Siegfried Hagl - Schriftsteller

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War Marco Polo wirklich in China?

(Veröffentlicht in GralsWelt 69/2012)

Ein häufiger Ausspruch meines Geschichtslehrers lautete: „So steht es in der Mythologie, so hat es Homer uns berichtet – doch weiß man in der Geschichte nie, was wahr ist und was nur erdichtet.“

 Der große Reisende – ein Aufschneider?

Wir alle haben in der Schule von dem Weltreisenden Marco Polo (1254–1324) gehört, der, als Begleiter seines Vaters und seines Onkels, von Venedig durch ganz Asien bis nach Peking an den Hof des Kubilai Chan (1215–1294) kam, des Mongolen-Herrschers über China. Dort fiel der intelligente junge Venezianer dem Kaiser auf, der ihn in seine Dienste nahm und ihn in kaiserlichem Auftrag große Teile des riesigen chinesischen Reiches bereisen ließ.

Nach zwei abenteuerlichen Jahrzehnten am Kaiserhof fanden die drei Venezianer endlich eine Möglichkeit zur Heimreise. Sie trafen 1295 wohlbehalten und mit großen Reichtümern, in Form von Edelsteinen, in ihrer Heimatstadt ein, wo ihre Verwandten Schwierigkeiten hatten, sie wiederzuerkennen.

Es war ein Glück für die Geschichtsschreibung, daß Marco in einem Krieg zwischen Genua und Venedig 1298/99 in genuesische Gefangenschaft geriet. Denn dort diktierte er seine Reiseerinnerungen einem Landsmann.

In Venedig hielt man Marco Polo für einen Aufschneider und verspottete ihn als „Messer Milione“, da seine Beschreibungen des chinesischen Reiches und seiner riesigen Städte den Venezianern allzu unglaubwürdig erschienen. Noch heute ist „Marco Milione“ oder „il milione“ eine populäre Spottfigur, die bei  Karnevalszügen nicht fehlen darf.

Historiker hielten Marco Polos Bericht Jahrhunderte lang für eine zuverlässige Quelle; einige Ungereimtheiten oder auch grobe Fehler schrieb man dem Umstand zu, daß Marco bei der Beschreibung von Landstrichen, die er nicht selbst bereist hatte, unzuverlässigen Zeugen geglaubt hatte. Was er selbst gesehen hatte, schien er aber durchaus ehrlich zu schildern. Doch in den letzten Jahrzehnten kamen Historikern ernsthafte Zweifel, ob Marco Polo wirklich weiter im Osten war als bis zum Schwarzen Meer.

Eine fragwürdige „Beschreibung der Welt“

Vermutlich griff der Verfasser der berühmten „Beschreibung der Welt“ tatsächlich auf fremde Quellen zurück, ohne je selbst in China gewesen zu sein.

Was lässt moderne Forscher an der Chinareise Marco Polos zweifeln? Mehrere Fakten fallen auf:

• In chinesischen Quellen fehlen Hinweise auf die Anwesenheit der Polos, die doch zu erwarten wären, wenn Marco am Hofe auch nur annähernd die Rolle gespielt hätte, von der er selbst berichtet. Selbst ein längerer Gastaufenthalt der drei fremdländischen Kaufleute in China sollte in den Chroniken vermerkt sein.

• Marco Polo erwähnt nirgends, daß die Chinesen Tee trinken, was damals einem Abendländer bemerkenswert erscheinen musste.

• Auf seinen angeblichen Reisen musste er mehrmals die Chinesische Mauer überqueren. Warum erwähnt er sie nicht?

• Die altchinesische Unsitte, Frauen die Füße einzuschüren, ist ihm nicht aufgefallen. Hatte er nur Kontakte zu Mongolen, nicht zu Chinesen?

• Nirgends spricht er von der chinesischen Schrift.

Fazit: Die „Beschreibung der Welt“ ist kein Reisebericht und eignet sich auch nicht als Reiseführer. Erfahrene Reisende, die versuchten, Marco Polos Spuren zu folgen, mussten dieses Vorhaben ausnahmslos aufgeben. Vielleicht hat Marco Polos Landsmann Rustichello, Schriftsteller von Beruf, in der Langeweile der Gefangenschaft die spannenden Erzählungen Marcos gesammelt und zu einem Buch aufbereitet. Die Quellen, auf denen die phantastischen Geschichten beruhen, sind schwer festzumachen. Neben privaten Notizen der Polos könnten persische oder arabische Reiseführer und Geschichtswerke Daten geliefert haben.

Aber auch wenn Marco Polo nicht bis nach Karakorum, Peking und Indien gekommen sein sollte, ändert das nichts an der grundlegenden Bedeutung seiner „Beschreibung der Welt“: Sie brachte nützliche Informationen über den fernen Osten und half den Mitteleuropäern, zwei Jahrhunderte vor dem Zeitalter der großen Seefahrer, die Größe der Erde zu ahnen und zu erkennen, dass das Mittelmeer nicht der Nabel der Welt ist.

 Literatur:

Rübesamen Hans Eckart, Die Reisen des Venezianers Marco Polo, Heyne, München 1983

Wood Frances, Marco Polo kam nicht bis China, Piper, München 1998