Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Apokalypse als Hoffnung?

(Veröffemtlicht 2014)

Die Welt geht noch nicht unter…

Anfang der neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hörte ich in einem kleinen, privaten Kreis um Carl Friedrich v. Weizsäcker (1912-2007) einen Vortrag von Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002), der großen alten Dame des deutschen politischen Journalismus.

Ihre Darlegungen waren von größtem Optimismus geprägt: der Eiserne Vorhang war gerade gefallen, die Teilung Europas in zwei verfeindete, ideologische Blöcke schien beendet. Der Kalte Krieg, der die Welt nahe an den Abgrund eines Atomkrieges geführt hatte, war Geschichte. Anstatt der Konfrontation hatte die Zusammenarbeit zwischen Russland und den USA begonnen. Beiden war ihr Feindbild abhanden gekommen, das so lange die Weltpolitik entscheidend beeinflusst hatte. Die zu weltpolitischer Bedeutung aufsteigenden neuen Mächte, wie China, Indien oder Brasilien, suchten ebenfalls die Zusammenarbeit mit dem Westen. Alle Anzeichen ließen eine friedlichere, glücklichere Zukunft der Menschheit erwarten.

Leider dauerte die hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung nach dem Fall des Eisernen Vorhanges kaum zwei Jahrzehnte, bis neue Bedrohungen auftauchten, die den Endzeitpropheten wieder Argumente liefern. Denn immer wenn Naturkatastrophen, politische oder wirtschaftliche Turbulenzen das Leben erschweren, oder gar Kriege drohen, treten unvermeidlich auch Endzeitprediger auf, die zur dringend nötigen spirituellen Umkehr mahnen.

Zwangsläufige Selbstzerstörung der Zivilisationen?

„Irgendwann um 1950 trafen sich der Physiker Enrico Fermi und drei seiner Kollegen zum Mittagessen im Los Alamos National Laboratory in New Mexico. Nachdem sie sich über eine Karikatur des New Yorker amüsiert hatten, die eine fliegende Untertasse zeigte, gingen sie zu konventionelleren wissenschaftlichen Themen über. Plötzlich platzte Fermi heraus: ‚Aber wo sind sie?’

Fermis Kollegen brauchten ein, zwei Augenblicke, bis ihnen klar war, dass er noch immer an die Besucher von fremden Sternen dachte. Während des Essens waren ihm ein paar Überlegungen durch den Kopf gegangen. Selbst dann, wenn nur ein verschwindend kleiner Teil der 250 Milliarden Sterne unserer Galaxis Planeten hätte, auf denen die Entstehung von Leben möglich wäre, müsste das All doch voll sein mit Außerirdischen. Die Erde ist – bezogen auf das Alter der Galaxis – relativ jung, weniger als fünf Milliarden Jahre alt, also könnten mache dieser Wesen einen sehr viel älteren Stammbaum haben und sehr viel weiter entwickelt sein als wir. Selbst wenn ihre Raumschiffe so langsam wären wie unsere, hätten sie höchstens 50 Millionen Jahre gebraucht, um das ganze Milchstraßensystem zu erkunden. Also, wo sind sie? Warum haben sie keinen Kontakt mit uns aufgenommen?

1967 präsentierten die Astronomen Josef Schklowski und Carl Sagan eine ernüchternde Lösung für das Fermi-Paradoxon. Wenn auch nur jeder 250.000. Stern von einem bewohnbaren Planeten umkreist wird, dann, so berechneten sie, gäbe es in der Milchstraße potentiell eine Million extraterrestrischer Zivilisationen. Die Tatsache, dass wir keinerlei Spuren von ihnen haben, könne, so die beiden Astronomen, nur bedeuten, dass fortgeschrittene Zivilisationen sich stets selbst zerstören. Und zwar müsse das jeweils innerhalb von 100 Jahren nach der Erfindung von Atomwaffen geschehen, andernfalls nämlich hätten die Außerirdischen genügend Zeit gehabt, den Kosmos mit Signalen zu füllen, die wir auffangen könnten.“ (5, S. 587)

(In der Esoterik-Szene spuken etliche Geschichten oder Visionen herum von außerirdischen Zivilisationen, die sich selbst zerstörten[i]. Der hundertste Jahrestag des ersten Abwurfs einer Atombombe kommt 2045!).

