Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wie das “Flüssige Feuer” die Christenheit rettete

Eine geheime Wunderwaffe verhinderte im 7. Jahrhundert die Islamisierung des Abendlandes
 Veröffentlicht in GralsWelt 59/2010

 Zu den erstaunlichsten Ereignissen der Weltgeschichte gehören die Eroberungszüge der Araber im 7. und 8. Jahrhundert. Nach dem Ableben Mohammeds (570–632) hatte seine neue Lehre sich mit Hilfe seiner militärischen Siege in Arabien durchgesetzt, und der Prophet hatte eine noch etwas unsichere Herrschaft über große Teile der arabischen Halbinsel erlangt. Sein Nachfolger Abu Bekr (573–634) unterwarf abgefallene arabische Stämme und setze eine Welle von Eroberungen in Gang, die unter den ihm nachfolgenden Kalifen[i] an und über die Grenzen zweier großer Reiche vorstießen: In das Reich der Sassaniden (Persien) im Osten und das Byzantinische (Oströmische) Reich im Norden und Westen. Beide Reiche waren durch langwierige Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnot und Seuchen geschwächt[ii]. Die islamischen Krieger, erfüllt von religiöser Begeisterung, kämpften außerordentlich mutig. Sie gewannen nahezu alle wichtigen Schlachten. Ein Jahrhundert nach Mohammeds Tod hatten die arabischen Eroberer im Westen Südfrankreich erreicht und im Osten die Grenze Indiens. Das Reich des Islam erlangte so in unerhört kurzer Zeit eine Ausdehnung, die mit der Fläche des klassischen Römischen Weltreiches vergleichbar ist.

 Der entscheidende Angriff wird gut vorbereitet

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts stand der weiteren Ausbreitung des Islam nach Osteuropa noch ein Bollwerk entgegen: Das (geographisch stark geschrumpfte) Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel (Byzanz). Doch diese Stadt an strategisch entscheidender Position war von einer 20 Kilometer langen Befestigungsanlage, den berühmten Theodosischen Mauern[iii] umgeben. Eine Eroberung, um dem christlichen Europa den Todesstoß zu versetzen, musste gut vorbereitet werden.

Westeuropa hatte sich von den Wirren der Völkerwanderung noch nicht erholt, und Religionsstreitigkeiten erschütterten und zersplitterten die Christenheit. Der Zeitpunkt für eine islamische Eroberung schien also günstig. Nach dem Fall von Konstantinopel hätte damals kaum ein christliches Land die aus Ost und West eindringenden Araber noch aufhalten können[iv]. Europa wäre zu einem Teil der islamischen Welt geworden.

Die islamischen Offiziere des Kalifen Muawija (Regierungszeit 661–680) aus der kurzlebigen Dynastie der Omaijaden bereiteten den entscheidenden Angriff sorgfältig vor. Von Land her war die oströmische Kaiserstadt unüberwindlich[v]. Also musste von See her angegriffen werden. Dazu war eine Flotte vonnöten.

Tatsächlich gelang es den Kriegern aus der Wüste, genügend erfahrene Seeleute zu rekrutieren, die eine große Flotte bauen und die bisher überwiegend zu Lande kämpfenden Araber für den Seekrieg trainieren konnten.

Nach fünf Jahren Vorbereitung war es so weit: Ein überlegenes Landheer und eine arabische Flotte mit 30.000 Mann standen im Jahr 678 vor den Toren der Kaiserstadt Konstantinopel (heute Istanbul). Deren Fall schien nur eine Frage der Zeit.

 Eine Wunderwaffe rettet das Oströmische Reich

Doch als die islamischen Truppen zum Sturm ansetzten, spieen die Stadtmauern plötzlich Feuer – neuartige Brandsätze, die sich nicht löschen ließen. Sie lösten unter den Angreifern eine Panik aus. Und gar auf dem Wasser „öffneten sich die Rachen der Hölle“: Kleine Byzantinische Brander sprühten Rauch und Feuer, die meisten arabischen Schiffe gingen in Flammen auf. Kalif Muawija musste Frieden schließen und sogar Tribut zahlen!

Das Geheimnis des „Meer-Feuers“

Kaum je in der Geschichte konnte eine neuartige Waffe längere Zeit geheim gehalten werden. Sogar das Atomgeheimnis wurde im 20. Jahrhundert verraten, und heute kann im Prinzip jede größere Nation Kernwaffen bauen, weil die Technik bekannt ist. Die Byzantiner jedoch, die in der Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts als „degeneriert, schlapp, verräterisch“ abgewertet wurden, hüteten ihr Geheimnis des „Meer-Feuers“ Jahrhunderte lang so erfolgreich, daß die Historiker bis heute über die Zusammensetzung der Brandsätze und die Konstruktion der Abschussvorrichtungen diskutieren.

