelt Pflanzen-Pollen auf, die sich nach Jahrhunderten noch nachweisen lassen. Der Schweizer Kriminologe Max Frei (ein Protestant) wies auf dem Turiner Grabtuch Pollen nach, die für folgende Regionen charakteristisch sind: Palästina zur Zeit von Jesus, Türkei, Konstantinopel sowie Frankreich im Mittelalter. Der Weg bzw. die vermuteten Aufenthaltsorte des Tuches, das aufgrund seiner Machart und seines Materials aus dem Syrien des ersten Jahrhunderts stammen kann, sind damit bestätigt.

VIELES  SPRICHT  GEGEN  EINE FÄLSCHUNG

Auf den ersten Blick ist jeder kritische Betrachter geneigt, das Turiner Grabtuch für eine mittelalterliche Fälschung zu halten, die mit frommen Legenden umrankt wurde.
Gegen diese These spricht:
· Die Abbildung ist ein „Negativ-Bild” wie es erst seit Erfindung der Photographie bekannt ist. In der Kunstgeschichte gibt es keinen einzigen Fall, daß (vor Erfindung der Photographie) Negativ-Bilder gemalt wurden.
· Auf dem Tuch finden sich keine Farbspuren oder erkennbare Pinselstriche, die auf die Arbeit eines Künstlers hinweisen könnten.
· Die Abbildung auf dem Grabtuch ist mit keiner bekannten Technik herzustellen. Sie vermeidet auch typische Fehler der traditionellen christlichen Kunst: Nägel durch die Handflächen (richtig: durch die Handgelenke), gewundene Dornenkrone (tatsächlich wurde ein Dornbusch auf das Haupt gedrückt).
· Die Spuren der römischen Geißel sind richtig erhalten.
· Mit Computer-Hilfe läßt sich aus der Intensität der Spuren ein dreidimensionales Bild konstruieren; eine ziemlich einmalige Tatsache, die Fälschungen ausschließen dürfte. (Die Intensität der Spuren scheint mit dem Abstand des Tuches vom Körper zusammenzuhängen. Daher die Möglichkeit, ein räumliches Bild zu erhalten, die es bei keiner üblichen zweidimensionalen Abbildung gibt).
Ein hypothetischer mittelalterlicher Fälscher hätte mit einer unbekannten Technik ein Negativ-Bild herstellen müssen, das ein gegeißeltes und mit einem auf den Kopf gedruckten Dornenbusch gefoltertes Kreuzigungsopfer darstellt, und alle in den Evangelien geschilderten Details der Kreuzigung Jesu, auch die im Mittelalter noch unbekannten, fehlerfrei berücksichtigt.

WIE ENTSTAND  DIE  ABBILDUNG AUF  DEM  GRABTUCH?

Bis heute ist nicht geklärt, wie die Abdrücke auf dem Tuch entstanden. Schließt man eine Fälschung aus (es wäre die genialste Fälschung aller Zeiten), dann bleiben verschiedene Annahmen:
· Der mit Ölen gesalbte Leichnam hat sich kurzzeitig erhitzt und dabei sein Abbild in das Tuch übertragen.
· Eine unbekannte Art von Strahlen (keine Wärmestrahlung) ging von dem Toten aus und erzeugte die Abbildung auf dem Grabtuch.
· Der mit dem Grabtuch Umhüllte hatte hohes Wundfieber. Dieses bewirkte zusammen mit Ölen und Spezereien, die man auf ihn oder das Tuch aufgebracht hatte, die Abbildung seiner Konturen. Aber: In diesem Fall hätte in dem Tuch ein noch Lebender – vielleicht im Koma – gelegen.
Versuche sowohl mit Leichnamen, als auch mit fiebernden lebenden menschlichen Körpern haben zwar den Beweis erbracht, daß Abbildungen solcher Art nicht völlig unmöglich sind, doch lagen bisher die Versuchsergebnisse weit entfernt von der Qualität und Ausdruckskraft der Bilder auf dem Turiner Grabtuch.

WURDE DIE RADIO-KARBON-DATIERUNG GEFÄLSCHT?