So gab es auch seit Ende des Zweiten Weltkrieges etliche, nicht nur religiös begründete, apokalyptische Szenarien. Während des Kalten Krieges schienen die verbreiteten Zukunftsängste real, dass ein großer Krieg mit Kernwaffen die Ausrottung der Menschheit, oder zumindest den Untergang der Zivilisationen bedeuten könne. Dann folgte die – inzwischen abgeebbte – optimistische New-Age-Welle, die im beginnenden „Wassermann-Zeitalter“ auf eine Wendezeit hoffte, die in ein besseres, spirituelles Zeitalter führen sollte.

Seit den siebziger Jahren wurden die Gefahren der Übervölkerung und der Umweltzerstörung immer mehr Menschen bewusst. Das Modell einer unerschöpflichen wirtschaftlichen Expansion war nicht länger haltbar, so wenig wie das Konzept der Moderne: „alles ist möglich“. Seither sehen Viele in einer ökologischen Apokalypse die größte Gefahr für die Zukunft der Menschheit.

Die neue Bedrohung des Westens

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, am 11. September 2001, machte ein spektakulärer Terroranschlag deutlich, dass die Zeit für einen weltweiten Frieden noch nicht reif ist.

Auf einen derartigen Angriff fanatischer Terroristen war kaum jemand gefasst, auch wenn es an Warnungen vor der kommenden großen Auseinandersetzung zwischen dem fundamentalistischen Islam und dem Westen nicht gefehlt hat (4).

Nach dem Sturz des Bolschewismus hielten viele diese fanatisch vertretene, politische Ideologie für überwunden; doch sie existiert weiter, gewinnt sogar neue Anhänger unter den Verlierern der Globalisierung.

Viele Menschen – besonders in weniger entwickelten Ländern – fühlen sich benachteiligt oder unterdrückt. Solche wenden sich manchmal wieder dem Kommunismus zu, der seinen Anhängern nicht selten als Ersatzreligion dient. Oder sie werden zu religiösen Fanatikern. Nationalismus und Rassismus können sich mit religiösem oder politischem Fanatismus zu einer explosiven Mischung zusammenfügen (vgl. GralsWelt 14/2000, Seite 20, „Wo bleibt die Hoffnung für die Armen der Welt?“).

Zu groß wurde – trotz aller gut gemeinten, oft schlecht durchgeführten Entwicklungshilfe – die Kluft zwischen armen und reichen Ländern. Auch innerhalb der einzelnen Völker, sogar in reichen Nationen wie den USA, wachsen die sozialen Spannungen.

Die Bevölkerungsexplosion, der zunehmende Mangel an Ressourcen, die Verarmung der Lebensräume der Erde, die Überschuldung der Nationen wirken sich immer deutlicher aus. Sogar in den Industrieländern wächst die Unsicherheit. Gut bezahlte Arbeitsplätze werden rar, kaum ein Arbeitnehmer kann sich noch sicher fühlen, denn selbst eine gute Ausbildung und erstklassige Leistungen bedeuten keine Arbeitsplatzgarantie mehr. Und erst in den Entwicklungsländern: hier zerfallen Staaten, und die Zahl der Hungernden, der Menschen ohne Zukunftschancen, steigt dramatisch an. Und damit auch der Hass auf den Westen, gegen die einstigen Kolonialmächte, die für alle Übel verantwortlich gemacht werden (vgl. GralsWelt 56/2010, Seite 34, Buchbesprechung „Der Hass auf den Westen“).

Die westlichen Länder wissen nicht so recht wie sie sich verhalten sollen. Die Verbrechen der kolonialen Vergangenheit belasten ihr Gewissen und machen es ihnen schwer, zu einer realistischen Lageeinschätzung der Gegenwart zu finden. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass der neoliberale Ansatz westlicher Länder zur „Rettung der Welt“ gescheitert ist. Dieser, besonders von den USA ausgehende „missionarische Liberalismus“ war überzeugt, dass nach der Einführung von Demokratie, Menschenrechten, Religionsfreiheit und freier Marktwirtschaft überall in der Welt paradiesische Zustände geradezu zwangsläufig entstehen müssten.

