Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Kommen die “apokalyptischen” Reiter?

 

(Veröffentlicht in GralsWelt 73/2012)

 

Seit Jahrzehnten hören wir die Warnungen, dass unsere Weltwirtschaft nicht mehr wie bisher auf weiteres materielles Wachstum setzen kann; dass die Politiker endlich beginnen müssen, weitschauend und global zu denken; und vor allem, dass wir Menschen unser Bewusstsein, unsere Einstellung zur Natur und unsere Verhaltensweisen ändern müssen. Nun hört man schon Warnungen von den „apokalyptischen Reitern“. Zu recht?

 

Immer mehr Menschen erkennen, dass die Weltprobleme von Jahr zu Jahr zunehmen, wodurch deren Lösungen laufend schwieriger werden. Einiges spricht sogar dafür, dass unsere naturwissenschaftlich-technische Zivilisation auf Abwege geraten ist, die in eine Katastrophe führen.

Doch bisher ist ja alles noch recht gut gegangen: die Wirtschaft funktioniert, wer genug Geld hat, kann kaufen was er will, die Politiker sind von Berufs wegen Optimisten, und die Zukunftsprognosen der Ökonomen sind gar nicht so schlecht. Sollten wir uns also besser keine Sorgen machen?

 

Eine besorgniserregende Bestandsaufnahme

Sehen wir uns die wesentlichsten Fakten an, die viele Menschen dennoch beunruhigen:

• Die Weltbevölkerung von inzwischen über 7 Milliarden Menschen wächst weiter.

• Die Umweltprobleme könnten ein fatales Ausmaß annehmen.

• Der Klimawandel lässt sich nicht mehr verleugnen, auch wenn über die Ursachen gestritten wird. Dadurch breiten sich möglicherweise die Wüsten aus.

• Der Meeresspiegel steigt an und droht Inseln und Küsten zu überschwemmen. Viele Großstädte liegen an den Küsten![i]

• Durch Ausbreiten der Wüsten, steigende Meeresspiegel und sonstige Umweltschäden könnten große Gebiete unbewohnbar werden. Viele Millionen Klimamigranten müssten neue Lebensplätze finden.

• Wetterkapriolen werden häufiger und heftiger.

• Tier- und Pflanzenarten sterben in einem kaum mehr vorstellbaren Umfang aus.

• Die Anzahl der Armen nimmt zu; sogar in Industrieländern wie den USA.

• Viele Millionen Menschen in den Entwicklungsländern sind unzureichend ernährt und medizinisch unterversorgt.

• Die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen lassen sich kaum mehr ausweiten. Im Gegenteil: sie nehmen eher ab durch Erosion, Trockenheit, Übernutzung, steigenden Flächenbedarf für Straßen, Gebäude, Industrieanlagen usw.

• Inwieweit sich die Erträge der Landwirtschaft durch verbesserte Anbaumethoden, Bewässerung, Düngung, Gentechnik, Pflanzenschutzmittel usw. noch steigern lassen, ist umstritten. Jedenfalls trägt die Verwendung von Nahrungspflanzen für die Herstellung von Biosprit zur Lebensmittelverknappung bei. Die Abholzung der tropischen Regenwälder muss gestoppt werden.

• In vielen Regionen – nicht nur in Entwicklungsländern – droht Wasserknappheit.

• Wichtige Rohstoffe und Energieträger – voran Erdöl – dürften schon in naher Zukunft knapp werden.

• Durch die Globalisierung ist weltweit der härteste Wettbewerb aller Zeiten entstanden. Billiglohnländer scheren sich oft wenig um den Umweltschutz und schon gar nicht um Sozialstandards; sie machen den entwickelten Ländern Konkurrenz und gefährden Arbeitsplätze und Wohlstand in den Industrieländern.

Die Lösung der Weltprobleme ist untrennbar mit der Nutzbarkeit der vorhandenen Ressourcen, dem Energieproblem und dem Bevölkerungswachstum verbunden.

