Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wie ein Vulkan dem Fahrrad auf die Sprünge half

(Veröffentlicht in GralsWelt 60/2010)

Die Geschichte des Freiherrn von Drais

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war es ein beliebtes Spiel, möglichst viele Erfindungen den Angehörigen der eigenen Nation zuzuschreiben. So sind bis heute viele Erfinder und Erfindungen – ob Automobil, Dampfmaschine, Fernrohr, Flugzeug, Mikroskop, Nähmaschine, Schreibmaschine oder Telefon – umstritten, und in vielen Fällen lässt sich nicht mehr sicher klären, wer die betreffende Idee tatsächlich als erster hatte oder die Priorität für die erste Verwirklichung beanspruchen darf.

So auch beim Fahrrad, als dessen Erfinder Carl Friedrich Ludwig Christian Baron Drais von Sauerbronn (1785–1851) gilt. Der Großherzoglich-Badische Forstmeister hatte viele Ideen und machte etliche Erfindungen, von denen die meisten in der Versenkung verschwunden sind. Zu den Zeiten des Freiherrn war noch nicht vorherzusehen, dass es sich beim Fahrrad um eine Primärerfindung – also um die Grundlage für vieles weitere – handelt. Nach den vielen inzwischen vorgenommenen Verbesserungen hat das Zweirad beste Chancen, länger zu „leben“ als die Eisenbahn, das Auto oder das Flugzeug – entweder als Sportgerät oder als Transportmittel. Es wird aller Voraussicht nach das weltweit verbreitetste Fortbewegungsmittel bleiben.

 

Eine unerwartete Naturkatastrophe

Den Anstoß für die Entwicklung des Zweirades gab seinerzeit ein Naturereignis am „anderen Ende der Welt“: Am 5. April 1815 war der Vulkan Tambora (auf Sumbawana, einer der kleinen Sunda-Inseln) ausgebrochen. Es war die größte je beobachtete Vulkanexplosion, weit gewaltiger als der bekannte Ausbruch des Vesuvs im ersten Jahrhundert (79 nach Chr.), der Pompeii, Herculaneum und Stabiae zerstörte und Tausende Menschen tötete.[1] Die vom Tambora in große Höhen geschleuderten, ungeheueren Staubmassen verdunkelten zunächst den Himmel über Ostasien und verteilten sich danach rund um die Welt.

Diese Naturkatastrophe führte weltweit zu Ernteausfällen und explodierenden Getreidepreisen. In Europa gab es 1816 ein „Jahr ohne Sommer“ mit Missernten und Viehsterben aus Futtermangel. Die europäische Landwirtschaft hatte sich noch nicht von den Napoleonischen Kriegen erholt; Getreidevorräte fehlten überall in einem nun lebensbedrohenden Ausmaß.

Noch mehrere Jahre lang zogen die die Sonne verdunkelnden Wolken aus vulkanischem Staub um die Erde, bis sie sich nach und nach auflösten. Sie sorgten für prachtvolle Sonnenauf- und -untergänge, wie sie in uns heute überhöht scheinenden Bildern romantischer Maler wie Caspar David Friedrich dargestellt sind. Berühmte Gemälde wie zum Beispiel „Neubrandenburg im Morgennebel“ (1816/17) oder die „Frau vor untergehender Sonne“ (1818) sind auch eine Dokumentation damaliger Wetterbedingungen.

 

„Knochenschüttler“ als Ersatz für Pferde

Nun zu der merkwürdigen Geschichte des Fahrrades: Durch den witterungsbedingten Futtermangel gab es nach dem Tambora-Ausbruch zu wenig Pferde, denn viele waren daran gestorben. Wie ließen sich Pferde als Reittiere – das schnellste Verkehrsmittel von damals – ersetzen?

Freiherr von Drais hatte schon 1813 mit einem durch menschliche Muskelkraft angetriebenen vierrädrigen Wagen experimentiert. Er musste aber einsehen, dass damit auf den schlechten, mit Schlaglöchern übersäten Straßen nicht gut zu fahren ist. Die Lösung schien ein Einspurfahrzeug. Dieses war wesentlich leichter, der Rollwiderstand sollte sich verringern, und die Chance stieg, Schlaglöchern auszuweichen. So erfand Drais im Jahre 1816 das „Velociped“ (damals manchmal auch „Draisine“ genannt) mit lenkbarem Vorderrad. Die Schlüssel-Erfindung – ein lenkbares Vorderrad, ohne das kein Zweirad auskommt – geht auf Drais zurück.

