Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Apokalypsen im 21. Jahrhundert

(Veröffentlicht in GralsWelt 45/2007)

Jahrhunderte vor Christus: die erste Endzeit-Kündung
Zwischen 1.500 und 600 v. Chr. – in ihren Zeitangaben liegen Archäologen und Philologen hier weit auseinander – verkündete der persische Wahrheitsbringer Zarathustra (griechisch: Zoroaster) den höchsten Gott Ahura Mazda, den Schöpfer aller Dinge, von dem nur Gutes ausgeht. Doch in der Welt sei der Mensch zwei Triebkräften ausgesetzt: Die eine ist „spenta” (heilig, tugendhaft) und Ahura Mazda zugeordnet, die andere ist „angra” (böse, feindselig) und geht von Ahriman aus, dem „argen Geist”. Gut und Böse stehen sich schroff gegenüber, bis am Ende der Tage Ahura Mazda ein Endgericht erzwingt, in dem Gute wie Böse ihren gerechten Lohn erhalten. Das ist die große Entscheidung, der der Weltenlauf entgegeneilt.
Zarathustra war demnach der erste, der von einer Apokalypse kündete. Seither erwarten Bekenner der verschiedensten Religionen den „Jüngsten Tag”: Buddhisten, Hinduisten, Hopi-Indianer, Juden, Katholiken, New-Age-Anhänger, Okkultisten, Orthodoxe, Paganisten , Protestanten, Schiiten, Sunniten, Zeugen Jehovas usw.
Im Lauf der Jahrhunderte wurden mittels Prophetien, Theologien, Visionen, Zukunftsromanen die vermutlichen Ereignisse der Endzeit in vielen Spielarten ausgemalt – je nach der religiösen Grundhaltung ihrer Verfasser und dem Zeitgeschmack. Die entsprechende Literatur ist unabsehbar, folgt aber im Grundsätzlichen dem gleichen Muster.
Nun möchte man annehmen, dass es sich bei diesen Apokalypsen um mittelalterliche Vorstellungen handelt, die in unserer postindustriellen Zeit keinen Anklang finden. Doch das ist ein Irrtum. Beispielsweise gibt es in den drei für uns in Europa wichtigsten abrahamitischen Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – auch gegenwärtig fundamentalistische Gruppen, die schon in naher Zukunft mit endzeitlichen Ereignissen rechnen, sich darauf vorbereiten und sie sogar zu beeinflussen suchen. Die Anhänger moderner Endzeit-Propheten sind so zahlreich und von so großem Einfluss, dass sie auch politisch wirksam werden.