 „Die Welt hat ein Problem, das man mit drei Worten umreißen kann: heiß, flach und übervölkert. Das heißt, die globale Erwärmung, die erstaunliche Zunahme der Mittelschicht in aller Welt und das schnelle Bevölkerungswachstum wirken in einer Weise zusammen, die unserem Planeten gefährlich instabil werden lassen könnte. Das Zusammenwirken dieser drei Faktoren belastet die Energieversorgung, beschleunigt das Aussterben von Pflanzen und Tieren, vergrößert die Energiearmut, stärkt die Petrodiktaturen und verschärft den Klimawandel.“

Thomas L. Friedman (3, S. 14)

 

Die Grenzen des Wachstums

Seit 1972 wird von den „Grenzen des Wachstums“ (7) gesprochen, die sich in der Entwicklung der Menschheit schon mehrmals gezeigt haben. Jeder Fortschritt in der menschlichen Zivilisation war mit besserer Nutzung der vorhandenen oder der Erschließung neuer Ressourcen verbunden; also mit einer Anhebung der „Wachstumsgrenzen“. Das lässt sich anhand wichtiger Abschnitte der Menschheitsgeschichte zeigen:

• Die Anfertigung von Werkzeugen aus Holz, Horn, Knochen oder Stein hat vor mehr als drei Millionen Jahren begonnen. Ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Zwar benutzen auch Tiere schon Werkzeuge; jedoch die Herstellung von Werkzeugen, um damit andere Werkzeuge anzufertigen, gilt als eine typisch menschliche Leistung.

• Seit 1,5 Millionen Jahren verwenden (Ur-)Menschen das Feuer.

• Die Überjagung der Großtiere begann in Europa vor etwa 40.000 Jahren, in Amerika nicht viel später („pleistozäner Overkill“).

• Ackerbau und Viehzucht: Die „neolithische Revolution“ vor 12.000 Jahren mit ihrer neuen Art der Lebensmittelproduktion erlaubte größere Bevölkerungsdichten. Die intensive Landwirtschaft brachte eine ständige Verlegung der Siedlungen mit sich; nach Erholung des Bodens kehrten die Bewohner in die ursprünglichen Siedlungsgebiete zurück.

• Metallverarbeitung: Mit Kupfer oder Bronze, besonders aber mit Eisen, ist seit etwa fünf Jahrtausenden ungleich viel mehr möglich, als mit den Werkzeugen und Materialien der Steinzeit. Allerdings begann damit schon der Raubbau. Denn auf längere Sicht wurde – zum Beispiel für Metallgewinnung und Schiffbau – mehr Holz verbraucht als nachwachsen konnte. Auch die Erzlager mussten sich – in damals noch sehr fern scheinender Zukunft – erschöpfen.

• Hochzivilisation: Durch organisierte Zusammenarbeit, zum Beispiel bei der Bewässerung der Felder, werden seit 5.000 Jahren die vorhandenen Ressourcen besser genutzt und weitere erschlossen; eine Voraussetzung für die Entstehung von Städten und Staaten. Spätestens damit begann auch die Abholzung der Wälder und die Übernutzung oder Zerstörung der Böden. Die Länder, in denen der Ackerbau erfunden wurde, sind heute zum großen Teil Wüsten oder aride Zonen.

• Die Domestizierung des Pferdes im 3. vorchristlichen Jahrtausend leitete eine kulturgeschichtliche Revolution ein. Im zivilen wie im militärischen Bereich war das Pferd als Trag-, Zug- oder Reittier bald unentbehrlich. Ohne Pferde (oder Kamele?) hätte es wahrscheinlich keine Großreiche gegeben. Bis ins 19. Jahrhundert war die schnellste Art der Fortbewegung für einen Menschen auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes.

• In der Antike entstanden die ersten Großreiche (zum Beispiel Ägypter, Perser, Römer, Chinesen, Inder, Mongolen). Wenn deren eigene Ressourcen nicht ausreichten, eroberten sie fremde Länder und beuteten diese aus.

• Kolonialismus: Weiter entwickelte Technik und überlegene naturwissenschaftliche Kenntnisse machten im 15. und 16. Jahrhundert die Reisen der Großen Seefahrer möglich und leiteten im 17. Jahrhundert den Beginn einer naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation ein, die sich weltweit ausbreitete.

