Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wie eine Preissenkung eine Revolution auslöste

Auf dem Weg zur Boston Tea Party

Haben Sie schon erlebt, dass eine Preissenkung ein ganzes Land empörte und einen Aufruhr auslöste, der in einer Revolution endete? Normalerweise regt man sich nur über Teuerungen auf – aber in Amerika ist eben alles anders …

Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) steht meist als ein Krieg von Preußen gegen Österreich, Frankreich und Russland in den Geschichtsbüchern. England unterstützte in diesem Krieg – seiner Politik der Erhaltung des Kräftegleichgewichts folgend – den schwächeren Part, also Preußen. Ohne die Hilfsgelder aus England hätte Preußen diesen lang andauernden, zähen und verlustreichen „Dritten Schlesischen Krieg“ nicht durchstehen können.

Doch etwa zeitgleich zu diesem europäischen Krieg gab es Kämpfe in Indien, in der Karibik, in Portugal und besonders in Nordamerika. Hier standen sich im „Franzosen- und Indianerkrieg“ (1754–1762) Großbritannien und sein Erbfeind Frankreich gegenüber. Die Eroberung von Montreal entschied diesen Krieg der Kolonialmächte zugunsten Englands. Die französische Kolonie Kanada („Neufrankreich“) wurde einverleibt als ein weiterer Teil des Britischen Imperiums.

Die amerikanischen Kolonien werden unruhig

Die Regierung in London konnte sich nicht lange dieser Machterweiterung des „Ersten Britischen Empires“1 erfreuen. Die Kriege und die Hilfsgelder für Preußen hatten die britischen Staatsfinanzen stark belastet. Darunter waren die Ausgaben für die Eroberung Kanadas erheblich gewesen. Die Kämpfe gegen Franzosen und Indianer zur Eroberung Kanadas dienten auch dem Schutz der anderen englischen Kolonien in Nordamerika. So hielt man es in London für mehr als angemessen, dass sich auch die Kolonisten, die eigentlichen Nutznießer dieses „Franzosen- und Indianerkrieges“, an den Kosten beteiligten. Mit diesem Ansinnen stach man in ein Wespennest.

Die Kolonisten Nordamerikas waren vorwiegend Auswanderer aus England, die sich als Bürger des britischen Königreiches verstanden. Sie fühlten sich gegenüber den im Heimatland Verbliebenen durch Steuern und sonstige Restriktionen benachteiligt. Speziell in Boston gab es immer wieder mit Unruhen verbundene Proteste gegen gesetzliche Auflagen, die von England diktiert wurden.

Nach dem „Franzosen- und Indianerkrieg“ war die Wirtschaft des westlichen Nordamerika in eine Depression gerutscht. Viele entlassene Soldaten suchten eine neue Beschäftigung. Die Franzosen und die Indianer waren zwar geschlagen, doch die Franzosen hielten noch eine Kolonie am Mississippi. Weiter im Süden gab es Neu-Spanien, von dem ebenfalls eine Bedrohung ausgehen konnte. Ganz abgesehen von den grollend in ihre Dörfer heimgekehrten Indianern, die ungerecht behandelt wurden – egal, auf welcher Seite sie gekämpft hatten.

Außerdem befürchtete das Parlament in London, dass eine unkontrollierte weitere Ausdehnung in neue Gebiete die Verteidigungsfähigkeit Britanniens zu sehr schwächen würde. Jegliches Land jenseits des Kammes der Appalachen wurde kurzerhand zum unzugänglichen Krongut erklärt. Dies betraf auch das wildreiche Kentucky, aus dem gerade erste, vielversprechende Berichte kamen, die Jäger und Abenteurer lockten. Entrüstete Kolonisten der dreizehn Staaten, die sich später zu den USA zusammenschlossen, fühlten sich zwischen dem Atlantik und den Appalachen eingezwängt und an weiterer Entwicklung gehindert.

Empörung über die Stempel-Steuer

Die Regierung in London verlangte von den Kolonien einen Beitrag zum Unterhalt der dort stationierten Truppen, den die amerikanischen Kolonisten strikt verweigerten. Jahrelang wurde hin und her diskutiert, bis das englische Parlament 1765 bei einer Routinesitzung den „Stamp Act“ verabschiedete und damit eine „Stempel-Steuer“ einführte. Auf jedem Rechtsdokument, auf allen Zeitungen, auf Kontrakten, Rechnungen und Postsendungen musste ab sofort eine Steuermarke aufgeklebt werden. Diese Steuer war nicht hoch, doch belastete sie die daniederliegende Ökonomie. Vor allem empörte die Kolonisten, dass diese Steuer eingeführt wurde, ohne darüber mit ihnen zu verhandeln.

Sie gerieten in furchtbare Wut. Die Steuereinnehmer, die die Stempelmarken verkaufen sollten, mussten ihre Tätigkeit einstellen. Andernfalls wurden sie geteert und gefedert, ihr Haus geplündert. In einigen Städten überfiel der aufgeregte Mob sogar die Paläste der Gouverneure. Darüber verging fast ein Jahr, bis das aufgeschreckte Parlament in London die Stempel-Steuer widerrief. Nun beruhigte sich die Situation, alles schien wieder gut und friedlich.

Neue Steuern und mehr Proteste

Doch die britische Regierung hatte nur vorübergehend eingelenkt. Nach einer Kabinettsumbildung wurden neue Belastungen ausgeheckt: Handelsbeschränkungen, Einfuhrzölle auf Papier, Glas, Tee und so weiter.