Jüdische Apokalyptik: Auf dem Weg zur Weltherrschaft Jahwes
Lange vor den Niederschriften des Neuen Testamentes gab es eine Apokalyptik in der Hebräischen Bibel, die Juden, Christen und sogar Muslime bis heute als Quelle nutzen. Im Mittelpunkt steht das Buch Daniel, das von der Auferstehung der Toten, dem Jüngsten Gericht und der letztendlichen Weltherrschaft Jahwes spricht: „Die Herrschaft und Macht und die Herrlichkeit aller Reiche unter dem ganzen Himmel werden dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen” (Dan. 7, 27).
Das Buch Daniel wurde vermutlich im zweiten vorchristlichen Jahrhundert, also nach der sogenannten Babylonischen Gefangenschaft, niedergeschrieben; doch seine endzeitlichen Prophetien sind beispielsweise für streng religiöse Juden auch im 21. Jahrhundert von Bedeutung.
Neue Impulse erhielt die (im Laufe der Jahrhunderte nie ganz verschwundene) jüdische Apokalyptik durch die Rabbiner Abraham Isaak Kook (1865-1934) und dessen Sohn Tzvi Yehuda Kook (1891-1982), die wie Heilige verehrt werden. Heute gibt es verschiedene Spielarten jüdischer Messias-Erwartungen, die sich zum Beispiel darin uneins sind, ob der vorherbestimmte Ablauf durch aktives menschliches Handeln – auch mit Gewalt – beschleunigt werden muss, oder ob der Gläubige in Demut die unaufhaltsame – weil gottgewollte – Entwicklung abwarten soll .
Einigermaßen einig sind sich die fundamentalistischen Gruppen jüdischer Religion in folgenden Glaubenssätzen:
· Alle bedeutenden historischen Geschehnisse sind mehr oder weniger Etappen einer Heilsgeschichte (Eschatologie), an deren Ende das Erscheinen des Messias steht.
· Die Geschichte folgt den in den Heiligen Schriften und anderen Überlieferungen beschriebenen Primärereignissen.
Damit sind auch die wichtigsten Ereignisse für die moderne jüdische Eschatologie, für die Zukunft Israels und des Judentums im Rahmen der biblischen Endzeit-Prophetie folgendermaßen vorgegeben:
· die Rückeroberung des Heiligen Landes;
· die Erklärung Jerusalems zur Hauptstadt eines israelischen Großreiches und die Errichtung des Dritten Tempels ;
· die Etablierung eines sakralen Königtums in Israel;
· das Erscheinen des Messias.
· Auch nach dem Erscheinen des Messias bleiben die Juden das „auserwählte Volk Gottes”. Die übrigen Menschen werden nicht gezwungen, den jüdischen Glauben anzunehmen. Aber alle Völker erkennen Jahwe als den höchsten Gott an.
· Das Paradies auf Erden ist unter der Herrschaft Jahwes ewig, nicht – wie im Christentum – auf das „Tausendjährige Reich” begrenzt. Auch ist die jüdische Endzeiterwartung an eine bestimmte Landschaft gebunden. (7, S. 231)
Aus zionistischer Sicht waren die Juden bis 1948, dem Gründungsjahr des Staates Israel, im Exil. Endlich hatte Jahwe, nach zwei Jahrtausenden, sein Versprechen wahr gemacht und sein Volk in das „Heilige Land” zurückgeführt. Nun muss dieses von ihm auserwählte Volk das „Land der Verheißung” gegen alle Widrigkeiten in Besitz nehmen, Jerusalem zur Hauptstadt eines neuen israelischen Königreiches machen, und den von den Römern zerstörten Tempel wieder aufbauen.
Mit dieser Überzeugung leben tiefreligiöse jüdische Fundamentalisten in Israel wie in der Diaspora. Im heutigen, dem säkularen Staat Israel bilden sie nur eine Minderheit. Sie sind jedoch mit einigen Abgeordneten in der Knesset vertreten .

Christliche Apokalyptik: Der Kampf um die Wahrheit
Seit zwei Jahrtausenden finden sich in jedem Jahrhundert überzeugte Christen, die den Jüngsten Tag nahe wähnen und sich die zu erwartenden endzeitlichen Ereignisse vorstellen. Verschiedenste christliche Deutungen der Endzeit, die meist von der Johannes-Apokalypse im Neuen Testament ausgehen, fanden auch im 20. Jahrhundert Beachtung. Eine neuzeitliche dichterische Version bietet zum Beispiel Vladimir S. Solowjew in seiner „Erzählung vom Antichrist” (6).
Bis 1991, dem Ende der Sowjet-Union, stand der Kalte Krieg im Mittelpunkt der apokalyptischen Exegesen. Die Sowjets galten als das Reich des Antichristen, und die Große Apokalypse ließ sich zum Beispiel als Beschreibung eines Atomkrieges deuten (4). Dieses Feindbild hat sich gewandelt. Seit dem 11. September 2001 wird bei christlichen Fundamentalisten im terroristischen islamistischen Fundamentalismus der Gegenspieler des „wahren Glaubens” angesiedelt.