• Kohle: Nach dem Jahrhunderte langen Raubbau an den Wäldern für Metallverarbeitung, Schiffbau, Energiegewinnung usw. war der Einsatz von Kohle die Voraussetzung für die im 18. Jahrhundert beginnende industrielle Revolution.

• Erdöl und Erdgas: Im 20. Jahrhundert verlor die Kohle an Bedeutung. Erdöl und Erdgas wurden immer wichtiger.

• Alternative Energien: Im 21. Jahrhundert müssen fossile Brennstoffe, die „Treibstoffe aus der Hölle“ (3, S. 49), durch naturverträgliche, erneuerbare Energiequellen ersetzt werden. Gelingt das nicht schnell genug, könnte unsere Zivilisation in Schwierigkeiten geraten.

Folgt man dem bekannten Historiker Ian Morris, so sind Zivilisationen in der Vergangenheit schon mehrmals an die Grenzen des Wachstums gestoßen. Im ersten Jahrhundert kam das Römische Reich an eine solche Grenze, die es nicht überwinden konnte, und ist dann zusammengebrochen. Ähnlich ging es China ein Jahrtausend später. Für die Entwicklungsmöglichkeiten eines Agrarreiches gab es demnach Grenzen. Diese konnten nur durchbrochen werden, indem die gespeicherte Energie der fossilen Rohstoffe genutzt wurde. (9, S. 536)

Auch für unsere naturwissenschaftlich-technische Zivilisation gibt es Wachstumsgrenzen, die sich aber nur schwer berechnen lassen. Wir werden sie spätestens dann erkennen müssen, wenn wir mit katastrophalen Folgen an sie stoßen.

 

Energieverbrauch und Lebensstandard

So weit wir die menschliche Zivilisation zurückverfolgen können, waren der Lebensstandard und der zivilisatorische Fortschritt an die Nutzung der Ressourcen und besonders an den Energieverbrauch gekoppelt. Damit verhielt sich die menschliche Zivilisation übrigens ebenso wie die belebte Natur: höhere Lebensformen, wie warmblütige Vögel und Säuger, benötigen deutlich mehr Energie pro Gramm Körpermasse als zum Beispiel Fische oder Reptilien!

So bietet sich der Energiebedarf als Indikator an für den Evolutionsgrad menschlicher Gesellschaften[ii]. Parallel zum erst langsam, dann exponentiell steigenden Energieverbrauch hat auch die Weltbevölkerung zugenommen:

 

Energieverbrauch in westlichen Ländern  
Zeit                   Kultur                                    Kilokalorien pro       Weltbevölkerung
                                                                                 Kopf und Tag                      in Millionen
14000 v. Chr.   Jungsteinzeit                          4.000                               ca.      0,2
4000 v. Chr.  Landwirtschaft                        10.000                              ca.   20
2000 v. Chr.  Metallverarbeitung              17.000                             ca.   250
1 n. Chr.  Hochkulturen                                     31.000                             ca.   300
400 n. Chr.  Völkerwanderung                     28.000                              ca.  200
700 n. Chr.  Chaos in Europa                          25.000                              ca.  250
1200 n. Chr.   Hochmittelalter                      26.000                               ca.  400
1600 n. Chr.   Barockzeitalter                       29.000                                ca.   500
1800 n. Chr.   Kolonialzeitalter                    38.000                                         978
1900 n. Chr.   Industriezeitalter                   92.000                                      1.650
2000 n. Chr.   Globalisierung                        230.000                                      6.158
(2050 n. Chr.   Weltfriedenordnung?                    ?                                          9.100?)

Bis zum Kolonialzeitalter waren Lebensstandard und Energieverbrauch in den Hochkulturen weltweit nicht sehr unterschiedlich. Erst mit der Industrialisierung stieg der Energieeinsatz in den Industrieländern drastisch an und die restlichen Länder blieben zurück.

Derzeit ist in den Entwicklungs- und den Schwellenländern der Energieverbrauch pro Kopf noch geringer als in den Industriestaaten. Doch die bevölkerungsreichen Schwellenländer (zum Beispiel Brasilien, China, Indien) holen auf. Es ist damit zu rechnen, dass sie in einigen Jahrzehnten pro Einwohner nicht viel weniger Energie verbrauchen werden als derzeit die Industrieländer.

