Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wer entdeckte Amerika wirklich?

(Veröffentlicht in GralsWelt 75/2013)

In unseren Geschichtsbüchern steht so manches, das verändert oder ergänzt werden müsste. Selbst über solche Zeiten, aus denen ausführliche schriftliche Überlieferungen vorliegen, können Ansichten, Deutungen, verschiedene Interpretationen weit auseinanderklaffen. Handelt es sich gar um Epochen, aus denen keine schriftlichen Zeugnisse vorliegen, dann kann man davon ausgehen, dass so mache Lehrmeinung alles andere als zutreffend ist. Beispiele gibt es genug. Wir wollen uns dazu heute die Entdeckungsgeschichte Amerikas betrachten, zu der Oscar Wilde (1854–1900) sagte: „Natürlich ist Amerika schon vor Kolumbus entdeckt worden;  und zwar oft. Es wurde nur immer wieder vertuscht.“

 Schifffahrt in der Antike

Bei antiken Schiffen denken wir in der Regel an Fahrzeuge von höchstens 200 bis 400 Tonnen, die in Sichtweite der Küsten blieben. Es wird jedoch auch über Getreideschiffe von 2.000 Tonnen berichtet. Das Schiff, mit dem Paulus bei Malta Schiffbruch erlitt, beförderte 276 Menschen (Apg. 27, 37), und Flavius Josephus erwähnt ein Schiff, das außer Handelsgütern noch 600 Personen an Bord hatte (16, S. 22). Landström (9, S. 51) rekonstruiert ein römisches Schiff aus dem 2. Jahrhundert: 55 m lang, 14 bis 15 m breit und über 13 m Raumtiefe vom Decksbalken bis zum Kiel, Wasserverdrängung wohl weit über 1.000 Tonnen. Dieses Schiff hatte Hauptsegel, Toppsegel und Vorsegel.

Solche Schiffe der Antike waren größer als die Schiffe von Kolumbus oder Maghellan. Geführt von erfahrenen griechischen oder phönizischen Seeleuten, konnten antike Schiffe (in den Segeleigenschaften denen des 15. Jahrhunderts wohl unterlegen) ebenso weite Reisen schaffen wie jene. Mahieu (16) vermutet sogar, dass es in römischer Zeit einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Indochina (Vietnam) und Peru gab.

Spätestens seit Eratosthenes von Kyrene im 3. Jahrhundert v. Chr. den Erdumfang berechnet hatte, wussten antike Geographen von Breiten- und Längenkreisen und kannten deren Abstände voneinander. Navigatoren konnten die geographische Breite aus dem Sonnenstand ermitteln. Schon Eratosthenes verwendete zur Breitenbestimmung eine spezielle Sonnenuhr (Scaphium). Deren halbkugelige Schale war im Inneren mit konzentrischen Kreisen versehen, auf denen die Länge des Sonnenschattens den jeweiligen Breitengrad anzeigte (10, S. 43). Hochseenavigation ohne Landsicht war möglich.

In den Wirren der Völkerwanderung gingen in Europa geographisches Wissen und Kenntnisse vom Schiffbau teilweise verloren, und es dauerte Jahrhunderte, bis der Stand der antiken Seemannschaft wieder erreicht und schließlich übertroffen war.

Zweifellos wurde die Reise des Christoph Kolumbus (1452–1506) in die „Neue Welt“ (1492) ein Wendepunkt der Weltgeschichte. Der damit ausgelöste Aufbruch zu den neuen Ufern wandelte das abendländische Bewusstsein. Die Eroberung, Erschließung und Besiedlung beider Teile Amerikas veränderten Wirtschaft und Politik, zunächst in Europa und schließlich in allen Staaten. Zwar war der amerikanische Kontinent schon Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende früher entdeckt, doch erst vom 15. Jahrhundert an waren die Voraussetzungen gegeben, diese Entdeckungen auf breiter Front zu nutzen. Insofern war es die Reise des Kolumbus, die die Welt veränderte, während frühere Kontakte zwischen Europa und Amerika oder zwischen Asien und Amerika ohne durchschlagende Wirkung blieben.

