Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wundersamer Sieg durch ein Placebo?

Die vielleicht kriegsentscheidende „Heilige Lanze“: Wie der Glaube an die Macht einer Reliquie christlichen Kämpfern half, den Ersten Kreuzzug zu gewinnen.

In der Schatzkammer der Wiener Hofburg findet sich ein höchst merkwürdiges Exponat: der Speer des Longinus. Es soll sich dabei um die „Heilige Lanze“ handeln, mit der der römische Hauptmann Longinus (oder Mauritius) Jesus die Brust durchstieß, um sich von dessen Ableben zu überzeugen. Magische Kräfte werden diesem „Speer des Schicksals“ zugeschrieben, der im Laufe der Geschichte von Kaisern und Königen als heilige Reliquie verehrt, zuletzt in den Besitz der Habsburger gelangte. Am Beispiel dieses Exponats lässt sich zeigen, dass es im Kriege (wie auch in der Wirtschaft oder bei Religionen) oft weniger auf die Fakten ankommt als auf Begeisterung, Glaube, Hingabe, Meinung, Überzeugung.

Die Kreuzfahrer in Antiochia

Ende Oktober 1097 erreichten die Kämpfer des Ersten Kreuzzuges die stark befestigte Stadt Antiochia (heute Antakya in der Südtürkei), die den Weiterweg nach Palästina sperrte und daher erobert werden musste.

Das von der mühsamen Durchquerung des gebirgigen Anatoliens erschöpfte christliche Heer begann mit einer langwierigen Belagerung der Stadt am Orontes. Die Lage der Kreuzritter war alles andere als rosig: Eine der stärksten Festungen der Zeit lag vor ihnen. Es war vorauszusehen, dass eine muslimische Armee den Belagerten zu Hilfe kommen würde. Außerdem stritten sich eifersüchtige christliche Fürsten, denen es weniger um ihren Glauben ging als um persönliche Bereicherung. Trotz aller Widrigkeiten gelang es den Kreuzfahrern, durch Bestechung und Verrat nach acht Monaten Belagerung Antiochia einzunehmen.

Doch dieser Erfolg brachte für die christlichen Kämpfer noch keine durchgreifende Verbesserung ihrer Lage. In der eroberten Stadt waren so gut wie alle Vorräte verbraucht, auf die das christliche Heer gehofft hatte. Nach wenigen Tagen gab es kaum mehr etwas zu essen. Die christlichen Krieger hungerten, viele wurden krank, und nicht wenige starben. Zu allem Unglück war ein starkes muslimischer Heer im Anmarsch, um die erschöpften Eindringlinge zu vernichten. Die Lage schien aussichtslos. Helfen konnte nur noch ein Wunder …

Hilfe des Himmels?

In dieser hoffnungslosen Situation erschien der provenzalische Pilger Petrus Bartholomäus im Hauptquartier. Er meldete, dass ihm viermal der heilige Andreas erschienen sei. Dieser habe ihn beauftragt, den „Rittern Christi“ die Lanze zu überbringen, die dereinst die Brust des Erlösers geöffnet habe.

Die Visionen des einfachen Pilgers schienen nicht sehr glaubwürdig. Doch bald erhielt auch der Priester Stephanus von Valence eine entsprechende Offenbarung. Dann leuchtete noch ein großer Stern über der Stadt auf und zerbrach in drei Teile, die auf das Lager des zur Hilfe für die Stadt herangerückten muslimischen Heeres fielen. Nun entschloss man sich, in der Kirche des heiligen Petrus an der von Bartholomäus bezeichneten Stelle nach dem „Heiligen Speer“ zu suchen. Einen ganzen Tag lang wurde vergeblich gegraben, bis – endlich – am späten Abend die kostbare Reliquie gefunden wurde.

Ein wundersamer Sieg

Die Begeisterung der Kreuzfahrer über den Reliquienfund war ungeheuer. Im Vertrauen auf die Hilfe des Himmels wagten sie die entscheidende Schlacht vor den Toren von Antiochia. Mit unerhörtem Mut und grenzenloser Begeisterung stürmten die Kreuzfahrer auf die türkischen Krieger los, durchbrachen die gegnerischen Reihen und brachten die Truppen des Feldherrn Kerbogha in Verwirrung. Die christlichen Ritter kämpften wie im Rausch, stürmten unaufhaltsam voran und errangen einen entscheidenden Sieg. Das war am 28. Juni 1098.

Aus christlicher Sicht hatte die heilige Lanze das erhoffte Wunder bewirkt und einen Sieg ermöglicht, der den Weg nach Jerusalem frei machte. Ein Jahr später, am 15. Juli 1099, hatte dieser „Erste Kreuzzug“ sein Ziel erreicht; die „Heiligste Stadt der Welt“ war nach einer fünf Wochen dauernden Belagerung erobert.

Ob die Kreuzfahrer auch ohne die Auffindung des „Heiligen Speers“ die Kraft und die Siegesgewissheit aufgebracht hätten, sich in einer ziemlich aussichtslosen Situation einem zahlenmäßig überlegenen Gegner zu stellen und ihn zu schlagen?

Muslimische Historiker sind der Meinung, dass ein Fehler des Heerführers Kerbogha für die Niederlage der muslimischen Armee verantwortlich sei. Zudem waren die Erfolge des Ersten Kreuzzuges nur möglich, weil die muslimischen Herrscher uneins waren, sich gegenseitig mit Misstrauen begegneten und sich gelegentlich sogar mit christlichen Fürsten gegen muslimische Rivalen verbündeten, wie muslimische Historiker mit Bedauern feststellen.