Dabei kommen die Gesetze der großen Zahl ins Spiel, wie David Douglas, Vizepräsident von „Sun Microsystems“ vorrechnete. Was würde passieren, so fragte er, wenn eine weitere Milliarde Menschen hinzukommt und wir geben jedem eine 60-Watt-Glühbirne: „Die einzelne Glühbirne wiegt nicht viel: etwa 20 Gramm mit Verpackung. Aber eine Milliarde davon wögen 20.000 Tonnen, ebensoviel wie 15.000 Toyota Prius. Jetzt schalten wir die Lampen ein. Wenn sie alle zur selben Zeit brennen, benötigen sie 60.000 Megawatt. Zum Glück werden die Birnen nur vier Stunden pro Tag eingeschaltet, so dass zu jeder Zeit nur etwa 10.000 Megawatt benötigt werden.“ Es sieht so aus, als brauchten wir gut 20 neue 500-Megawatt-Kohlekraftwerke, nur damit die nächste Milliarde Menschen das Licht einschalten kann. (3, S. 47)[iii]

Diese Entwicklungslinie – steigender Energieverbrauch und stark wachsende Bevölkerung – setzt die Weltwirtschaft zunehmend unter Druck. Nach der Meinung von Ökologen überschreitet unsere Zivilisation seit Jahrzehnten die Leistungsfähigkeit des Planeten Erde, und im 21. Jahrhunderts wird die Situation dramatisch. Bis spätestens zur Jahrhundertmitte müsste sich entscheiden, ob die Menschheit neue, bislang noch unbekannte Wege beschreiten kann, oder ob die Weltökonomie in Turbulenzen geraten muss. Ian Morris sagt dazu: „Wie die Römer in der Verfallsperiode ihres Reiches stoßen wir gegenwärtig an eine Decke, die es zu durchstoßen gilt. Entweder schaffen wir eine Transformation, die die industrielle Revolution weit übertrifft und die meisten unserer Probleme lösen wird, oder wir taumeln in eine Katastrophe, wie es noch keine gab. Dann werden die apokalyptischen Reiter wieder losgaloppieren: Klimawandel, Hungersnöte, Seuchen, Migrationsströme, zusammenbrechende staatliche Ordnungen“. (1)

 

Das Dogma des Wirtschaftswachstums

Obwohl die Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist, wurden der Hunger und die Armut in unserer Welt größer, nicht geringer. Selbst in Industrieländern wie den USA sind die Zukunftsaussichten für Kleinverdiener und Benachteiligte nicht rosig, und die Kluft zwischen Arm und Reich wird laufend größer. Misswirtschaft, Korruption, (organisierte) Kriminalität, überschuldete Staaten, schlechte Regierungen, ein außer Kontrolle geratenes Weltfinanzsystem und besonders die explosive Zunahme der Bevölkerung werden dafür verantwortlich gemacht.

Afrika als Beispiel hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs etwa 200 Millionen Einwohner und war nicht sehr dicht besiedelt. Nach damaliger Einschätzung stand diesem rohstoffreichen Kontinent eine gute ökonomische Zukunft bevor. Heute leben dort eine Milliarde Menschen, Bürgerkriege flammen auf,  Staaten zerfallen, viele Menschen hungern und haben kaum ärztliche Versorgung; die Bevölkerung wächst weiter und nimmt pro Jahr um gut 20 Millionen zu. Demnach müssten in Afrika – zusätzlich zu dem, was heute schon fehlt – Jahr für Jahr für weitere 20 Millionen Menschen Nahrungsmittel, Kleidung, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Wohnungen, Arbeitsplätze bereitgestellt werden.[iv]

In anderen Teilen der Welt – zum Beispiel in Indien und einigen Staaten Südamerikas – ist die Situation kaum weniger dramatisch. Insgesamt wächst die Weltbevölkerung jährlich um fast 60 Millionen (ca. 160.000 pro Tag). –

Derzeit wissen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auf so gut wie alle Weltprobleme nur eine Antwort: weiteres wirtschaftliches Wachstum. Dieses Wachstum scheint schon deshalb unerlässlich, weil die Menschheit wächst und mehr Menschen immer mehr benötigen. Aber woher sollen die benötigten Lebensmittel, Rohstoffe und Industrieprodukte, sowie die dafür erforderliche Energie kommen?