Trotzdem mag es interessant sein, einige Spuren früher Kontakte zwischen diesen Kontinenten aufzuspüren. Denn es gibt Mythen, Artefakte, Spuren, die dafür sprechen, dass unsere Lehrbücher weit davon entfernt sind, die ganze Fülle der historischen Tatsachen zu erfassen.

Fakten und Funde geben Rätsel auf

Zahlreiche unerklärliche Funde, sowohl in Amerika wie in Europa, lassen auf frühgeschichtliche Kontakte zwischen den Kontinenten schließen. Einige Beispiele:

• Valdivia – frühe Kontakte mit Japan?

Nach einem Fischerdorf an der ecuadorianischen Südküste, also am Pazifik, wurde die Valdivia-Kultur (ca. 3.500 bis 1.400 v. Chr.) benannt. Diese Kultur hinterließ merkwürdige Keramiken, die aufs Haar der Jomon-Ware aus Japan gleichen (5, S. 236). Im Norden hat es dem Anschein nach entsprechende Kontakte gegeben. Mehr noch, als 1851 japanische Seeleute auf die Aleuten verschlagen wurden, konnten sie sich mit den aleutischen Einwohnern verständigen, da sich viele gemeinsame Worte fanden (17, S. 46 und S. 282).

• Chinesen in Amerika:

Der französische Schriftsteller Jacques de Mahieu berichtet: „Die Mitglieder des chinesischen Einwanderungsstromes, der seit etwa 1850 nach Peru zu fließen begann, waren erstaunt, in Etén, einem kleinen Fischerdorf, eben genau am Chinesen-Golf des Ptolemäus gelegen, ,Indianer‘ anzutreffen, die sich nicht nur von den anderen unterschieden, sondern deren Sprache sie auch mühelos verstehen konnten“ (16, S. 22).

Zahlreiche weitere Hinweise scheinen zu belegen, dass es schon vor vielen Jahrhunderten fruchtbare Beziehungen zwischen Asien und Amerika gab (14, S. 12).

• Olmeken: Reisten die Ägypter über den Atlantik?

Zu den rätselhaftesten der mittelamerikanischen Völker gehören die Olmeken, deren längst verschwundene Kultur um 1.500 v. Chr. begann. Berühmt sind meterhohe, tonnenschwere olmekische Steinköpfe, die negroide Züge tragen. Keramikköpfe aus vorkolumbischer Zeit mit ägyptischen oder typisch negroiden Zügen fanden sich auch in Kolumbien, Mexiko, Ecuador und gaben zu der Annahme Anlass, dass schon die Alten Ägypter über den Atlantik reisten (5, S. 242 f.).

• Die Azteken und Quetzalcoatl

Als Hernando Cortéz 1519 in Mexiko eindrang, wurde er vom Aztekenkönig Montezuma als „Reinkarnation des blonden, bärtigen Himmelsgottes Quetzalcoatl begrüßt. Dieser hatte der Legende nach die Zivilisation eingeführt und war mit dem Versprechen weggegangen, eines Tages wiederzukommen. Warum aber sollte ein dunkelhäutiges, bartloses Volk eine blonde, bärtige Gottheit verehren?“ (5, S. 258).

• Die Inka und Huiracocha

Auch Athualpa, der letzte König der Inka, machte im Jahre 1532 keinen Versuch, den Marsch Francisco Pizarros zu stoppen, da er ihn für den bärtigen, weißen Schöpfergott Huiracocha hielt, der einst über das westliche Meer entschwunden war.

