Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Eile ist von Teufel

(Veröffentlicht in GralsWelt 7/1998)

 „Neben den Schwingen des Argushahnes ist das Arbeitstempo der modernen Menschheit das dümmste Produkt intraspezifischer Selektion.”
Oskar HEINROTH

Im Jahre 1972 erschien die damals viel beachtete kleine Schrift „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit” von Nobelpreisträger Konrad Lorenz, in der er u. a. den gnadenlosen Wettbewerb „des Menschen mit dem Menschen” anprangert. Dieser Wettbewerb wirkt der „ewig regen, der heilsam schaffenden Gewalt direkt entgegen und zerstört so ziemlich alle Werte, die sie schuf, mit kalter Teufelsfaust, deren Tun ausschließlich von wertblinden, kommerziellen Erwägungen bestimmt ist.” Lorenz’ biologischer Perspektive hat der Physiker Peter Kafka nun eine interessante Erweiterung beigesteuert, indem er unsere Sucht, „in Eile die Welt zu verbessern” als verderblich entlarvt. GRALSWELT-Redakteur Siegfried HAGL faßt zusammen, warum „Eile vom Teufel” ist.

 
MUTATION UND SELEKTION

Als Verhaltensforscher argumentierte Konrad Lorenz (1903 – 1989) aus biologischer Sicht, und als überzeugter Darwinist sah er im Wechselspiel von Mutation und Selektion den wichtigsten Mechanismus der biologischen Evolution:

Mutationen, das sind „zufällige” Veränderungen im Erbgut eines Lebewesens, die körperliche Eigenschaften, aber auch das Verhalten ändern können. Sind diese Veränderungen dem Überleben förderlich, werden sie an Nachkommen weitergegeben und tragen auf diese Weise zur Weiterentwicklung des Lebens bei.

Da nun nach heutiger Lehrmeinung die weitaus meisten der „zufallsbedingten” Mutationen die Überlebenschancen verschlechtern, kann auf die Selektion, die oft mißverstandene „natürliche Auslese”, nicht verzichtet werden: Als Folge überlebensfeindlicher Mutationen haben die davon betroffenen Lebewesen nämlich nur wenige oder keine Nachkommen, die ihr geschädigtes Erbgut weitergeben. Daher verschwinden die nachteiligen Variationen schnell wieder und diese „Selektion” fördert auf einfache und natürliche Weise die Entwicklung der Lebewesen.

Diese von Charles Darwin (1809 – 1882) entdeckten, genial einfachen Werkzeuge der Evolution des Lebens (Mutation und Selektion) sind seither ein integraler Bestandteil biologischer Erkenntnis. Leider gibt es auch Fälle, wo diese ebenso schlichten wie überzeugenden Mechanismen des Wechselspiels von Mutation und Selektion versagen.

Ein Beispiel, das schon Oskar Heinroth (1871 – 1945) lehrte, ist die intraspezifische (innerartliche) Selektion des Argus-Fasans. Ähnlich unserem Pfau, entfaltet ein männlicher Argus-Fasan bei der Balz seine Schwungfedern. „Wie beim Pfau sicher nachgewiesen, liegt offenbar auch beim Argus die Wahl des Partners ausschließlich beim Weibchen, und die Fortpflanzungsaussichten des Hahnes stehen in einem ziemlich geraden Verhältnis zu der Stärke des Reizes, den sein Balzorgan auf die Hennen ausübt. Während aber das Rad des Pfaues sich im Fluge zu einem mehr oder weniger stromlinienförmigen Heck zusammenfaltet und kaum hinderlich ist, macht die Verlängerung der Schwungfedern den männlichen Argus nahezu flugunfähig.”

Durch die Konkurrenz um Paarungspartner innerhalb der selben Art hat der Argus-Fasan ein Extrem-Organ entwickelt, das seine Überlebenschancen mindert. Daß er noch nicht völlig ausgestorben ist, „liegt sicher an der Selektion, die bodenbewohnende Raubtiere in der Gegenrichtung ausüben, und die somit die notwendige regulierende Wirkung übernimmt.”

Ein ähnliches Extrem-Organ, das dem Überleben in der Wildnis nicht förderlich ist, hat auch unser Rothirsch in seinem Geweih entwickelt. Im freien Spiel der Kräfte in einer von Menschen unbeeinflußten Natur wird er voraussichtlich früher oder später wendigeren Konkurrenten weichen müssen.

ZWISCHENMENSCHLICHER WETTBEWERB

Als für die Erhaltung der Art unsinnig und der Menschheit als ganzem äußerst schädlich, sieht Konrad Lorenz den zu großen Druck des zwischenmenschlichen Wettbewerbs. „Als Wert wird von der erdrückenden Mehrzahl der heute lebenden Menschen nur mehr das empfunden, was in der mitleidslosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu überflügeln”. Daß dieser längst unmenschlich gewordene Kampf aller gegen alle in Verbrechen, Gewalt, mafiose Strukturen und sogar Kriege ausartet, ist dann schon fast zu erwarten.

