Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Utopia im Urwald

(Veröffentlicht in GralsWelt 25/2007)

oder: Mit Musik geht alles besser …

Von der Geschichte der Kolonisierung ist die christliche Missionsgeschichte nicht zu trennen. Wo immer europäische Eroberer auftauchten, waren sie von Priestern der verschiedenen christlichen Kirchen begleitet, die ihre Aufgabe darin sahen, die „Heiden” zu taufen und dadurch vor der „ewigen Verdammnis” zu bewahren. Die wenigsten Weißen fühlten sich damals verpflichtet, den Eingeborenen – ob getauft oder ungetauft – Menschenrechte zuzubilligen; in der Regel wurden sie als Sklavenarbeiter ausgebeutet. Widersetzten sie sich der Sklaverei, vertrieb man sie oder rottete sie aus. Eine besondere Stellung unter den Missionaren nahmen jedoch die Jesuiten ein. Um ihre Art der Missionsarbeit ranken sich, wie Siegfried HAGL in dieser Folge unserer Serie zeigt, einige „seltsame Geschichten” …

Jesuiten-Missionare wußten sich in vorbildlicher Weise auf die Mentalität der fremden Völker einzustellen: Sie erlernten deren Sprachen und machten sich mit deren Sitten vertraut. In China drang der Jesuit Matteo Ricci (1552-1610) als hochgeschätzter „Dr. Li” bis zum Kaiser vor, in Indien traten sie als Brahmanen und Jogis auf, und am Hofe des Großmoguls Akbar (1542-1605) trugen sie den Sieg in den Disputationen über ihre Lehre mit Hindus, Buddhisten, Muslimen und Parsen davon. Von Kanada bis Japan wurden Jesuiten bei ihrem selbstlosen Einsatz zur Verbreitung der katholischen Religion zu Märtyrern.

Venantius Rouchet

Aus einen Brief des Jesuitenpaters Venantius Rouchet über Paraguay im Jahre 1714:

„Die Patres lockten mit Liebkosungen diese wilden Leute allmählich zu sich und bemühten sich mit unbeschreiblicher Geduld so lange, bis sie etliche dieser zusammengezogen hatten. Dann setzten sie sich samt ihnen an einen bequemen Ort fest. Sie bauten Dörfer, Flecken und Kirchen auf. Sie unterwiesen sie im Feldbau und anderen notwendigen Künsten. Vor allem aber unterrichteten sie sie im christlichen Glauben, wodurch sie aus so wilden Bestien mit göttlichem Beistand sanftmütige Leute und die besten Christen gemacht haben.

Der Anfang war unbeschreiblich schwer. Die Missionare ließen von Buenos Ayres allerhand Geschirr, Werkzeug, Samen, Tücher, Schafe, Pferde, Esel und Maultiere kommen. Sie lehrten die Indianer Holzfällen, Steinbrechen, Ziegel- und Kalkbrennen, Pflügemachen, Ackern, Säen, Häuserbauen und legten in allem selbst die Hand an, bis die Indianer den Vorteil begriffen haben.” (4, S.77)

Dieses Bild der Jesuitenmission wird ergänzt durch ihren Einsatz zum Schutz der indigenen Völker. So versuchte der Orden zum Beispiel in Nordamerika den Branntweinverkauf, und in Südamerika den Sklavenhandel zu unterbinden, was ihm die Feindschaft der weißen Kolonisten eintrug, die ihren einträglichsten Handel gefährdet sahen. Da die Bemühungen der „Schwarzen Roben” um eine Christianisierung der Indianer durch Unmenschlichkeiten der weißen Siedler und Händler ständig unterlaufen wurden, entschlossen sich die jesuitischen Missionare in Südamerika zu einem einmaligen Experiment …

Die Jesuitenrepublik Paraguay (ca.1609-1768)

Im 16. Jahrhundert wurden Ansiedlungen der Spanier und Portugiesen meist an Flußmündungen gegründet, und das Hinterland über schiffbare Flüsse erschlossen. Die Jesuiten-Patres stellten auf ihren Erkundungsreisen fest, daß die Fahrt ins Landesinnere am Uruguay-Fluß durch einen großen Katarakt versperrt war, und beschlossen, im dadurch unzugänglichen Hinterland einen Indianerstaat zu gründen. Ihre Kontakte zu den scheuen Indianern knüpften sie über Gesang und Musik. Angezogen von den musischen Klängen versammelten sich Guaranis und Chiquitos inmitten der unberührten Natur um die Patres, die ihnen Gesangsunterricht gaben. Es entstanden Ortschaften im Landesinneren, sogenannte „Reduktionen”, mit drei- bis sechstausend Einwohnern, die unter der Anleitung der Missionare das Land bewirtschafteten. Alle Arbeiten wurden von Gesang und Musik begleitet; denn die Indianer erwiesen sich als musikalisch hochbegabt. Mehrstimmige Choräle erklangen bald fehlerfrei im Urwald. Musik stand im Mittelpunkt ihres Gemeinschaftswesens.

Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder

Der Dominikaner Las Casas (1474-1566), Bischof von Chiapa in Mexiko, war einer der bekanntesten Fürsprecher der Indianer Südamerikas, was ihm heftige Anfeindungen einbrachte. Hier ein Auszug aus seinem „Brevisima relacion de la destruccion de las Indias occidentales” (Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder) von 1541/42, gedruckt 1552 in Sevilla:

„Alle diese unzähligen Menschen von verschiedenem Schlag schuf Gott einfältig, ohne Falsch und Arg. Sie waren sehr folgsam, äußerst treu, sowohl ihren ursprünglichen Herren, als den Christen, welchen sie dienten; waren demütig, geduldig, friedliebend und ruhig; kannten weder Streit noch Zwietracht, noch Zank; wußten nicht einmal, daß Groll oder Haß oder Zwietracht oder Rachsucht in der Welt vorhanden sei. Es sind Leute von schwächlicher zarter Leibesbeschaffenheit, sie können nicht viel Beschwerden ertragen, und sterben leicht an der geringsten Unpäßlichkeit. (…)

Sie sind hiernächst sehr arme Leute, besitzen wenig von den Gütern der Erde und trachten auch nicht darnach; deswegen sind sie auch weder stolz noch hoffärtig, noch habsüchtig. Ihre Nahrung ist von der Art, daß selbst die heiligen Väter in der Wüste nicht spärlicher, armseliger, kümmerlicher gelebt haben mögen. (…)

Sie sind von schnellem, unbefangenen, durchdringenden Fassungsvermögen; gelehrig und empfänglich für gute Grundsätze, voll Fähigkeit, unseren heiligen katholischen Glauben anzunehmen und sich an gottseligen Wandel zu gewöhnen. (…)

Unter diese sanften Schafe, die ihr Schöpfer und Urheber mit oberwähnten Eigenschaften begabte, fuhren die Spanier, sobald sie nur ihr Dasein erfuhren, wie Wölfe, Tiger und Löwen, die mehrer Tage der Hunger quälte. Seit vierzig Jahren haben sie unter ihnen nichts anderes getan, und bis auf den heutigen Tag tun sie nichts anderes, als daß sie dieselben zerfleischen, erwürgen, peinigen, martern, foltern und sie durch tausenderlei eben so neue als seltsame Qualen, wovon man vorher nie etwas ähnliches sah, hörte oder las, und wovon ich unten einige Beispiele anführen werde, auf die grausamste Art aus der Welt vertilgen. Hierdurch brachten sie es dahin, daß gegenwärtig von mehr als drei Millionen Menschen, die ich ehedem auf der Insel Hispaniola (Haiti) mit eigenen Augen sah, nur noch 200 Eingeborene vorhanden sind. Die Länge der Insel Cuba erstreckt sich beinahe so weit als der Weg von Valladolid nach Rom, heutigen Tages ist sie fast ganz von Menschen entblößt. San Juan (Puerto Rico) und Jamaica sind zwei der größten, fruchtbarsten und anmutigsten Inseln, beide liegen jetzt öde und verheert.” (4, S. 9 f.)

Außerdem wurden viele Indianer zu geschickten Handwerkern, die europäische Vorbilder exakt kopieren konnten. Religiöse Schnitzereien, Brabanter Spitzen und sogar komplizierte Musikinstrumente bis zur Orgel erzeugten sie in bester Qualität, die von den europäischen Produkten kaum zu unterscheiden war. Auch Lesen und Schreiben lernten viele Indianer. Allerdings fehlte ihnen das Verständnis für den Umgang mit Zahlen und die Bereitschaft zur Vorratswirtschaft. So entschieden sich die Patres für eine Art „Idealkommunismus”, in dem jede Familie zwar ihre eigenen Felder bewirtschaftete, doch einen Teil der Arbeitskraft für gemeinsame Aufgaben und das Anlegen von Vorräten einsetzten mußte.