Für das Jahr 2050 prognostiziert die UNO eine Weltbevölkerung von 9,1 Milliarden Menschen und das Bevölkerungsmaximum wird demnach im Jahr 2100 mit 10,1 Milliarden erreicht. Eine optimistischere Prognose erwartet das Maximum schon 2060 oder 2070 mit etwa 9 Milliarden. Danach sollte die Weltbevölkerung in beiden Modellen langsam schrumpfen. (2)

Ist unser blauer Planet leistungsfähig genug, um diese Menschenmassen angemessen zu versorgen?

Die Antwort vieler Ökologen ist ein klares Nein! (vgl. GralsWelt 64/2011, „Wie sehr wir unsere Erde überlasten“). Allerdings liegen die Schätzungen für die maximale Tragfähigkeit der Erde weit auseinander: sie bewegen sich zwischen einer Milliarde und 1.000 Milliarden Menschen! Lässt man die Extreme außer acht, so kommt man im mittleren Bereich auf 7,7 bis 10 Milliarden, was – Zufall oder nicht – der Spannbreite entspricht, in der die Hochrechnungen der UN für die nächsten 50 Jahre zu finden sind. (4, S. 219) So können die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik derzeit immer noch Ausreden finden, die Grenzen des Wachstums zu ignorieren! Selbst Optimisten, die meinen, die Erde könnte 10 oder mehr Milliarden Menschen ernähren, müssen jedoch zugeben, dass das nur möglich wäre mit einem Lebensstandard wie derzeit in Indien; keinesfalls jedoch mit einem Lebensstandard wie in den USA!

 

Was können wir tun?

Zahlreich sind die Empfehlungen, die den Kollaps der Weltwirtschaft abwenden wollen:

• Naturgemäße Landwirtschaft

• Keine Überfischung der Meere

• Naturgemäße Energiegewinnung sowie Energieeinsparung. Ian Morris meint dazu: „Nichts spricht dafür, dass wir unsere Energieaufnahme reduzieren werden, bevor uns eine Katastrophe dazu zwingt – was bedeutet, dass wir dem Ausverkauf der Ressourcen, der Vergiftung des Planeten oder beidem nur dann entkommen, wenn wir saubere, also erneuerbare Energiequellen anzapfen.“ (9, S. 586)

• Können neue, bisher unerschlossene Energiequellen gefunden werden? Derzeit werden verschiedenste, realistische und unrealistisch scheinende Möglichkeiten untersucht.[v]

• Ausreichend große, naturbelassene Lebensräume, um die Artenvielfalt zu erhalten. Von besonderer Bedeutung sind die tropischen Regenwälder. Sie sind Kohlenstoffspeicher und bergen die größte Vielfalt an Lebewesen.

• Kreislaufwirtschaft, die möglichst alle Rückstände reinigt und wiederverwendet, um die bereits überlastete Umwelt besser zu schonen.

• Abkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch. Ein Wachsen der Wirtschaft ist nur noch in unterentwickelten Ländern mit hungerleidenden Menschen vertretbar. In den reichen Ländern wäre über eine Verringerung des Verbrauchs nötig.

• Ende der Umweltvergiftung durch Abfälle, Abgase, Abwasser, Chemikalien, Medikamente.

• Schonendere und möglichst nachhaltige Ressourcennutzung. Ende der Naturzerstörungen bei der Rohstoffgewinnung. Ein extremes Beispiel für den falschen Weg liefert derzeit Kanada: bei der energiefressenden Erdölgewinnung aus Ölsand wird die Natur großflächig ruiniert.

• Bescheidenheit (nicht Ärmlichkeit) in der persönlichen Lebensgestaltung.