• „Weiße Indianer“ und die Wikinger

In Süd- wie Nordamerika begegneten die Eroberer an vielen Orten Eingeborenen europäischen Aussehens. Beispielsweise waren an den Küsten Labradors noch im 16. Jahrhundert „weiße“ Eskimos anzutreffen. Samuel de Champlain (1567–1635), der große französische Erforscher Kanadas, berichtet von weißen Indianern, die westlich der großen Seen siedelten. Sogar an der pazifischen Küste wurden weiße Indianer angetroffen, die Schiffe bauten, die denen der Wikinger sehr ähnlich sind. Schwer vorstellbar, dass Vinländer zu Fuß von Ost nach West marschierten. Allerdings könnte bei dem milderen Klima im ersten und beginnenden zweiten Jahrtausend die heute vereiste Nord-West-Passage im Sommer für Wikingerschiffe passierbar gewesen sein (14, S. 54 f.).

• Portolane: Seltsame Seekarten

Im 8. Teil dieser Beitragsreihe (siehe GralsWelt 22/2002) haben wir bereits über die Portolane berichtet, über jene seltsamen Seekarten, die zum Beispiel Teile von Südamerika oder die Antarktis richtig abbilden – zu einer Zeit, in der diese Teile der Welt nach gängiger Auffassung noch unerforscht waren. Als Erklärung dafür bietet sich die Vorstellung einer verschwundenen vorgeschichtlichen Hochkultur an, worüber wir unter der Überschrift „Atlantis“ in einer eigenen GralsWelt-Reihe (Hefte 23–26/2002) berichteten. Seefahrer dieser Zivilisation reisten möglicherweise vor Jahrtausenden um die Erde und schufen die Originale der als Kopien von Kopien überlieferten Portolane.

Diese sehr alten Kontakte zwischen Amerika und Europa beziehungsweise zwischen Amerika und Asien sind derzeit noch nicht vollkommen schlüssig zu belegen, und wir wollen nun versuchen, einige uns zeitlich näher liegende vorkolumbische Reisen nach Amerika aufzuspüren:

Das geheimnisvolle Volk der Chachapoya

In den Anden lebt ein geheimnisvolles Volk: Die Chachapoya.

In deren Kultur gibt es beweisbare Parallelen zu Phöniziern oder Kelten: Zum Beispiel im Baustil, ferner bei Ornamenten, in Grabstätten, in der Musik, im Tanz oder in der Verwendung von Steinschleudern, die ursprünglich von den Balearen stammen könnten und später von den Inkas übernommen wurden. Bis heute gibt es dort in den Bergregionen hellhäutige, blonde oder rothaarige Menschen, die wie Kelten aussehen und als „Gringos“* bezeichnet werden, obwohl sie Indios sind und von altamerikanischen Vorfahren abstammen.

Über den Ursprung der Chachapayo gibt es verschiedene Vermutungen:

• Phönizier:

Der Theologe und Historiker Lienhard Delekat schreibt: „Die Phönizier, besonders die Karthager, hatten bereits mit Amerika Handel getrieben und dort sogar Kolonien gegründet (schon im 19. Jahrhundert vermutet), dies aber streng geheim gehalten, so dass Griechen und Römer davon keine sichere Kunde mehr hatten“ (4, S. 42). Das würde zum Beispiel auch Funde von Eisen bei den vorkolumbischen Indianern erklären, die selbst kein Eisen herstellten, und die sicher gerne das für sie unerhört wertvolle Eisen gegen Gold tauschten.

Nach der Zerstörung Karthagos, der wichtigsten phönizischen Stadt, könnte dann ein Rest der phönizischen Flotte mit vielen Überlebenden nach Südamerika geflohen sein; dem einzigen Land, in dem sie vor der Verfolgung durch Römer sicher waren. In Südamerika folgten die Flüchtlinge dem Amazonas stromauf ins gesündere Bergland, wo sie in dem Volk der Chachapayo aufgingen.

• Kelten:

Manche Beobachtungen sprechen eher für keltische Einflüsse. Dazu gehören Rundhäuser, gebaut nach keltischer Sitte, oder Schädelöffnungen (Trepanationen), die dazu dienten, den Druck auf das Gehirn zu verringern; die Phönizier kannten solche Eingriffe nicht. Auch die keltische Sitte, abgehackte Köpfe zur Schau zu stellen, weil nach keltischem Glauben die Seele im Kopf wohnt, war bei den Phöniziern verpönt. Da die Karthager mit Kelten und Balearen gegen die Römer verbündet waren, wäre es möglich, dass sich unter den Flüchtlingen auch Kelten und Balearen befanden.