Über Traditionen, Überzeugungen, religiöse Überlieferungen, die ökonomische Basis und den Bildungsstand der zur Demokratie zu bekehrenden Völker gingen die Prediger des westlichen Liberalismus ebenso hinweg, wie einst die christlichen Missionare. Die Neo-Liberalen haben – wie die Missionare – übersehen, dass eine Änderung zum Besseren von der Mehrheit getragen werden muss. Die Menschen müssen das Neue zuerst verstehen und dann auch damit übereinstimmen, bevor sie es in ihrem Leben umsetzen können (vgl. GralsWelt 66/2011, Seite 108, „Die christliche Mission – eine gescheiterte Utopie?“).

Der asymmetrische Krieg

Seit Jahren spricht man nun schon von einem „asymmetrischen Krieg“ der Armen gegen die Reichen, in dem manche die Vorstufe eines Weltkampfes des Islam gegen die westliche Kultur sehen. Nach dem Verständnis islamisch-fundamentalistischer Extremisten ist ein solcher weltweiter Kampf gegen die westliche Unmoral eine Voraussetzung für die kommende Apokalpyse (vgl. GralsWelt 45/2007, Seite 40, „Die Apokalypsen im 21. Jahrhundert“). Religiösen Fanatikern, die vielleicht die Apokalypse auslösen wollen, ist dann sogar der Einsatz von Kernwaffen zuzutrauen, sofern sie ihrer habhaft werden.

Terroraktionen und Selbstmordattentate bringen die militärisch hochgerüsteten Länder in Verlegenheit. Denn mit U-Booten, Flugzeugträgern, Interkontinentalraketen ist gegen eine Guerillaarmee schwer anzukommen, und der „Krieg gegen den Terror“ nicht zu gewinnen. Schon gar nicht, wenn die Aufständischen vom Volk unterstützt werden. Wie sollten auch ausländische Truppen, denen Sprache, Sitten und Gebräuche des Landes fremd sind, die todesbereiten Freiheitskämpfer, Glaubenskrieger oder Terroristen aus Hunderten von mehr oder weniger harmlosen Zivilisten herauspicken, die ihnen – nicht immer freiwillig – Schutz und Hilfe gewähren?

Leben wir in der Endzeit?

Solche Verwicklungen in unlösbar scheinende Konflikte geben Endzeitpropheten der verschiedensten Ideologien oder Konfessionen neuen Aufwind. Seit Jahrtausenden wird ja die große Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis, erwartet. In der Vergangenheit glaubten Apokalyptiker in jedem Jahrhundert die angekündigten Zeichen für den Beginn der Endzeit zu erkennen. So auch in unserer Zeit.

Erst nach dem endgültigen Sieg des Lichtes, der Vernichtung aller Übelwollenden, können demzufolge die längst prophezeiten goldenen Zeiten beginnen. Dabei versteht sich von selbst, dass die Endzeitprediger selbst sich ganz sicher sind, dass sie persönlich zu den „Guten“ gehören, die gerettet werden. Solche Endzeitpropheten gibt es in vielen unterschiedlichen Gruppen verschiedenster Länder und Religionen, die sich nicht selten gegenseitig verteufeln.

Die religiösen Apokalypsen[ii]

Als erster sprach vermutlich Zarathustra (Zoroaster, vgl. GralsWelt 20/2001, Seite 53, „Ein persischer Wahrheitsbringer“) etwa im ersten vorchristlichen Jahrtausend von dem bevorstehenden Endkampf zwischen Gut und Böse, der teilweise auch auf der Erde ausgetragen wird. Den Sieg des Lichtes betrachtete er anscheinend nur als möglich, nicht als sicher. Ägyptische Mystiker sagten sogar einen unaufhörlichen Wechsel von Licht und Finsternis voraus, und der griechische Dichter Hesiod rechnete im 8. Jahrhundert vor Christus sogar mit einem Sieg des Dunkels (2, S. 23).