Im Jahr 1988 wer es endlich so weit, das wahre Alter des Tuches mit den modernsten wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen.
Von dem Turiner Grabtuch wurden Proben entnommen, die zusammen mit Vergleichsmustern drei renommierten Laboratorien in Arizona, Oxford und Zürich übergeben wurden. Sie sollten mit Hilfe einer Altersbestimmung nach der „C-14-Methode” (für deren Entdeckung W. F. Libby 1960 den Nobelpreis bekam) das Alter des Grabtuches ermitteln, um Diskussionen um die Echtheit zu beenden.
Die Messungen der drei Labors stimmten überein und die Untersuchungsergebnisse fanden weltweit Beachtung: Das Linnen der untersuchten Proben stammt aus dem Mittelalter und kann demnach unmöglich das Leichentuch von Jesus gewesen sein …
Falls man aber mit dem Radio-Karbon-Test die Diskussion um die vermeintlich wertvollste aller christlichen Reliquien beenden wollte, hat man genau das Gegenteil erreicht; denn: Alle Details der Probenentnahme von 1988 und der Messungen wurden von kritischen Wissenschaftlern akribisch untersucht. Diese kamen zu dem übereinstimmenden Ergebnis, daß bei der Probenentnahme manipuliert wurde.
Sie sagen, ein aus dem Mittelalter stammendes Gewebe ähnlicher Webart wurde unterschoben und als Teil des Turiner Grabtuches ausgegeben. Die Laboratorien bekamen falsche Proben und mußten zu falschen Ergebnissen kommen. Wie war das möglich? Handelt es sich um ein wildes Kriminalstück?
Die von verschiedenen Autoren dazu zusammengetragenen Fakten sind so dicht, daß der Verdacht einer Manipulation tatsächlich mehr als nahe liegt. Auch das Wann und Wie dieses Betrugsmanövers wurde in überzeugender Weise aufgedeckt, und es sind keineswegs nur sensationslüsterne Journalisten, die von abgekartetem Betrug sprechen. Auch die Mehrzahl der seriösen Grabtuch-Forscher hält an der Echtheit des Tuches fest und fordert einen weiteren – dieses Mal aber lückenlos dokumentierten – „C-14-Test”.
Aber weshalb sollte ausgerechnet die katholische Kirche (oder zumindest der für das Grabtuch verantwortliche Bischof) ihre älteste und wertvollste Reliquie als Fälschung entlarvt sehen wollen?

VERMUTUNGEN  ZUM  TODE JESU

Im Jahre 1969 verbreitete Hans Naber (Pseudonym: Kurt Berna) die Behauptung, daß der gekreuzigte Mann, dessen Abbild das Turiner Grabtuch zeigt, noch lebte, als man ihn in das Tuch bettete. Seitdem wurde viel darüber diskutiert, daß der vom Tuch umhüllte „Tote” noch in einer Weise nachgeblutet habe, wie es nur mit einem funktionierenden Blutkreislauf möglich sei. Dabei handelt es sich keineswegs nur um wilde Spekulationen, sondern auch um Aussagen ernstzunehmender Gerichtsmediziner.
Sogar der Ablauf der in den Evangelien geschilderten Kreuzigung läßt es nicht als ausgeschlossen scheinen, daß ein noch Lebender, tief Bewußtloser vom Kreuz abgenommen wurde:
· Der Tod am Kreuz dauert viele Stunden bis Tage, während Jesus nur wenige Stunden am Kreuz hing.
· Den neben ihm hingerichteten Aufrührern wurden die Beine gebrochen, um ihr Ableben zu beschleunigen (bei Jesus ausdrücklich nicht).
· Pontius Pilatus wollte nicht glauben, daß der Tod bei Jesus bereits eingetreten sei und stimmte der Kreuzabnahme erst nach einer Befragung des die Exekution überwachenden Hauptmannes zu (Mark. 15,44).
· Selbst die Schilderung der Auferstehung – besonders in den Urtexten – ließe sich als „Wiederbelebung” durch weiß gekleidete Ärzte (= Engel) deuten.
Alles dies, ob Jesus als Lebender vom Kreuz abgenommen, in einer vorbereiteten Grab-Höhle ärztlich behandelt und wiederbelebt wurde, vielleicht noch Tage, Wochen oder Jahre weiterlebte, bleibt Spekulation.
Ebenso die schon Ende des letzten Jahrhunderts aufgetauchte Behauptung, er sei nach Indien ausgewandert, wo man im heutigen Kaschmir sein angebliches Grab besichtigen kann. Neuerdings versucht man – bisher erfolglos – sein Grab in Südfrankreich zu lokalisieren.
Tatsache ist: Wenn aber Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre, würde das Lehrgebäude des Paulus, des Gründers der römisch-katholischen Kirche, auf dem die ganze Kirche ruht, ins Wanken geraten. Ja, der paulinischen Lehre könnte der Todesstoß versetzt sein. Kreuzestod und Auferstehung gelten ja als die entscheidenden Glaubensinhalte, in denen sich das Christentum von anderen Religionen unterscheidet:
„Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Gericht Gottes gerettet werden.” (Röm. 5, 8-9)
„Wenn aber verkündigt wird, daß Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht ? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden.
Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.” (l. Kor. 15, 12-14)
Manche Kritiker der Kirche vermuten sogar, daß der Brand, der in der Nacht vom 11. Auf den 12. April 1997 den Turiner Dom teilweise zerstörte, gezielt gelegt wurde, um das Grabtuch zu vernichten. Es gelang in letzter Minute, den Schrein des Tuches – zu dem der Schlüssel fehlte – aufzubrechen und das Grabtuch zu retten.