Die sagenhafte Reise des „heiligen Brendan“

Eine lateinische Dichtung aus dem 9., 10. oder 11. Jahrhundert berichtet von der „Navigatio Sancti Brendani“, der Reise des „heiligen Brendan“. Zusammen mit 17 (oder mehr; die Angaben schwanken) weiteren Mönchen erreichte demnach der um 489 geborene Brendan von Irland aus nach sieben Jahren ein wunderschönes Land mit blühender Vegetation.

Es ist unsicher, ob Brendans Reise je stattgefunden hat. Erreichte er die Kanarischen Inseln, Madeira, die Azoren? Oder Island, Grönland, Neufundland, vielleicht sogar Florida, wie manche vermuten? Eine Überlieferung der Shawnee (Shawanos)-Indianer soll davon berichten, dass in früherer Zeit Florida von Weißen bewohnt war, die eiserne Werkzeuge besaßen (23). Beschreibungen von amerikanischen Pflanzen und Tieren in der Brendan-Legende könnten belegen, dass der Mönch tatsächlich in Amerika war.

Unmöglich scheint Brendans Reise nicht: In den Jahren 1976 und 1977 baute der Abenteurer Tim Severin nach mittelalterlichen Vorbildern die „Brendan“, als Replik einer Curragh, des lederbespannten irischen Bootes. Mit diesem primitiven Fahrzeug erreichte Severin tatsächlich Neufundland (20).

Auf der anderen Seite der Welt berichtete der Historiker Li-Yu von einer vergleichbaren Reise. Demnach „schifften sich fünf buddhistische Mönche aus Samarkand im Jahr 458 zu einer Reise über den Pazifik ein. In einer Entfernung von zwölftausend ,li‘ von China stießen sie auf Nippon, siebentausend ,li‘ weiter nördlich auf Wen Chin, das Land der Ainos, fünftausend ,li‘ weiter östlich auf das auf drei Seiten von Wasser umgebene Ta-Han. Nach nochmals zwanzigtausend ,li‘ in gleicher Richtung erreichten sie ein ungeheueres Festland namens Fu Sang.“ Die Beschreibung, die Li-Yu von diesem Land gibt, entspricht, so Jacques de Mahieu, „in grundsätzlichen Punkten nicht dem, was wir zuverlässig über das Amerika von damals wissen. Aber was möglicherweise das Produkt orientalischer Phantasie gewesen ist, macht das Zeugnis nicht völlig unglaubwürdig. Denn die erwähnten 20.000 ,li‘ entsprechen etwa 1.600 Kilometer und damit genau der Entfernung zwischen China und Kalifornien auf dem Weg der Kuro-Sivo-Meeresströmung.“ (14, S. 12).

Von Grönland nach Vinland

Vor Einbruch der „kleinen Eiszeit“ im 13. Jahrhundert war das Klima auf der Nordhalbkugel gemäßigter als heute. Nordische Seefahrer (Wikinger) entdeckten gegen Ende des ersten Jahrtausends die damals eisfreie Küste Grönlands, das „grünes Land“ getauft wurde, um es attraktiv zu machen. Als erster siedelte dort in einer „Eriksfjord“ genannten Bucht Erik der Rote, der Island wegen einer Totschlägerei verlassen musste. Ein halbes Jahrtausend lebten Wikinger auf Grönland, bis eine zunehmende Klimaverschlechterung das Überleben erschwerte, und die letzten, hungernden und erschöpften Nachkommen der Nordländer Krankheiten und schließlich den Eskimos zum Opfer fielen.