Die Prophetie von der großen endzeitlichen Auseinandersetzung ist nicht nur ein integraler Bestandteil abrahamitischer Religionen (Judentum, Christentum, Islam). Sie findet sich in vergleichbarer Form auch bei Buddhisten, Hindus, Hopi-Indianern, New-Age-Anhängern, Okkultisten, Paganisten[iii], Parsen[iv], usw.

Die Bibel beginnt mit der Schöpfungsgeschichte und endet mit der Vorhersage des Weltgerichtes, der „großen Apokalypse“. Diese Erwartung eines Endgerichtes, einer Reinigung der Erde, gehört zu den verbreitetsten religiösen Ideen (vgl. GW 45/2007, Seite 40, „Die Apokalypsen im 21. Jahrhundert“).

Leider wurde dieser grundlegende religiöse Gedanke über viele Jahrhunderte missbraucht, um die Menschen mit der Furcht vor der Verdammnis zu disziplinieren. Doch die besonders – aber nicht nur – von monotheistischen Religionen erzeugte Höllenfurcht ist kein guter Ratgeber. Gar die Unterstellung, der Schöpfer ließe sich durch Bestechung (Ablasshandel, Spenden an die Kirche oder die Moschee, Selbstmordattentate und dergleichen) für die eigenen, spirituellen oder materiellen Ziele günstig stimmen, war und ist glatte Gotteslästerung.

So richtig es ist, den Menschen auf seine Verantwortlichkeit gegenüber seinem Schöpfer hinzuweisen, so falsch ist es, wenn sich Menschen, Prediger, Priester ein Urteil anmaßen, das die Ratschlüsse des Ewigen vorwegnehmen will.

Die Apokalypse der Ökologen

Heute müssen wir die „Apokalypse der Ökologen“ ernst nehmen; die Warnungen vor einem „Ökozid“, einem ökologischen Selbstmord. Leider ist nicht mehr auszuschließen, dass lebenswichtige Naturkreisläufe zusammenbrechen könnten und dann ein apokalyptisches Szenario auslösen, dessen Konsequenzen sich kaum jemand vorzustellen vermag.

 Die ökologische Apokalypse

Nach neueren Prognosen[v], die leider recht fundiert sind, kann die Erderwärmung in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts eine kritische Schwelle überschreiten. Dann müssten Ökosysteme großräumig zusammenbrechen. Natur und Umwelt würden sich in einem für uns unvorstellbaren Ausmaß verändern, die gefürchtete „Apokalypse der Ökologen“ könnte teilweise Wirklichkeit werden.

„Die Apokalypse der Ökologen müsste grauenhaft sein. Ein einziges langsames Morden und qualvolles Sterben, der Untergang von Pflanzen, Tieren, Menschen durch die schleichende Verseuchung des Lebensraumes. Ein grausamer Tod, dem die brutale Zerstörung alles Lebendigen in einem gewaltigen atomaren Schlag fast vorzuziehen wäre.

Im Vergleich zu diesen Schreckensvisionen der Naturwissenschaftler sind die Propheten fast schon Optimisten. Auch sie sehen Katastrophen schlimmster Art. Doch es sind Katastrophen, die nicht wahllos zuschlagen, nicht in sinnlosem Wüten zerstören, es sind Eingriffe, die Fehlentwicklungen korrigieren, lebensbejahende und spirituelle Entwicklungen fördern und einen Evolutionssprung verursachen.“

(3, S. 392)

Jonathan Granoff, Präsident des „Global Security Institute“, einer Non-Profit-Organisation, meinte: „Wir sind die erste Generation, die durch ihre ethischen Entscheidungen bestimmen muss, ob sie zugleich auch die letzte sein wird.“

Damit stehen wir vor einer neuen Erfahrung, die schon Kindern – oft in viel zu jungen Jahren – vermittelt wird und sie bedrücken kann. Das über Jahrtausende hinweg Undenkbare, Unmögliche ist Wirklichkeit geworden: Das Überleben der Menschheit ist nicht mehr nur eine Frage der Ratschlüsse Gottes, des (unausweichlich kommenden?) Jüngsten Gerichtes, des Ausbruchs eines Großvulkans, oder eines Impakts[vi], sondern es hängt vor allem von uns selbst ab!

