Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wilde Alpen mit gefährlichen Drachen

Riesen und Drachen: Noch im 18. Jahrhundert glaubten auch Wissenschaftler daran.

 (veröffentlicht in GralsWelt 65/2011)

Das Barockzeitalter gilt allgemein als das Zeitalter der „Neuen Wissenschaft“ – der beginnenden Naturwissenschaft –, die einen ersten Höhepunkt mit den Arbeiten Isaak Newtons (1643–1727) erreichte. Doch lange noch hielten sich zu gleicher Zeit uns heute seltsam anmutende, abergläubische Vorstellungen, an die damals selbst gebildete, kluge Menschen glaubten. Dazu gehören zum Beispiel so merkwürdige und furchterregende Tiere wie die Drachen, die in den Sagen und Erzählungen aller Völker herumgeistern.

Zahlreich sind bis heute die Spekulationen über Herkunft und Ursprung solcher Fantasiewesen. Funde von Höhlenbären- oder Mammutknochen, Versteinerungen von Sauriern und anderen Lebewesen, die nach alter christlicher Tradition in der Sintflut umgekommen sein sollen, werden zur Erklärung der Drachensagen herangezogen. Doch noch immer geben sie Rätsel auf.

 

Drachen in China und in der Schweiz

Der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602–1680) gilt als einer der letzten, die das gesamte Wissen ihrer Zeit überblickten; von der Astronomie über Mathematik, Physik, Geographie, Geologie, Medizin, Musik bis zur Theologie. Auf dem Gebiet der angewandten Wissenschaft gilt er als Erfinder der Laterna Magica, ein Vorläufer des Diaprojektors.

Da ist man schon ein wenig verwundert, wenn Kircher wie selbstverständlich Abbildungen von Drachen bringt, zum Beispiel in seiner damals viel beachteten Beschreibung von China. Er selbst war nie dort und musste sich auf Berichte seiner Ordensbrüder stützen, die in China wirkten.

Ein knappes Jahrhundert später lieferte der Schweizer Naturforscher Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) eine ausführliche Beschreibung der Drachen in den Schweizer Bergen. Seine „Naturgeschichte des Schweizerlandes“, eine der ersten Beschreibungen der Schweizer Alpen, wurde zu einem Standardwerk, das aufgrund der guten Verbindungen Scheuchzers zu englischen Freunden das Interesse englischer Touristen an den Alpen weckte.

Scheuchzer berichtet in seiner Naturgeschichte von sagenhaften Riesen und von Knochenfunden, vermutlich Höhlenbärenknochen, die aus seiner Sicht für die einstige Existenz von Riesen sprechen[i]. Er sammelte Drachensagen und publizierte eine „historische Beschreibung der Schweizer Drachen, nach der Ordnung der Cantons, wie ich dieselbe in gedruckten oder geschriebenen Urkunden gefunden, oder aus Erzählungen gehört habe“ (7, Band 2, S. 219).

Demnach gab es verschiedene, zwei- und vierfüßige, geflügelte und ungeflügelte, oder auch schlangenartige Drachen in den Kantonen Appenzell, Bern, Glarus, Luzern, Unterwalden, Zürich, sowie im Pündtner-Land, der Grafschaft Sargans, oder der Landschaft Gaster.

Zuletzt erwähnt er noch, „dass die wütenden Bergwässer bei den Älplern oft mit dem Namen der Drachen benennt werden. Wenn nämlich ein Bach die Berge herunter rauscht, und große Steine, Bäume und andere Dinge mit sich führt, so pflegen sie zu sagen: ‚Es ist ein Drach ausgefahren‘; zu welcher figürlichen Benennung vielleicht die Schädlichkeit der Drachen Anlass gegeben; und ich bin nicht in Abrede, dass nicht viele falsche Erzählungen von Drachen auch daher ihren Ursprung haben mögen. Dessen ungeachtet halte ich davor, dass aus den angebrachten Schweizerischen Drachen-Exempeln und deren Vergleichung mit ausländischen, klar sei, dass es solche Tiere gebe, sie mögen nun eine besondere Art der Tiere ausmachen oder, wie viele wollen, Missgeburten sein; denn man siehet, dass nicht alle von einerlei Art sind; einige sind geflügelt, andere ohne Füße, welche zu den Schlangen gehören, und noch andre haben Füße, welche man mit besserm Recht mit den Eidechsen vergleicht“ (7, Band 2, S. 237).

Aus heutiger Sicht hätte Scheuchzer nur über eigene Funde und Beobachtungen sprechen, oder glaubwürdige, nachprüfbare Zeugenaussagen erwähnen dürfen. Doch im Barock sah man das noch nicht so eng, und die Bereitschaft, Unerklärliches und Wunderbares zu glauben, war entschieden größer als heute.

Nicht zuletzt hatten damals Wissenschaftler in der Regel eine theologische Ausbildung, und sie nahmen die Bibel wörtlich. Viele Gelehrte wollten sich plausible Vorstellungen von den biblischen Erzählungen machen; zum Beispiel von der Arche, der Sintflut, dem Turmbau zu Babel, oder auch dem Alter der Welt. Dabei stießen sie regelmäßig auf Widersprüche, die nur durch Wunder zu erklären waren[ii]. Athanasius Kircher erkannte zum Beispiel die praktischen Probleme beim Betrieb von Noahs Arche (Fütterung, Entsorgung der Fäkalien usw.) und berechnete, dass die für die Überflutung der Erde nötige Wassermenge auf natürliche Weise nicht verfügbar war. Also musste die Allmacht Gottes als Erklärung dienen, denn dass der biblische Bericht fehlerhaft sein könnte, wagte zu seiner Zeit anscheinend auch der intelligenteste Jesuit nicht zu denken.

