Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Stoppt die Spionage

(Veröffentlicht in GralsWelt 18/2001)

Wunderwaffen, Kautschuk und neue Arbeit für Agenten

 In den letzten Jahren erfährt man viel über Industriespionage, die unserer Volkswirtschaft Schäden in Milliardenhöhe zufüge. Doch derlei Methoden als Ausdruck eines rücksichtslosen Vorteilsstrebens des Menschen sind nicht neu.

Seit die Geheimdienste mit dem Ende des Kalten Krieges den größten Teil ihrer Daseinsberechtigung verloren haben, suchen sie nach neuen Betätigungsfeldern; hier bietet sich die Wirtschaftsspionage an. Im Bemühen, das Know-how der Konkurrenz auszuforschen, scheinen Unternehmen eine Chance zu sehen, eigene Entwicklungskosten einzusparen oder einen technologischen Rückstand schnell aufzuholen.

Das gilt keineswegs nur für Entwicklungsländer. Auch das höchstentwickelte Industrieland kann nicht immer und überall an der Spitze des Fortschritts stehen, so wenig wie sich ein einzelnes Unternehmen darauf verlassen darf, jederzeit auf allen Gebieten überlegen zu sein. Der Konkurrenzkampf ist hart, Neuerungen und Verbesserungen folgen immer schneller aufeinander; da ergreifen manche jede sich bietende Chance, ohne in der Wahl der Mittel zimperlich zu sein. Erfährt eine Firma, daß sie ausgespäht wurde, so empfindet man solche meist illegalen Methoden als unfair und versucht mit juristischen Mitteln dagegen vorzugehen. Dabei ist die Beweislage meist schwierig. Gerichtsverwertbare Tatsachen lassen sich nur selten erhärten, und noch seltener kommt es zu Urteilen. Man denke nur an den Wirbel um Lopez’ Wechsel von General Motors zu Volkswagen, der mit einem Vergleich endete, obwohl die Beweislage sehr dicht schien.

Falls wir uns zu Recht über die mit wenig vornehmen Methoden arbeitenden Industriespione empören, sollten wir nicht vergessen, daß derart anfechtbare Wege seit Jahrhunderten alles andere als seltene Ausnahmen sind.

 Geheimnisvolle Wunderwaffen

Im Altertum und im Mittelalter waren es vor allem militärische Geheimnisse, die streng gehütet wurden. Diese Geheimhaltung war so gut wie nie von Dauer. Waffentechnische Verbesserungen wurden schnell von Freund und Feind kopiert. In einem einzigen Fall ist eine „Wunderwaffe” (eine kriegsentscheidende Waffe, gegen die der Gegner hilflos ist) über Jahrhunderte geheimgehalten: das „Griechische Feuer”, dessen Chemie und Konstruktion bis heute umstritten sind. Im Jahre 678 hat das Griechische Feuer erstmals einen Angriff der Araber zurückgeschlagen. Ohne diese Wunderwaffe hätte sich Byzanz nicht bis 1453 behaupten können.

Später wurden Technologien bedeutsam, die ökonomische Vorteile versprachen. Beispielsweise waren der Vorsprung im Schiffbau, in geographischen Kenntnissen wie in der Navigation die Grundlagen für die historische Größe Portugals und Spaniens. Fast sprichwörtlich ist auch die Glasindustrie auf Murano (Venedig). Den Glasmachern war bei strengster Strafe das Verlassen der Insel verboten. Es dauerte Jahrhunderte, bis die venezianischen Technologien ausgeforscht oder nachentwickelt waren.

Lange hatten die Venezianer zum Beispiel das Monopol der Herstellung von Spiegeln. Der Spiegelsaal von Versailles wäre auch für Ludwig XIV. (1638-1715) nicht zu bezahlen gewesen, hätten die Spiegel in Murano gekauft und über die Alpen gebracht werden müssen. Doch das Geheimnis der Herstellung von Quecksilberspiegeln war nach Frankreich gekommen. So konnte in Versailles der luxuriöseste aller Säle entstehen: die Wände mit Spiegeln bedeckt (ein Quadratmeter Spiegel war vielfach teurer als ein Quadratmeter Gobelin), die im Kerzenlicht phantastische Effekte erzeugten.