Wie Sagen erzählen, suchte Eriks Sohn Leif etwa im Jahr 1.000 ein von Bjarne Herjolfsson gesichtetes Land im Westen. Leif Erikssohn fand eine steinige Küste, die er „Helluland“ (Steinplattenland) nannte (wohl das heutige Baffin-Land). Dann segelte er weiter südwärts nach „Markland“ (Waldland, heute Labrador). Zuletzt siedelten er und seine 35 Gefährten auf einem schönen und fruchtbaren Land, das sie „Vinland“** nannten, da ein Expeditionsteilnehmer angeblich Weintrauben gefunden und sich daran berauscht hatte.

Diese Story löste einen Gelehrtenstreit aus, da so weit im Norden weder Trauben wachsen, noch überhaupt die Chance besteht, sich an unvergorenen Trauben zu betrinken.

Durch archäologische Forschungen (8) ist bewiesen, dass Europäer auf dem nördöstlichen Neufundland (bei L’Anse aux Meadows) siedelten, also vor der Nordostküste Nordamerikas. Allerdings konnten sie sich anscheinend nicht lange halten. Vermutlich war das Klima zu rauh, Feindschaften mit Indianern und Eskimos ließen kein normales Leben zu, interessante Handelsprodukte fehlten (die ersten Kolonien in Nordamerika überlebten im 16. und 17. Jahrhundert vor allem durch den Export von Tabak), und Europa war noch nicht so übervölkert, dass sich ausreichend viele Neusiedler den Risiken und Schwierigkeiten einer Auswanderung in ein so weit entferntes Land ausgesetzt hätten.

Mehr als ein Dutzend Runeninschriften und über siebzig von Wikingern zurückgelassene Gegenstände (21) – mehr oder weniger umstritten – geben, neben indianischen Überlieferungen, bis heute Anlass zu vielen Spekulationen.

 Die Inschrift von Parahyba

Eine 1873 entdeckte Inschrift von Parahyba (heute João Pessao, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Paraíba) an der Atlantikküste Brasiliens lautet in deutscher Übersetzung:

„Wir Söhne Kanaans sind aus der Stadt Sidon, Schiffsvolk und Händler, wurden geworfen an diese ferne Küste, ein Land der Berge. Wir weihten sie als Heiligtum der Götter und Göttinnen. Im neunzehnten Jahr des Hiram (etwa 522 bis 532 v. Chr.), unseres Königs. Wir gingen von Ezion-Geber aus auf das Schilfmeer, und wir brachen auf mit zehn Schiffen (mit je 20 bis 30 Männern/Frauen), und wir waren auf dem Meer miteinander. Zwei Jahre umfuhren wir das heiße Land (Afrika), dann wurden wir getrennt von Jerubbaal und wir betrauerten unsere Gefährten und wir kamen hierher, zwölf Männer und drei Frauen, auf eine Insel des Waldes, welche ich, Methuastart, der Führer, weihte als Eigentum der Götter und Göttinnen. Sie seien uns gnädig.“ (Zitiert nach www.indianer-welt.de/sued/chacha/chacha-herkunft.htm)

Diese zunächst als Fälschung abgetane Tafel dürfte nach genauerer Untersuchung (siehe dazu Literaturverzeichnis 4) doch echt sein. Offen bleibt, ob es sich um eine einmalige Reise vom Sturm verschlagener Seeleute oder Seeräuber handelt, oder ob Phönizier regelmäßig nach Südamerika kamen.

Die eigentümliche Kultur der Mandan

Lewis und Clarke, die frühen Erforscher des amerikanischen Westens, berichteten 1804 von dem gastfreundlichen Stamm der Mandan. Weitere Berichte über dieses kleine, um 1830 bereits von Seuchen dezimierte und von den Sioux-Indianern bedrohte Volk mit einem geschickt angelegten Dorf am Steilufer des Missouri, stammen von Catlin und dem Prinzen zu Wied. Dessen Begleiter, der Maler Bodmer, hielt das Dorf und einige seiner Bewohner in Gemälden fest. Im Jahr 1837 wurde der Stamm von damals noch 1.600 Menschen von einer Pockenepedemie bis auf 150 Überlebende dahingerafft. Damit war die eigenartige Kultur der Mandan ausgelöscht, noch bevor sie gründlich erforscht werden konnte.