Die Schlacht von Harmagedon
Das ebenfalls seit Jahrhunderten vielfältig ausgestaltete christliche Endzeit-Szenario sieht, kurz zusammengefasst, etwa folgendermaßen aus:
· Die Probleme in vielen Teilen der Welt häufen sich: Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Seuchen, Not, Teuerung. Die Verantwortlichen sind den Herausforderungen immer weniger gewachsen.
· Eine charismatische Führerpersönlichkeit tritt auf – mit gewaltiger Ausstrahlung und bezwingender Macht. Die Lauen und die unechten Gläubigen lassen sich von den gleisnerischen Worten dieser Persönlichkeit betören.
· Das Ziel dieses „Antichristen” ist die Vereinigung der Welt (mit der Hauptstadt Jerusalem) unter dem Vorzeichen des Materialismus, wobei das Christentum abgelehnt wird.
· Wenn der Antichrist sich schon fast am Ziele wähnt, tritt der wiedergekommene Christus auf und versammelt mit göttlicher Hilfe die Guten um sich.
· Dann folgt der große Endkampf des Lichtes gegen die Finsternis, die „Schlacht von Harmagedon” . Dieser Kampf tobt sowohl geistig wie auch irdisch.
· Die Bösen werden vernichtet und der Satan gefesselt. Die Erde wird gereinigt, und die überlebenden, geläuterten Menschen aller Völker (auch die Juden) bekehren sich zum wahren Christentum und bauen eine neue Welt unter der Leitung Christi.
· Es folgt das Reich der Tausend Jahre, nach dessen Ende der Satan entfesselt wird. Die bis dahin gereifte Menschheit kann er aber nicht mehr verführen, und er bleibt für immer entmachtet. (3)
Wie in vergangenen Jahrhunderten gibt es auch heute Gläubige, die diese Endzeit in naher Zukunft erwarten und versuchen, sich durch christlichen Lebenswandel und innere Läuterung darauf vorzubereiten. Leider sind manche mit dieser spirituellen Vorbereitung nicht zufrieden. Sie fühlen sich aufgerufen, das große, von Gott selbst verheißene Geschehen durch irdischen Aktivismus voranzutreiben, und zum Beispiel einige der prophezeiten Geschehnisse wenigstens teilweise – auch gewaltsam – vorwegzunehmen.
Da Jerusalem und die Bekehrung der Juden zum Endzeit-Szenario gehören, haben einige christliche Fundamentalisten ein zwiespältiges Verhältnis zum Judentum: Zwar sollen auch die Juden zum Christentum bekehrt werden, doch wird Israel und seine wichtigste Stadt für das endzeitliche Geschehen gebraucht und muss bis dahin erhalten bleiben. Auf Muslime wirkt das wie die Solidarisierung der Christen mit dem Judentum.

George W. Bush: Politik „im Auftrag Gottes”?
Wenn der amerikanische Präsident George W. Bush von der „Achse des Bösen” spricht, scheint er von einer religiösen Überzeugung getragen, von der Gerhard Schröder in seinen Memoiren berichtet: „Was mich trotz der entspannten Atmosphäre beschäftigte und in gewisser Weise misstrauisch machte: Immer wieder klang auch in unseren Gesprächen unter vier Augen durch, wie sehr sich dieser Präsident als ‚gottesfürchtig‘ und im Einklang mit dieser für ihn höchsten Instanz verstand. Das hat mich während seines Besuches immer wieder beschäftigt. Ich kann gut verstehen, wenn jemand ein sehr gläubiger Mensch ist und sein privates Leben an der Zwiesprache mit Gott ausrichtet, in diesem Fall im Gebet. Das Problem, das ich mit einer solchen Position habe, beginnt dort, wo sich der Eindruck aufdrängt, politische Entscheidungen seien die Folge des Gespräches mit Gott. Wer politische Entscheidungen so legitimiert, kann nicht zulassen, daß diese durch Kritik oder Gedankenaustausch mit anderen verändert oder auch nur relativiert werden. Ließe er das nämlich zu, verstieße er gegen einen Auftrag Gottes, den er im Gebet erhalten hat. Diese Absolutheit im Anspruch, die mir im Jahr 2002 keineswegs nur im Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten, sondern auch in seinen Äußerungen vor der Öffentlichkeit immer wieder begegnete, verstärkte meine politische Skepsis – ungeachtet meiner persönlichen Sympathie für Amerika und seinen Präsidenten.” (5, S. 200)
Ein Freund der Familie des Präsidenten George W. Bush – der sich selbst als „wiedergeborenen Christen” bezeichnet – ist Reverend Franklin Graham, ein Sohn des legendären Predigers Billy Graham , genannt „das Maschinengewehr Gottes”. In einem NBC-Interview hat Franklin Graham zwei Monate nach dem 11. September 2001 erklärt: „… der Glaube Mohammeds sei eine ‚sehr böse und üble Religion‘. In seinem 2002 publizierten Buch The Name schrieb er, dass der ‚Gott des Islam nicht der Gott des christlichen Glaubens‘ sei. Die beiden seien so unterschiedlich wie Licht und Dunkelheit. Nachdem der Starprediger im April 2003 vom Pentagon eingeladen worden war, um dort die Freitags-Gebete abzuhalten und um dadurch die US-Soldaten im Mittleren Osten spirituell zu unterstützen, kam es von Seiten amerikanischer Muslime zu scharfen Protesten, und liberalen Politikern war die Wahl Grahams zum ‚Hofgeistlichen‘ höchst peinlich” (7, S. 143). Graham war und ist nicht der einzige Evangelikale in der näheren Umgebung des Präsidenten (7, S. 176).

