Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die ägyptischen Plagen

(Veröffentlicht in GralsWelt 57/2010)

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“ (Goethe)

In den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) spielen übernatürliche Ereignisse eine wichtige Rolle für die Legitimation der religiösen Lehren und als Beweise für die Allmacht des angebeteten Gottes.

Für Juden gehört der Auszug aus Ägypten und die anschließende Landnahme zu den wichtigsten Ereignissen ihrer Geschichte. Den biblischen Eerzhäungen zufolge hätte sich der Pharao ohne göttliches Eingreifen niemals bereitgefunden, seine Zwangsarbeiter freizugeben. Die durch die massiven ägyptischen Plagen erzwungene Auswanderung in das verheißene Land wäre dann kläglich gescheitert, wenn nicht wieder und wieder überirdische Kräfte und Mächte den Landsuchenden zur Seite gestanden hätten.

Für Christen ist das Wunder der  (fleischlichen) Auferstehung Jesu der Eckpunkt der Lehre. Im Vergleich zu diesem entscheidenden Ereignis treten sogar die von Jesus selbst bewirkten Wunder in den Hintergrund.

Auch im Islam gibt es – angeblich sogar wissenschaftlich belegbare – Wunder (13), die für die Richtigkeit der Lehre Mohammeds sprechen.

Eingriffe von oben?

Ein Wunderwird im deuschen Duden alsaußergewöhnliches den Naturgesetzen order aller Erfahrung widersprechendes und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht oder übernatürlichen Kräften zugeschriebenes Geschehen, Ereignis, das Staunen errecht” definiert. Wunder geschehen demnach außerhalb der natürlichen Gesetzmäßigkeiten und stehen unter dem Einfluss überirdischer Mächte oder Kräfte. Doch diese Definition ist nicht unumstritten, und Theologen tun sich ebenso schwer mit der begrifflichen Definition von Wundern, wie mit der praktischen Feststellung, welches überraschende Ereignis nun tatsächlich als ein Wunder anzusehen sei.

Im Alten Testament wird von vielen „Zeichen“ und „Wundern“ berichtet. In den Evangelien werden die von Jesus bewirkten Wunder hervorgehoben, und bei Paulus schließlich dienen „Zeichen und Wunder“ zum Ausweis seiner eigenen Sendung (Röm. 15,18-19).

Nach katholischer Lehre können solche Glaubenswunder auch heute noch geschehen. Z. B. wird für eine Heiligsprechung durch den Papst der Nachweisnvon Wundern (meist Heilungswunder) verlangt.  

Doch der Glaube an Wunder kollidiert mit einem der wichtigsten Grundsätze der Naturwissenschaften: nämlich dass die Naturgesetze ausnahmslos gültig seien und alles streng naturgesetzmäßig verlaufe. Die Annahme göttlicher Willkürakte oder sonstiger transzendenter Einflüsse, außerhalb der natürlichen Gesetzmäßigkeiten,  sind daher für Naturwissenschaftler  ärgerlich.

So wurden denn auch seit dem Zeitalter der Aufklärung die biblischen Wunder wieder und wieder hinterfragt und nach zwanglosen, natürlichen Erklärungen für die geschilderten wunderlichen Ereignisse gesucht.

In manchen Fällen gelang es recht gut, die in der Bibel berichteten Vorfälle durch natürliche Geschehen zu erklären. Ein Beispiel wären

Das magische Vorspiel

Um die Juden aus der ägyptischen Knechtschaft zu befreien, werden Moses und Aaron (von Gott) zu Pharao[i] geschickt, um diesen durch überirdische Taten zu beeindrucken. In der Bibel wird “Pharao” wie ein Eigenname, nicht als Könbigstitel gebraucht. Der geschichtliche Name des Pharaobliebt unerwähnt. Die Datierungen der Plagen, bzw. des Exodus, und der Name des Pharao, mit dem Aaron und Moses verhandelten, sind daher umstritten. Nach (8, S. 17) geschah dies um 1450 v. Chr. mit Tutmosis III. (1490-1436 v. Chr.). Nach (6, S. 1434) dagegen erst um 1250 v. Chr. mit Ramses II. (1304-1237 v. Chr.), dessen Hauptstadt Piramesse durch die versklavten Israeliten angeblich mit erbaut wurde.[ii]

Der Gott der biblischen Geschichte hatte vorausgesehen, dass Pharao sich nicht so leicht erweichen lassen wird. So geht denn auch der zuerst angewandte Zaubertrick schief:

“Nimm deinen Stab und wirf ihn vor den Pharao hin! Er wird zu einer Schlange werden” (2. Mose 7,9)

„Diesen Schlangentrick kann man noch heute auf indischen und marokkanischen Märkten sehen: Gaukler halten eine Schlange in der Hand, die starr wie ein Stab ist. Dann werfen sie sie auf die Erde und die Schlange kringelt sich wie gewohnt. Der Trick: Sie packen die Schlange an einer bestimmten Stelle zwischen Kopf und Körper und unterbinden so den Blutkreislauf, die Schlange wird starr. Lässt man sie los, kommt wieder Sauerstoff in ihr Gehirn und damit Leben in das Tier“ (2, S. 130).

Die herbeigerufenen ägyptischen Zauberer kannten dieses Kunststück auch, und sie konnten es wiederholen.

Aber es ging weiter: „Doch Aarons Stab verschlang die Stäbe der Wahrsager“(2. Mose 7,12).

Die Ägypter hatten verloren.

„Schlangenfressende Schlangen gab es in Ägypten nicht, wohl aber in Indien. Eine davon wird bis zu 5,5 Meter lang: die Königskobra. Ihre Hauptbeute sind die kleineren Kobra-Arten. Demnach müsste sie auch mit der nur bis zu zwei Meter langen Uräuskobra in Ägypten fertig geworden sein, sofern sich Aaron solch ein Monster aus Indien beschafft haben sollte.“ (8, S. 105)

Doch der Pharao gab nicht nach, so dass es richtig losgehen und die sprichwörtlichen Plagen über das (an der Unterdrückung der Juden unschuldige?) Volk am Nil hereinbrechen mussten.  

Die erste Plage:

„Da verwandelte sich alles Nilwasser in Blut. Die Fische im Nil starben, und der Nil stank, so dass die Ägypter kein Nilwasser mehr trinken konnten“ (2. Mose 7,20).

Vermutlich ein ungewöhnlich starkes Hochwasser, das Roterde mitreißt, weite Landstriche überschwemmt und Dämme zerstört (1, S. 56). Dazu ein massenhaftes Auftreten von Einzellern wie Euglenia sanguinea und Haematococcus pluvialis, das die Wasser vergiftete (8, S. 36). Nach anderen Quellen könnte auch die Burgunderblutalge (Oscillatria rubescens), eine Ansammlung giftiger Cyanobakterien, in Frage kommen. Diese Umweltkatastrophe setze eine ökologische Reaktionskette in Gang, die weiteres Unheil nach sich zog: Die Froschplage.  

 Die zweite Plage:

„Da stiegen die Frösche herauf und bedeckten ganz Ägypten“ (2. Mose 8,2).

Kaulquappen reagieren auf Stress, z. B. durch giftige Algen, mit schnellerem Wachstum. Fische, die Froschlaich oder Kaulquappen fressen konnten, fehlten. Die Frösche vermehrten sich explosionsartig und mussten dann die vergifteten Gewässer verlassen. An Land suchten sie Schutz vor der brennenden Sonne und drangen sogar in Häuser ein.

„Die Fischleichen, ins Röhricht getrieben, vermehrten die auch normalerweise im Sumpfbereich vorhandenen Milzbrandbakterien. Die Frösche flohen aus ihren verseuchten Lebensgebieten; aber da sie infiziert waren, starben und verfaulten sie schnell. – So konnte diese zweite Plage der ersten nach einer Woche folgen, wie es am Ende der ersten Plagenerzählung (2. Mose 7,25) gesagt wird“ (10, S. 179).

Die Götter Ägyptens und die zehn Plagen

Die biblische Plagenerzählung schildert die Überlegenheit des Gottes der Juden über die ägyptischen Gottheiten. Das folgende Zitat will zeigen, wie – vermutlich aus altägyptischer Sicht – eine der ägyptischen Gottheiten nach der anderen versagte und ihre Anbeter nicht schützen konnte, während die Israeliten bei ihrem „stärkeren“ Gott Hilfe und Schutz fanden:

1        Der Nil und andere Gewässer verwandelten sich in Blut. Das brachte dem Nilgott Hapi Schande.

2        Frösche. Die Froschgöttin Heket konnte die Plage nicht verhindern.

3        Staub wurde zu Stechmücken. Thot, der Herr der Magie, konnte den ägyptischen Magiern nicht helfen.

4        Hundsfliegen kamen über ganz Ägypten, aber nicht über das von Israel bewohnte Land Gosen. Kein Gott war in der Lage das zu verhindern, auch nicht Ptah, der Schöpfer des Universums, oder Thot, der Herr der Magie.