Das Interessante für unser Thema: Bei den Mandan gab es eine starke Minorität von Individuen mit blonden, rötlichen oder braunen Haaren und blauen oder grauen Augen (14, S. 57). In der Kultur der Mandan spielte neben vielen weiteren Eigentümlichkeiten eine Sintflutsage und ein Kult um die Arche eine wichtige Rolle, deren Ursprung vor den ersten neuzeitlichen Kontakten mit Europäern zu vermuten ist (6, S. 105 f.). Der Historiker Georg Catlin sieht sogar Parallelen zwischen mandanischem und alttestamentlichem jüdischem Brauchtum (2, S. 96).

 Der Runenstein von Kensington

In Alexandria (Minnesota) wird ein 1898 bei Kensington aufgefundener Runenstein aufbewahrt, der die folgende Inschrift trägt:

„Wir sind acht Goten (=Schweden) und 22 Norweger auf einer Erkundungsfahrt von Vinland durch den Westen. Wir lagerten an einem See mit zwei Schären eine Tagesreise nördlich dieses Steines. Wir waren unterwegs und fischten, als wir eines Tages heimkamen und wir zehn Leute rot vor Blut und tot fanden. Ave Maria, rette uns vom Übel. Zehn Leute von uns sind vierzehn Tagesreisen von dieser Insel entfernt am Meer und wachen über unsere Schiffe. Im Jahre des Herrn 1362.“

Seit Auffindung des Steines wird über seine Echtheit gestritten.

Landeten die Wikinger in Südamerika?

In der Zeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert landeten Winkinger mit ihren Drachenschiffen an vielen europäischen Küsten. Sie gründeten sogar Königreiche, zum Beispiel in der Normandie und auf Sizilien. Einzelne ihrer Schiffe sind, vom Sturm verschlagen, vermutlich auch an süd- oder mittelamerikanische Küsten getrieben wurden. Folgt man dem französischen Wissenschaftler Prof. Dr. Jacques Mahieu, so blieb es nicht bei sporadischen Kontakten, sondern Wikinger ließen sich in Südamerika nieder und gründeten dort Staaten. Mahieu hat seine sensationellen Forschungsergebnisse in mehreren Büchern publik gemacht (11–16), und seine umfangreichen Forschungsarbeiten brachten überraschende Resultate, die nicht einfach wegzudiskutieren sind.

Seinen Recherchen zufolge ging im Jahre 967 ein dänischer Wikingerfürst namens Ullmann im Golf von Mexiko an Land. Die dortigen Indianer, die Weiße schon aus verschiedenen Besuchen, zum Beispiel von Iren kannten, bewunderten vermutlich vor allem die ihnen noch fremden Drachenschiffe, durch die Ullmann zu seinem mexikanischen Namen „Quetzalcoatl“ (gefiederte Schlange) kam. Die Wikinger zogen auf die Hochebene des Anahuac, und unterwarfen die Tolteken. Über Venezuela und Kolumbien gelangten sie später nach Ecuador und Peru, wo ihr König im 11. Jahrhundert „Huirakocha“ (weißer Gott) hieß. Nach einem verlorenen Krieg floh ein Teil dieser Wikinger-Abkömmlinge, inzwischen wohl mit indianischem Blut vermischt, auf Flößen über den Pazifik, andere tauchten im Urwald unter.***