Fragwürdige christliche Missionsversuche im Irak
Den Zorn der Muslime erregen auch Bekehrungsversuche christlicher Missionsgesellschaften im Irak. So wurden im ersten Jahr der Besatzung Zehntausende Broschüren „Christus brachte euch den Frieden” und eine Million Bibeln in arabischer Sprache verteilt.
Nach der Überzeugung vieler Muslime ist der Abfall vom Islam ein todeswürdiges Verbrechen. Die Leidtragenden dieser von amerikanischen christlichen Fundamentalisten betriebenen Mission sind u. a. die irakischen Christen.

Christlicher Kreuzzug gegen den Islam
Seit dem 11. September 2001 sehen christliche Fundamentalisten die USA im Kampf gegen den Teufel, der seine hässliche Fratze als Taliban, Terrorist oder Feind Amerikas entlarvt. Hochrangige Entscheidungsträger wie General William Boykin (dem die Greuel von Abu Ghraib angelastet werden) predigen den Kampf gegen die Fürsten der Dunkelheit, die das Land der Freien bedrohen (7, S. 131). Demnach wäre ein moderner Kreuzzug die notwendige Antwort auf den Djihad.
In Bibeltexten finden militante Fundamentalisten das ideologische Rüstzeug für ihr Konzept einer religiösen US-Army, das Viktor und Victoria Trimondi im Buch „Krieg der Religionen” folgendermaßen zusammenfassen:
· Die amerikanische Militia Christi führt ihren „heiligen Krieg” als eine Kombination von Patriotismus und militantem Christentum.
· Sie kämpft als Streiter des Guten gegen das Böse, gegen die „Achse des Bösen”.
· In letzter Instanz kämpft sie für Gott und gegen den Teufel.
· Ihre Kriegführung ist entsprechend grausam und erbarmungslos.
· Sie tötet und betet.
· Sie erwartet die Ankunft Jesu Christi als den Militanten Messias.
· Sie orientiert sich an einem Krieger-Christus wie er in der Apokalypse des Johannes beschrieben ist.
· Sie führt einen Kreuzzug gegen den Islam.
· Sie ist bereit, für ihren christlichen Glauben das Martyrium zu erleiden.
· Sie glaubt, dafür mit dem Eintritt ins Paradies belohnt zu werden. (7, S. 146 f.)
Es ist schwer vorstellbar, dass militante Geistliche und evangelikale Generale in einem demokratischen westlichen Land eine Kreuzzugs-Hysterie entfachen können wie einst im 11. und 12. Jahrhundert. Doch sie liefern Propaganda-Munition für fanatische Muslime, die ihre Hasstiraden und den Aufruf zum Djihad als eine notwendige Reaktion auf die angeblich vom Westen geplante Vernichtung des Islams begründen.