Eine reine Freude waren die aus Holz gefertigten, mit starren, eisenbereiften Rädern versehenen, etwa 20 Kilo schweren „Knochenschüttler“ nicht. Der Fahrer musste sich mühsam mit den Füßen abstoßen. Die schlechten Wege, im Sommer staubig, bei Regen verschlammt, vielfach aus Kies oder Sand nur primitiv aufgeschüttet und mit Schlaglöchern übersät, hemmten die Zweirad-Entwicklung.

Immerhin wurden schon mit den ersten Velocipeden gute Leistungen erzielt. Im Jahr 1829 veranstalte der Oberbergrat Joseph Ritter von Baader (1763–1835) ein Laufradrennen vom Karolinenplatz in München bis zum Nymphenburger Schloß und zurück über insgesamt etwa 10,4 Kilometer. Mit einer von Drais gefertigten Fahrmaschine, bei der man sich mit den Füßen abstoßen musste, wurde diese Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21 km/h zurückgelegt (6). Keine schlechte Leistung für ein solches Primitiv-Gerät und seinen Reiter!

Erst als die Straßen besser wurden, der Kurbeltrieb mit Pedalen und Kette sowie der Luftreifen erfunden waren, machte das den Weg frei für das heute nicht mehr wegzudenkende Gerät. Anscheinend war noch ein Umweg über das Hochrad und etliche sonstige abenteuerliche Konstruktionen nötig, bis gegen 1880 in England die Grundform des heutigen Fahrrads entstand.

Heute sprechen wir viel von der Beeinflussung des Klimas durch den Straßenverkehr. Wie man sieht, kann es auch anders herum gehen: Eine (vorübergehende) Klima-Änderung gab den Anstoß zur Entwicklung eines neuen, sogar ganz besonders klimafreundlichen Verkehrsmittels mit der bei weitem besten Energiebilanz!

 

Vielseitiger Erfinder, schlechter Kaufmann

Freiherr von Drais war ein ideenreicher Erfinder, der sich auch mit mathematischen Problemen (Gleichungen höheren Grades) beschäftigte. Die wichtigsten seiner Erfindungen waren: Fahrmaschine (Muskelkraftwagen), Laufmaschine (Zweirad), Periskop (Winkelfernrohr), Schnellschreibmaschine, Vorschläge zur Energieeinsparung (verbesserte Öfen, bessere Wärmeübertragung), Weiterentwicklung der Eisenbahn-Draisinen (mit denen sich schon andere, wohl auf der Basis der Muskelkraftwagen von Drais, versucht hatten) und einiges mehr.

Von 1822 bis 1827 war er nach seinem frühen Ausscheiden aus dem Forstdienst mit einer Auswanderergruppe in Brasilien. Seine anonym veröffentlichten „Briefe eines Deutschen aus Brasilien“ (1) wurden lange nicht als von Drais stammend erkannt. Er erwies sich darin als aufmerksamer Beobachter, der tiefer blickte als viele andere Reisende seiner Zeit.

Nach seiner Rückkehr versuchte sich Freiherr von Drais als Erfinder-Unternehmer. Anfangs fand er Unterstützung vom badischen Staat oder sogar vom Großherzog selbst. Doch Drais litt unter Kapitalmangel. Er dachte zu wenig an den notwendigen Profit und sah besonders die Gemeinnützigkeit seiner Ideen. Nicht selten veröffentliche er seine Erfindungen, bevor die Patente erteilt waren. Er glaubte an das Gute im Menschen und hoffte, nicht um seinen Lohn gebracht zu werden.

Drais produzierte drei- oder vierrädrige Damen-Draisinen, die sich schlecht verkauften. Seine einspurigen Fahrmaschinen waren anfangs ein Erfolg. Nicht so gut lief die Produktion von Öfen.

Die Herstellung des Periskops und der Schnellschreibmaschine traute er sich selbst nicht zu, fand aber keine Lizenznehmer.

