Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wie viel Mensch verträgt die Erde?

(Veröffentlicht in GralsWelt 43/2007)

EINE  NEUE  WISSENSCHAFT:  DIE  PHEROLOGIE      
Seit einigen Jahren gibt es einen neuen Zweig der Ökologie, der sich wissenschaftlich den Namen Pherologie gegeben hat, und sich mit der Tragfähigkeit von Ökosystemen beschäftigt. Die Pherologie fragt insbesondere nach der Zahl von Menschen, die unsere Erde, oder einzelne ihrer Landschaften, dauerhaft „tragen” können. Pherologen wagen sich mit solchen Fragestellungen an ein Tabu unserer Gesellschaft. Dementsprechend werden sie von verschiedensten Seiten angefeindet, und ihnen gelegentlich sogar Menschenverachtung und Rassismus vorgeworfen, u. a. sogar von Naturschützern.
Wie sehen die pherologischen Fragestellungen aus, mit denen es gelingt, den Unmut der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen zu erregen?
WIE VIELE MENSCHEN TRÄGT DIE ERDE?
Spätestens seit die Raumfahrt Fotografien der Erde aus dem All liefert, sollte jedem Menschen sichtbar sein, dass unser Planet räumlich begrenzt ist, und dementsprechend auch seine Ressourcen nicht unendlich groß sein können. Zwangsläufig muss es “Grenzen des materiellen Wachstums” geben; also Grenzen für Wirtschaftswachstum, Nahrungsmittel- und Rohstoff-Produktion, für Energieverbrauch, Entsorgung von Abfällen, und auch von “Lebensplätzen” für Menschen.
Damit wären wir bei dem Grundanliegen der Pherologen. Diese wollen ermitteln, wie viele Menschen unter welchen Randbedingungen für unsere Erde gesund scheinen, sofern unser Heimatplanet dauerhaft bewohnbar sein, und seine Gesellschaften wirtschaftlich wie politisch stabil bleiben sollen.
Seit vielen Jahrzehnten gibt es dazu die verschiedensten Schätzungen oder Berechnungen, und je nach Quelle kann man als Obergrenze für die Weltbevölkerung 10, 20 sogar 50 Milliarden (oder mehr) Menschen finden.
Einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte eine, in Anlehnung an den Zukunftsforscher Herman Kahn (1922-1983) propagierte „Gesellschaft der 20 x 20″: Dem Optimismus der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entsprechend, könnten demnach 20 Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben, die ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von 20.000 $ pro Jahr (nach damaliger Kaufkraft) haben sollten.
Beim Studium solcher Prognosen entsteht manchmal fast der Eindruck, dass ein Zukunftsforscher nur die Landfläche der Erde in einem Atlas nachzuschlagen braucht. Diese wird dann mit den Hektar-Erträgen der besten Landwirtschaftsgebiete multipliziert, und schon ergibt sich, wie viel Nahrung der Menschheit der Zukunft zur Verfügung stehen könnte. Einwände gegen offensichtlich zu optimistische Prognosen wurden, bzw. werden mit dem Hinweis abgetan, dass die Erde zu zwei Drittel von Wasser bedeckt sei, und die Möglichkeiten von Fischzucht, Meeresfarmen, Unterwassersiedlungen usw. noch gar nicht angedacht wären. Von der Überfischung der Meere und der Verschmutzung der Flachwasser- und Festlandsschelf-Gebiete (wo ein großer Teil der Nutzfische gefangen werden, und die meisten Jungfische aufwachsen) spricht man nur ungern.
Dass Menschen “nicht vom Brot allein” leben, sondern sauberes Wasser (in vielen Ländern längst Mangelware), Häuser, Straßen, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Andachtsstätten, Theater, Bibliotheken usw., samt den dazugehörigen Landflächen brauchen, wird selbst heute noch oft genug verdrängt.
“Die Grenzen des Wachstums” (5) wurden erst 1972 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. In diesem Werk wurde – nach meinem Wissen zum ersten Mal – ausgesprochen, dass der bei weiterem, ungebremsten Wachstum unvermeidliche Kollaps nicht unbedingt durch Rohstoffverknappung ausgelöst werden muß, sondern dass voraussichtlich zuerst die Entsorgung zusammenbrechen wird: Nämlich dann, wenn wir den natürlichen Kreisläufen mehr Abfälle und Schadstoffe zumuten, als diese verkraften können.
Diese richtungweisende Publikation – “Die Grenzen des Wachstums” – war der Anstoß zum Beginn der ökologischen Bewegung , die seither vielfach auf Natur- und Umweltschutz drängt. Allerdings kann sich selbst die “Grüne Bewegung”, trotz aller Einsicht in ökologische Zusammenhänge, pherologischen Forderungen nur schwer anschließen.
DIE ZIELE DER PHEROLOGEN
Aus pherologischer Sicht sind folgende Ziele für die Menschheit anzustreben:
* Der Artenreichtum, also die biologische Vielfalt der Welt muß erhalten bleiben. Dazu sind ausreichend große, naturbelassene Landschaften erforderlich.
* Die Ressourcen der Erde sind zu schonen und für die Zukunft zu sichern. Die nicht-erneuerbaren Energiequellen – voran Erdöl und Erdgas – sind so weit möglich zu schonen und baldmöglichst durch erneuerbare Energie (z.B. Sonnenenergie) zu ersetzen. Auch solche nicht-erneuerbaren Rohstoffe, deren Vorräte noch für längere Zeit ausreichen, (z.B. Kohle, Erze) sind sparsam zu nutzen.