Dämpfende Gegenwirkungen – religiöse Wertvorstellungen, moralische Appelle, staatliche Reglementierungen, polizeiliche Maßnahmen – greifen bekanntlich zu wenig, so daß die Menschheit auf dem besten Wege ist, in ihrem zwanghaften Drang nach „Fortschritt”, „Entwicklung”, „Schnelligkeit” ihre Kultur selbst zu zerstören und die Erhaltung ihrer Art zu gefährden.

Konrad Lorenz’ biologischer Perspektive der Menschheitsprobleme hat Peter Kafka eine interessante Erweiterung aus der Sicht eines Physikers beigesteuert. Die Gesetzmäßigkeiten von notwendiger Weiterentwicklung (z.B. durch Mutationen) wie der unentbehrlichen Unterscheidung der brauchbaren von den unbrauchbaren Änderungen (durch Selektion) sind ja nicht auf die Biologie beschränkt. So wie in der Industrie konstruktive Innovationen sich zuerst auf dem Prüffeld und später beim Kunden beweisen müssen, so verlangen auch zivilisatorische, kulturelle, ethnische, künstlerische Entwicklungen nach einer Auslese, die das der menschlichen Kultur Dienliche erhält und fördert, das dem wahrhaft Menschlichen Abträgliche aber ablehnt und zurückdrängt. Die Gesetze des Marktes reichen dazu nicht aus; denn nicht alles, was rigorosen Geschäftemachern als profitabel gilt, ist es wert, für die auf uns folgenden Generationen erhalten zu bleiben.

Und hier setzt Peter Kafka mit einer interessanten Erkenntnis an: In dem Wechselspiel von „Mutation” und „Selektion” hat zunächst derjenige einen evolutionistischen Vorteil, der schneller mutieren kann. So werden wir z.B. niemals der Bakterien „Herr werden”. Diese haben eine Generationen-Folge von etwa einer Stunde und können entsprechend schnell auf Änderungen ihrer Umwelt reagieren. Es wird uns daher wohl nie gelingen, Antibiotika schneller zu entwickeln, als sich Bakterien darauf einzustellen vermögen.

Auch auf dem Weltmarkt ist im Vorteil, wer neue (bessere?) Produkte schneller entwickeln und anbieten kann. Denn das Neue – seien es Autos, Fotoapparate, Fernseher, Computer, Handies – zieht uns magisch an. Selbst Parlamente blicken nach einer Legislaturperiode stolz auf eine Fülle verabschiedeter „neuer” Gesetze zurück, die unser Leben „besser” (oder nur undurchschaubarer, komplizierter, unfreier?) machen.

Alles schön und gut, so lange eine Selektion wirksam ist, die dafür sorgt, daß unsinnige Änderungen, überflüssige Gesetze, bald wieder verschwinden. In der Versuchsabteilung einer Autofabrik käme eine „Verbesserung” nicht weit, die den Motor im Winter schlechter anspringen läßt. Wer aber sorgt dafür, daß überholte, hemmende, unverständliche Vorschriften gestrichen werden? Oder wer dämpft Fehlentwicklungen in den Medien, wenn sie auf die menschliche Psyche belastend wirken?

KRITISCHE MUTATIONSGESCHWINDIGKEIT

In jeder Evolution, sei es eine biologische, technische oder intellektuelle, gibt es eine „kritische Mutationsgeschwindigkeit”; dann nämlich, wenn die Änderungen schneller folgen als die Auslese sie kontrollieren kann. In einem solchen Fall droht das Chaos: Wilde Vermehrung von Zellen, die sich in unerwünschter Weise verändert haben, heißt beim Menschen „Krebs”. Auch unkontrolliertes Wachstum aller möglichen Innovationen, deren Wert oft fraglich ist, führt nicht zwingend zu einer besseren „Lebensqualität” (was immer das sei).   

DIE GLOBALE BESCHLEUNIGUNGSKRISE

Das Wesen der Krise liegt darin, daß das Große und Schnelle im Evolutionsprozeß einen Selektionsvorteil haben und daß deshalb die Innovationsgeschwindigkeit und die globale Vereinheitlichung so lange zunehmen, bis das Neue nicht mehr in genügend vielen Versuchen und nicht mehr hinreichend lange ausprobiert werden kann. Deshalb passen die verschiedenen Teile der Wirklichkeit immer weniger zusammen. Wie ich es schlagwortartig zusammenzufassen pflege: Die logischen Veraussetzungen erfolgreicher evolutionärer Wertschöpfung sind verletzt, seit „Vielfalt und Gemächlichkeit” durch „Einfalt und Raserei” ersetzt wurden. Abbau und schließlich Zusammenbruch der komplexen Ordnung der Biosphäre und Gesellschaft setzen ein.
Wer diesen Zusammenhang verstanden hat, der wird auch einsehen: Der fehlende Schritt in der Selbstorganisation menschlicher Freiheit kann nur darin bestehen, daß wir, sozusagen verfassungsmäßig, alles Schnelle und Große beschränken.
Peter Kafka in „Gegen den Untergang”, München 1994, S. 11