Rücksichtsloser Ideenklau

 Als die Industrialisierung begann, wurden Konkurrenten hemmungslos ausgeforscht und Ideen rücksichtslos geklaut. Da Engländer im 18. und 19. Jahrhundert dem Rest der Welt voraus waren, wurden deren Werke besonders oft ausgespäht; das heißt aber nicht, daß in der angelsächsischen Industrie alles mit „fair play” zuging (vgl. Kasten). Wie vorgegangen wurde, mögen – stellvertretend für alle Industrie- und Entwicklungsländer – einige Beispiele aus der deutschen Industriegeschichte zeigen:

Das Geheimnis der Wurfmaschine

Ein junger Engländer namens John Lombe fuhr 1714 von London nach Piemont. Sein einziges Ziel war, das Geheimnis der „Wurf-Maschine” von Lucca zu lüften: in England herrschte eine wachsende Nachfrage nach Seidenstoffen. Die Produktionskosten hingen vor allem davon ab, daß die wichtigen Kettfäden im 17. und 18. Jahrhundert importiert werden mußten. Die Engländer versuchten es mit anderen Methoden, aber sie erreichten nicht die Qualität der Italiener. John Lombe war schon in jungen Jahren an den Seidenhandel geraten; er stammte aus einer Familie, die lange mit dem Weben von Wolle und Seide zu tun gehabt hatte. Im Alter von zwanzig Jahren schloß er sich mit John Cotchett zusammen, einem ehemaligen Anwalt, der in Derby eine Seidenspinnerei gegründet hatte.

Vier Schritte gehörten zur Herstellung eines kräftigen Kettfadens: der erste war das Winden des Seidenfadens vom Kokon auf eine Spule. Der Faden wurde dann gereinigt und zu einem Standardfaden gedreht. Der letzte Schritt, die Formung des Fadens durch Drehen zu einem starken Kettfaden, wurde „Verdoppelung” genannt. Es war dieser letzte Teil, den Cotchett und Lombe wenig zufriedenstellend lösen konnten, obwohl sie dafür holländische Maschinen kauften. Als Folge war mit den einheimischen Kettfäden gefertigte englische Seide minderwertiger als die mit den teuren italienischen Kettfäden hergestellte.

Tollkühn beschloß Lombe, ein Industriespion zu werden. Er lernte Italienisch, Konstruktionszeichnen und Mathematik. Mit Unterstützung seines Halbbruders Thomas, der das Familienunternehmen fortführte, brach er nach Italien auf. Lombe konnte sich der Hilfe eines Jesuitenpaters versichern, der ihm, wie die Geschichte erzählt, nach Zahlung einer „oblazione”, einer Bestechung, eine Stelle als Maschinenwinder in einer der Spinnereien von Lucca verschaffte. Dort blieb Lombe abends zurück und fertigte genaue Planzeichnungen der Wurfmaschine und ihrer Einzelteile an. Diese Zeichnungen schmuggelte er, in einem Ballen von Seidenfäden verborgen, zu seinem Bruder. Er wurde jedoch entdeckt und mußte aus Piemont fliehen. Hätte man ihn gefangen, dann wäre er an einem Fuß am Galgen aufgehängt worden – „bis zum Tode”, ein schreckliches Ende. Glücklicherweise konnte er sich zur Küste durchschlagen und erreichte ein britisches Kaufmannsschiff, das nach London ablegte. Als man herausfand, auf welche Weise er entkommen war, begannen italienische Kanonenboote eine wilde Verfolgungsjagd – vergeblich.

Nach seiner Rückkehr nach London, 1716, erwarb John Lombe unverzüglich ein Patent auf diese Maschine und errichtete, mit finanzieller Unterstützung seines Halbbruders Thomas, die erste wassergetriebene Textilfabrik in England. Sie war der Prototyp der modernen Textilfabrik und führte in ganz Nordengland zu einer „industriellen Revolution”. Betrieben wurde sie durch ein einfaches unterschlächtiges Wasserrad, das über ein Zahnradgetriebe eine ganze Batterie von Wurfmaschinen, die von 300 Fabrikarbeitern bedient wurden, antrieb: eine Mechanisierung in bisher unvergleichlichem Maßstab!