Not lehrt beten

In allen Kulturen spielen religiöse Riten, Gebete, Meditation eine wichtige Rolle. Je größer die Not, desto inbrünstiger werden auch die Gebete. Denn wer sich am Ende seiner Weisheit fühlt, vor unlösbaren Problemen steht, der hofft auf höhere Mächte, das Eingreifen des Schicksals, die Hilfe Gottes. Man legt seine Zukunft resignierend in die „Hand Gottes“, in dem Bewusstsein eigener Machtlosigkeit.

In solchen Situationen liegt es auch nahe, sich endzeitlichen Weissagungen oder prophetischen Deutungen der Heiligen Bücher zuzuwenden.

Das frühe Christentum war ja ein eschatologischer[vii] Kult. Die ersten Christen glaubten, die Zerstörung der Welt und die Wiederkunft Christi stünden unmittelbar bevor. Dann werde aus den Ruinen der alten Welt eine neue, vollkommene Welt, das „Tausendjährige Reich“ hervor gehen. Solche Zukunftserwartungen haben in der ganzen Geschichte des Abendlandes ihre Rolle gespielt. Unzählige religiöse Gemeinden, von den Kirchen abweichende, mehr oder weniger sektiererische Gruppen, Neureligionen, ökonomische oder politische Bewegungen, philosophische Ideen, versprachen ideale Verhältnisse durch utopische neue Ordnungen zu schaffen. Diese Hoffnung auf eine „bessere Welt“ findet sich nach wie vor in den Predigten vieler Konfessionen, in politischen Programmen, in ökonomischen Lehren, sogar in atheistischen Weltbildern. So gut wie allen diesen Utopien – ob politisch, ökologisch, ökonomisch, philosophisch oder religiös begründet – ist eines gemeinsam: ein beachtliches Maß an Realitätsverlust, an dem sie dann bisher auch allesamt gescheitert sind. Oder fehlte vielleicht nur die letzte, begeisternde Überzeugung, der „Glaube, der Berge versetzen kann“?

Die Erwartung eines Heilbringers

In den endzeitlichen Prophetien ist oft das Auftreten eines Lichtgesandten vorhergesagt. Der „Messianismus“ findet sich in vielen mythischen Überlieferungen. Diese sprechen von einer überragenden Geistpersönlichkeit, die bereits auf Erden war und in der Endzeit wiederkehren wird. Es kann sich um Krishna (Hinduismus), den Saoshyant (altpersische Religion), den Maitreya-Buddha, den Messias (Judentum), den Christus, den Geist der Wahrheit (Joh. 16,13), den Imam Mahdi (Islam), oder den Verborgenen Zwölften Imam (schiitischer Islam) handeln, deren Wiederkehr als Helfer der Rechtgläubigen eines Volkes oder der ganzen Menschheit erhofft wird. Hier handelt es sich offenbar um ein „Wissen-von“ das allen Kulturen auf der Erde gemeinsam ist.

Diese Erwartungshaltung kann politische Dimensionen annehmen, die zu einer Bedrohung für andere werden. So sagte Ahmadinejad, der frühere Präsident Irans: „Die Hauptmission unserer Revolution ist, den Weg für das Wiedererscheinen des 12. Imams, von Mahdi, vorzubereiten. Wir sollten unsere wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Strategien so definieren, dass sie zur Rückkehr des Imams Mahdi passen“ (7).

Im profanen Bereich lassen Sagen auf eine überragende irdische Herrscherpersönlichkeit hoffen. Zum Beispiel in Zentralasien den Heldenkönig Gesar, oder in Europa die (symbolische) Wiederkehr sagenhaft verklärter Herrscher: König Artus, Kaiser Karl oder Kaiser Barbarossa.

Hoffen auf die Endzeit?

Vor der Epoche der Aufklärung, mit ihrem Kampf gegen die Kirchen, fühlten sich die meisten Menschen mehr oder weniger geborgen im Schutze ihres Schöpfers, der über ihr Schicksal wachte und es bestimmte. Da alles vom Willen Gottes abhing, konnte man sich ein nutzloses Hadern mit seinem Schicksal sparen, auch wenn es noch so hart oder ungerecht schien.

