Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Sklavenraub im Mittelmeer

Seeräuber: Mächtige Schatten in Italiens Geschichte

(Veröffentlicht in Gralswelt 55/2009, Seite 44)

Das schöne Italien, mit seinen Kunstschätzen und seinen liebenswerten Menschen war Jahrhunderte lang ein zerrissenes Land. Im Norden stritten Stadt-Staaten wie Genua, Mailand, Pisa, Venedig um die Ausweitung ihrer Herrschaft, oder ums Überleben. In der Mitte lag der (keineswegs immer friedliche) Kirchenstaat mit seinen besonderen geistlichen und weltlichen Ansprüchen, und der Süden litt seit dem Ende der Stauferzeit unter der aufgezwungenen Herrschaft rücksichtsloser Fürstenhäuser, die das Land ausplünderten. 

Diese rivalisierenden Kleinstaaten ermunterten ausländische Mächte immer wieder in Italien einzufallen, und ihre Kriege auf italienischem Boden auszutragen; Italien erfuhr jahrhundertelang ein ähnlich trauriges Schicksal wie Deutschland.

So konnte sich auch Italien erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Staat zusammenfinden; doch die Folgen jahrhundertlanger Ausplünderung und Unterdrückung sowie die damit verbundenen traumatischen Erfahrungen sind, besonders im Süden, bis heute nicht gänzlich überwunden.

Der sarazenische Schrecken

Nicht nur innere Zerrissenheit, Fremdherrschaft, Unterdrückung bestimmten das Leben in Italien. Wie an allen Küsten des Mittelmeeres drohte noch eine weitere, schreckliche Gefahr, die zwar gut bekannt ist, aber oft unterschätzt wird: Die Überfälle durch brutale Seeräuber, die rücksichtslos raubten, plünderten und die Einwohner als Sklaven verschleppten, prägten das Lebensgefühl. Piraten gab es  in der Vergangenheit fast auf allen Meeren und an allen Küsten; selbst heute sind moderne Schiffe in einigen Gewässern noch bedroht[i]. Doch neben den Freibeutern der Karibik haben sich vor allem die muslimischen Piraten der afrikanischen Küsten einen legendären Ruf erworben.

Die Raubzüge der Sarazenen[ii] begannen im 8. Jahrhundert; 827 wurde Sizilien von ihnen erobert. Doch wir sprechen nicht vom Mittelalter, sondern von der Neuzeit.

Lange wurde der von den Piraten im Mittelmeer angerichtete Schaden zu gering eingeschätzt. Eine neue Studie (1) nennt Zahlen und kommt zu dem Ergebnis, daß zwischen 1530 und 1780 mindestens eine, wahrscheinlich 1,25 Millionen weiße christliche Gefangene allein auf den Sklavenmärkten der Korsarenhochburgen Algier, Tunis und Tripolis landeten. Zum Beispiel erbeuteten allein die Piraten von Algier, dem gefürchtetsten Räubernest, von 1530 bis 1580, also in nur 50 Jahren, 300.000 europäische Sklaven[iii]. Hinzu kommt noch eine kaum abzuschätzende Zahl weiterer Europäer, die bei den Überfällen ums Leben kamen; denn wer fliehen wollte oder sich verteidigte wurde gnadenlos niedergemetzelt.   

Die Sarazenen kamen in schnittigen Schiffen, meist Schebeken, stark bemannten schnellen und wendigen Seglern mit geringem Tiefgang, die auch gerudert werden konnten. Keineswegs nur Fischkutter und Fischerdörfer waren bedroht, selbst größere Städte mußten sich auf Überfälle gefaßt machen. So wurde z.B. 1540 Neapel verwüstet und 1558 Sorrent überfallen. Doch der Aktionsradius der verwegenen Räuber ging weit über das Mittelmeer hinaus: Portugal und die Kanalküsten waren bedroht, und einmal verschleppten afrikanische Korsaren 400 Isländer, die sich auf ihrer kalten, weit entfernten Insel sicher wähnten.