An ihrem Höhepunkt umfaßte diese außergewöhnliche „Musikgesellschaft” der Jesuiten große Teile der heutigen Staaten Argentinien, Paraguay, Uruguay, Chile, Brasilien und Bolivien mit einunddreißig Ansiedlungen, vor allem am Paraguay und dessen Nebenflüssen, mit etwa einhundertvierzigtausend Menschen. Klugheit und Milde regierten das Land, die Begabungen der Indianer wurden gefördert, und schließlich gab es allenthalben Tischler, Schmiede, Weber, Schneider, Schuster, Gerber, Drechsler, Maler, ja sogar Zinngießer, Uhrmacher, Bildhauer, Glockengießer und Instrumentenmacher.

Besucher aus Europa waren begeistert von den Leistungen der Jesuiten, die ohne Gewalt, Vertreibung und Mord ein Utopia im schwer zugänglichen Urwald errichtet hatten, einen blühenden Staat, der eineinhalb Jahrhunderte bestand. Allerdings waren nicht alle von den Missionaren aufgesuchten Stämme friedlich, und die Missionierung ging nicht überall ohne Märtyrer vonstatten, zum Beispiel weil Medizinmänner die neue Religion bekämpften.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn …

Die Indianerrepublik, aufgebaut auf die Menschenrechte der Indianer, grenzte an Kolonialgebiete, deren Haupterwerbszweig der Sklavenhandel war; die weißen Kolonisten wollten diesen ungewöhnlichen Staat nicht akzeptieren. Allerdings hatten die Patres auch ihre Fürsprecher am spanischen Hof und beim Papst, und die ihnen verliehenen königlichen Patente waren nicht ohne weiteres zu umgehen.

Anton Sepp

Aus einem Brief, den der Jesuitenpater Anton Sepp im Jahre 1692 aus Paraguay an seinen Bruder Gabriel Sepp von und zu Reinegg in Tirol schrieb:

„Sobald die Einwohner (der Gemeinde Japeyu am Uruguayfluß) uns von dem Hügel, auf den ihr Dorf steht, erblickten, erhob sich zuerst ein Geschrei: Jopäan! Jopäan!

Mit dem dann alle insgesamt, Junge und Alte, Kranke und Gesunde, Blinde und Krumme dem Wasser zueilten, uns frohlockend zu empfangen. Etliche sogar so eilends, daß sie sich nicht Zeit genommen hatten, sich zu kleiden und so nackend daherliefen.

Andere hingegen sind auf ihr Pferd gesprungen, um desto eher uns zu genießen. Etliche kleideten und rüsteten sich mit ihrem Gewehr, so gut sie konnten. (…)

In Mitten des Flusses kamen uns zwei mit Flinten wohlgerüstete kleine Galeeren entgegen. Auf jeder war ein Trommelschläger, ein Trompeter und ein Schalmey. Diese stellten uns zu Ehren eine freudige, doch unblutige Seeschlacht dar. Sie gaben aufeinander in wohl abgeteilter Ordnung Feuer. Bald knallten die Musketen, bald brummten die Trommeln, bald erschallten die Trompeten. Sie jagten einander jetzt im Kreis, jetzt eine Kreuzlinie herum. Etliche stürzten sich in den Fluß und fochten miteinander schwimmend. Letztlich rückten sie zu uns, tummelten sich (um uns damit zu grüßen) dreimal im Kreis herum und begleiteten uns so an das Ufer, auf welchen R. P. Superior und der Ober-Schultheiß des Orts (der mit spanischem Namen Corregidor genannt wird und dennoch ein Indianer ist) mit 2 Schwadronen zu Pferd mit fliegenden 4 Fahnen und klingendem Feldspiel uns herzlichst empfangen hat.

Diese Landes-Miliz war nicht auf wild-westindisch mit Häuten, sondern in schöner Gala nach spanischer Mode gekleidet. Auch mit Säbel, Musketen, Bogen, Pfeilen, Schlingen und gebrannten Prügeln bewaffnet, womit sie dann in unserer Gegenwart ihr Kriegsexercitium verrichtet und die Fahne geschwungen, das Spiel gerührt und, da wir ausgestiegen, unter dem Geläut der Glocken uns durch hochaufgerichtete grüne Schwibbögen in Begleitung etlicher 1000 getaufter Indianer, die einem ganzen Kriegsheer gleich waren, in bester Ordnung, Eingezogenheit und Andacht in die Kirche geführt haben…” (4, S. 68 f.)