Diese Geschichte fand ein düsteres Ende. Im Jahre 1722 starb John Lombe plötzlich, im Alter von 29 Jahren und sechs Jahre nach seiner Rückkehr aus Italien. Eine geheimnisvolle Italienerin war bald nach Gründung seiner Fabrik in Derby eingetroffen, und er hatte sie angestellt. Später glaubten viele, die Piemonteser hätten sie ausgesandt, um Rache zu nehmen durch ein langsam wirkendes Gift. Bald nach Lombes Tod verschwand sie.

 Zitiert aus: John Merson: „Straßen nach Xanadu”, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1989

Von Cromford nach Ratingen

Die „Cromford Mill” in den Midlands (England) war die erste mechanische Spinnerei von Richard Arkwright (1732-1792). Um diesen Vorsprung der englischen Textilindustrie zu sichern, stellte bereits 1774 ein Gesetz die Ausfuhr von Maschinen und Werkzeugteilen unter strenge Strafe. In Deutschland hatte man von der revolutionären Technik gehört, und der Elberfelder Kaufmann und Verleger Johann Gottfried Brügelmann (1750-1802) versuchte zusammen mit einem geschickten Handwerker die englischen Maschinen nachzuerfinden. Als seine Versuche fehlschlugen, schaltete er einen Freund in England ein, dem es gelang, Maschinen nach Deutschland zu schmuggeln und sich die Kenntnisse anzueignen, die zum Bau und Betrieb einer industriellen Spinnerei nötig waren. Hinzu kam die Hilfe eines englischen Facharbeiters, der sich abwerben ließ. Damit konnte im Sommer 1784 in Ratingen die erste „moderne Fabrik” auf dem Kontinent in Betrieb gehen, die Brügelmann auf den Namen „Cromford” taufte. Er ließ seine Einrichtungen durch ein kurfürstliches Edikt schützen, mußte sich aber trotzdem bald gegen Werkspione und die Abwerbung seiner Fachkräfte wehren.

Noch aufregender ist die folgende Anekdote, die von der Spionagetätigkeit eines bekannten Fabrikherrn berichtet (zitiert aus: Günther Ogger: „Die Gründerjahre”, S. 37, siehe Literaturverzeichnis)

 Hoesch versteckt sich im Ofen

Der Dürener Eisenfabrikant Eberhard Hoesch, Sproß einer uralten Industriedynastie, schipperte 1823 über den Ärmelkanal. Sein Ziel war Sheffield, das Zentrum der britischen Stahlindustrie, wo man seit einiger Zeit ein neues, leistungsfähigeres Verfahren anwandte, die sogenannte Puddlingsfrischerei. Die Briten aber wachten über derlei Techniken wie über Staatsgeheimnisse, und jeder, der beim Spionieren erwischt wurde, mußte mit dem Todesurteil rechnen. Der dreiunddreißigjährige Deutsche nahm das Risiko auf sich, tarnte sich als Kunde und schaffte es tatsächlich, in ein modernes Puddelwerk zu gelangen. Als er sich zu stark für Einzelheiten interessierte, wurden Arbeiter auf ihn aufmerksam, und der Werkmeister befahl seine Festnahme. Hoesch flüchtete, versteckte sich in einem erkalteten Ofen und kletterte, rußbeschmiert, im Kamin so weit hoch, daß er von unten nicht entdeckt werden konnte. In der qualvollen Enge des Ofenrohrs harrte er stundenlang aus und hoffte, bei Nacht unbemerkt aus dem Werkgelände entwischen zu können.

Zu seinem Schrecken aber machten die Engländer plötzlich Anstalten, den Ofen unter ihm anzublasen. Mit Getöse ließ er sich durchs Rohr sausen und entwischte den konsternierten britischen Stahlwerkern in einer riesigen Rußwolke.