5        Der Viehbestand wurde von der Pest befallen. Weder die heilige Kuhgöttin Hathor noch Apis, der Stier, konnte diese Plage verhindern.

6        Beulen. Die Gottheiten Thot, Isis und Ptah, die mit der Heilung zu tun hatten, konnten nicht helfen.

7        Donner und Hagel. Dadurch wurde die Hilflosigkeit Reschefs, des Gebieters über den Blitz, und Thots, des Regen- und Donnergottes, bloßgestellt.

8        Heuschrecken. Diese Plage war ein Schlag gegen den Fruchtbarkeitsgott Min, den Beschützer der Ernte.

9        Drei Tage Finsternis. Diese Plage machte Ra, dem bedeutendsten Sonnengott, und Horos, einem anderen Sonnengott, Schande.

10    Der Tod der Erstgeburt, auch des Erstgeborenen Pharaos, der als die Verkörperung eines Gottes galt.

Ra (Amon-Ra), der Sonnengott, der manchmal als Widder dargestellt wurde, konnte diese Plage nicht verhindern. (7, S. 62).

Die dritte Plage:

„Aaron streckte die Hand aus und schlug mit seinem Stab auf die Erde in den Staub. Da wurden Stechmücken daraus, die sich auf Mensch und Vieh setzten“ (2. Mose 8,13).

Für die Mückenplage kommen folgende Ursachen in Betracht: Das Fehlen der inzwischen zum größten Teil gestorbenen Frösche, und die katastrophale Überschwemmung, die im ganzen Land Pfützen hinterließ, in denen sich die Mückenlarven entwickeln konnten. Die Mücken waren Überträger von Krankheiten wie der Malaria.

Die vierte Plage:

„Denn wenn du mein Volk nicht ziehen lässt, lasse ich Ungeziefer auf dich los, auf deine Diener, dein Volk und deine Häuser“ (2. Mose 8,17).

In diesem Ungeziefer werden Wadenstecher (Stormoxys calcitrans), also Bremsen vermutet, die als Überträger des Hautmilzbrandes (Anthrax externus) gelten und später die sechste Plage auslösten. Diese Bremsenart fand möglicherweise in den abgelagerten Überschwemmungsresten einen hervorragenden Nährboden, in dem sie sich plagenartig vermehren konnte (1, S. 62).

Dass die Israeliten zwar unter der Mückenplage litten, aber von den Bremsen verschont blieben (2. Mose 8,18-19), lässt sich aus der geographischen Lage der israelischen Siedlungen im Lande Gosen erklären (8, S. 37).

Die fünfte Plage:

Viehsterben: „Alles Vieh der Ägypter ging ein“ (2. Mose 9,6)

Das Viehsterben wurde möglicherweise durch den Fütterungsmilzbrand (Anthrax internus) ausgelöst. „Vermutlich hatten die infizierten Frösche die Viehweiden verseucht. Allerdings war dieses Viehsterben wohl regional unterschiedlich. Z. B. gab es im Delta, also auch in Gosen, wo die meisten Juden wohnten, kaum Erkrankungen, da das Vieh dort erst später auf die Weide getrieben wurde“ (1, S. 65).

Andere Autoren sprechen von einer Rinderpest, wie sie auch im 19. Jahrhundert in Afrika noch Verheerungen anrichtete. Allerdings wären von der Rinderpest – anders als in der Bibel berichtet – keine Schafe und Ziegen betroffen (8, S. 39).

Die sechste Plage:

„Da bildeten sich an Mensch und Vieh Geschwüre mit aufplatzenden Blasen“ (2. Mose 9,10).

Solche Beulen sind typische Merkmale des Hautmilzbrandes. Menschen und Tiere wurden von den Wadenstechern infiziert. Danach dauerte es einige Tage bis zum Ausbruch der Krankheit (1, S. 66).

Nach anderen Quellen kann es sich auch um die Blattern gehandelt haben. Allerdings nicht um die tödlichen Schwarzen Blattern, die erst im 4. Jahrhundert v. Chr. in Nahen Osten aufgetaucht sind, sondern um eine mildere Form, entsprechend unseren Kuhpocken (8, S. 41 f.).

Die Reihenfolge der fünften und sechsten Plage würde zur Übertragung von Rinderpest und Blattern durch die Bremsen passen. Die Inkubationszeit der Rinderpest ist vier bis sieben Tage, die der milden Blattern etwa 10 Tage.