WAS  IST  BEI  ALL  DIESEN  SPEKULATIONEN GEWIß?

Uns bleibt ein Tuch, in dem auf vorläufig ungeklärte Weise ein Mann abgebildet ist, der aller Wahrscheinlichkeit nach im 1. Jahrhundert auf genau die Weise gekreuzigt wurde, wie es die Evangelien beschreiben.
Daß das tief beeindruckende Gesicht, das uns – erst im photographischen Negativ deutlich – daraus anblickt, das Antlitz Jesu sei, wird mit letzter Sicherheit kaum zu belegen sein, ebensowenig, ob dieser Gekreuzigte nach der Kreuzabnahme noch lebte.
Wieder einmal werden wir darauf gestoßen, daß es damals wie heute die Worte des lebendigen Jesus sind, die sein Erlösungswerk ausmachen, also seine Lehre – und nicht ein Blut-Opfer-Tod am Kreuze zur Vergebung der Sünden der Menschheit.
Wenn wir Ostern – als das höchste christliche Fest – feiern, sollten wir wissen, daß uns vom Wirken des Gottessohnes vor allem seine Botschaft und die in ihr verkündete unsterbliche Wahrheit persönlich angeht. Sein am Kreuz vergessenes Blut unterstreicht seine Bereitschaft, für die Errettung der Menschheit vor geistigem Tod, sogar selbst in einen grausamen irdischen Tod zu gehen.
Die Erlösung von Sünden wird uns, wenn wir nach den ewigen Worten des lebendigen Christus handeln; es genügt nicht – wie die paulinische Theologie vorgibt – an den toten Jesus zu glauben.
Dann ist es auch nicht mehr entscheidend, ob er am Kreuze oder vielleicht erst später gestorben ist. Er hat in jedem Fall für die Wahrheit gelebt und keine Qual gescheut, als es galt, für seine Überzeugung einzutreten.

Literatur:
Berna, Kurt: „Auferstanden in Fleisch und Bein” Schaan, FL, 1966
Bulst, Werner/Pfeiffer, Heinrich: „Das Turiner Grabtuch und das Christusbild” Frankfurt / M., 1987
Bulst, Werner: „Betrug am Turiner Grabtuch” Frankfurt / M., 1990
Herbst, Karl: „Kriminalfall Golgatha”, Düsseldorf, 1992
Herrman, Horst: „Kirchenfürsten”, München 1992
Kersten, Holger: „Jesus lebte in Indien”, München, 1983
Kersten, Holger/Gruber, Elmar: „Das Jesus-Komplott”, München 1992
Sox, David: „The Shroud unmasked”, London 1988
Wilcox, Robert K.: „Das Turiner Grabtuch”, Düsseldorf 1984