Nur eine geschickte Inszenierung?

Muslimische Historiker glaubten von Anfang an nicht an ein „Wunder von Antiochia“, sondern sahen in der Auffindung des Speeres eine geschickte propagandistische Inszenierung. Denn Populismus und Indoktrinierung der Massen sind keine Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Ibn al-Athir (1160–1233) schrieb:

„Bei den Franken war der Führer Bohemund, aber es gab da auch einen Mönch, der äußerst listig war und ihnen versicherte, dass die Lanze des Messias, Friede sei mit ihm, im Kussyan, einem großen Gebäude in Antiochia, vergraben sei. Er sagte zu ihnen: ‚Wenn ihr sie findet, werdet ihr siegen, wenn nicht, so ist es euer sicherer Tod.‘ Zuvor hatte er eine Lanze unter dem Kussyan vergraben und alle Spuren säuberlich verwischt. Er befahl ihnen, drei Tage zu fasten und Buße zu tun. Am vierten Tag ließ er sie mit ihren Knappen und Knechten das Gebäude betreten. Es wurde überall gegraben und die Lanze gefunden. Da rief der Mönch: ‚Freut euch, nun ist euch der Sieg gewiss.‘“ (4, S. 50)

Reliquien, die Wunder wirken

Damit kommen wir zu der Frage, was es wohl mit dem „Speer des Schicksals“ auf sich haben mag. Heute glaubt auch im Okzident kaum noch jemand, dass es sich bei dem in Antiochia aufgefundenen Speer um den des römischen Hauptmanns Longinus handelt, der der Überlieferung nach die Kreuzigung Christi überwachte. Die in Antiochia aufgefundene Lanze kam mit den Kreuzfahrern nach Jerusalem. Nach deren vernichtender Niederlage bei Hattin (1187) geriet sie, ebenso wie das „Heilige Kreuz“*, wohl in den Besitz des Sultans Saladin und ist seither verschollen. Eine Prüfung mit modernen Methoden ist daher nicht möglich.

Und was ist von dem viel bestaunten Exponat in der Wiener Hofburg zu halten, dessen geheimnisvollen Kräften und seiner esoterischen Bedeutung Ravenscroft (6) ein dickes Buch widmete? Mit Sicherheit lässt sich sagen, „dass es sich im Fall der in Wien verwahrten Lanze keinesfalls um eine Waffe aus der Zeit des Lebens und Sterbens Jesu Christi handeln kann“ (3, S. 145).

Nach metallurgischen Untersuchungen stammt diese Wiener Lanze, von der nur noch die Klinge erhalten ist, aus dem 8. Jahrhundert. Angeblich war ein Nagel vom Kreuz Christi eingearbeitet, doch das scheint durch neuere Untersuchungen widerlegt. Die Wiener Lanze gehörte schon vor dem Ersten Kreuzzug zu den Reichsinsignien und soll zu wichtigen Siegen beigetragen haben, angeblich auch zum Sieg von Otto I. über die Ungarn auf dem Lechfeld (955). Diese Lanze wurde wohl durch Heinrich I. (876–936) von Rudolf II. von Burgund erworben. Da die Reichskleinodien – und mit ihnen die Lanze – von den Herrschern auf ihren Zügen im Kriege und im Frieden mitgeführt wurden, waren sie mannigfaltigen Fährlichkeiten ausgesetzt und gerieten mehrmals in feindliche Hände. Es ist gut möglich, dass einzelne Stücke verlorengingen und ersetzt werden müssten. (2, S. 50)

Nach deutschem Vorbild gab es Lanzen (vielleicht Kopien der Heiligen Lanze), die zu den königlichen Krönungsinsignien gehörten, auch in Norwegen, Polen, Ungarn. Ebenso existieren weitere Reliquien, die als Speer des Longinus (oder Mauritius) gelten.

Wie bei allen Reliquien beruhen auch die von den „Heiligen Lanzen“ bewirkten Wunder auf der Überzeugung der Gläubigen. Im Vertrauen auf höhere Hilfe lassen sich solche begeistern und zu Taten ermutigen, die unmöglich scheinen. Wie es schon in der Bibel heißt, kann der „Glaube Berge versetzen“ (1. Kor. 13, 2).

 

Fußnote:

* Das „Heilige Kreuz“, das „wahre Kreuz Christi“, wurde von Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen, im Jahr 325 in Jerusalem aufgefunden. Ein Teil des Kreuzes blieb in Jerusalem, weitere Teile kamen nach Europa. Heute gibt es unzählige „Kreuzpartikel“, deren Echtheit Glaubenssache ist.

Literatur:

(1) Hagl, Siegfried, Der okkulte Kanzler, Mediaverlag Werner Huemer, Hart-Purgstall 2013 (E-Book)

(2) Hofmeister, Adolf, Die heilige Lanze, M&M Marcus, Breslau 1908

(3) Kirchwanger, Franz, Die heilige Lanze in Wien, Kunsthistorische Museum Wien 2005

(4) Maalouf, Amin, Der Heilige Krieg der Barbaren, dtv, München 2006

(5) Pörtner, Rudolf, Operation heiliges Grab, Droemer Knaur, München 1980

(6) Ravenscroft, Trevor, Der Speer des Schicksals, Ingse Verlag, Zug (Schweiz) 1974