Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Von einem der auszog…

Sicher kennen Sie schon die Geschichte von dem armen, jungen Mann der reich werden wollte.

Nach mancherlei Abenteuern befreit er eine Prinzessin aus einer Räuberhöhle (oder der Gefangenschaft eines Drachens), heiratet die Königstocher und wird zuletzt selbst König.

Diese Story gibt es in zahlreichen, mehr oder weniger komplizierten Variationen in vielen Ländern; ein Dauerbrenner in Märchen, Sagen, phantastischen Erzählungen, die niemand ernst nimmt.

Doch eine solche Geschichte hat sich tatsächlich ereignet. Und zwar – schwer zu glauben – im 19. Jahrhundert in einem christlichen Kaiserreich!

Ein sehr altes Kaiserreich im Zerfall

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das christliche Kaiserreich Abessinien, das seinen Ursprung bis auf Salomon zurückführte und aus Äthiopien und Eritrea bestand, ein zerrissenes Land. Da Eritrea von 1554 an für mehr als drei Jahrhunderte unter türkische Herrschaft geriet, wurde auch vom „Kaiserreich Äthiopien“ gesprochen. Wir bleiben hier bei Abessinien.

Die Statthalter (Ras genannt) herrschten ziemlich unumschränkt in Ihren Provinzen, versuchten ihre Macht auszuweiten und trieben das Land in einen Krieg aller gegen alle in dem auch Räuberbanden kräftig mitmischten. Die von den Statthaltern nach Belieben inthronisierten Kaiser, mit dem Titel „Negusa Negast“ („König der Könige“) waren so gut wie machtlos und mussten der zunehmenden Anarchie hilflos zusehen. Parallelen zu den finstersten Epochen des mittelalterlichen Deutschen Reiches bieten sich an.

Dieses zerfallende abessinische Reich bot sich für Ägypten, das schon in den benachbarten Sudan eingedrungen war, als leichte Beute geradezu an. Eine große Invasion der Ägypter konnte Großbritannien verhindern, das nach der Niederlage der französischen Expeditionstruppen in Ägypten über großen Einfluss verfügte.

Doch gab es kleinere Angriffe der Ägypter und die von diesen geförderte Islamisierung schritt in Abessinien voran; die sehr alte äthiopische Kirche geriet unter Druck. Es war Zeit für eine Wende; doch dazu fehlte die charismatische Führerpersönlichkeit.

Ein begabter Junge

Um 1818 wurde in Quare, einer östlich des Tanasees gelegenen Region an der Westgrenze des christlichen Abessinien, des heutigen Äthiopien, der Junge Kasa (oder Kassa) geboren. Sein Vater war ein Bauer (nach anderer Überlieferung war Kasa der illegitime Sohn des Fürsten von Quara), die Mutter verkaufte Kusso, ein Mittel gegen den Bandwurm, das aufgrund des häufigen Verzehrs von rohem Fleisch viel gebraucht wurde. Kasas Heimat war eine Räuberregion und der „Beruf“ des Räubers war damals nicht ehrenrührig. Wohl nicht unähnlich Zuständen in der heutigen Zeit, wo von Somalia (und anderen Ländern) aus operierende Seeräuber Handelsschiffe überfallen und für die gekaperten Schiffe Lösegeld erpressen. Diese Piraterie wird von (oft machtlosen) Regierungen toleriert, von finanzkräftigen Geldgebern finanziert, und von den „reichen“ Ländern als „Entwicklungshilfe“ abgebucht. Festgenommenen Piraten droht heute nur eine Gefängnisstrafe.

Unser Held Kasa wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er kam zu einem Gerber in die Lehre und wurde dann von einem Kloster als Schreiber aufgenommen, wo er sich eine gewisse Bildung aneignen konnte. Als das Kloster von Räubern ausgeraubt und niedergebrannt wurde, blieb Kasa nicht besseres übrig, als sich freiwillig oder unter Zwang den Räubern anzuschließen.

Ein erfolgreicher „War-Lord“

Der starke, mutige und intelligente Kasa wurde bald selbst zum erfolgreichen Hauptmann einer Räuberbande, die sich patriotisch den eindringenden „Türken“ (Ägyptische Truppen) und der Ausbreitung des Islam entgegenstellte. Bald wurden seine „Freiheitskämpfer“ so stark, dass die Statthalter über Bündnissen mit diesen Banditen nachdachten.

Bei einem Vorstoß der Ägypter wurden die schwachen Kräfte der Kaiserin Manan geschlagen, und sogar deren Tochter – eine Schönheit – gefangen genommen, die in einem ägyptischen Harem landen sollte.