Da es in Gosen keine Stechfliegenplage und damit keine Krankheitsübertragungen gab, wurden die Israeliten von Viehsterben und Beulenerkrankung verschont (8, S. 43).

Die siebte Plage:

„Der Hagel erschlug in Ägypten alles was auf dem Feld war“ (2. Mose 9,25). 

Ein schweres Unwetter mit Gewittersturm und Hagel, wie es in Ägypten selten, doch nicht unmöglich ist. Manche vermuten sogar einen Eis-Meteoriten, der in Ägypten einschlug.

Die achte Plage:

„Als es Morgen wurde, hatte der Ostwind die Heuschrecken ins Land gebracht“ (2. Mose 10,13).

Ein solches Massen-Auftreten von Heuschrecken bei für sie günstigen Bedingungen kommt nicht nur in Afrika immer wieder vor (vergl. Joel 1,4; 4, S. 177 und 8, S. 46). In Ägypten waren Heuschreckenplagen bekannt. Dazu mussten zwei Ereignisse zusammenkommen: Heftige Niederschläge an den Brutplätzen der Heuschrecken an der Küste Arabiens und ein starker Ostwind, der sie nach Ägypten trug (1, S. 68).

Die neunte Plage:

„Mose streckte seine Hand zum Himmel aus, und schon breitete sich tiefe Finsternis über ganz Ägypten aus, drei Tage lang“ (2. Mose 10,22).

Vermutlich ein heftiger Sandsturm, wie er auch heute noch Tage lang den Himmel verfinstern kann. „Der Hagel und die Heuschrecken hatten nichts Grünes übriggelassen, das Land lag kahl und schutzlos da, den Strahlen der sengenden Sonne ausgesetzt, und es lag eine ungewöhnlich große Menge von pulverisierter tropischer Roterde bereit, um vom Sandsturm mitgerissen zu werden“ (1, S. 69).

Manchmal wird auch der gewaltige Ausbruch des Vulkans Santorin (Thera) im Süden des Ägäischen Meeres, der gigantische Staubmassen in die Luft schleuderte, für diese Finsternis verantwortlich gemacht. Der Vulkanausbruch wirdauf etwa Mitte des 2. Jahrtausends datiert, also auf eine frühere Zeit als sie in der Regel für die Plagen angenommen wird (siehe oben).

Die zehnte Plage:

„Dann wird jeder Erstgeborene in Ägypten sterben“ (2. Mose 11,5).

Im Hintergrund steht hier die alte magisch-religiöse Bedeutung der Erstgeburt und eine symbolische Deutung bietet sich an.

In der Bibel wird zu diesem Wunder viel gesagt und besonders die Vorbereitungen der Israeliten werden ausführlich beschrieben (2. Mose, 12). So mussten z. B. die Türpfosten der Hütten der Israeliten mit Blut bestrichen werden. Eine Analogie zu einem alten Blutritus der Nomaden bietet sich an. Wenn das Vieh auf weit entferne Weiden getrieben wurde, begleiteten bewaffnete Krieger die Hirten. Die Daheimgebliebenen sollte ein Blutritual vor den Wüstendämonen schützen.

Eine naturwissenschaftliche Erklärung für den „Tod der Erstgeburt“ st schwierig; viele Gläubige sprechen hier von einem götttlichen Eingriff.  Die bekannten wissenschaftlichen Deutungen für dieses „Passahwunder“ scheinen phantasievoll undweit hergeholt:

Eine Ursache könnten Mykotoxine sein, Giftstoffe im Getreide, verursacht durch den Schimmelpilz Aspergillus flavus. Da die ältesten Söhne immer eine doppelte Portion Nahrung bekamen und zudem als erste essen durften, erhielten (nur) sie eine zu hohe (tödliche) Dosis des Giftes (13)?

Der Schriftsteller Velikovsky nahm an, dass es sich entweder um den Tod des Erstgeborenen des Pharaos handeln könne, oder aber um ein Erdbeben, das einen großen Teil der Bevölkerung dahinraffte. Die Reichen, die „Auserwählten“ (Hochgeborenen) wohnten demnach in Steinhäusern, die bei einem Erdbeben einstürzten und die Bewohner begruben. Die Armen überlebten in ihren primitiven Hütten das Erdbeben weit besser (11, S. 48 f.).