 „Im 10. Jahrhundert war Amerika vollkommen bekannt“

Im 10. Jahrhundert ist in Westeuropa das Vorhandensein Amerikas vollkommen bekannt. Die Schriften des Altertums, in denen es dank Aristoteles, Strabon, Seneca, Macrobius, Plutarch, Diodorus von Sizilien und anderen erwähnt wird, las man, zumindest soweit sie in lateinischer Sprache abgefasst waren, auch noch in den gebildeten Kreisen des Hochmittelalters. Im 7. Jahrhundert hatte sich Isidor von Sevilla ausdrücklich darauf bezogen. Seit dem 9. Jahrhundert wurde in den Klöstern und Schlössern die Navigatio sancti Brendani von Hand zu Hand gegeben, die von der anscheinend wirklichen, aber vielleicht auch nur imaginären Reise des Abtes von Clainfert durch Mittelamerika im Jahre 536 berichtete. Vielleicht war den damals noch heidnischen Wikingern dies alles unbekannt. Aber sie wussten, und ihre Sagen berichteten, dass Ari Marsson im Jahre 963 vom Sturm nach Huitramannsland, dem „Land der weißen Männer“, oder Groß-Irland verschlagen wurde, dass Kelten, die dort geblieben waren, besiedelt und getauft hatten, und dass Norweger, die später auch nach Amerika gingen, es gesehen haben. Ähnliche Episoden müssen sich schon vorher wie auch später abgespielt haben.

Jacques de Mahieu (11, S. 15)

Ein Templergeheimnis: Silber aus Amerika?

Zu den „Lieblingskindern“ der Esoteriker gehört der einst reiche und mächtige Templerorden, der aufgrund von Intrigen des französischen Königs und des Papstes vernichtet wurde. Vieles geheime Wissen wird den Tempelrittern zugetraut.

So ist Mahieu (15) der Ansicht, dass Templer aus Süd- oder Mittelamerika das Silber holten, das die Finanzierung der sehr kostspieligen gotischen Kathedralen erst möglich machte.

Die Argumente Mahieus, so sehr sie im ersten Augenblick überraschen, scheinen fundiert und verdienen nähere Prüfung. So unterhielten die Templer in La Rochelle einen wichtigen Atlantikhafen, dessen Notwendigkeit schwer einzusehen ist. Ihr eigentliches Arbeitsgebiet lag ja in Palästina, und für Reisen nach England oder Portugal, wo es Templer-Niederlassungen gab, boten sich weit günstiger gelegene Templer-Häfen an. Unweit von La Rochelle verbrachte im 6. Jahrhundert ein später heilig gesprochener Mönch seine letzten Lebensjahre: St. Malo, der Brendan auf seiner großen Seereise begleitet haben soll. Kam durch St. Malo geheimes Wissen zu den Templern? (15, S. 33). Oder war den normannischen Seefahrern Amerika ohnehin schon bekannt, hatten sie sogar entsprechende Seekarten zeichnen können, wie Mahieu vermutet? Rätselhafte Funde in der Neuen Welt scheinen für die Anwesenheit der Templer – oder anderer mittelalterlicher Europäer – zu sprechen.

Die Schiffe des Mittelalters, mit denen unter anderem die Templer während der Kreuzzüge die Verbindung zwischen Europa und dem Königreich Jerusalem aufrecht erhielten, waren kaum weniger seetüchtig als die Karavellen des Kolumbus, und man darf ihnen die Passage über den Atlantik zutrauen.

Nicht zuletzt hatten wahrscheinlich die Portugiesen Brasilien längst entdeckt, bevor Kolumbus in Westindien landete. 1493 und 1494 teilte Papst Alexander VI. die Kolonialreiche zwischen Portugal und Spanien auf. Diese Demarkationslinie von Tordesillas (1494) verlief zirka 370 Meilen westlich der Azoren. Der Meridian verlief zwar weit östlich der von Kolumbus entdeckten Westindischen Inseln, ging aber durch Brasilien, das damit (kaum rein zufällig) zu Portugal geschlagen wurde. Nach offiziellen Angaben erforschte als erster der Florentiner Amerigo Vespucci (1451–1512) südamerikanische Küsten auf seiner Reise von 1499 bis 1502, und als Entdecker Brasiliens im Jahr 1500 gilt der Portugiese Pedro Alvares Cabral (1460–1526).

