Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die geheimnisvolle Insel

(Veröffentlicht in GralsWelt 33/2004)
Zu Ostern des Jahres 1722 sichtete der niederländische Admiral Jakob Roggeveen (1659-1729), der mit 3 Schiffen auf der Suche nach der “terra australis” (dem sagenhaften Südland) war, mitten in den Weiten des Pazifik eine einsame Insel, mehr als 3.500 km vom südamerikanischen Kontinent und ca. 5.000 km von Neuseeland entfernt: Die Osterinsel. Zu seiner Überraschung war dieses nur etwa 165 Quadratkilometer*) große Eiland besiedelt. Die vielleicht 3.000 Einwohner der baumlosen Insel ernährten sich mühsam von der Landwirtschaft auf armen, steinigen Böden, und waren bei der Trinkwasserbeschaffung auf trübe Seen in Kratern der vulkanischen Insel angewiesen. Nicht verwunderlich, dass sie von Roggeveen als “klein, mager, ängstlich und traurig” beschrieben wurden. Zu einer Weltsensation wurden die auf der ganzen Insel verstreuten hunderte von Monumental-Statuen aus schwarzem Tuff, Maoi genannt, deren Herstellung und Transport Rätsel aufgaben. Die Angaben der Insulaner zu den Statuen waren für Roggeveen unklar und verwirrend. Die Niederländer verschwendeten auch nicht viel Zeit für die Erforschung der Insel. Nach wenigen Tagen und einer unnötigen Musketensalve, die einige Insulaner niederstreckte, verließ die kleine Flottille die ungastliche Insel. Auch spätere Forscher bekamen von den Einheimischen keine zufriedenstellenden Auskünfte, obwohl die Bewohner der Osterinsel, als einzige Polynesiens, im 16. Jahrhundert eine einfache Schrift erfunden hatten, die vor allem kultischen Zwecken diente. So entstanden wilde Spekulationen über die Entstehung dieser bis über 12 m hohen**) Standbilder: Von einer versunkenen pazifischen Hochkultur bis zu der Landung Außerirdischer wurde alles mögliche vermutet.
Auch die von Ethnologen gesammelten Sagen der Oster-Insulaner fanden Beachtung, und neuerdings werden sie in Büchern und Filmen einem breiten Publikum vertraut gemacht. Schließlich gelang es Archäologen und Naturwissenschaftlern, das Rätsel der Monumente der Osterinsel zu lösen. Wie sich dann herausstellte, kann diese abgelegene Insel als Modellfall dienen: Psychologen finden typisch menschliche Verhaltensweisen, und Ökologen ein markantes Beispiel für die Zerstörung einer einst intakten Umwelt.
DIE GESCHICHTE DER OSTERINSEL
Die Besiedlung der verschiedenen Inseln im Pazifik gehört zu den erstaunlichsten Leistungen der Polynesier. Zunächst hielt man es für unmöglich, dass Seefahrer einer steinzeitlichen Zivilisation die weit verstreuten Inseln des Pazifik erreichen konnten, die zwischen Neuseeland, Hawaii und der Osterinsel liegen. Hunderte, gar Tausende von Kilometern waren mit primitiven Auslegerbooten zu überwinden. Dazu sind ein Mut zum Abenteuer, und navigatorische Leistungen erforderlich, wie sie europäische Seefahrer erst gegen Ende des Mittelalters erbrachten.
Heute wissen wir, dass die reiselustigen Polynesier im ersten nachchristlichen Jahrtausend auch die Osterinsel erreichten, die dicht bewaldet war. Diese Neusiedler rodeten, legten Pflanzungen an, für die sie Samen mitgeführt hatten (Süßkartoffeln, Bananen, Zuckerrohr), züchteten ebenfalls mitgebrachte Hühner und fischten. Das Leben war “paradiesisch”, denn die üppige Tropenvegetation ernährte die wachsende Bevölkerung ohne viel harte Arbeit.
Dann kam jemand auf die Idee, in der reichlich vorhandenen Freizeit Steinfiguren zu behauen, besonders monumentale Statuen. Vermutlich war die Bevölkerung der Osterinsel nie größer als 7.000 Menschen, doch gelang es den Inselbewohnern in etwa 7 Jahrhunderten mehr als fünfhundert solcher monumentaler Standbilder mit Werkzeugen aus Hartstein aus dem weicheren Tuff zu hauen, zu transportieren und, meist mit dem Rücken zum Meer, z.B. auf Plattformen aufzustellen.
Wie auf vielen polynesischen Inseln, standen an der Spitze der einzelnen Clans mit ihrer theokratischen Herrschaftsstruktur Priester-Häuptlinge, die im Auftrag der Götter Frieden und Ordnung sicherten. Das Errichten von Statuen diente vermutlich der Erhaltung des Prestiges der Clans.
Dann geriet das Gemeinwesen in Unordnung. Anfangs kaum merklich überforderte das Bevölkerungswachstum die Lebensgrundlagen. Der Holzbedarf wuchs; für Häuser, Geräte, Boote, Feuerholz und nicht zuletzt zum Transport der Steinfiguren. Mit dem Abnehmen des Waldes gingen die auch heute noch reichlichen Niederschläge zurück, Erosion schädigte die Bodenkrume und Hungersnöte führten zu Verteilungskämpfen. Dann fehlte sogar Holz zum Bootsbau für den Fischfang. Der Kollaps kam so schnell, dass fast 300 Statuen unvollendet in den Steinbrüchen liegen blieben.