Folgt man der Bibel, dann kündigte Moses die Plagen an, während die Ratgeber des Pharao sie nicht vorhersehen konnten, und davon überrascht wurden. Dieser Überraschungseffekt trug entscheidend dazu bei, dass der Pharao in den Katastrophen für das Ägyptische Volk (die Juden blieben aufgrund der geographischen Lage ihrer Wohngebiete weitgehend verschont) an ein Wirken des Gottes der Juden glaubte. In (1) wird gezeigt, aufgrund welcher natürlichen Kenntnisse Moses möglicherweise die meisten Katastrophen vorhersehen konnte. Wir wollen hier aber nicht zu weit in Detail gehen.

Der Auszug aus Ägypten

Die Plagenerzählung ist so wenig historisch gesichert wie der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, einem Kernstück der alttestamentarischen Überlieferung. Auf jeden Fall sind die „sechshunderttausend Mann“ (2. Mose, 12,37) stark übertrieben. Mit Frauen, Kindern und Vieh hätte sich eine Marschkolonne von 36 Kilometern Länge ergeben, die aus Wassermangel in der Wüste verdurstet wäre. So vertreten die Archäologen Finkelstein und Silberman die folgende Meinung:

„Die Sage von Israels Auszug aus Ägypten ist weder historische Wahrheit noch literarische Erfindung. Sie ist der machtvolle Ausdruck von Erinnerung und Hoffnung, entstanden in einer Welt, die sich mitten im Wandel befand. Die Konfrontation zwischen Mose und dem Pharao spiegelt die Konfrontation zwischen dem jungen König Josia[iv] und dem frisch gekrönten Pharao Necho. Es wäre ein Verrat an der eigentlichen Bedeutung dieser Geschichte, wollte man das biblische Bild auf ein einziges Datum fixieren. Passah ist kein Ereignis, das für sich alleine steht, sondern eine anhaltende Erfahrung nationalen Widerstandes gegen die jeweils herrschenden Mächte.“ (9, S. 85)

Eine Entzauberung der Bibel?

Aus naturwissenschaftlicher Sicht waren die meisten der als „Wunder“ apostrophierten Ägyptischen Plagen auch auf natürlichem Wege, also ohne „göttliche Eingriffe“ möglich. Wahrscheinlich ist auch das eine oder andere Ereignis schwärzer ausgemalt worden, als es sich ereignete. In wie weit Moses die Katastrophen ankündigen konnte, ist umstritten.

Manche Archäologen vermuten in der Plagenerzählung eine Erinnerung an eine Kette ökologischer Katastrophen, wie sie sich beispielsweise in Piramesse ereignet haben könnten. Piramesse am pelusischen Nilarm war die glanzvolle Hauptstadt von Ramses II. (1279-1213 v. Chr.), bei deren Bau angeblich die versklavten Juden mitarbeiten mussten. Als der Nilarm versandete, kann es zu ökologischen Katastrophen – ähnlich den in der Bibel geschilderten – gekommen sein. Die Hauptstadt musste aufgegeben werden.

Andere Archäologen stellen aus Mangel an Beweisen die Plagenerzählung ebenso wie den Exodus in Frage.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht sind die ägyptischen Plagen nicht sehr zuverlässig dokumentiert. So wird z. B. angenommen, dass es zwei verschiedene Überlieferungslinien gab, die in dem uns bekannten Text kombiniert wurden:

Eine als Priesterschrift bezeichnete hypothetische Quelle sprach demnach von fünf Wunderzeichen: Die Umwandlung des Stockes, die Umwandlung der Gewässer in Blut, die Frösche, die Mücken, die Geschwüre auf Menschen und Tieren.

In der Darstellung eines ebenfalls hypothetischen, als Jahwist bezeichneten Verfassers geht es um sieben Plagen: Fischsterben, Frösche, Stechfliegen, Viehsterben, Hagel, Heuschrecken, Tod der Erstgeburt.

Der Redakteur Kompiltor[iii]) des Bibeltextes kombinierte demnach diese beiden Überlieferungen und kam zu neun Plagen, denen er als zehnte Plage die Finsternis hinzufügte (3).

Man kann demnach den uns vorliegenden Bibeltext nicht als einen Augenzeugenbericht ansehen.

Übrigens kommen einige der Ägyptischen Plagen auch im Koran vor (Sure 7, 104-135). Hier sind es neben dem Schlangentrick und einer Hungersnot nur fünf Plagen, ohne den Tod der Erstgeborenen.