Die erneuerbaren Ressourcen verlangen Schonung und Rücksicht. Auf keinen Fall dürfen z.B. Fischgründe erschöpft, landwirtschaftliche Flächen durch Übernutzung oder Überdüngung zerstört, Regenwälder abgeholzt werden.
* Ressourcenverknappung muss vermieden werden, denn sie führt (fast zwangsläufig) zu Verteilungskämpfen, also zu Kriegen und politischer Instabilität.
* der Druck auf die Öko-Systeme der Erde, durch Abfälle, Abgase, Gifte, muss auf ein für die Umwelt erträgliches Maß zurückgeführt werden.
Aus pherologischer Sicht sind diese Forderungen mit einer Weltbevölkerung von 6 oder gar 7 Milliarden nicht erfüllbar, und menschenwürdige, ethisch vertretbare Wege müssen gesucht und gefunden werden, welche den Bevölkerungsdruck verringern.
Auch das von Politikern und Ökonomen aller Couleur geforderte Wirtschaftswachstum erweist sich als unvernünftig; weder die Ressourcen der Erde noch die Reinigungsfähigkeit der natürlichen Kreisläufe reichen dazu aus.
Die Anliegengen der Pherologen lassen sich kurz und knapp auf zwei Kernforderungen reduzieren, die viele Gruppen unserer Gesellschaft nur schwer akzeptieren werden:
* Die Weltbevölkerung muss mit vertretbaren Mittel reduziert werden auf ein für den Planeten erträgliches Maß. Die Obergrenze für die Bevölkerung der Erde hängt vom Lebensstandard ab. Sie ist nur schwer abzuschätzen und dürfte kaum über zwei Milliarden liegen.
* Der Wachstumswahn ist zu beenden. Quantitatives Wachstum darf nur noch in Entwicklungsländern stattfinden.
Der Weiterentwicklung der Menschheit kann dafür – in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft – ein qualitatives Wachstum dienen, das keinen wesentlichen, zusätzlichen Energie- und Rohstoffbedarf hat. Nachdem der heutige Wachstumswahn als Irrweg entlarvt ist, finden die Menschen neue Ziele, für die sie Phantasie, Kreativität, Ingenium in vollem Umfang einsetzen sollen: Musiker können immer besser spielen, Sänger immer besser singen, Schauspieler immer mehr vermitteln, Schriftsteller immer besser schreiben. Die Landwirtschaft arbeitet naturnah, ohne Pestizide und Mineraldünger. Fabriken produzieren umweltfreundlich. Technische Geräte werden kleiner, leichter, sparsamer, reparaturfreundlich, recyclebar. Transport und Verkehr sind auf ein notwendiges Maß begrenzt. Das Steuersystem wird grundlegend umgestaltet: Energie- und Rohstoffverbrauch sind steuerlich belastet, die menschliche Arbeitsleistung bleibt steuerfrei. Dadurch werden z.B. zeitaufwendige Reparaturen lohnend, und Schwarzarbeit sinnlos. Die Ökonomie dient den Menschen. Umweltschutz, nachhaltige Ressourcennutzung, Minimierung der Umweltbelastungen bekommen Verfassungsrang, und Kriege sind zu vermeiden….
Also ein weites Arbeitsfeld für Ökonomen, Ökologen, Ingenieure, Biologen, Soziologen, Politiker, Juristen, welche die anzustrebenden gesellschaftlichen Verhältnisse definieren, und den Übergang von der heutigen Wachstumswirtschaft zu einer ökologischen Ausgleichswirtschaft planen, steuern, durchführen müssen. Auch die Religionen sind gefordert; denn was wird dem Gotteswillen weniger gerecht, als die Zerstörung Seines Werkes – der Erde – durch uns Menschen?
An Problemen wird es bei diesem Bemühen nicht fehlen, das äußersten Einsatz, Mut und Flexibilität von jedem Einzelnen verlangt; aber es geht um die Erhaltung der Bewohnbarkeit unserer Erde, um ein Ziel das jedem Menschen am Herzen liegen muss und höchster Anstrengungen wert ist!
Welche gesellschaftliche Gruppe hat den Mut, die unausweichlichen Tatsachen zu erkennen und zu handeln? Tatsachen, die möglichst schnell möglichst vielen Menschen bewusst werden müssen, damit eine Wende in unserem Weltverständnis eintreten kann, als Voraussetzung für den notwendigen Umbau unserer Wirtschaft und unseres Lebens.
Literatur:
(1) Gruhl, Herbert: “Ein Planet wird geplündert”, S. Fischer, Frankfurt 1975
(2) Hagl, Siegfried: “Die Apokalypse als Hoffnung”: Droemer-Knaur, 1984
(3) Kahn, Herman: „Vor uns die guten Jahre”, Fritz Molden, Wien 1976
(4) Kahn, Herman: „Die Zukunft der Welt”, Firtz Molden, Wien, 1979
(5) Meadows, Dennis: “Die Grenzen des Wachstums”, DVA, Stuttgart, 1972
(6) http://www.ecopo.ch/A2BULLETINS/bulletins1999.html
(7) http://www.herbert-gruhl.de/hggsatz/epoc/epoc.html