• Verringerung des Bevölkerungswachstums. Hier sind bisher alle Bemühungen, zum Beispiel in China und Indien, mehr oder weniger gescheitert. Man hofft, dass mit steigendem Lebensstandard und besserer Ausbildung, besonders der Mädchen, sich das Problem erledigen wird. Doch das wird eine oder mehrere Generationen dauern. –

Alle diese Vorschläge bewegen sich im Rahmen des bisherigen Denkens und wissenschaftlichen Wissens sowie der bereits vorhandenen oder noch zu entwickelnden technischen und organisatorischen Maßnahmen. Außerdem ist umstritten, ob sich solche Reformen mit demokratischen Mitteln durchsetzen lassen, oder ob es – wie manche meinen – dazu einer „Öko-Diktatur“ bedarf. (vgl. GralsWelt 72/2012, „Brauchen wir die Öko-Diktatur?“) 

Vielleicht wird aber auch ein ganz anderer, völlig neuer Ansatz benötigt.

 

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte geht es um wirkliche Existenzfragen. Doch die Wissenschaft ist sich nicht einig und die Politik ratlos. Kann im Großen und Ganzen weitergemacht werden wie bisher, und wenn ja, wie lange noch? Sind erhebliche Anpassungsmaßnahmen an deutliche veränderte Lebensumstände erforderlich, und wenn Ja: wie müssen diese aussehen? Ist die Menschheit nur noch durch eine radikale Trendwende zu retten? Oder soll sie das Leben genießen, solange esx geht, da ohnehin nichts mehr zu retten ist? Über alle diese Probleme wird heute mit der gleichen Leidenschaft gestritten wie im Mittelalter über Himmel und Engel, Hölle und Teufel.

Meinhard Miegel

 

Ist unser Weg schon vom Ansatz her falsch?

Folgt man Esoterikern, Hellsehern, Künstlern, Mystikern, Visionären, so gibt es zwei grundverschiedene Wege zum Verständnis der Natur:

1. Den naturwissenschaftlich-mathematischen Ansatz mit seinem analytischen Weltbild. Dieser Erkenntnisweg dominiert heute fast unangefochten und bestimmt unser irdisches Leben und Denken. Auf diesem modernen Weg will der Mensch die Natur beherrschen, sie für sich nutzbar machen und sie seinen Bedürfnissen entsprechend umgestalten.

2. Einen seelisch-geistig-symbolischen Erkenntnispfad. Dem Weltbild der Wissenschaften wird ein empfindungsmäßig erahntes, ganzheitliches, spirituelles Weltbild gegenüberstellt. Auf diesem geistigen Weg will der Mensch sich in die Natur und ihre Gesetze einfügen, also die Natur nicht vergewaltigen sondern sich ihr anpassen.

So betrachtet wäre das naturfremde, technische Denken, das uns in die Weltprobleme geführt hat, nicht geeignet, diese Probleme zu lösen. Unser seit Jahrtausenden praktizierter, materialistischer Weg wäre demnach schon vom Ansatz her falsch.

Aber wie soll das Neue, die oft beschworene „Transformation“, aussehen? Das romantische „Zurück zur Natur“ ist uns längst versperrt.

In der GralsWelt 67/2011, Seite 40 „Leben mit der Anderswelt“ wurde beispielsweise ein völlig anderer Zugang zur Natur dargestellt, der derzeit nur für die wenigsten gangbar ist: die Zusammenarbeit mit den Naturwesen und durchgeistigtes menschliches Wollen und Empfinden. Wenn man die in diesem Beitrag vorgebrachten Gedanken, für die auch Aussagen aus der Gralsbotschaft von Abd-ru-shin sprechen, als maßgeblich erachtet, dann stehen wir vor einem enormen Problem. Denn Alternativen zum naturwissenschaftlich-technischen Weltbild kennen wir nicht. Wenn auch Einzelne klarer sehen, Kontakte zu Naturwesen knüpfen, und uns im rechten Sinn beraten können, wird es schwierig bis unmöglich sein, die Mehrheit zu überzeugen und zu entsprechendem Handeln zu bewegen. Von den Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung ganz abgesehen.