Sogar Kriegsschiffe, zum Schutz der Handelsschiffahrt ausgesandt, waren vor Überraschungsangriffen der ebenso todesverachtenden wie habgierigen Piraten nicht gefeit. Die Mittelmeerschiffahrt war hochriskant, zumindest für solche Schiffe, die nicht unter dem Schutz einer Seemacht standen, die Tribute zahlte oder sich mit den barbarischen Freibeutern verbündete, wie z.B. das stolze Venedig, das den Ruf hatte jedes Bündnis einzugehen, das ihm nützte, und jeden Vertrag zu brechen, der ihm keine Vorteile mehr bot. Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts zahlten z.B. Holland, Spanien, die Hansestädte, Portugal, England und die USA sogar, Tribute, damit ihre Schiffe von den algerischen Korsaren verschont blieben. Nur Napoleon zahlte nicht, sondern drohte mit einer Invasion.

Der leidende Süden

Besonders schlimm traf es Süditalien und die Mittelmeerinseln. Hier fehlten Kriegsflotten und schlagkräftige Armeen zur Verteidigung der langen, von Nordafrika aus leicht erreichbaren Küsten (außer in Malta, wo sich die Johanniter-(Malteser)-Ritter erfolgreich wehrten).

Fischer riskierten Leib und Leben wenn sie sich auf dieses Meer des Schreckens hinauswagten, Siedlungen wurden auf Anhöhen verlegt, etwas entfernt von der Küste, Hafenstädte befestigt, und Wachtürme zur Beobachtung der See gebaut. Die Wirtschaft und die, im Vergleich zu heute geringe, Bevölkerung litten Jahrhunderte lang in einer Weise, die sich mit den Verlusten vergleichen läßt, die den weitaus größeren Ländern Afrikas durch christliche und arabische Sklavenhändler widerfuhren.

Noch zur Goethe-Zeit konnte eine Überfahrt über den Golf von Messina nach Sizilien böse enden, und unser Dichter-Fürst hätte sehr wohl von Piraten geschnappt werden können. Ihm wäre allerdings das Schicksal erspart geblieben, auf der Galeere oder im Steinbruch zu verkommen; denn vornehme Gefangene konnten Lösegeld zahlen. Ab dem 18. Jahrhundert bemühten sich europäische Staaten und christliche Orden in zunehmendem Maße, Sklaven frei zu kaufen. Dabei mußten sich die Gesandten europäischer Mächte von den muslimischen Herrschern demütigende Behandlungen gefallen lassen und außer dem Lösegeld noch reichlich Bakschisch in alle möglichen Kanäle fließen lassen. Reiche Gefangene hatten von da an meist nicht viel zu befürchten. Für die Mehrzahl, die nicht auf ein eigenes Vermögen zurückgreifen oder auf zahlungskräftige Samariter hoffen konnten, waren Seereisen im Mittelmeer noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts riskant.

Im Süden Italiens spürt man bis heute die Nachwirkungen jahrhundertelanger Vernachlässigung, welche durch unzureichende Landesverteidigung die Plünderungen durch skrupelloses Piratentum geradezu herausforderte.  

Sklaven für die Galeeren

Bis weit in die Neuzeit hinein waren Kriegsschiffe im Mittelmeer Galeeren, die von Kriegsgefangenen, Sträflingen und geraubten Sklaven gerudert wurden. Die an die Ruderbänke angeketteten Gefangenen vegetierten unter unmenschlichen Bedingungen und überlebten meist nur wenige Jahre.

Von Muslimen wie auch von Christen, die sich auf die Bibel beriefen[iv], wurde die Sklavenhaltung akzeptiert. Von 16. Jahrhundert an lehnten dann mehrere Päpste die Sklaverei ab, ohne viel zu bewirken. Erst im Zuge der Aufklärung und infolge der Französischen Revolution kam es von 1792 an in Europa nach und nach zu Verboten der Sklaverei (in den USA erst beim Sezessionskrieg von 1861-63)[v].

Bei europäischen Kriegsflotten wurden vom 17. Jahrhundert an auch im Mittelmeer die Galeeren von Segelschiffen verdrängt, so daß der Menschenraub zur Gewinnung von Rudersklaven an Bedeutung verlor, und die Verbote das Sklavenhandels von europäischen Staaten nach und nach durchgesetzt werden konnten.