Islamische Apokalyptik: Die Weltrevolution
Als Mohammed mit der Verkündung seines neuen Glaubens begann, hoffte er auf die Unterstützung der Juden; denn er wollte eine weiterführende Zusammenfassung von Juden- und Christentum erreichen. Er wurde bitter enttäuscht. Denn gerade die Juden weigerten sich, Allah als höchsten Gott anzuerkennen und überschütteten dessen Propheten mit ihrem Spott. Mohammed ließ sie mit dem Massaker von 624 grausam dafür büßen: In Medina wurden jüdische Männer ermordet, Frauen und Kinder versklavt. Im Koran sind etliche antijüdische Aussagen zu finden, die antiisraelischen Terroristen zur Legitimation ihres Handelns dienen.
Besondere Beachtung fand in den letzten Jahrzehnten ein Hadith des Propheten mit dem Titel „Der Gharqad Baum”. Viele Hassprediger beziehen sich auf diesen Ausspruch, der auch im Grundsatzprogramm der Hamas steht. Über die Endzeit wird hier gesagt: „Die Stunde wird nicht kommen, bevor die Muslime die Juden bekämpfen (und die Muslime sie töten), bis sich die Juden hinter Bäumen und Felsen verstecken und die Bäume und Felsen sagen werden: ‚Oh ihr Muslime, Ihr Diener Gottes, hier sind die Juden, kommt und tötet sie!‘ – mit Ausnahme des Gharqad Baumes, denn er ist der Baum der Juden.” (7, S. 386)
Damit wird die Ermordung der Juden für einen strenggläubig-fundamentalistischen Mohammedaner zu einer Vorbedingung für das Auftreten des islamischen Erlösers, des Mahdi oder Isa (Jesus ). Der Nahost-Konflikt – der Dauerstreit zwischen Palästinensern und Israelis um ein für seine Bevölkerung zu kleines Land mit zu wenig Wasser – wird damit hineingezogen in den Strudel endzeitlicher Prophezeiungen; er wird zur Schicksalsfrage des gesamten Islams hochstilisiert. Denn die islamistische Weltrevolution gilt als wesentlicher Teil (oder als gleichbedeutend mit) der Endzeit!

Revolutionärer Islamismus
Die Grundgedanken des revolutionären Islamismus orientieren sich an einem eschatologisch-apokalyptischen Muster, das Victor und Victoria Trimondi folgendermaßen zusammenfassen:
· Die bestehende Welt (insbesondere des Westens) ist für den Islamismus schlecht, böse, dekadent und gottlos.
· Die bestehende, böse, säkulare Welt muss bis zu den Wurzeln vernichtet werden, damit eine neue, gute, heilige Welt entstehen kann. Die Grundwerte der neuen Heiligen Welt entsprechen den Grundwerten des traditionellen Islams.
· Die Vernichtung aller zurzeit existierenden westlichen gesellschaftlichen Verhältnisse vollzieht sich durch die islamistische Weltrevolution.
· Die Methode, mit der die islamistische Weltrevolution zum Sieg gelangt, ist der „Heilige Krieg” (Djihad), der extreme Gewalt, Terror und das Martyrium (Shahadat) legitimiert und fordert.
· Nach dem Sieg über die bestehende unheilige Welt und deren Vernichtung wird eine neue, vollkommene und heilige Welt, eine globale muslimische Theokratie (das Kalifat), errichtet, die sich nach den wahren Gesetzen des Islams richtet. (7, S. 305)
Die Idee einer islamistischen Weltrevolution ist vielschichtig und nicht mit wenigen Schlagworten abzuhandeln. Aber die genannten fünf Thesen fassen Prinzipien und Denkmodelle zusammen, die von mächtigen islamistischen Gruppen der Gegenwart getragen werden. Jedenfalls geht aus diesen Thesen hervor, dass ein Dialog mit islamistischen Fundamentalisten so vielversprechend wäre wie eine Diskussion mit einem mittelalterlichen Inquisitor über die Menschenrechte.

