Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Pflug ade?

(Veröffentlicht in GralsWelt 71/2012)

Es gibt so gut wie nichts, was in unserer Zeit nicht in Frage gestellt wird. So auch ein landwirtschaftliches Gerät, das seit Jahrtausenden das Wahrzeichen des Bauernstandes und darüber hinaus noch ein Symbol des Friedens ist: der Pflug.

So heißt es in der Bibel: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern“ (Micha 4,3 ). Dieses Umschmieden einer Waffe zu einem friedlichen Werkzeug zeigt auch eine Skulptur in New York, die die Sowjet Union 1959 den Vereinten Nationen geschenkt hat.

Wirksamer als Waffen?

Nomadisierende Völker überrannten nicht selten die Ansiedlungen der Sesshaften, der Bauern. Skythen, Hunnen, Magyaren, Araber, Mongolen eroberten in kürzester Zeit riesige Gebiete und schufen sogar Weltreiche. Doch diese Imperien gingen vorüber. Denn dauerhaft in Besitz nehmen konnten das Land nur die sesshaften Bauern mit ihrem Pflug, der sich in letzter Konsequenz als dem Schwert überlegen erwies.

Eines der langlebigsten Weltreiche schufen die Römer; sie waren von ihren Anfängen her Bauern. Mit bäuerlicher Beharrlichkeit gewannen sie ganz Italien. Dann wurden sie ihren alten Tugenden untreu und legten selbst den Keim zu ihrem langsamen Untergang: „Rom ist einmal groß geworden und hat den Erdkreis unterworfen, weil es ein Volk freier und gesunder Bauernkrieger war. Als es selbst die Grundlagen seiner Macht zerstörte, seine Bauern zu abhängigen Kolonen und Ackerknechten machte, sein Brot durch Spekulanten besorgen und seine Kriege durch Mietlinge führen ließ, war es reif für den Untergang: es war seinem innersten Wesen untreu geworden.“ (4, S. 85)

 

Eine stille Revolution?

Über viele Jahrhunderte gingen Fortschritte in der Landbebauung mit Verbesserungen der Pflüge einher. Nicht selten war auch ein geeigneter Pflug die Voraussetzung dafür, dass neues Land urbar gemacht werden konnte.

Die ersten Ackerbauern verwendeten einen primitiven Grabstock. Im Lauf von 10.000 Jahren Feldbau entwickelte sich der Pflug aus einer Hacke, die über das Feld gezogen wurde. Unzählige Bauformen des Pfluges entstanden, den verfügbaren Mitteln entsprechend oder den Bedürfnissen der vorhandenen Böden angepasst.

Wichtige Verbesserungen waren eiserne Pflugscharen (China, 3. Jahrhundert v. Chr.). Aus römischer Zeit stammen der Vorschneider (das Sech), und der Räderpflug (3, S. 192).

Anfangs dienten beim Pflügen Menschen als Zugkräfte. Dann nahmen ihnen Zugtiere diese anstrengende Arbeit ab. Zuerst Ochsen, die schon die Alten Ägypter vor ihre Pflüge spannten, später auch Pferde, Kamele und sonstige Zugtiere. Dampfmaschinen fanden auf großen Arealen ebenfalls über Jahrzehnte zum Pflügen Verwendung, bevor der Siegeszug der Traktoren (meist mit Dieselmotoren) begann.

Lange konnten die Pflüge nur Furchen durch das Erdreich ziehen und die obere Schicht auflockern. Erst im 18. Jahrhundert gelang es, den abgeschnittenen Erdbalken zu wenden. Mit dieser Methode des Wendens des Erdbalkens arbeiten auch die heutigen, von Traktoren gezogenen Pflüge.

Viel auch nützet der Flur,
wer die unfruchtbare Scholle
mit den Karst zerschlägt
oder mit Dornen eggt.
Dem segnet Ceres  –
die Göttin des Landbaus –
die Arbeit im Feld.
Ebenso rat ich,
die aufgebrochene Brache
nochmals zu wenden;
Schief führe den Pflug
durch die Schollen,
und wühle rastlos
Die Erde um, bis sie fein
und krümelig daliegt..
Vergil (70-19 v. Chr.)

Zerstört der Pflug das Bodenleben?

Schon seit Jahrzehnten steht der Pflug bei Ökologen im Verdacht, die Bodenbiologie nachhaltig zu verändern:

• Mit modernen Pflügen wird das Erdreich bis zirka 30 cm Tiefe aufgerissen und gewendet. Fast alle Pflanzenreste und das meiste Unkraut werden eingearbeitet.

• Das Bodenleben wird massiv gestört.

• Die Regenwürmer – wertvolle Humuserzeuger – werden beim Pflügen geradezu zerhackt und können die Pflanzenreste nicht mehr verarbeiten.

• Der Pflug zerstört die von den Regenwürmern gegrabenen Gänge. Diese Kanülen verbessern die Bodenbelüftung und erleichtern die Wasseraufnahme.

• Von der durch das Pflügen aufgerissenen Oberfläche kann Wasser leichter verdunsten, der gelockerte Boden trocknet schneller aus und wird anfälliger gegen Erosion.

• Die auf einer ungepflügten Oberfläche lagernden Pflanzenreste verringern die Gefahr, dass die oberste Schicht vom Wind verweht wird.

• Nicht zuletzt ist Pflügen teuer und verlangt hohen Energieeinsatz (Dieselöl).

Pfluglose Landwirtschaft?

Der Verzicht auf das teuere Pflügen soll wesentliche Vorteile bringen, hat aber auch seine Schattenseiten. Gegen diese „konservierende Methode“ werden folgende Argumente vorgebracht:

• Ein gut gepflügter Acker sieht ordentlich und sauber aus, während eine pfluglos bebaute Fläche anfangs wie eine Brache wirkt.

• Zumindest während der ersten Jahre der pfluglosen Bebauung sinken die Erträge.

• Es wächst mehr Unkraut, das in der Regel mit chemischen Pestiziden bekämpft wird. Damit wird die pfluglose Methode für die biologische Landwirtschaft problematisch. Hier sind ja chemische Pflanzenschutzmittel zu vermeiden; die Biobauern müssen für den Ackerbau ohne Pflug neue Pflanzenschutzstrategien finden.

Das Ende eines Symbols?

Derzeit gehen die Meinungen der Landwirte über Wert und Unwert der pfluglosen Bebauung weit auseinander. Besonders auf erosionsgefährdeten Böden scheinen aber die Vorteile des konservierenden (pfluglosen) Ackerbaus zu überwiegen.

Ob das seit Jahrtausenden wichtigste Ackergerät, der Inbegriff eines landwirtschaftlichen Werkzeuges, in einigen Jahrzehnten ausgedient hat?

Literatur:

(1) Der Spiegel, 16/2010 Seite 138

(2) Gööck Roland, Erfindungen der Menschheit, Sigloch, Blaufelden, Band I: Gesundheit – Nahrung – Wohnen – Bauen, o. J.

(3) Werth Emil, Grabstock Hacke und Pflug, Eugen Ulmer, Ludwigsburg, 1954

(4) Zierer Otto, Aus Knechtschaft zur Freiheit, Das Bergland-Buch, Salzburg, 1979

www …

Pflug:

http://de/wikipedia.org/wiki/Plug

Landwirtschaft ohne Pflug:

http://www.pfluglos.de