Monopole dauern nicht

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Brasilien der wichtigste Kautschuk-Lieferant. In brasilianischen Urwäldern wächst der Kautschuk-Baum (hevea brasiliensis), dessen Saft zu Rohgummi (Wildkautschuk) verarbeitet wird. Zuerst die Elektro-, dann die Fahrrad- und Automobil-Industrie verlangten immer mehr Gummi. Die Kautschukpreise stiegen in ungeahnte Höhen.

In den Tiefen der Urwälder, besonders am Amazonas und seinen Nebenflüssen, entstanden Faktoreien, Siedlungen, sogar Großstädte wie Manaos und Para, in dessen Opernhaus Enrico Caruso (1873-1921) gastierte.

Um das lukrative Monopol auf den Wildkautschuk zu behalten, war die Ausfuhr von Samen oder Pflanzen des Kautschuk-Baumes bei Todesstrafe verboten. Die wirtschaftliche Notwendigkeit, das brasilianische Kautschuk-Monopol zu brechen, brachte gerade noch rechtzeitig England auf den Plan, das führende Industrieland mit weitreichenden Verbindungen. Im Jahre 1876 gelang es dem englischen Pflanzer Henry Wickham, etwa 70.000 Kautschuk-Samen zu sammeln und auf ein englisches Schiff zu bringen. Einige tausend Sämlinge keimten, und in Ostasien wurde eine Plantagenwirtschaft möglich, die drei Jahrzehnte später genügend Plantagen-Kautschuk auf den Markt brachte, um die unerträglich hohen Kautschuk-Preise zu senken.

Der Entschluß der britischen Regierung, ein Monopol zu brechen, das die Entwicklung ganzer Industrien behinderte, wurde als weise, vorausschauende Handlung gefeiert, die erst den Aufstieg der Gummiindustrie ermöglichte. Anders sahen das die Brasilianer, deren Urwaldsiedlungen durch den Verfall der Kautschuk- Preise zu Geisterstädten wurden.

 Und heute?

Auf Beispiele aus neuerer Zeit sei verzichtet, da sie Emotionen wecken mögen, die nicht hilfreich sind. Man darf aber annehmen, daß nicht viel fairer gehandelt wird als vor einem Jahrhundert. Die Methoden haben sich gewandelt; es scheint kaum erfolgversprechend, sich in eine Fabrik einzuschleichen und einen Ofen als Versteck zu wählen, doch die Absichten bleiben – der Autor hat einschlägige Erfahrungen. (Über aktuelle Fälle berichtet Udo Ulfkotte, „Marktplatz der Diebe”, Bertelsmann, 1999.)

Schimpfen wir also nicht auf „die Japaner”, die vor Jahrzehnten „alles photographierten”, bis sie vieles selbst besser konnten. Empören wir uns nicht allzusehr über Geheimdienste, die sogar Firmen befreundeter Nationen ausforschen, sondern machen wir uns bewußt, daß alle Nationen, viele Unternehmen selbst spioniert haben, und manche sich auch heute noch auf fragwürdige Machenschaften einlassen.

Allerdings wird es Zeit, darüber nachzudenken, ob der „globale Wettbewerb” unvermeidlich „hart”, „brutal” und „unmenschlich” sein muß, oder ob der Wettbewerbsdruck nur als Vorwand dient für Maßnahmen, die sich moralisch nicht rechtfertigen lassen. Hoffentlich schaffen wir es im 21. Jahrhundert, zu einer allen Menschen dienenden Weltwirtschaft zu kommen, die Ökonomie mit Ökologie und Humanität verbindet und auf unfaire Mittel verzichtet.

 Literatur:

Frischler, K.: „Wunderwaffen”, Fritz Molden, Wien, 1965

Jünger, Wolfgang: „Kautschuk”, Wilh. Goldmann, München, 1952

Klepsch, M./Reisch, H.: „Von Cromford nach Cromford”, Rheinland Verlag, Köln, 1990

Merson, John: „Straßen nach Xanadu”, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1989

Ogger, Günther: „Die Gründerjahre”, Droemer-Knaur, München, 1995