Allein schon eine gesellschaftliche Diskussion zu diesem „okkulten“ Thema wäre höchst problematisch. Für viele Naturwissenschaftler sind esoterische Ansätze ein Konglomerat von Missverständnissen und Aberglauben, während der Mehrzahl der Esoteriker, Mystiker und Sensitiven das naturwissenschaftliche Denken fremd sein dürfte. Keine gute Basis für einen gesellschaftlichen Konsens als Voraussetzung für die geforderte Transformation.

Dürfen wir trotz allem optimistisch bleiben und in den Weltproblemen, wie Thomas L. Friedman es in seinem Buch „Was zu tun ist“ formuliert, „eine Serie großer Chancen in der Verkleidung unlösbarer Probleme sehen“? Die eine Katharsis auslösen, die uns neue Wege aufzwingt?

Auf absehbare Zeit werden wir uns wohl auf den bekannten Geleisen weiter bewegen, mit einigen ökologischen Korrekturen, deren Notwendigkeit jeder einsehen kann. Es bleibt aber die Hoffnung aus der Erfahrung, dass wir Menschen immer dann lernfähig waren, wenn die Verhältnisse uns dazu gezwungen haben, so dass unser ichbezogenes Denken hoffentlich nicht zwangsläufig in eine Weltkatastrophe führen muss.

 

 

 

 

 

 

Literatur:

(1) Der Spiegel, 25/2011, Seite 133

(2) Der Spiegel. 44/2011, Seite 144

(3) Friedman Thomas L., „Was zu tun ist“, Suhrkamp, Frankfurt 2009

(4) Gleich Michael u. a., Life Counts, Berliner Taschenbuch Verlag, 2002

(5) Hagl Siegfried, Die Apokalypse als Hoffnung, Droemer-Knaur, München 1984

(6) Lomborg Björn, Apocalypse No!, zu Klampen, Lüneburg 2002

(7) Meadows Dennis, Die Grenzen des Wachstums, DVA 1972

(8) Miegel Meinhard, Exit, Ullstein, Berlin 2011

(9) Morris Ian, Wer regiert die Welt?, Campus, Frankfurt 2011

(10) Stiglitz Joseph, die Chancen der Globalisierung, Siedler, München 2006

(11) Stiglitz Joseph, Die Schatten der Globalisierung, Goldmann, München 2004

(12) Weizsäcker Ernst Ulrich, Faktor Fünf, Droemer, München 2010

 

www …

Bevölkerungsentwicklung:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bev%C3%B6lkerungsentwicklung

 

Weltbevölkerung:

http://de.wikipedia.org/wiki/Weltbev%C3%B6lkerung

 

Bevölkerungswachstum:

http://geolinde.musin.de/afrika/html/bevoelkerungsentwicklung.htm



[i] Falls der Meeresspiegel um 1 Meter ansteigt, müssten angeblich allein in Bangladesh 30 Millionen Menschen ungesiedelt werden; weltweit 300 Millionen!

[ii] Ian Morris verwendet in seinem interessanten Buch „Wer regiert die Welt?“ vier Indikatoren für den Zivilisationsgrad: Energieausbeute, gesellschaftliche Organisation, Militärmacht und Informationstechniken. Wir begnügen uns hier der Einfachheit halber mit dem wichtigsten Indikator: Energie

[iii] Und wie sähe es mit Windkraftwerken aus? Große Windkraftwerke haben derzeit Spitzenleistungen von 10 Megawatt (MW). Im Binnenland kann man mit 2.000 Vollaststunden pro Jahr rechnen (ca. 25 Prozent der Zeit). Anstelle der 20 Kohlekraftwerke wären demnach ca. 4.000 Windräder erforderlich. Von der Notwendigkeit, den überschüssigen Windstrom für Zeiten von Flauten zu speichern, einmal abgesehen.

[iv] Zum Vergleich: Die DDR hatte 1989 bei der Wiedervereinigung 17 Millionen Einwohner und war in weit besserem Zustand als die meisten afrikanischen Staaten. Der Rückstand der neuen Bundesländer gegenüber dem Westen Deutschlands ist nach mehr als 20 Jahren intensiver Aufbau- und Finanzhilfe noch nicht ganz aufgeholt.

[v] Zum Beispiel im Bericht E 5001–15 „Zukunftstechnologien“ der Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.