Die Prophezeiung des Kondors und des Adlers

„Fast alle Kulturen, die ich kenne, gehen davon aus, dass wir Ende des 20. Jahrhunderts in ein bedeutendes Wendezeitalter eingetreten sind. In Klöstern im Himalaja, an rituellen Orten in Indonesien, in den Reservationen der nordamerikanischen Ureinwohner, von den Tiefen das Amazonas bis zu den Bergen der Anden und zu den alten Städten der Maya in Mittelamerika – überall hörte ich, dass wir in einer besonderen historischen Zeit leben und dass wir geboren wurden, weil wir eine Mission zu erfüllen hätten.

Die Bezeichnungen und der Inhalt der Prophezeiungen weichen ein wenig von einander ab. Sie sprechen von einem neuen Zeitalter, dem Dritten Jahrtausend, dem Wassermann-Zeitalter und dem Anfang der Fünften Sonne oder vom Ende der alten Zeitrechnung und dem Beginn einer neuen. Trotz der unterschiedlichen Terminologie haben sie jedoch vieles gemeinsam, und ‚Die Prophezeiung des Kondors und des Adlers’ ist typisch für sie. Ihr zufolge spaltete sich die menschliche Gemeinschaft am Beginn der Geschichte und schlug zwei unterschiedliche Wege ein: jenen des Kondors (der das Herz, die Intuition und das Mystische verkörpert) und jenen des Adlers (der den Verstand, das Rationelle und des Materielle repräsentiert). In den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts, so die Überlieferung, liefen beide Wege auf einander zu, und der Adler drohte den Kondor zu überwältigen. Aber fünfhundert Jahre später, Ende des 20. Jahrhunderts, sollte eine neue Zeit beginnen, in der sich dem Kondor und dem Adler die Möglichkeit bietet, sich zu vereinigen, gemeinsam am Himmel zu fliegen und den selben Weg einzuschlagen. Wenn der Kondor und der Adler diese Chance nutzen, werden sie herausragende, einzigartige Nachkommen hervorbringen.“ (6, S. 343 f.)

Das Thema der Aufklärung war die Befreiung des Menschen: Die Befreiung aus der politischen Knechtung durch autokratische Monarachen und die Befreiung aus der seelischen Unterwerfung unter machtgierige Priester. Die Menschen sollten erwachsen werden und ihr Schicksal selbstverantwortlich gestalten. Der aufgeklärte Mensch verlor damit auch das Gefühl seiner Geborgenheit im Schutze eines Gottes, der alles zum Besten führt.

Wenn jedoch Katastrophen hereinbrechen, Einzelmenschen oder ganze Gruppen sich in bedrohlichen, gar hoffnungslos scheinenden Situationen befinden, aus denen sie keinen Ausweg sehen, dann bricht auch bei aufgeklärten Menschen die Sehnsucht nach göttlicher Hilfe durch. Viele hoffen dann auf einen „Eingriff von oben“, auf den „deus ex machina“[viii] der griechischen Tragödie, auf eine schicksalhafte Wende zum Besseren, oder die nahende Endzeit. Wie sagt ein Sprichwort: „Auf einem Schiff in Seenot gibt es keine Atheisten!“

In unserer Gegenwart zeigt sich sogenanntes Gottvertrauen häufig nur als Resignation vor Problemen. So zum Beispiel bei der Nicht-Reaktion auf die drohende Ressourcenverknappung, bei der Überschuldung von Staaten, bei politischen oder ökonomischen Instabilitäten, bei Naturzerstörungen und Klimawandel, oder bei der Bevölkerungsexplosion mit ihrer Flut von Migranten. Ratlose Regierende schauen hilflos weg und verniedlichen die größer und größer werdenden Probleme. Und diese realen, nicht wegzudiskutierenden Bedrohungen nehmen unterdessen ein apokalyptisches Ausmaß an, das sich nicht länger verdrängen und vor allem bald nicht mehr steuern lässt.