Die „Neue Welt“ war längst bekannt

Betrachtet man die vielfältigen Sagen, Mythen, Funde, archäologischen Forschungen, so scheint fast sicher: Die von Kolumbus 1492 entdeckte „Neue Welt“ war der Alten Welt seit Jahrhunderten bekannt. Auch Kolumbus hatte wahrscheinlich ziemlich genaue Informationen vom Seeweg über den Atlantik. Phönizier, Iren, Wikinger, Bretonen (die angeblich schon vor Kolumbus in Neufundland fischten) waren wahrscheinlich nicht nur wenige Male, vom Sturm verschlagen, auf dem amerikanischen Kontinent angekommen. Wer die Nord- und Südäquatorialströme zu nützen wusste, vermochte sehr wohl mit Schiffen des Altertums oder des Mittelalters den Atlantik zu kreuzen und vielleicht auch den Pazifik zu überqueren. Die außerordentlichen seefahrerischen Leistungen der Polynesier zeigen, welche Entfernungen selbst mit primitiven Wasserfahrzeugen überbrückbar sind. Es gibt keinen Grund, den Europäern oder Chinesen, die vor zwei Jahrtausenden die Meere befuhren, weniger zuzutrauen.

Dass wir so wenig von antiken und mittelalterlichen Entdeckungsreisen wissen, liegt vielleicht nicht daran, dass es sie nicht gab, sondern einfach daran, dass die Hochseewege – als wichtige Handelsstraßen – streng geheim gehalten wurden.

 

* Gringo (span.) = despektierliche Bezeichnung für Ausländer, besonders Yankees

** Vinland muss nicht „Weinland“ bedeuten, sondern kann auch als „fruchtbares Land“ übersetzt werden (siehe Literaturverzeichnis 3, S. 43).

*** Thor Heyerdahl hat mit seiner Kon-Tiki-Expedition bewiesen, dass eine solche Reise über den Pazifik möglich ist (siehe Literaturverzeichnis 7).

 

Literatur:

(1) Ashe Geoffrey, Land to the West, Collins, London 1962

(2) Catlin George, Die Indianer Nordamerikas, Lothar Borowski, Wels o. J.

(3) Ceram C. W., Der erste Amerikaner, Artemis & Winkler, München 1991

(4) Delekat Lienhard, Phönizier in Amerika, Peter Hanstein, Bonn 1969

(5) Dona, Klaus, Unsolved Mysteries, Ausstellung im Vienna Art Center Schottenstift, Wien 2001

(6) Hansen Walter, Die Reise des Prinzen Wied zu den Indianern, Prisma, Gütersloh 1979

(7) Heyerdahl Thor, Kon Tiki, Ullstein, Wien 1956

(8) Ingstad Helge, Die erste Entdeckung Amerikas, Ullstein, Wien 1983

(9) Landström Björn, Das Schiff, Bertelsmann, Gütersloh 1973

(10) Landström Björn, Buch der frühen Entdeckungsreisen in Farben, Bertelsmann, Gütersloh 1976

(11) Mahieu Jacques de, Das Wikingerreich von Tiahuanaco, Grabert, Tübingen 1981

(12) Mahieu Jacques de, Der weiße König von Ipir, Grabert, Tübingen 1978

(13) Mahieu Jacques de, Des Sonnengottes große Reise, Grabert, Tübingen 1972

(14) Mahieu Jacques de, Des Sonnengotte heilige Steine, Grabert, Tübingen 1977

(15) Mahieu Jacques de, Die Templer in Amerika, Grabert, Tübingen 1979

(16) Mahieu Jacques de, Wer entdeckte Amerika?, Grabert, Tübingen 1977

(17) Plummer Katherine, The Shogunn’s reluctant Ambassadors, Lotus Press, Tokyo 1984

(18) Stammel, H. J., Indianer, Bertelsmann, Gütersloh 1977

 

www …

Wikinger:

www.blindekuh.de/wikinger/

 

Die Chachapoya:

www.indianer-welt.de/sued/chacha/chacha-herkunft.htm

 

St. Brendan:

www.newadvent.org/cathen/02758c.htm