Das brachte das Fass zum Überlaufen. Die Kolonisten antworteten mit einem Boykott britischer Waren, mit Protesten und Unruhen. Am 5. März 1770 mündete eine Protestaktion vor dem Bostoner Zollhaus in einen Schusswechsel mit fünf getöteten Demonstranten. Das war das „Boston-Massaker“, ein oft genannter Anlass für die Revolution.

Tatsächlich war die Besteuerung in den Kolonien geringer als im englischen Mutterland. Trotzdem fühlten sich die Kolonisten diskriminiert. Wütende Proteste entzündeten sich vor allem an der Forderung nach einem Mitspracherecht im englischen Parlament. Das Schlagwort der Kolonisten: „Keine Besteuerung ohne Repräsentation“ entzündete einen staatspolitischen Konflikt.

Gemeinsam gegen den „Tea Act“

Der Boykott britischer Waren in den nordamerikanischen Kolonien brachte nun die mächtige East India Trading Company in Bedrängnis. Unverkaufter Tee verrottete tonnenweise in den Londoner Lagerhäusern. Um den drohenden Ruin der Company abzuwenden, den die Regierung in London sich nicht leisten konnte, wurde 1773 ein „Tea Act“ verabschiedet, der den Verkaufspreis des Tees senken und damit den Absatz in den Kolonien steigern sollte.

Auf den schwer nachvollziehbaren Routen der Bürokraten konnte man sich nicht auf den einfachsten Weg einigen: Aufhebung der Zölle in Nordamerika, die Auslöser all der Unruhen. Stattdessen wurden die Zölle der Kompanie in England beseitigt. Nun konnte englischer Tee in Nordamerika konkurrenzlos billig angeboten werden.

Damit stehen wir vor einem Kuriosum der Geschichte: Meist demonstrieren Menschen gegen überhöhte Preise, gegen Teuerung. Aber in den Staaten Nordamerikas bildete sich eine Koalition gegen die Preissenkung von Tee:

• Die „Sons of Liberty“, die unbeugsamen Kämpfer für die Unabhängigkeit, sahen in dem „Tea Act“ einen Versuch, die ganze Boykottbewegung zu unterlaufen und die Unabhängigkeitsbewegung zu spalten; also einen Keil zu treiben zwischen die Vordenker der Unabhängigkeit und die Gemäßigten, die ökonomisch denkenden Kaufleute.

• Teeimporteure- und Händler mussten ihre Warenbestände abwerten und verloren das einträgliche Teegeschäft an die East India Trading Company, die zu einem marktbeherrschenden Monopolisten werden würde.

• Teeschmuggler verloren ihr einträgliches Geschäft, weil die Ostindische Kompanie billiger liefern konnte.

Jetzt hatten also Extremisten, einflussreiche Kaufleuten und geschickte Schmuggler die gleichen Interessen: Der Import des zu billigen Tees musste verhindert werden!

Weg mit dem billigen Tee!

Im Jahre 1773 kam es zu einer merkwürdigen Demonstrationen, die als „Boston Tea Party“ in die Geschichte eingegangen ist. Im November dieses Jahres lief das erste Schiff mit billigem Tee in Boston ein, in den Hafen der für seine Hitzköpfe berüchtigten Stadt. Prompt wollten Rebellen die Entladung des Tees verhindern. Dann erlaubte der britische Gouverneur dem Kapitän nicht, mit seinem Schiff samt Ladung den Hafen wieder zu verlassen, bevor der Einfuhrzoll entrichtet war. Wochenlang wurde hin und her diskutiert. Als zwei weitere Teeschiffe den Hafen anliefen, spitzte sich die Situation zu. Schließlich stürmte am 16. Dezember eine als Mohawk-Indianer verkleidete Rebellengruppe die Schiffe und warf die Teeladungen ins Wasser. Die mehrstündige Aktion lief diszipliniert ab; es gab keine Verletzten.

Die „Boston Tea Party“ ist der einzige mir bekannten Fall, in dem eine Preissenkung die Wut einer ganzen Nation anheizte. Ob die Mehrzahl der Demonstranten wussten, wogegen sie sich empörten?

Die Briten gaben es auf, die Kolonisten zu verstehen, und griffen zu Gewalt. Truppen wurden nach Bosten verlegt, der Hafen geschlossen und aller Handel unterbunden. Die Reaktion der Kolonisten war die Einberufung des ersten Kontinentalkongresses im September 1774 in Philadelphia. Dieser forderte den Boykott englischer Waren und die Aufstellung bewaffneter Milizen.

So wurde die „Boston Tea Party“ zum Fanal der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung; einer Revolution provoziert von törichten Regierungen, hartköpfigen Beamten und politischen Extremisten.

 

Literatur:

(1) Cooke, Alistair, Geschichte Amerikas, Pawlak, Herrsching 1975

(2) Gonick, Larry, The Cartoon History of the United States, Harper, New York 1991

www …

Boston Tea Party:

http://de.wikipedia.org/wiki/Boston_Tea_Party

Massaker von Boston:

http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Boston

Der Stamp Act:

http://de.wikipedia.org/wiki/Stamp

 

Fußnote:

1 Das „Erste Britische Weltreich“ endete mit dem Verlust der USA. Das zweite entstand durch die Napoleonischen Kriege. Im Jahr 1922 umfasste es etwa ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung und etwa ein Viertel der Landmasse der Erde. (Wikipedia)