Die islamistische Apokalypse
Eine umfangreiche Endzeit-Literatur der islamischen Kultur versucht sich in der Beschreibung der letzten Tage; sie ist vielfältig wie die verschiedenen Strömungen im Islam, doch gut vergleichbar mit entsprechenden jüdischen und christlichen Ansätzen, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen.
Auf dem Weg eines dubiosen Kulturaustausches orientieren sich fundamentalistische Strömungen verschiedenster Religionen an der gleichen apokalyptischen Matrix. Das kommt bereits in den oben genannten Grundgedanken des revolutionären Islamismus zum Ausdruck. Hinzu kommen noch folgende in der islamischen Welt verbreiteten Vorstellungen bezüglich der Endzeit, die zum Beispiel in Aussagen von Osama bin Laden oder in Reden von Mahmud Ahmadinedschad (1 und 10) auftauchen:
· Der Krieg zwischen dem Islam und dem Westen ist ein kosmischer Krieg zwischen Gut und Böse, Gott und dem Satan.
· Die jüdisch-christliche Kultur des Westens und der westliche Säkularismus bilden zusammen das „Reich des Bösen”.
· Die Vernichtung der Juden ist ein primäres Ziel.
· Auch Muslime erwarten das Kommen eines Pendants zum Antichristen, den „Dajjal” (einen Juden), der dem ersehnten Erlöser, dem Mahdi oder Isa, vorausgeht.
· In den Augen vieler Muslime sind die Hamas, die Hisbollah, die Taliban, Bin Laden und die Al-Qaida „heilige Krieger” im Weltgericht, das bereits begonnen hat. (7, S. 421)
Westliche Politiker, die solchen religiösen Verirrungen mit der üblichen Diplomatie begegnen möchten, sind im günstigsten Falle naiv. Doch eine Antwort durch christlich-fundamentalistischen Gegenterror oder gar Krieg wäre fatal.
Die fanatischen Fundamentalisten bilden in den meisten islamischen Ländern keine Mehrheit; doch sie finden viel, zu viel Zustimmung. Oft sind sie stark genug, um Regierungs-Entscheidungen zu beeinflussen. Es gibt derzeit wohl kaum eine Regierung eines islamischen Landes, die es wagen könnte, den Koran in Frage zu stellen. Dieser allein enthält schon genug weltanschaulichen Sprengstoff – ebenso wie auch die Bibel.
Die gebildeten Eliten der islamischen Länder wissen selbstverständlich, daß sich die vielen – teilweise widersprüchlichen – Apokalypsen nicht als konkrete Anleitungen für politisches Handeln eignen. Doch über die Befindlichkeit der Masse der Gläubigen, die vielleicht von fundamentalistischen Mullahs verhetzt sind, kann sich keine Regierung eines islamischen Staates einfach hinwegsetzen. Das Zeitalter der Aufklärung hat in islamischen Ländern noch kaum begonnen .

Auf dem Weg nach „Eurabia”?
Auch in Europa leben inzwischen etwa 15 Millionen Menschen, die der muslimischen Religion zuzuordnen sind. Im Zuge dessen scheinen in Europa neuerdings westliche und islamische Werte aneinander zu geraten. Ein revolutionärer Islamismus hat auch in Europa Terror-Attacken ausgeführt. Die muslimischen Attentäter waren zum Teil im westlichen Kulturkreis Europas geboren und aufgewachsen. Weitere Anschläge wurden angedroht. Warum konnte unter der freiheitlichen, demokratischen Zivilisation des Westens Feindseligkeit gedeihen? Ist es die postkolonialistische Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt, die zur Rebellion anstachelt? Müssen wir resignierend damit rechnen, dass die Integration der Muslime in der westlichen Gesellschaft Europas, die von der Aufklärung geprägt ist, scheitert? Dass die Aufklärung sich in islamischen Ländern nicht durchsetzen kann? Trifft gar Oriana Fallacis (2) Kassandra-Ruf zu, dass wir auf dem Weg nach „Eurabia” sind? Ist der islamistische Fundamentalismus mit europäischen Verfassungen vereinbar? Haben wir zu lange die Augen davor verschlossen, dass verfassungsfeindliche Gruppen die Religionsfreiheit missbrauchen?