Das Ansehen der hilflosen Häuptlinge litt, und schließlich übernahmen Krieger das Regiment. Diese erfanden eine neue Waffe, eine schlanke Obsidian-Speerspitze mit tödlicher Wirkung. Die ursprünglich zahlreichen Sippen oder Clans schlossen sich in zwei Gruppen zusammen, die sich von entgegensetzten Teilen der Insel aus bekriegten. Die Standbilder der Feinde wurden umgestürzt, aus Rache und um sie zu demütigen. Irgendwann hat auch jemand den letzten Baum gefällt, der noch auf einem der Berge wuchs. Dieser Holzfäller muss gewusst haben, dass es der letzte war, denn die Insel ist von ihren beiden Berggipfeln aus gut zu übersehen. Von nun an war es nicht einmal mehr möglich, Boote zu bauen und die Insel zu verlassen; alle waren Gefangene ihres zerstörten Eilands.
Als Roggeveen 1722 ankam, war die Anarchie bereits weit fortgeschritten, und die Bevölkerung zurückgegangen. Dann überfielen noch Sklavenfänger die Insel, töteten Frauen und Kinder und verschleppten etwa 900 Männer auf eine peruanische Guanoinsel. Dort gingen der letzte Häuptling und so gut wie alle schriftkundigen Männer zugrunde. Nur etwa 100 kamen krank auf ihre Heimatinsel zurück und schleppten unglücklicherweise noch die Pocken ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Population der Osterinsel auf 111 Individuen gefallen. Im 20. Jahrhundert erholte sich Bevölkerung, Einwanderer kamen, und es wurde aufgeforstet. Heute zieht die Osterinsel Touristen aus der ganzen Welt an, welche die zum Teil wieder aufgerichteten Maoi bewundern.
DIE OSTERINSEL ALS MODELLFALL
Für Ökologen liefert die Osterinsel ein anschauliches Beispiel für die Zerstörung der Umwelt. Fast wie ein Mikrokosmos, an dem beispielhaft im kleinen zu verfolgen ist, was sich heute weltweit anbahnt. Als die ersten Siedler landeten, war die Insel dicht bewaldet. Ackerbau, Geflügelzucht, Fischfang, Früchte und Kleintiere des Waldes lieferten reichlich Nahrung. Baumaterial für Häuser und Boote sowie Feuerholz waren in Fülle vorhanden.
Dann überstieg die Population ein naturverträgliches Maß und überforderte die Ressourcen. Langsam zuerst, denn immer schneller wurde die Insel entwaldet, Erosion zerstörte die Bodenkrume, die Quellen versiegten. Die unterernährte Bevölkerung nahm drastisch ab, und Krieg brach aus.
Nicht weniger schockierend ist ein Blick von der psychologischen oder sozialen Seite:
Die Oster-Insulaner waren kein dummes Volk, und sie benahmen sich nicht viel anders, als sich die sonstige Menschheit seit eh und je auch verhält. Genau wie wir hatten die Inselbewohner ihren Lebensstil, der sich nur schwer ändern ließ: Ackerbau, Fischfang, Kochen, Holzernte, Bau von Häusern und Booten. Einem irgendwann aufgekommenen Brauchtum folgend, errichteten sie aus kultischen Gründen oder zur Selbstdarstellung gewaltige Statuen. Dazu brauchten sie Gerüste und Transportschlitten, die große Holzmengen verschlangen. Vergleichbare Prestigeobjekte finden sich bei so gut wie allen Zivilisationen.
Als die Osterinsel-Zivilisation am Zusammenbrechen war, kam es zu Kriegen, zu Kannibalismus sogar, und zur Vernichtung fast aller Ressourcen, bis an den Rand der Totalausrottung.
Ein zum Nachdenken anregendes Beispiel auch für den Rest der Welt?
*) Die Insel ähnelt einem Dreieck mit einer Grundlinie von 24 km und einer Höhe von 12 km.
**) Die überwiegende Anzahl der fertiggestellten Maoi ist mit 5 – 6 m Höhe mittelgroß. Es gibt jedoch auch kleinere von nur 2 m, und mehr als 30 Exemplare von 10 – 12 m Höhe. Die größte der aufgestellten Monumentalstatuen aus graugelbem Lavagestein misst 9,80 m und wiegt etwa 80 t. Dazu kommt noch der zylindrische Kopfaufsatz aus roter Gesteinsschlacke von weiteren 2,40 m Höhe und ca.10 t Gewicht. Der absolut größte aller Maoi, der leider unvollendet blieb, ist mit fast 21 m fast so hoch wie ein 7-geschossiges Haus. Er ist noch mit dem Fels verbunden und man fragt sich, ob die Insulaner es geschafft hätten, ihn zu bewegen. (3)
Literatur:
(1) Bothmer-Plates, Arno v. “1500 Jahre Kultur der Osterinsel”, Philipp von Zabern, Mainz 1989
(2) Christmann, Helmut “Die Osterinsel”, Petersen-Roil, München 1994
(3) Gatermann, Horst “Die Osterinsel”, Haag + Herchen, Frankfurt 1996
(4) Gonick, Larry/Outwater, Alice “The Cartoon Guide to the Environment”, Harper, New York, 1996
(5) Heyerdahl, Thor “Aku-Aku”, Ullstein, Berlin 1957
(6) Keegan, John “Die Kultur des Krieges” Rowohlt, Berlin 1995
(7) Machowski, Jacek “Insel der Geheimnisse”, F.A. Brockhaus, Peipzig 1968
(8) Prachan, Jean “Das Geheimnis der Osterinsel”, Molden, Wien 1982