Im Jahre 1842 erprobte Drais zusammen mit der Badischen Staatsbahn eine zweispurige Draisine, die mit einem Fußantrieb versehen war. Auf ebenen Strecken eigneten sich die Draisinen zur Streckeninspektion oder halfen bei Reparaturarbeiten. Verschiedene Ausführungen wurden bei Eisenbahnen in aller Welt benutzt, mit Pedalantrieb oder Handbetätigung. Am bekanntesten wurde durch Wildwest-Filme die in den USA verwendete Handhebeldraisine.

 

Das Rad: verbotenes Symbol des „Dandytums“

Ab dem Jahr 1817 gab es wieder gute Ernten. Nachdem sich die Haferpreise normalisiert hatten (das war damals für den Transport so wichtig wie heute der Ölpreis), wurden die Laufräder in manchen europäischen Ländern und den USA vorübergehend verboten. Damit war ihre Weiterentwicklung zunächst gestoppt.

Velozipede galten als „Herrenfahrzeuge“ und „Symbole des Dandytums“, die den Volkszorn erregten. Damit auf Gehwegen zu fahren, wurde verboten, um die Passanten nicht zu gefährden. Die schlechten Straßen aber waren mit Velos kaum zu bewältigen; außerdem machten sie dort angeblich die Pferde scheu. Das ökologisch günstigste aller Transportmittel wurde vom Sozialneid ausgebremst. Ein typisches Beispiel für eine emotionsbestimmte Sozialkontrolle der Technik!

 

Noch ein trauriges Erfinder-Schicksal

Erfinder haben und hatten es nie leicht. Die meisten Menschen tun sich schwer mit neuen, ihnen fremdartigen Ideen oder Maschinen. Besonders in der vorindustriellen Zeit gab es viele Vorurteile. Man konnte sich eine Erfindung zu wenig vorstellen oder fand die Handhabung – zum Beispiel das Radfahren – als zu schwierig. Erfolglose Erfinder wurden oft mit Spott überschüttet und nicht selten zur Verzweiflung getrieben. So auch ein Zeitgenosse von Drais, der „Schneider von Ulm“ (1770–1829) nach seinem gescheiterten Flugversuch von 1811. (Vgl. GW 13/1999 “Ein tragischer Absturz”)[2]

In der Öffentlichkeit wurde der von sich selbst überzeugte Drais als glückloser Erfinder und erfolgloser Unternehmer zuerst zu einer merkwürdigen Erscheinung, dann zu einer Witzfigur. Der harmlose und gutmütige Drais bot das ideale Ziel für Zyniker. Dem Spott folgten tätliche Angriffe, durch deren Anzeige sich Drais bei der (untätigen) Polizei unbeliebt machte.

Finanzielle Probleme, Nichtanerkennung seiner erfinderischen Leistungen und sein Scheitern als Fabrikant trieben Drais – ähnlich wie den Schneider von Ulm – in den Alkoholismus. Im Jahr 1835 wurde ihm der Titel eines Großherzoglichen Kammerherrn entzogen und er musste Karlsruhe beziehungsweise seinen Wohnort Mannheim verlassen.

Ursache dafür war, wie Hans-Erhard Lessing in seinem Buch „Automobilität“ (3) ausführt, eine Rufmord-Kampagne und ein möglicherweise inszenierter Zwischenfall (S. 436 f.). Drais hatte sich durch eine Verleumdungsklage gegen den Polizeikommissär Hofmann bei den Behörden unbeliebt gemacht. Zudem war wohl auch schon seine liberale, also demokratische Gesinnung aufgefallen. So hatte Drais schon um 1838 in Mannheim das imperative Mandat[3] gefordert. Seitdem wurde er vom Beamtenapparat verfolgt und kujoniert (S. 473).

Dann folgte – angeblich – ein trauriger psychischer und physischer Abbau. Der einst so einfallsreiche Erfinder musste sich von dem behandelnden Amtsarzt als „Halbnarr“ mit „beschränkter Fassungs- und Urteilskraft“ (4, S. 92) einstufen lassen. Nach einer Erkrankung im Jahr 1859 schwand angeblich sein Denkvermögen, und die Kräfte seines bis in sechste Lebensjahrzehnt gut trainierten Körpers ließen nach – bis Drais am 10. Dezember 1851 nach längerer Krankheit verstarb. –

 

Wurde Drais politisch verfolgt?