Jedenfalls war man im Barock, und noch lange danach, anscheinend mehr als heute bereit, wundersame Erzählungen ungefragt hinzunehmen.

Die wilden, bedrohlichen Gebirge

Noch im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert wirkte die alpine Landschaft bedrohlich und gefährlich auf die Menschen. Die wenigen Jäger und Hirten, die sich tiefer in das Gebirge hinein wagten, sprachen von schlimmen Gefahren und schrecklichen Ungeheuern, die dem arglosen Wanderer auflauern: Unwetter, Steinschlag, Lawinen, tückische Gletscher mit Spalten, Wölfe und Bären, sogar Greifvögel? Der Naturforscher Belsazar Hacquet empfahl in seinem Bericht über eine Ostalpen-Reise von 1778–1781 beispielsweise, eine Gipfelbesteigung nicht ohne Schießgewehre zu unternehmen, „weil man auf solchen Anhöhen oft mit einem sehr mächtigen Feinde zu kämpfen hat, nämlich den Großen Geiern, die auf einen Jagd machen, und mit ihren mächtigen Flügeln zu Boden, oder in die Abgrüfte schlagen, wo man denn beim Fall ihnen zur Beute wird.“ (6, Seite 16)

Gab es also tatsächlich noch Drachen, wie den sagenumwobenen „Tatzelwurm“, vielleicht ein Riesensalamander oder ein noch nicht ausgestorbener Dinosaurier, der im 20. Jahrhundert gesichtet worden sein soll? (3, S. 85). An Berichten über Fabelwesen aus aller Welt mangelt es ja nicht, und dass Urwälder und vor allem die Tiefsee selbst heute noch mit Überraschungen aufwarten können, wird kaum jemand bestreiten.

Johann Jacob Scheuchzer muss man zugute halten, dass er an die Erzählungen von den verschiedenen Drachen zwar zum Teil wohl selbst glaubte, sie aber auch wissenschaftlich-kritisch kommentierte: „Man kann durch fleißige Beobachtung der Werke der Natur einige allgemeine Gesetze entdecken, nach welchen sie gehet, und die sie niemals übertritt. Wenn nun eine Erzählung etwas in sich hält, das den allgemeinen Gesetzen der Natur zuwider ist, so hat man das beste Recht, diese Erzählung entweder ganz oder doch zum Teil für falsch zu halten […] Es ist zum Beispiel eine beständige Regel der Natur, dass kein Tier ist, welches aus Teilen von verschiedenen Klassen von Tieren zusammengesetzt ist.[iii] Zum Beispiel ein Tier, das den Kopf von den vierfüßigen Erd-Tieren, Flügel oder Füße von den Vögeln, einen Schwanz von Fischen hat, streitet wider das bemeldete Gesetz. Also muss niemand glauben, daß ein solches Tier in der Welt ist, wenn gleich ein Reisender uns überreden wollte, ein solches gesehen zu haben. Diesemnach dürfen wir kecklich sagen, dass in den folgenden Erzählungen die Umstände gewiss falsch sind, wo von Flügeln der Drachen geredet wird, weil Flügel haben den Vögeln, nicht den Schlangen zusteht“ (7, Band 2, S. 221).

Scheuchzers Beschreibung seiner Reisen durch die Schweizerischen Gebirge gehört zu den frühen Werken der Alpin-Literatur. Sie weckte das Interesse an einer bislang als unzugänglich, gefährlich, oder hässlich abgewerteten Landschaft. Aus der Sicht eines Landwirtes sind die Gebirge tatsächlich ein Gebiet, in das man sich nur zurückzieht, wenn man nirgendwo anders siedeln kann, oder vor durchziehenden Heeren flüchten muss.

Doch in einer Zeit, als Seefahrer längst die Erde umrundet hatten, war wohl auch die Erforschung der Alpen fällig. Bald folgten viele den von Scheuchzer eröffneten Wegen, und die Gebirge Europas und dann der übrigen Kontinente blieben keine unbekannten Regionen.

Die sagenhaften Alpendrachen haben sich allerdings bis heute nicht nachweisen lassen.

Literatur:

(1) Beinlich Horst, Magie des Wissens, Röll, Dettelbach 2003

(2) Guter Josef, Drachen, Sammler, Graz 2002

(3) Hausdorf Hartwig, Die Rückkehr der Drachen, Herbig, München 2003

(4) Kempe Michael, Wissenschaft, Theologie und Aufklärung, bibliotheca academica, Epfendorf 2003

(5) Kircher Athanasius, China illustrata, Amsterdam 1667. Nachdruck in Editiones Neolatinae, Wien 2004

(6) Lukan Karl, Alpinismus in Bildern, Anton Schroll, Wien 1967

(7) Scheuchzer Johann Jacob, Natur-Geschichte des Schweizerlandes, 2 Bände, David Geßner, Zürich 1746

 www …

Athanasius Kircher

http://de.wikipedia.org/wiki/Athanasius_Kircher

Johann Jakob Scheuchzer:

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer

 


 

[i] Auch heute noch spuken in den Medien Berichte herum, von Skelettfunden von Riesen bzw. Zwergen (vgl. Viktor Farkas, „Rätselhafte Phänomene“, Langen Müller, München 2004, S. 237/38)

[ii] Vgl. Literaturverzeichnis (1, S. 105) sowie GralsWelt 34/2004 „Die Suche nach der Arche Noah“

[iii] Es blieb unserer Zeit vorbehalten, in der Gentechnik Gene von ganz unterschiedlichen Pflanzen- und Tierarten zu mischen.