Einigermaßen sicher belegt scheint, daß um 670 ein Architekt namens Kallinikos, der aus Heliopolis (das heutige Baalbek im Libanon) vor den Arabern nach Konstantinopel geflohen war, dem Kaiser vorgestellt wird. Der junge Kaiser Konstantin IV. (654–685) ist von Kallinikos’ Ideen begeistert und gibt ihm alle notwendigen Mittel zur Entwicklung einer Wunderwaffe. War es ein Vorläufer des Flammenwerfers, „Siphon“ genannt?[vi] (5)

Nach der Plünderung von Konstantinopel durch Kreuzfahrer (!) im Jahr 1204 wurde das sogenannte Griechische Feuer jedenfalls nicht mehr eingesetzt (4). Ging das Geheimnis verloren? Oder waren die natürlichen Quellen für Naphta (Erdöl) nicht mehr zugänglich? Die Historiker wissen es nicht.

Die Araber entwickelten in der Folge ebenfalls ein „flüssiges Feuer“, das „Arabische Feuer“ ein, das jedoch weniger verheerend wirksam war.

Die Wunderwaffe des Griechischen Feuers

Der Plan zur Eroberung Konstantinopels hat im Konzept des jungen Islam eine entscheidende Rolle gespielt. Nach dem Fall der Kaiserstadt am Bosporus wäre es den Arabern ein leichtes gewesen, dem barbarischen Europa der fränkischen Merowinger, der Langobarden, der Sachsen und Bajuwaren, der Slawen und Awaren ein Ende zu bereiten. Wenn man sich erinnert, daß der bereits in der Blüte der Renaissancekultur stehende Westen Europas kaum mit den Türken fertig wurde, kann man sich die Wirkung einer „arabischen Invasion“ sehr wohl vorstellen. Das Christentum, das in die Völker des siebenten Jahrhunderts eben erst – und mit höchst oberflächlichen Wurzeln – verpflanzt worden ist, wäre mit erheblicher Wahrscheinlichkeit dem kulturell und wirtschaftlich turmhoch überlegenen Islam zum Opfer gefallen.

Hat sich die zuweilen gern als „höchste Gewalt“ zitierte Weltgeschichte also der „Wunderwaffe“ des Griechischen Feuers bedient, um die Menschheit nach „ihrem Plan“ zu führen?

Bei der Beantwortung dieser Frage scheiden sich die Geister und die Weltanschauungen.

(aus: Kurt Frischler, „Wunderwaffen“)

Die Christenheit konnte aufatmen

Dank dem Griechischen Feuer hielt Konstantinopel fast acht Jahrhunderte lang den kriegerischen Angriffen der Muslime stand. Die oströmische Kaiserstadt blockierte im Osten das Vordringen der Araber und später das der Türken. Im Westen konnte die Expansion islamischer Truppen 732 bei Tours und Poitiers gestoppt werden. Danach begann eine fast acht Jahrhunderte währende Rückeroberung Spaniens, die Reconquista, die erst 1492 mit der Eroberung Granadas zu Ende ging.

Das christliche Europa gewann Zeit. Es konnte sich konsolidieren und einigermaßen stabile Staaten aufbauen. Die Christenheit schloss zivilisatorisch zu den islamisch geprägten Ländern auf, hinter denen sie noch zur Zeit der Kreuzzüge (11. bis 13. Jahrhundert) wissenschaftlich und technisch zurücklag. Dabei ist nicht ohne Bedeutung, daß die seinerzeit fortschrittlichere arabische Kultur den Alten Griechen und dem Alten Indien manches Know-how verdankt, gemeinsam mit dem Anteil der Arbeiten islamischer und jüdischer Gelehrter. Zivilisation, Kultur, Wissenschaft sind nie im Alleinbesitz einer Nation gewesen, sondern der Fortschritt ist damals wie heute eine Gemeinschaftsleistung der Völker.

Dennoch, ohne Persönlichkeiten wie Kallinikos – von dem wir kaum mehr als seinen Namen wissen –, ohne den jungen Kaiser, der das Potential der neuen Waffe erkannte, wäre die Geschichte der islamischen Nationen, des christlichen Abendlandes und der Welt anders verlaufen. Der Name des wenig bekannten Kallinikos steht für einen Wendepunkt in der Geschichte der Völker und der Religionen.

Literatur:

(1) Frischler Kurt, Wunderwaffen, Molden, Wien 1965

(2) Gartz Jochen, Vom griechischen Feuer zum Dynamit. Miller & Sohn, Hamburg 2007

(3) Schmidt Arno, Griechisches Feuer, Urs Jakob Haffmans, Zürich, 1989

(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Griechisches_Feuer

(5) http://www.messala.de/das-fluessige-feuer.htm

 


[i] Kalif (= Nachfolger). Seit Mohammeds Tod der offizielle Titel seiner Nachfolger in der Herrschaft über die islamische Gesamtgemeinde.

[ii] Vgl. „Als die Sonne erlosch“

[iii] Benannt nach Kaiser Theodosius II. (408–450)

[iv] Russland war damals noch kein christliches Land.

[v] Erst 1453, also fast 8 Jahrhunderte später, konnten die Türken mit den größten bis dahin gesehnen Kanonen die Befestigungsanlagen sturmreif schießen. (Vgl. „Die machtvollste Erfindung der Weltgeschichte“.

[vi] Genaueres zur Konstruktion und zur Chemie (so weit bekannt) siehe Literaturverzeichnis (1)