Das Ende der mediterranen Piraterie

Vom 16. Jahrhundert an gab es verschiedene, oft erfolglose, Interventionen von Portugiesen, Spaniern, Engländern, Holländern und Franzosen, die Räubernester der Barbaresken[vi] auszuräuchern.

Nach den Napoleonischen Kriegen wurden im immer noch zerstrittenen Europa Kräfte frei für den Kampf gegen die wichtigsten Seeräuber-Staaten Algerien, Tunesien, Marokko.

1830 zwangen französische Truppen nach einer längeren Belagerung Algier zur Kapitulation. Anschließend eroberten sie in langen, harten Kämpfen ganz Algerien, das eine französische Kolonie wurde. Dann geriet auch Tunesien unter französischen Einfluß, und den jahrhundertelang gefürchteten Piraten wurden ihre Schlupfwinkel entzogen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war dann die Überlegenheit der mit Dampf angetriebenen europäischen Schiffe so deutlich, daß Galeeren und Schebeken keine Chance mehr hatten. Der Weg zum 1869 eröffneten Suez-Kanal war von allen Schiffen ohne Angst vor Piraten befahrbar.

Heute wird in diesem Zusammenhang gerne von blutigen Kolonialkämpfen gesprochen, und auf die Unterdrückung der muslimischen Mauren[vii] durch Franzosen, Engländer, Spanier, Italiener hingewiesen. Weniger deutlich wird oft herausgestellt, daß im 19. Jahrhundert Interventionen nötig waren (häufig nicht im Einklang mit dem heutigen Verständnis von Menschen- und Völkerrecht), um Sklavenraub und Piraterie zu beenden.

Literatur:

(1) Davis, Robert, Christian Slaves, Muslim Masters, Palgrave Macmillan, Basingstoke, 2004

(2) Eck, Otto, Seeräuber im Mittelmeer, Oldenbourg, München-Berlin, 1940

(3) Hermann, Friedrich, Über die Seeräuber im Mittelmeer, M. Michelson, Lübeck, 1815

(4) Leip, Hans, Das Bordbuch des Satans, List, München, 1965

(5) Paczensky, Gert v., Weiße Herrschaft, Fischer, Frankfurt, 1979

 


 

[i] Z.B. in Süd- und Südostasien (besonders in der Straße von Malakka), Südamerika oder im Süden des Roten Meeres. Im Jahr 2002 wurden 370 Übergriffe von Piraten registriert. Vergl. http://www.uni-protokolle.de/Lexicon/seer%

[ii] Sarazenen = eine heute nur noch selten gebrauchte Bezeichnung für Muselmanen bzw. Araber, besonders im Mittelmeer

[iii] Zum Vergleich: Von 1795 bis 1804 wurden von Liverpool, London und Bristol nach offiziellen Angeben 380.923 Sklaven transportiert (5, S. 301)

[iv] Altes Testament: Noahs Fluch gegen Kanaan (Ham) galt als Rechtfertigung, daß die farbigen Völker (Ham) den (weißen) Nachkommen Sems und Jafets untertan sein sollen (1. Mose, 9,18-29).

Neues Testament: Brief an Philemon. Paulus schickt den entlaufenen Sklaven Onesimus, den er bekehrt hat, zu seinem Herrn Philemon zurück, dessen Haus einer christlichen Gemeinde als Versammlungsort dient, und bittet ihn, seinem Sklaven zu verzeihen und ihn als christlichen Bruder anzunehmen.

[v] Geholfen hat zur Abschaffung der Sklaverei die (umstrittene) Behauptung von Adam Smith (1723-1790) und anderen Ökonomen, die Sklavenarbeit wäre unwirtschaftlich, weil die Arbeit freier Menschen innovativer und letztlich billiger sei.

[vi] Barbaresken =  von Berber, nordafrikanische Piraten

[vii] Mauren = Sammelname für die arabisch-berberischen Bewohner der westlichen Mittelmeerhäfen Nordafrikas.