Es gibt allerdings begründete Zweifel an dem Gutachten des Amtsarztes, wie auch an dem schwindenden Denkvermögen des Freiherrn. Denn während der Revolutionsjahre veröffentlichte Drais eine Annonce in der Karlsruher Zeitung mit folgendem Text:

„Ich, Freiherr Karl Friedrich Ludwig Christian Drais von Sauerbronn, erkläre hiermit feierlichst und angesichts der deutschen souveränen Nation, daß ich auf dem Altar des Vaterlandes, der Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität alle und jede aus dem Feudalrechte, dessen tausendjähriger Druck Deutschlands Freiheit in Fesseln schlug, entspringende Vorrechte für mich und meine ehelichen und außerehelichen Nachkommen verzichte. Dieses erklärt,

Karlsruhe, den 11. Mais 1849, Drais, Profressor, Bürger und Mitglied des souveränen Deutschen Volkes (3, S. 473))

Eine überraschende Distanzierung von der Aristokratie, deren Herrschaft Drais persönlich viel zu verdanken hatte!

Nach einem Studium in Heidelberg währte seine Karriere als Forstbeamter nur wenige Jahre. Dann kehrte er mit einer Pension in sein Elternhaus zurück: „Drais […] wurde schon als junger Mann von nicht einmal 35 Jahren mit ausreichender Pension in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, weil er zum Hochadel des Landes gehörte. Da war nie von Recht oder von erworbenen Ansprüchen die Rede, sondern da gab es nur den ungeschriebenen, aber bekannten Willen des Herrschers, daß Herr von Drais standesgemäß zu versorgen sei.“ (2, S. 90)

Manche Bürokraten ärgerten sich über die aus ihrer Sicht unberechtigte Versorgung des Freiherrn von Drais und den ihm von Großherzog verliehenen Titel eines Professors. Das erklärt die Schikanen durch Beamte, die ihm das Leben erschwerten. Außerdem konnte sich – aus der Sicht der Monarchisten – nur ein Verrückter öffentlich als Demokrat bekennen; schon gar wenn er – wie Drais – von altem Adel war und von seinen Adelsprivilegien sehr profitierte.

Hans-Erhard Lessing kommt zum Schluß: „Alles Lächerliche und Verächtliche, das wir von ihm (Drais) zu wissen glauben, wurde von den badischen Monarchisten nach 1849 und bis 1918 lanciert […] Drais war also nicht ‚verkannt‘, wie immer blauäugig getextet wurde, sondern politisch ‚verfolgt‘!“ (3, S. 5)

 

Literatur:

(1) Briefe eines Deutschen aus Brasilien in sein Heimat, in Allgemeines Archiv für die gesamte Staatswissenschaft, Gesetzgebung und Verwaltung. Herausgeber J. P. Harl, 2. Band, 2. Heft, Frankfurt am Main (Wilmans) 1825

(2) Ebeling Hermann, Der Freiherr von Drais, G. Braun, Karlsruhe 1985

(3) Lessing Hans-Erhard, Automobilität, Maxime, Leipzig 2003

(4) Rauck Max J. B./Volke Gerd/Paturi Felix R., Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte, AT Verlag, Arau 1979

(5) Rauck Michael, Karl Freiherr Drais von Sauerbronn, Steiner, Wiesbaden 1983

(6) Süddeutsche Zeitung vom 4. November 1993

(8) http://de.wikipedia.org/wiki/Eisenbahn-Draisine 

(9) http://de.wikipedia.org/wiki/Fahrrad 

(10) http://www.winterplanet.de/sommer_1815/Jos_Teil1.html

(11) http://de.wikipedia.org/wiki/Tambora

 

 


[1] Zur Gewalt bekannter Vulkanausbrüchen siehe GralsWelt 35/2005, Seite 35, „Die große Flut“)

[2] Vgl. GralsWelt 13/1999, Seite 5 „Ein tragischer Absturz“

[3] Ein imperatives Mandat bedeutet, dass ein Abgeordneter kein eigenes Entscheidungsrecht besitzt, sondern eine vorausgegangene Entscheidung (direkter Wählerwille; Partei- oder Koalitionsanweisung) in die Abstimmung einbringen muss.