Als Kasa von dem Unglück der Kaiserin hörte, überfiel er in einem Überraschungsangriff die Invasoren, befreite die gefangene Prinzessin und schickte diese zu ihrer Mutter zurück.

Der Kaisersohn Ras Ali II. hasste den Emporkömmling Kasa und machte gegen diesen mobil. Doch Kasas Befreiungsaktion löste eine Welle der Begeisterung im ganzen Land aus und Tausende junger Männer schlossen sich Kasa an. So konnte er mit 15.000 Kämpfern zur Hauptstadt Gondar marschieren und die Hand der Prinzessin Tawabatch fordern. Damit heiratete er in den engsten Kreis des kaiserlichen Hofes ein. Am Hofe fühlte er sich nicht wohl, verachtete die komplizierte höfische Etikette und nahm es den Aristokraten übel, dass sie seine Frau und wohl auch ihn, mit Verachtung betrachteten. Zudem fehlte ihm das Verständnis dafür, dass im Palast endlos über zeremonielle Fragen debattiert wurde, während das Land zugrunde ging. So kehrte er in seine Heimat zurück und wurde zum Rebell. Gegen ihn ausgesandte, überlegene Streitkräfte konnte er durch geschicktes taktieren und kühnes Vorgehen mehrmals schlagen und sogar die Kaiserin gefangen nehmen.

Durch diese Siege findet er viele Unterstützer, besonders in der Kirche, die sich Schutz vor der Islamisierung erhofft. Kasa ruft die äthiopische Kirche zur alleinigen Staatskirche aus und verbannt alle anderen Religionen. Er wird zum „von Gott gesandten Retter des Reiches“ ausgerufen.

Zuletzt kommt es am 3. Februar 1855 zu der entscheidenden Schlacht, in der das alte und das neue Abessinien aufeinander treffen. Auf der einen Seite die feudale Aristokratie mit ihrem Anhang; auf der anderen Abenteurer, Bauern, fromme Christen, Räuberbanden. Es wird eine harte, zähe Auseinandersetzung, in der viele Adelige fallen und zuletzt Kasas Kämpfer sich durchsetzen. Dieser wird als Twodoros II. (Theodor II,) zum Kaiser ausgerufen.

Kein glückliches Ende

Das Ende der Geschichte ist nicht so erfreulich, wie es sich für ein richtiges Märchen gehört:

Der neue Kaiser ist intelligent und gerissen. Er kann sich den Versuchen von Großbritannien und des Osmanischen Reiches, Einfluss auf sein Land zu nehmen, widersetzen; bemüht sich um Reformen, die er allerdings gegen manchen Widerstand mit Gewalt durchsetzen muss und schafft die Sklaverei – zumindest nominell – ab.

Leider bleibt das Ergebnis seiner – durchaus positiven – Ansätze gemischt, nicht nur weil die strukturellen Gegebenheiten schwierig waren und die konservativen Aristokraten gegen ihn arbeiteten.

Denn er scheitert auch an seiner eigenen Persönlichkeit. Als starker Trinker verfällt er dem religiösen Fanatismus und überschätzt seine Möglichkeiten. Haben seine Erfolge zum Realitätsverlust geführt? Er schreibt einen Brief an die Königin von England und bietet ihr ein Bündnis an. Als der Brief unbeantwortet bleibt, nimmt er Europäer als Geiseln und lässt sogar Abgesandte Großbritanniens, die mit ihm verhandeln wollten, in Ketten legen.

Damit hat er das größte Kolonialreich brüskiert, das sich gezwungen sieht, eine Strafexpedition loszuschicken. Diese landet im Dezember 1867 an der Küste. Dank seiner überlegenen Bewaffnung kann das indisch-britische Expeditionsheer – bei geringen eigenen Verlusten – die Abessinier zurückdrängen und zuletzt die Bergfestung Magdala (oder Amba) erobern, in der sich Twodoros verschanzt hatte. Um der Gefangenschaft zu entgehen, begeht er am 13. April 1868 Selbstmord. –

Heute würdigt man als seine historische Leistung, dass er den Zerfall Abessiniens aufgehalten und erste Schritte zur Modernisierung eingeleitet hat. Dauerhafte Erfolge blieben ihm persönlich verwehrt. Nicht zuletzt wegen seiner unrealistischen Einschätzung der Weltlage und seiner unberechenbaren Persönlichkeit mit Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen.

 

Literatur:

(1)  Guadalupi, Gianni: „Der Nil“, Karl Müller Verlag, Erlangen, o. J.

(2)  https://de,wikipedia.org/wiki/theodor

(3)  https;//de.wikipedia.org/wiki/äthiopien