Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Spurlos verschollen

Die Franklin-Saga

(Veröffentlicht in GralsWelt 28/2003)

Eine „seltsame Geschichte”: Da starten 130 ausgesuchte Offiziere und Matrosen unter einem erfahrenen Expeditionsleiter mit zwei modernst ausgerüsteten Schiffen und Bord-Proviant für drei Jahre, um einen neuen Seeweg zu entdecken – und niemand hört mehr etwas von ihnen. Es gibt keinen einzigen Überlebenden. Was geschah in den Jahren von 1847 bis 1850 im Nordpolarmeer? Erst vor kurzer Zeit konnten moderne Analysemethoden klären, warum eine der größten Schiffahrt-Expeditionen scheitern mußte. Man fand eine Ursache, an die vor 150 Jahren niemand gedacht hätte …

Die Nordwest-Passage

Schon bald nach der Entdeckung Nordamerikas begann die Suche nach einem möglichst für große Schiffe befahrbaren Wasserweg durch das Polarmeer, von der Ost- zur Westküste Nordamerikas, der sogenannten Nordwestpassage. Als erster Reisender befuhr 1789 Alexander Mackenzie den anschließend nach ihm benannten Fluß bis zur Mündung ins Nördliche Eismeer und durchquerte dabei zugleich als erster den nördlichen Teil des Kontinents von Küste zu Küste. Doch das war nicht die erhoffte nordwestliche Durchfahrt vom Nordatlantik zum Pazifik. Es mußte weiter geforscht werden. Auch die amerikanische Expedition von Lewis und Clarke, die 1804-06 vom Mississippi zum Pazifik reiste, hatte unter anderem die Aufgabe, einen Wasserweg von Küste zu Küste zu suchen. Doch Lewis und Clarke sahen, daß zwischen den Großen Ebenen jenseits des Mississippi und der pazifischen Küste ein gewaltiges Gebirge (das sich, wie man später feststellte, vom hohen Norden bis zum Golf von Mexiko erstreckt) keine bequemen Übergänge zuläßt.

Franklins Expedition

So entschloß sich die Englische Regierung, eine Expedition unter der Leitung des erfahrenen Sir John Franklin (1768-1847) im Jahre 1845 in das Nordpolarmeer zu entsenden. Expeditionsleiter John Franklin kommandierte zwei Schiffe, „Erebus” (Unterwelt) und „Terror” (Schrecken), mit 130 ausgesuchten Offizieren und Matrosen. Es war eine der größten Forschungsreisen zur See, die jemals unternommen wurden.

Im Juni 1847 begaben sich die Schiffe auf die Reise. Sie waren nach modernsten Gesichtspunkten bestens ausgerüstet und sogar – damals die Ausnahme – mit Dampfmaschinen und Schiffschrauben versehen. Proviant für drei Jahre war an Bord, und niemand glaubte, daß man sich um die Schiffe und ihre Besetzungen große Sorgen machen müsse. Ende Juli wurden sie noch in der Baffin-Bay von einem Walfänger-Schiff gesichtet, dann riß der Kontakt ab.

Franklin hatte vor seiner Abreise gesagt, daß die Reise gut und gerne zwei Jahre dauern könne und man sich keine Sorgen machen solle. Doch als nach drei Jahren noch immer jegliche Nachricht von der Expedition fehlte, war Schlimmes zu befürchten.

Die größte Katastrophe der Polarforschung

Von 1850 an liefen Suchexpeditionen aus, und ein hoher Preise winkte dem, der das Schicksal der Expedition Franklins aufklären könnte. Die Suche nach der Franklin-Expedition wurde zu einem ganz besonderen Kapital der Polarforschung, das nicht wenige neue Erkenntnisse brachte. Allein im Herbst 1850 waren fünfzehn Schiffe unterwegs, Suchkommandos forschten zu Lande wie zu Wasser, und die zunächst ergebnislose Suche ging weiter. Erst 1859 fanden sich Überreste und spärliche Nachrichten von der Franklin-Expedition, und es dauerte weitere Jahrzehnte, bis das traurige Scheitern der so hoffnungsfroh gestarteten Forschungsreise rekonstruiert werden konnte:

Die ersten Monate von Franklins Reise waren anscheinend gut und erfolgreich verlaufen, und der Winter 1845/46 wurde auf der Beechey-Insel (im Südwesten der Devon-Insel) ebenfalls gut überstanden. Dann fuhren die Schiffe nach Süden, um die King-William-Insel im Westen zu umfahren. Das war eine verhängnisvolle Entscheidung. Denn beide Schiffe gerieten im September 1846 vor der King-William-Insel (die besser im Osten umschifft wird) in schweres Packeis, das keines der Schiffe mehr frei gab. Die Besatzungen überstanden den Winter 1846/47 und hofften auf den Sommer, um die Schiffe aus dem Eis zu lösen. Vergeblich. Einen weiteren, trostlosen Winter konnten die Expeditionsteilnehmer noch überstehen. Dann wurden die Lebensmittel knapp und die im Eis eingeschlossenen, bereits beschädigten Schiffe mußten aufgegeben werden. Franklin und zwei Dutzend andere Männer waren gestorben, doch noch lebten 105 erschöpfte, von Skorbut geschwächte Forscher. Diese verließen Ende April 1848 die Schiffe für einen Marsch von der Nordspitze der King-William-Insel (Kap Felix) zum Großen Fischfluß (Back-River). Ein erzwungenes, aber nicht unmögliches Unternehmen. Hier hofften sie Wild zu finden, und sich bis zu einer Niederlassung der Hudson-Bay-Kompagnie durchzuschlagen. Entlang dieser Route fand man nämlich später ihre Ausrüstungsteile, ihre Leichen und spärliche schriftliche Nachrichten, die, ergänzt durch Berichte von Eskimos, ein grobes Bild vom Hergang der Katastrophe lieferten.

Eine rätselhafte Katastrophe

Lange fragte sich die Fachwelt vergeblich, wie eine gut geführte und so gut ausgerüstete Expedition völlig scheitern konnte, ohne einen einzigen Überlebenden.

Am Ende des 20. Jahrhunderts brachten moderne Analysenmethoden die Antwort: Eine Lebensmittelvergiftung war die mysteriöse Hauptursache für den Untergang der Franklin-Expedition. Und so kam es zur Aufklärung: 1981 wurden auf der King-William-Insel einige Gräber entdeckt. Es stellte sich bei der Exhumierung heraus, daß sie die kaum verwesten Körper einiger Franklin-Expeditionsteilnehmer enthielten. Diese Leichen wurden wissenschaftlich untersucht, und entnommenes Material analysiert. Alle Verstorbenen hatten eine schwere Bleivergiftung!

Wie konnte das geschehen sein?

Auch die Ursache für diese Vergiftung ließ sich aufspüren: Die Lebensmittel der Expedition waren auf die damals neueste Weise in Dosen eingelagert worden. Und zwar in bleiverlöteten Weißblechdosen, einer damals modernen, aber – wie man heute weiß – sehr bedenklichen Verfahrensweise. Zusätzlich hatte die Britische Admiralität, aufgrund des billigeren Angebotes, einem anscheinend unerfahrenen Lieferanten den Vorzug gegeben, und dabei großenteils schlecht verlötete Dosen erhalten, deren Inhalt verdorben war.

Wie man damals noch nicht erforscht hatte, erzeugt eine Bleivergiftung viele seinerzeit unerklärliche Symptome, darunter Abgeschlagenheit und Müdigkeit, Leibschmerzen, Anämie (Blutarmut), Reizbarkeit, Stumpfsinn, und Paranoia. Zusammen mit der Vitaminmangelkrankheit Skorbut gibt das eine gefährliche, sogar tödliche Mischung, die es zum Beispiel den Führungskräften in ihrer Krisensituation schwer bis unmöglich gemacht haben kann, klare und abgewogene Entscheidungen zu treffen – abgesehen davon, daß wohl niemand eine Ahnung hatte, daß sie alle vergiftet waren.

So hat man eineinhalb Jahrhunderte nach dem lange unverständlichen Scheitern einer großen Expedition doch noch eine Antwort auf dieses unerklärliche Verschwinden einer bestausgerüstetengroßen Forschergruppe gefunden: Es waren die unzureichend konservierten und durch Bleilotvergifteten Nahrungsmittel, nicht die gefährliche Arktis allein, die allen den Tod brachten. Die Schiffsärzte der Erebus und Terror standen hilflos vor einer damals noch unerforschten Krankheit, welche die Forscher physisch und psychisch ruinierte, so daß sie alle Energie verloren, und sich, als sie in Not gerieten, nicht selbst retten konnten.

Literatur:

(1) Beattie, John/Geiger John: „Der eisige Schlaf”, Piper, München, 1992

(2) Hedin, Sven: „Von Pol zu Pol”, Brockhaus, Leipzig, 1922

(3) Mountfield, David: „Die großen Polarexpeditionen”, Ebeling, Wiesbaden; 1978