Endzeit – Wendezeit: Wo stehen wir heute wirklich?
Das weltweite Bevölkerungswachstum ist ungebremst. Eine globale Erwärmung wird sich kaum noch steuern lassen. Viele Ressourcen, voran Wasser, werden knapp. Die wirtschaftliche Globalisierung bringt starke Verwerfungen im Welthandel, in der Industrie und auf den Kapitalmärkten. Die sozialen Netze werden brüchig. Ein befürchteter Kampf um Rohstoffe und um Lebensplätze könnte auf der übervölkerten Erde jederzeit losbrechen. Die von hilflosen – oder unverantwortlichen – Entscheidungsträgern angebotenen Lösungen für wirtschafts- und sozialpolitische Probleme versagen oder bleiben weit hinter den Plänen zurück. Mehr und mehr Menschen sind besorgt in Bezug auf die Zukunft.
Wie immer in kritischen Zeiten, suchen Gläubige Trost in ihrer Religion. Sie richten die Blicke nach oben und bitten um die Hilfe des Höchsten.
In unsicheren Zeiten haben regelmäßig auch Weissagungen und prophetische Deutungen der heiligen Schriften Konjunktur. Wenn rationale Überlegungen keine Wege zeigen, dem befürchteten, gefühlten oder prophezeiten kommenden Unheil zu entrinnen, bleibt die Hoffnung auf göttliche Eingriffe, auf das Jüngste Gericht.
Während vergangener Jahrtausende fanden Menschen in jedem Jahrhundert Anzeichen für die herannahende Endzeit. Oft glaubten sie auch, in einer bedeutenden Persönlichkeit den Antichrist zu erkennen.
Bisher stets vergebens.
Wird es im 21. Jahrhundert anders sein?
Oder bleibt unsere Erde, ohne übernatürliche, wundersame Hilfe von außen, den Naturgesetzen überlassen?
Abd-ru-shin sagt in seinem Werk „Im Lichte der Wahrheit” dazu, dass die von Gott kommenden Schöpfungsgesetze den freien Willen des Menschengeistes einschließen. Deshalb hat der Mensch einen großen Freiraum, der ihm sogar ermöglicht, naturgesetzliche Grenzen zu ignorieren. Doch je größer die Grenzüberschreitung, desto drastischer muss die in Gang gesetzte Wechselwirkung ausfallen. Sowohl die Menschen, die die Apokalypse erwarten, als auch die diesbezüglich Ungläubigen sollten sich auf einer Basis treffen können: auf der Basis der Vernunft. Mit ehrlicher Anstrengung müssen wir uns um ein friedliches Zusammenleben aller Menschen auf unserem Planeten mühen. Diese Aufgabe können Ökonomen, Ökologen und Politiker nicht alleine lösen. Auch die Religionen stehen in der Pflicht. Gerade sie sollten sich ihre Verantwortung in besonderem Maße bewusst machen, die sie gegenüber dem „Schöpfer des Himmels und der Erde” tragen, an den die Bekenner aller abrahamitischen Religionen glauben.
Feindselige, konfessionsgebundene, fundamentalistische, militante, apokalyptische Parolen sind nach meiner Überzeugung in keinem Fall ein gottgefälliger Beitrag für die Zukunft der Erde, der Menschheit, und allen irdischen Lebens.

Literatur:
(1) Der Spiegel, 22/2006 vom 29. 5. 2006
(2) Fallaci Oriana, Die Kraft der Vernunft, List, Berlin 2004
(3) Hagl Siegfried, Die Apokalypse als Hoffnung, Droemer-Knaur, 1984
(4) Philbert Bernhard, Christliche Prophetie und Nuklearenergie, R. Brockhaus, Wuppertal 1980
(5) Schröder Gerhard, Entscheidungen, Hoffmann und Campe, Hamburg 2006
(6) Solowjew Vladimir S., Die Erzählung vom Antichrist, Vita Nuova, Tübingen 1946
(7) Trimondi Victor und Victoria, Krieg der Religionen, Wilhelm Fink, Paderborn 2006
(8) Urban Martin, Warum der Mensch glaubt, Eichborn, Frankfurt 2005
(9) www.iivs.de/~iivs01311/H.Krieg/Hamas.htm.
(10) www.iivs.de/~iivs01311/H.Krieg/Iran.htm.
(11) http://gimf1.wordpress.com/tag/artikel
(12) Elmar Thevessen/Souad Mekhemmet, Der große Graben – Religiöse Fundamentalisten auf dem Vormarsch, ZDF-Dokumentarfilm (8. März 2007)