 

So wurden von 1629 an Horden halbwilder Sklavenjäger (sog. „Mamelucken”) auf die Reduktionen losgelassen, und etwa sechzigtausend Indianer in die Sklaverei verschleppt.

Die Jesuiten räumten 1631 die gefährdeten Gebiete, zogen sich weiter in den Urwald zurück, und erwirkten ein päpstliches Breve[1], das den Gouverneur von Brasilien unter Androhung der Exkommunikation aufforderte, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Doch da die Mamelucken im Interesse der Menschenjäger, Sklavenhändler und Kolonisten handelten, hatte das Breve keinen Erfolg.

So blieb den Patres nichts anderes übrig, als ihre Indianer zu bewaffnen. Sie bauten Gewehrfabriken und Kanonengießereien, und jede Reduktion stellte zwei Kompanien Soldaten auf, die unter dem Kommando ihrer Kaziken (Stammeshäuplinge) übten, in Uniformen und mit Waffen nach spanischem Muster. Bald konnte die Indianerrepublik eine Armee von mehr als dreißigtausend gut bewaffneten Kämpfern ins Feld führen und sich der Sklavenjäger erwehren. 1641 wurden die Mamelucken in einer mehrtägigen Schlacht zu Land und auf dem Uruguay vernichtend geschlagen. Die Pässe, durch die man in das Land eindringen konnte, wurden gut bewacht und berittene Streifkorps schützten vor überraschenden Angriffen. Die Jesuitenrepublik war ein richtiger Staat geworden, mit funktionierender Verwaltung und eigener Armee.

Das Ende einer einmaligen Gemeinschaft

Was Verbrecherbanden, Sklavenhändlern, korrupten Kolonialbeamten nicht gelingen wollte, das schaffte die europäische Politik. In Europa wurden die Jesuiten zum Feindbild gestempelt. Ihr Orden wurde 1759 aus Portugal, 1766 aus Spanien ausgewiesen, und 1773 vom Papst aufgehoben. Die Urwaldmissionare verloren dadurch jegliche politische Rückendeckung.

Koloniale Streitigkeiten zwischen Portugal und Spanien ließen sich am einfachsten auf Kosten der Paraguayreduktionen schlichten. So trat Spanien 1750 einen Teil das Jesuitenstaates an Portugal ab. Als dann noch von gewaltigen Gold- und Silberschätzen berichtet wurde, die angeblich in den Reduktionen lagerten, war der Indianerstaat nicht mehr zu retten. Spanische und portugiesische Streitkräfte, die einmarschieren wollten, wurden zunächst zurückgeschlagen. Erst als sie gemeinsam vorgingen, konnten sie die an Portugal abgetretenen Territorien erobern, und einen Zweifrontenkrieg entfesseln, dem die Republik nicht gewachsen war.

Die Jesuiten wurden vertrieben (die letzten 1768), und die Indianer flohen in den Urwald. Die Reduktionen mit ihren Kirchen, Schulen, Werkstätten, sogar Bibliotheken, wurden zerstört oder verkamen; denn die Eroberer waren vor allem an den sagenhaften Schätzen interessiert, die allerdings nur in ihrer Phantasie existierten. Die von den Jesuiten eingeführte Gütergemeinschaft blieb formal noch erhalten, bis ein Dekret des brasilianischen Präsidenten die indianische Verfassung im Jahre 1848 endgültig aufhob.

Heute sieht man in der von Jesuiten initiierten Staatengründung die in der Geschichte einmalige, gewaltfreie Verwirklichung einer Utopie. Die Kenntnisse und Talente der Missionare überzeugten die Indianer und ließen sie die menschliche Seite einer sonst meist grausamen, zu Unrecht „christlich” genannten, Heidenmission erfahren.

Breve = amtliche (minder wichtige) Entscheidung bzw. Verordnung des Papstes, die sich von einer Bulle durch ihre weniger feierliche Form unterscheidet.

Literatur:

(1) Caraman, Philip: „Ein verlorenes Paradies”, Kösel, München, 1979

(2) Fülöp-Miller, René: „Macht und Geheimnis der Jesuiten”, Droemer-Kanur, München, 1960

(3) MacNaspy, Clement J.: „Conquistador without Sword”, Loyola University Press (USA), 1984

(4) Ortruba, Gustav/Sturath, Georg: „Las Casas kurzgefaßter Bericht”, Universitätsverlag Rudolf Trauner, Linz, 1993