Glaube oder Wissenschaft

Wir haben in diesem Beitrag die biblische Plagenerzählung auf eine für die Neuzeit typische Weise betrachtet: wir suchen nach „natürlichen“, also wissenschaftlich haltbaren Erklärungen für die im 2. Buch Mose (Exodus) geschilderten, außerordentlichen Ereignisse.

Doch die Bibel ist ein sehr vielfältig interpretierbares Buch, und wir wissen nicht, welche Intentionen die biblischen Autoren selbst hatten.

Dachte der Verfasser der Plagenerzählung so ähnlich wie wir? Wollte er von entscheidenden historischen Ereignissen berichteten? Oder sind die Zehn Plagen symbolisch zu verstehen, als „Götterkämpfe“, die für die ägyptischen Gottheiten blamabel ausgingen, da sie sich dem Gott der Juden geschlagen geben mussten? Dabei schließen sich die neuzeitliche Interpretation und die symbolhafte Deutung gegenseitig nicht aus.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus der weltlichen Sicht der biblischen Plagen Ägyptens?

Die einen werden natürliche Erklärungen für die auf den ersten Blick ebenso wundersamen wie rätselhaften biblischen Schilderungen begrüßen. Andere werden entsetzt sein, dass religiöse Lehren, die Jahrhunderte lang unangefochten gültig waren, durch moderne wissenschaftliche Deutungen relativiert werden sollen. Wieder andere werden sagen, was soll der Streit; natürlich hat der Gott Israels die Naturgesetze benutzt, mit der Absicht seinem Volke zu helfen, was wundersam genug für die Ägypter war. Es bleibt nach wie vor eine Frage der persönlichen Einstellung, wie man die entsprechenden Schilderungen im Alten Testament sieht: Als Berichte von religiösen Ereignissen, göttlichen Zeichen, überirdischen Wundern. Oder als (unsicher überlieferte) Sammlung von alten Volkssagen.

Wer nach einer Brücke sucht, die Religion und Naturwissenschaft miteinander verbindet, wird sich wahrscheinlich schwer tun mit dem „liebsten Kind des Glaubens“, wie Goethe die Wunder bezeichnet. Denn man kann den Begriff „Naturgesetze“ auch als Ausdruck des Gotteswillens verstehen. Und so gesehen ist das Wirken Gottes nicht außerhalb sondern nur innerhalb der (uneingeschränkt gültigen) Naturgesetze zu finden.

Literatur:

(1) Asmussen Hans Georg, Sonne stehe still…!, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn, 1994.

(2) Barthel Manfred, Was wirklich in der Bibel steht, Econ, Düsseldorf, 2001.

(3) Brockhaus Enzyklopädie, 21. Auflage.

(4) Delort Robert, Der Elefant, die Biene und der heilige Wolf, Hanser, München, 1987.

(5) Der Koran, übertragen von Max Henning, Reclam, Stuttgart, 1966.

(6) Die Bibel, Einheitsübersetzung, Herder, Freiburg, 1980.

(7) Die Suche der Menschheit nach Gott, Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, Selters/Taunus, o. J1990.

(8) Dröscher, Vitus B., …und der Wal schleuderte Jona an Land, Rasch und Röhrig, Hamburg, 1987.

(9) Finkelstein Israel/Silberman Neil Asher, keine Posaunen vor Jericho, C. H. Beck, München, 2003,

(10) Mertens Heinrich A., Handbuch der Bibelkunde, Bechtermünz, Augsburg, 1997.

(11) Velikovsky Immanuel, Zeitalter im Chaos, Europa, Zürich, 1962.

(12) http://www.sabines-kaleidoskop.de/altertumsgeschichte/BAND305.060.1.html

(13) http://www.way-to-allah.com/wunder_des_Islam.html

(14) www.lexi-tv.de/lexikon/thema.asp?inhaltlD=2389&Seite=6-23k

 


[i] Das Wort Pharao (großes Haus) kam erst im 9. vorchristlichen Jahrhundert als Herrschertitel auf.

[ii] Nach neueren Forschungen scheint es erforderlich, den Exodus um zwei- bis dreihundert Jahre zurückzudatieren (vergl. David M. Rohl, Pharaonen und Propheten, Droemer-Knaur, München 1996).

[iii] Kompilator = Zusammenträger

[iv] Die Regierungszeit von Josia (Joschija) war von 641 bis 609 v. Chr. Er fiel bei Meggido im Kampf gegen die Ägypter unter Pharao Necho (2. Kön. 23,29 und 2. Chr. 35.20). Diese Niederlage Josias wurde dann angeblich umgedichtet zu einem Sieg des Moses über den Pharao.