 Denn unsere Zivilisation hat die kritische Änderungs-Geschwindigkeit überschritten, und wir sind nicht mehr in der Lage, kulturfördernde von kulturschädlichen Innovationen zu trennen, weil die Änderungen schneller geändert werden, als es möglich ist, sie auf ihre Brauchbarkeit auszutesten.

Das zeigt sich deutlich darin, daß wir zwar alles Mögliche einführen, aber so gut wie nichts wieder abschaffen können, so lange damit (vielleicht nur von einer kleinen Gruppe) Geld zu verdienen ist.

Denn ein abgewogenes Urteil über die kulturellen Auswirkungen von technischen oder zivilisatorischen Neuerungen verlangt in etwa die Zeit eines Menschenlebens und liegt damit um mindestens eine Größenordnung über der Zeit, die z. B. für die Entwicklungsstufen Schwarzweißfernsehen – Farbfernsehen – Pay-TV – digitales Fernsehen – Breitwand-Fernsehen – Multi-Media usw. benötigt wurden.

Einführen geht schnell, die Urteilsfindung dauert. Sie hinkt dem Neuen hinterher und unterbleibt oft ganz, da man andernfalls Gefahr läuft, lächerlich gemacht zu werden.

Dazu einige Beispiele:
· Niemand kann Kernwaffen (oder biologische oder chemische Waffen) für etwas Gutes halten. Werden wir sie jemals wieder los werden ?
· Kernenergie wird von einem großen Teil der Bevölkerung abgelehnt bis erbittert bekämpft. Werden unsere Enkel den Tag erleben, an dem der letzte Kernreaktor stillgelegt wird? Wenn ja, dann wohl nur weil sich nicht mehr verschleiern läßt, daß diese Technologie volkswirtschaftlich nicht zu vertreten ist. Ob unsere Zivilisation den Tag erlebt, an dem (in etwa einer viertel Million Jahren) das von uns produzierte Plutonium durch natürlichen radioaktiven Zerfall seine Gefährlichkeit verloren hat?
· Gewaltdarstellungen im Fernsehen wirken bewiesenermaßen schädlich auf die Psyche, besonders von Jugendlichen und sind für die zunehmende Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft mitverantwortlich. Haben wir Aussicht, das Ende der Gewalt im Fernsehen zu erleben?
· Organisierte Kriminalität, Rauschgift-Konsum, Prostitution, Korruption – alles Folgen des rücksichtslosen zwischenmenschlichen Konkurrenzdenkens – überschwemmen die Staaten der Erde. Wer will was, wann, wie abschaffen?
· Vom Verbrauch fossiler Energie, von Auto-Abgasen, von der unübersehbaren Flut naturferner Chemikalien die wir der Umwelt zumuten, will ich nicht sprechen. Oft genug ist darauf hingewiesen worden, daß wir auf
· diesen Wegen das gesamte Leben unseres Planeten gefährden und dabei sind, uns selbst auszurotten. Oder traut sich jemand, die Abschaffung des motorisierten Individualverkehrs zu fordern?

Kultur und Zivilisation haben sich in unserer Gesellschaft von einander abgekoppelt; technische Innovationen gelten als Notwendigkeit, als „Wert an sich”, um im globalen Wettbewerb der Nationen und Kontinente zu bestehen.

Läßt sich das korrigieren ?

Wenn wir erkennen, was falsch gelaufen ist, wenn unser Bewußtsein und unsere Lebensziele sich ändern, dann ist die Wende in eine lobenswerte Zukunft für alle möglich.

Diese Arbeit will das Bewußtsein wecken, daß „Eile von Teufel” sein kann, die „Welt sich nicht eilig verbessern läßt”, und der alte Spruch „Gut Ding will Weile haben” auch im Informations-Zeitalter seine Berechtigung nicht verloren hat.

Mögen Computer noch so schnell rechnen – das kulturelle Urteilsvermögen des Menschen läßt sich nicht parallel zur Entwicklung der Technik beschleunigen.

Literatur:
(1) Kafka, Peter: „Das Grundgesetz vom Aufstieg”, Hanser, München 1989
(2) Kafka, Peter: „Gegen den Untergang” Hanser, München 1994
(3) Lorenz, Konrad „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit”, Piper, München 1982