Wenn menschliche Klugheit versagt, bleibt dann noch das Hoffen auf die Hilfe Gottes? Können wir davon ausgehen, verlangen, oder durch Gebete erzwingen, dass ER unsere Fehler und Versäumnisse korrigieren wird?

Die meisten von uns machen sich zu wenig bewusst, dass die Hoffnung auf höhere Mächte, auf einen göttlichen Eingriff, manchmal lediglich persönliche Resignation bedeuten kann; das deprimierende Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit oder des Versagens. Meist unbewusst entzieht man sich zum eigenen Schaden damit dem Erkennen der eigenen Ursächlichkeit und flüchtet in anscheinendes Gottvertrauen. In depressiver Resignation wird dann übersehen, dass der eigene Beitrag zur Lösung der Krise möglich und die Voraussetzung dafür ist, dass die ersehnte Hilfe Gottes wirksam werden kann.

Bete und arbeite!

Der alte Wahlspruch des Benedikt von Nursia (um 480-547)[ix] hat noch immer seinen Wert. Denn zunächst liegt es an jedem Einzelnen, sich persönlich um die Verbesserung seines näheren Umfeldes zu bemühen; in Gedanken, Worten und Taten. Wer es versäumt, selbst zu handeln, sich dafür auf Andere verlässt, auf die Einsicht der Verantwortlichen wartet, oder auf Wunder hofft, der wird so gut wie sicher enttäuscht werden.

Kein Mensch weiß wirklich, ob und wann die „die Endzeit“, das „Jüngste Gericht“, die „Reinigung der Erde“ kommen wird und ob dies durch einen noch nie da gewesenen göttlichen Eingriff geschehen soll.

Mit Sicherheit aber wissen wir, dass die Zukunft etwas ist, das von uns heute mitgestaltet wird. Zukunft entwickelt sich aus den Verhältnissen der Gegenwart und wird von gegenwärtigen und zukünftigen Entscheidungen beeinflusst. Wer in der Gegenwart aufbauend im Hinblick auf die Zukunft handelt, im persönlichen Bereich, den er beeinflussen kann, der muss weder die Zukunft noch das Weltgericht fürchten. Für ihn als Person wird es positiv weiter gehen – auf dieser Erde oder im Jenseits, in der „Anderswelt“.


[i] Zum Beispiel „Mallona“ von Leopold Engel, Turm, Bietigheim, 1961.

[ii] Apokalypse = Offenbarung; Apokalypsen = prophetische Schriften über das Weltende.

[iii] Paganisten sind Anhänger von Naturreligionen. Früher wurden sie als „Heiden“ bezeichnet.

[iv] Parsen (von Perser) sind die heutigen Anhänger der Religion des Zarathustra. Sie leben zum großen Teil in Indien und Pakistan.

[v] Vgl. Jorgen Randers, „2052“, oekom, München, 2012.

[vi] Einschlag eines Himmelskörpers

[vii] Eschatologie = die Lehre von den letzten Dingen und vom Weltenende.

[viii] Deus ex machina = Gott aus der Maschine. In der griechischen Tragödie schwebte ein Gott von oben auf die Bühne, um unlösbare Verquickungen zu entwirren.

[ix] Dass die Existenz dieses heilig gesprochenen Mönches neuerdings von Historikern angezweifelt wird ändert nichts an der Richtigkeit des ihm zugeschriebenen Wahlspruches.

Literatur:

(1) Cohn Norman, Die Erwartung der Endzeit, Insel., Frankfurt, 1997

(2) Gray John, Politik der Apokalypse, Klett-Cotta, Stuttgart 2009

(3) Hagl Siegfried, Die Apokalypse als Hoffnung, Droemer-Knaur, München, 1984

(4) Huntington Samuel, Der Kampf der Kulturen, Europa, München, 1997

(5) Morris Ian, Wer regiert die Welt?, Campus, Frankfurt, 2011

(6) Perkins John, Bekenntnisse eines Economic Hit Man, Goldmann, München 2007

(7) http://www.lightforthelastdays,co.uk/view_page.asp?Page_id=389&menue_id=646